Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heinz Messmer: Jugendhilfe zwischen Qualität und Kosteneffizienz

Rezensiert von Prof. Dr. Reinhard Liebig, 04.10.2008

Cover Heinz Messmer: Jugendhilfe zwischen Qualität und Kosteneffizienz ISBN 978-3-531-15343-8

Heinz Messmer: Jugendhilfe zwischen Qualität und Kosteneffizienz. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 193 Seiten. ISBN 978-3-531-15343-8. 26,90 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Die Soziale Arbeit in Deutschland hat sich in den letzten 20 Jahren in vielfacher Weise verändert. Dabei sind durchaus uneinheitliche – zum Teil widersprüchliche – Entwicklungen zu erkennen. Es sind allerdings auch solche Wandlungsprozesse zu identifizieren, die leistungs(gesetz)übergreifend eher einem einheitlichen Trend folgen. Konkurrenz und Wettbewerb, Preise und Verträge – so lauten die vielleicht wichtigsten Schlüsselbegriffe, mit denen der Charakter der gleichgerichteten Veränderungen beschrieben werden kann. Im Kern geht es um die Etablierung eines Sozialmarktes, in dem die (Dienst)Leistungsanbieter über Preise sowie über transparent gemachte Qualität und Leistungen um begrenzte Ressourcen miteinander konkurrieren. Als "Motoren" dieser Entwicklungen sind vor allem verschiedene Gesetzesnovellierungen in den Leistungsgesetzen des Sozial- und Gesundheitswesens zu betrachten. Auch in der Kinder- und Jugendhilfe haben diese Veränderungen stattgefunden – am deutlichsten wohl mit der Änderung bzw. Einführung der §§ 77 und 78 a-g SGB VIII zum Beginn des Jahres 1999. Die Neuregelungen zu den Vereinbarungen über Leistungsangebote, Entgelte und Qualitätsentwicklung haben die Praxis wichtiger Segmente der Kinder- und Jugendhilfe beeinflusst. Um beurteilen zu können, in welcher Weise diese Beeinflussung stattfindet, welche Effekte der neue gesetzliche Rahmen tatsächlich hervorbringt und ob die Ziele des Gesetzgebers erreicht werden, ist unbedingt empirische bzw. forschende Arbeit notwendig. Da allerdings die Rahmenbedingungen der von der Neuregelung betroffenen Leistungsbereiche nicht in allen Dimensionen vergleichbar sind, da die Rollen der beteiligten Akteurgruppen (Jugendämter, leistungsanbietende Einrichtungen, Trägergruppen, Kinder- und Jugendliche etc.) sehr unterschiedlich ausfallen und da die Aussageoptionen der in Frage kommenden Methoden der empirischen Sozialforschung durchaus variieren, kann allerdings davon ausgegangen werden, dass eine hinreichende Beantwortung dieser Fragen nur auf dem Fundament einer breiten Palette von Forschungsprojekten möglich ist. Das Buch bzw. die Studie von Heinz Messmer, die im Folgenden vorgestellt wird, stellt in diesem Kontext von sich anbietenden Forschungsanstrengungen gewissermaßen einen Baustein dar, der einen Leistungsbereich (nämlich Heimerziehung) mit einem organisationsbezogenen Fokus mittels Fallanalysen untersucht.

Autor und Entstehungshintergrund

Dr. Heinz Messmer ist Privatdozent an der Fakultät für Soziologie und wissenschaftlicher Angestellter der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Die Studie, die die Grundlage des Buches darstellt, ist ein Element eines von der DFG geförderten größeren Forschungszusammenhangs unter dem Titel "Sozialpädagogische Professionalität in marktförmig gesteuerten Organisationskontexten".

Aufbau und Inhalt

Der Autor möchte die Folgen der Neuregelungen im Kinder- und Jugendhilfegesetz (§§ 78a-g SGB VIII) für die "Praxis der Leistungserbringung" am Beispiel der Heimerziehung empirisch und analytisch in den Blick nehmen. Zu diesem Zweck wurden in den Jahren 2002 und 2003 vier Heimeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen (zwei Einrichtungen, die dem Spektrum der freien Träger zugehören, und zwei öffentliche Einrichtungen) untersucht und die in diesem Zeitraum hervortretenden Konsequenzen der gesetzlichen Neuerungen beleuchtet. Forschungsleitend waren die folgenden – bewusst wenig spezifisch gefassten – drei Grundfragen (vgl. S. 52):

  1. Was hat sich aufgrund der gesetzlichen Neuregelungen in der Praxis der Leistungserbringung bislang geändert?
  2. Auf welchen Wegen und über welche Inhalte wurden die gesetzlichen Neuregelungen in die Praxis der Heimerziehung implementiert?
  3. Und welche Konsequenzen sind schließlich damit verbunden?

Im ersten Kapitel werden Intentionen und Inhalte der gesetzlichen Neuregelungen zu den Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsentwicklungsvereinbarungen sowie die sich daraus ergebenden Ansprüche ausführlich nachvollzogen und interpretiert. Messmer stellt in diesem Zusammenhang resümierend fest, dass viele erwartete Wandlungsprozesse bislang nicht stattgefunden haben. Außerdem wird in Form eines Exkurses der Themenkomplex Heimerziehung einführend beschrieben, indem sowohl auf der Basis statistischer bzw. empirischer Befunde als auch vor dem Hintergrund einer fachlichen Perspektive langfristige Entwicklungen aufgezeigt werden. Dabei wird unter anderem auf der Grundlage von Forschungen zu den Erfolgsdeterminanten des Erziehungsprozesses herausgearbeitet, dass neben den fachlichen Indikatoren ebenfalls die institutionellen Rahmenbedingungen einen entscheidenden Einfluss auf Erfolg und Misserfolg der Heimerziehung besitzen. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die gesetzlichen Neuregelungen aus der Perspektive der leistungserbringenden Organisationen nicht selten zu widersprüchlichen Anforderungen führen, und er charakterisiert das Verhältnis zwischen rechtlicher Norm, professionellem Wissen und Kostengesichtpunkten als bislang ungeklärt.

Das kurze zweite Kapitel widmet sich der Beschreibung und der Begründung der methodologischen Grundlagen sowie der Skizzierung der Untersuchungsschritte. So wird erläutert, dass mittels Dokumentenanalysen sowie Leitfaden- und sogenannter Vignetteninterviews (Dokumentationen von bedarfsbegründenden Implikationen und typischen Entscheidungsverläufen auf der Grundlage einer fiktiven Beispielsituation) einerseits Rahmendaten zu den Trägern bzw. Organisationen analysiert und andererseits die Entwicklungen hinsichtlich der Leistungserbringung sowie der Beziehungsstrukturen erfragt wurden.

Die nächsten Kapitel (3 bis 7) dienen der detaillierten Darstellung der Befunde. In einem ersten Schritt werden die Profile der vier untersuchten Einrichtungen vorgestellt, indem jeweils auf einige organisatorische Eckdaten, auf fachliche bzw. betriebswirtschaftliche Entscheidungsstrukturen und auf das Leistungsspektrum eingegangen wird. Dabei zeigt sich im Vergleich dieser Einrichtungsdimensionen, dass durchaus unterschiedliche Organisationstypen untersucht werden konnten. Die Ergebnisdarstellung erfolgt anschließend, indem zentrale Begriffe der Analyse zur Strukturierung genutzt werden. Mit anderen Worten: Die Befunde der Studie werden zu den folgenden Schlüsselbegriffen bzw. Blickwinkeln vorgestellt:

  • Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsentwicklungsvereinbarung;
  • Angebots- und Leistungsstruktur;
  • Finanzierungs- und Abrechnungswesen;
  • Personalstrukturen;
  • Entscheidungsstrukturen;
  • Fallübergreifende und einzelfallbezogene Entwicklungen in der institutionellen Zusammenarbeit;
  • Strukturmuster partnerschaftlicher Zusammenarbeit und
  • Effekte auf die erzieherische Praxis.

In diesen Abschnitten erfolgt die Ergebnispräsentation durchgängig auch unter Rückgriff auf – unterschiedlich lange – Passagen aus den Interviews. Diese dienen nicht nur der Plausibilisierung von mehr oder weniger abstrakten Aussagen, sondern sie machen ebenfalls die Schritte der Erkenntnisgewinnung durch den Forschenden transparent.

In den letzten beiden Kapiteln (8 und 9) werden die Untersuchungsbefunde zusammengefasst und in einer steuerungstheoretischen Perspektive interpretiert. Die Studie macht grundsätzlich deutlich, dass die gesetzlichen Neuregelungen von Rahmenbedingungen der Heimerziehung auf dem Fundament von – in vielerlei Hinsicht – unterschiedlichen Praxisvoraussetzungen umgesetzt worden sind. Dies hatte zur Folge, dass die Einflüsse der Umweltveränderungen weniger "kausal-linear" zu begreifen waren und sich "ebenso komplex wie verschlungen und in ihren Wirkungen keineswegs eindeutig" (S. 153) zeigten. Auch wenn sich die grundlegenden Marktstrukturen bereits vor der Gesetzes­änderung ausgebildet hatten, lässt sich auf der Grundlage dieser Studie dennoch einrichtungsübergreifend feststellen, dass durch die Einführung der §§ 78 a-g SGB VIII das Kosten- und Wettbewerbsbewusstsein in der Heimerziehung deutlich gestiegen ist. So wird als These in diesem Kontext formuliert: "Im Anschluss an die gesetzlichen Neuregelungen entwickelt sich anstelle von Markt und Wettbewerb primär die Frage betriebswirtschaftlicher Effizienz zur maßgeblichen Determinante der Leistungserbringung" (S. 156). Vor diesem Hintergrund erhält das grundsätzliche Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlicher Effizienz und Ansprüchen hinsichtlich der Qualität neue Stabilität. Diese Entwicklungen werden auf den unterschiedlichen Hierarchieebenen durchaus verschieden bewertet: Während die Einrichtungsleitungen tendenziell mehr Chancen für eine betrieblich und fachlich effizientere Praxis sehen, haben sich aus dem Blickwinkel der Mitarbeitenden in der Fallarbeit die Rahmenbedingungen verschlechtert. Dies wird unter anderem auch damit begründet, dass der Effizienzdruck in den Einrichtungshierarchien von Oben nach Unten transferiert wird. So wird für die alltägliche Praxis der Heimerziehung ein wachsender Leistungsdruck konstatiert, in dessen Folge Qualitätsabstriche in der Fallarbeit gemacht werden müssen. Die Studie identifiziert unter anderem einen dahinter stehenden Mechanismus: Danach bevorzugen die Leistungsträger ein "Entscheidungsprinzip, das leichten vor schweren, kurzfristigen vor langfristigen und billigen vor teuren Maßnahmen" (S. 161) einen Vorzug gewährt.

Die Untersuchungsbefunde werden abschließend in einen abstrakteren Analyserahmen integriert, welcher auf die Steuerungsmedien Recht, Geld und Wissen zurückgreift und diese im Kontext der Heimerziehung behandelt. Aus dieser steuerungs­theoretischen Perspektive lassen sich bereits einige Schlussfolgerungen ziehen, die verdeutlichen, dass das Handlungsfeld der Heimerziehung sehr verschiedenartigen Steuerungsimpulsen ausgesetzt ist. Anders ausgedrückt: Entwicklungen der Verrechtlichung, der Ökonomisierung und der Professionalisierung legen jeweils spezifische Rationalitäten nahe, die nicht per se harmonieren. "Die Gleichläufigkeit oder Widersprüchlichkeit ihrer Beziehung hängt vielmehr von den lokalen und situativen Kontexten ab, in denen sie ihre Wirkungen entfalten – und nicht zuletzt von den Akteuren, die in diesen Kontexten tätig sind" (S. 170). Die Überlegungen zu einem allgemeinen steuerungstheoretischen Modell Sozialer Arbeit leiten zu einem etwa fünfseitigen Resümee über, welches – auf dem Stand von 2002/03 – letztlich einige Antworten auf die Frage bietet, inwieweit die Entwicklungen der Praxis der Heimerziehung den Intentionen der gesetzlichen Veränderungen gefolgt sind.

Zielgruppen

Das Buch könnte für alle diejenigen Personen interessant sein, die einer Akteurgruppe des Systems Heimerziehung zugehören und sich mit der Entwicklung des eigenen Arbeitsfeldes auseinandersetzen möchten. Darüber hinaus ist es für diejenigen Studierenden, Lehrenden und Forschenden der Hochschulen als Lektüre geeignet, die an den aktuellen Fachdebatten in der Kinder- und Jugendhilfe Anteil nehmen wollen und die die dort verhandelten Themen, Statements und Thesen mit empirischen Belegen konfrontieren möchten. Es handelt sich allerdings nicht um ein Einführungsbuch in die Heimerziehung oder zur Ökonomisierung der Kinder- und Jugendhilfe. Daher wird ein gewisses Vorwissen zu dem, wie die Praxis der Heimerziehung aussieht und was in den Fachdebatten der Heimerziehung thematisiert wird, das Lesen des Buches sicherlich erleichtern.

Fazit

Eingeleitet wird das Buch mit der Schilderung einer Jugendhilfe im Umbruch, die heute im Kontext marktförmiger Steuerung und knapper Ressourcen agieren muss. Die mehrdimensionalen Folgen dieses Umbruchs für die Ebene der leistungserbringenden Einrichtungen werden auf dem Fundament von vier Fallanalysen aus dem Bereich der Heimerziehung untersucht. Im Zusammenhang dieser Fallanalysen werden theoretische Analyse und Befunde der empirischen Arbeit gekonnt und routiniert verschmolzen. Allerdings können damit nicht alle interessanten Fragen, die sich aus der einleitenden Beschreibung der weitreichenden und nachhaltigen Veränderungen in der Kinder- und Jugendhilfe ergeben und nicht zuletzt mit dem Buchtitel in Verbindung gebracht werden können, zufriedenstellend beantwortet werden. Mit anderen Worten: Zur Einordnung der Forschungsbefunde und der getroffenen Schlussfolgerungen wären Hinweise auf die Fachdebatten und den Stand der Forschung zu den Handlungsfeldern jenseits der Heimerziehung hilfreich gewesen. Trotz des Hinweises auf einen umfassenden Forschungszusammenhang (Titel: Sozialpädagogische Professionalität in marktförmig gesteuerten Organisationskontexten) und der Berücksichtigung unterschiedlicher Akteursperspektiven in einem eher abstrakten steuerungstheoretischen Kontext wird zumeist offen gelassen, welche Aussagekraft die Befunde und Analysen tatsächlich für das breite Spektrum der Kinder- und Jugendhilfe haben.

Insgesamt ist das Buch gut und flüssig zu lesen; die Abfolge der Darstellung und der argumentative Aufbau sind nachvollziehbar. Viele der thematischen Abschnitte dieses Buches werden mit kurzen Zusammenfassungen beendet. Dies erleichtert einerseits eine Konzentration auf die zentralen Aspekte und liefert so etwas wie einen "roten Faden" durch die Darstellung der Befunde. Andererseits sind dadurch – auch im Zusammenhang des achten Kapitels, das den "Versuch einer Zusammenfassung" darstellt – einige Schleifen eingebaut, die für eine gewisse Redundanz sorgen.

Rezension von
Prof. Dr. Reinhard Liebig
Fachhochschule Düsseldorf Fb. Sozial- und Kulturwissenschaften

Es gibt 7 Rezensionen von Reinhard Liebig.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Reinhard Liebig. Rezension vom 04.10.2008 zu: Heinz Messmer: Jugendhilfe zwischen Qualität und Kosteneffizienz. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15343-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4865.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht