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Cathleen Grunert, Heinz-Hermann Krüger: Kindheit und Kindheitsforschung in Deutschland

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 06.06.2007

Cover Cathleen Grunert, Heinz-Hermann Krüger: Kindheit und Kindheitsforschung in Deutschland ISBN 978-3-86649-023-9

Cathleen Grunert, Heinz-Hermann Krüger: Kindheit und Kindheitsforschung in Deutschland. Forschungszugänge und Lebenslagen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2006. 267 Seiten. ISBN 978-3-86649-023-9. 19,90 EUR.
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Einführung in das Thema

War es in den 1970er und 80er Jahren die Jugend, die von den Sozial- und Erziehungswissenschaften umgarnt und durchleuchtet wurde, so ist es seit den 90er Jahren vornehmlich die Kindheit, der sie ihre Aufmerksamkeit widmen. Es fand ein bemerkenswerter Aufschwung der Kindheitsforschung statt, nicht nur ablesbar an der Zahl der empirischen Studien, sondern auch an den neuen theoretischen und methodischen Akzenten. Der tiefgreifende Perspektivenwechsel auf Kindheit drückt sich darin aus, dass Kinder nun vor allem als kompetente Akteure verstanden werden und dass mit ihnen und nicht nur über sie geforscht wird. Der Band von Cathleen Grunert und Heinz-Hermann Krüger - beide Erziehungswissenschaftler/innen an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg - zieht eine informative und übersichtlich gegliederte Bilanz über die Kindheitsstudien im deutschsprachigen Raum.

Inhalt des Buches

  • Zunächst wird die historische Entwicklung der Kindheitsforschung seit dem 18. Jahrhundert in groben Umrissen rekonstruiert. Sodann werden die aktuellen kindheitstheoretischen Ansätze in der Erziehungswissenschaft sowie der Psychologie und Soziologie genauer dargestellt.
  • In einem weiteren Kapitel wird ein Überblick über verschiedene Erhebungs- und Auswertungsmethoden der qualitativen und quantitativen Kindheitsforschung gegeben.
  • In einem besonders ausführlichen Kapitel wird der Blick auf die Lebenssituation von Kindern in Ost- und Westdeutschland gerichtet. Zunächst werden die familialen Lebensbedingungen und Umgangsformen sowie der Weg von ost- und westdeutschen Kindern durch die Bildungsinstitutionen von der Kinderkrippe bis zur Sekundarstufe I rekonstruiert. Des Weiteren werden die Freizeitbedingungen und Freizeitaktivitäten sowie die Bedeutung von Gleichaltrigen im Leben von Heranwachsenden im Ost-West-Vergleich ebenso analysiert wie der Weg ost- und westdeutscher Kinder in die Jugendphase. Außerdem wird die Frage diskutiert, welche Partizipationschancen Kinder in pädagogischen Institutionen und im öffentlichen Leben haben und welche Zukunft Kindheit und Kinderpolitik angesichts der sich abzeichnenden demografischen Entwicklung in Deutschland überhaupt noch hat.
  • Obwohl sich das Buch schwerpunktmäßig mit der Kindheit in Deutschland beschäftigt, werden in einem kürzeren Kapitel auch der Stand und zukünftige Aufgaben einer europäischen Kindheitsforschung sowie Forschungs- und Bildungspolitik skizziert.
  • Abschließend werden einige Herausforderungen für die theoretische und methodische Weiterentwicklung der Kindheitsforschung aufgezeigt. So fordern Grunert und Krüger, akteursbezogene und strukturbezogene Forschung nicht länger zu trennen, "da erst Binnen- und Außenperspektive zusammen, sich wechselseitig ergänzend und korrigierend, ein komplexeres Bild von kindlichen Biographieverläufen und von deren Bedingungsfaktoren ergeben" (S. 228). Es sei ein interdisziplinär orientiertes Theoriedesign zu entwickeln, das gesellschaftstheoretische, sozialökologische und persönlichkeitstheoretische Ansätze miteinander verbindet. In methodischer Hinsicht schlagen sie vor, quantitativen Forschungsansätzen stärkere Aufmerksamkeit zu widmen und quantitative und qualitative methodische Zugänge stärker miteinander zu verzahnen.    

Diskussion

Grunert und Krüger widmen sich solchen Themen und Studien besonders ausgiebig, die ihrem eigenen Forschungsinteresse nahe kommen oder an denen sie selbst mitwirkten: die vergleichende Betrachtung der Kindheitsverläufe in Ost- und Westdeutschland nach dem Kollaps der DDR. Dies ist verständlich und legitim. Die Darstellung der Forschungsergebnisse wirft aber auch einige Fragen auf.

Die Individualisierung und in einem früheren Lebensalter eintretende Verselbständigung von Kindern wird unter Bezug auf die sich als kritisch verstehende Modernisierungstheorie (in Deutschland vor allem vertreten von Ulrich Beck) zu Recht als ambivalent gedeutet. Doch stellt sich die Frage, ob es angemessen ist, zwar die weitergehende und früher eintretende Selbstständigkeit von Kindern als Emanzipation zu verstehen, die Übernahme von Aufgaben und Verantwortung jedoch nur als soziales Problem und psychosoziale Belastung. Dem steht das an anderer Stelle des Buches konstatierte gewachsene Interesse von Kindern an politischer Partizipation und Mitverantwortung entgegen. Um zu einem differenzierteren Urteil zu kommen, wäre es auch hilfreich gewesen, dem wachsenden Interesse und der Einbeziehung von Kindern in Arbeitsprozesse mehr Aufmerksamkeit zu widmen und die auch in Deutschland dazu vorliegenden Studien aufzugreifen. In einer neueren Untersuchung über die Bedeutungen von Arbeit für Kinder in Deutschland z.B. wird diese Tendenz als ein Ausdruck "partizipativer Autonomie" gedeutet.

Eine weitere Frage stellt sich bei der von Grunert und Krüger übernommenen typologischen Unterscheidung von "Verhandlungshaushalt" und "Befehlshaushalt". Die Annahme, der Umgang der Eltern mit ihren Kindern gleiche "heute eher einem Verständigungsprozess als einer Befehls- und Gehorsamsstruktur" und beinhalte für die Kinder "in hohem Maße Möglichkeiten des Verhandelns" (S. 79), übersieht, dass sich Macht und Ungleichheit heute vermutlich in subtileren Formen manifestieren, als mit den bisher praktizierten Forschungsmethoden erfasst werden kann. Aber sie widersprechen auch vorliegenden Untersuchungen, die Grunert und Krüger selbst zitieren (S. 86). So wurde in einer rechtssoziologischen Studie ermittelt, dass 80 Prozent der befragten Kinder mit Ohrfeigen traktiert, 52 Prozent schon einmal "niedergebrüllt" wurden und immerhin 45 Prozent eine "Tracht" Prügel über sich ergehen lassen mussten. Zu den eher subtilen Formen der Machtausübung gehört die Bestrafung mit Schweigen, von der 37 Prozent der Kinder berichteten, wobei anzunehmen ist, dass die sich im "Anschweigen" ausdrückende Nichtbeachtung und fehlende Anerkennung von Kindern noch wesentlich weiter verbreitet ist.

Ein Vorzug des Buches ist, dass seine Autor/innen Position beziehen. So selektiv die Darstellung der Forschungsergebnisse sein mag, sie werden auf eine Weise präsentiert, die nicht nur informativ ist, sondern auch zum Nachdenken anregt.

Fazit

Als Einführung in die deutschsprachige Kindheitsforschung, vor allem in ihren theoretischen und methodischen Aspekten, ist das Buch auf jeden Fall zu empfehlen.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 06.06.2007 zu: Cathleen Grunert, Heinz-Hermann Krüger: Kindheit und Kindheitsforschung in Deutschland. Forschungszugänge und Lebenslagen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2006. ISBN 978-3-86649-023-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4857.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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