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Inken Keim: Die "türkischen Powergirls"

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Päd. Yalcin Yildiz, 07.09.2007

Cover Inken Keim: Die "türkischen Powergirls" ISBN 978-3-8233-6294-4

Inken Keim: Die "türkischen Powergirls". Lebenswelt und kommunikativer Stil einer Migrantinnengruppe in Mannheim. Narr Verlag (Tübingen) 2007. 498 Seiten. ISBN 978-3-8233-6294-4. 89,00 EUR.
Reihe: Studien zur deutschen Sprache - 39
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8233-6446-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Einführung

"Als ich klein war, glaubte ich, die Ausländer hätten überhaupt keine Sprache,

sie täten nur so, als sprächen sie miteinander." Jean Cocteau (* 1889 in Maisons-Lafitte bei Paris;   1963 in Milly-la-Forét bei Paris - Französischer Dichter, Maler, Choreograf und Filmregisseur)

Nach den vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Daten leben in Deutschland ca. 15,3 Millionen Menschen mit Migrationsbackground. Viele dieser Personen sind jüngeren Alters und zu einem großen Teil in Deutschland als Nachkommen der sog. "GastarbeiterInnen" geboren. Dennoch ist über die Folgegenerationen insbesondere der türkischen Migrantencommunity  noch ziemlich wenig bekannt.

Seit einigen Jahren sind türkische Mädchen und Frauen im Mittelpunkt medialer Inszenierungen. Nach 45 generativbedingten Morden in den letzten sieben Jahren bilden Themen wie Zwangsheirat und Ehrenmord den gesellschaftlichen wie auch politischen Diskurskontext, in dem türkische Migrantinnen als Opfer und Verliererinnen des Integrationsprozesses dargestellt werden. Die verschleierte Segregation wird durch die Gegenüberstellung mit Vorzeigemigrantinnen der neobajuwarischen "Konvertiten-Ultraszene" um Necla Kelek, Serap Cileli und Seyran Ates noch weiter verstärkt. Dass diese germanisch kultivierten Nutznießerinnen der aktuellen Ausgrenzungskolik, die mit dem neuen Zuwanderungsgesetz ihren schändlichen Höhepunkt erreicht und die berechtigte Verbitterung der türkischen EinwandererInnen (!) erregt hat, nicht die Mehrheit repräsentieren können, zeigt sich schon an der unverblümten literarischen Partizipation am lukrativen Turkophobie- und Islamparanoia-Kuchen.                

Glücklicherweise hat neben dem pseudowissenschaftlichen, autobiografischen Interesse auch die wissenschaftliche Beachtung dieser Bevölkerungsgruppe in den letzten Jahren erheblich zugenommen, wie zum Beispiel in den Arbeiten von 

Zwar beantworten diese Arbeiten viele Fragen, doch gewichtige Forschungslücken bleiben auch weiterhin bestehen. Vor allem im sozialisatorisch-lebensweltlichen Bereich fehlen brauchbare Ergebnisse.   

Entstehungshintergrund 

Dr. Inken Keim ist Privatdozentin an der Universität Mannheim und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Pragmatik. Ihr Aufgabenspektrum umfasst Projekte wie URBAN II, Mercator und Sprachprojekt Grundschule in Zusammenarbeit mit der Kontaktstelle Mehrsprachigkeit an der Universität Mannheim. Zudem beschäftigt sie sich mit spezifischen Arbeiten zu migrationslinguistischen Themen. Promoviert hat sie über den Bereich "Ungesteuerter Erwerb des Deutschen" und "Kommunikation ausländischer Arbeiter".

Seit 1980 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am IDS in der Abteilung "Sprache und Gesellschaft" bzw. "Pragmatik", Mitarbeiterin in den IDS-Projekten "Kommunikation in der Stadt" und "Gesprächsrhetorik" zu Formulierungsverfahren und rhetorischen Strategien in Situationen der Problem- und Konfliktbearbeitung, Bearbeiterin des Teilprojekts "Deutsch-Türkische Sprachvariation und die Herausbildung kommunikativer Stile in dominant türkischen Migrantengruppen" im Rahmen der "Kommunikativen sozialen Stilistik" und zusammen mit Werner Kallmeyer Leiterin des von der DFG geförderten gleichnamigen Projekts im Rahmen der Forschergruppe Sprachvariation als kommunikative Praxis (2000-2004).

Forschungs- und Lehrschwerpunkt ist der ethnografisch-soziolinguistische und gesprächsanalytische Bereich und der Bereich der Mehrsprachigkeit (vgl. http://www.ids-mannheim.de/prag/personal/keim.html).  (Publikationskatalog unter: http://www.ids-mannheim.de/pub/autoren/ids/keim.html).

Die vorliegende Arbeit ist der ethnografisch-soziostilistische Abriss einer Gruppe türkischstämmiger Migrantinnen der zweiten Generation in ihrer Entwicklung vom Jugend- zum Erwachsenenalter. Dabei geht es in erster Linie um die Genese des gruppenkommunikativen Stils und der Selbstbilder junger Menschen in Mannheim im Spannungsfeld von türkischem Herkunftskontext und deutscher Institutionen.   

Die Untersuchung entstand im Kontext des am Institut für Deutsche Sprache durchgeführten und von der DFG geförderten Projekts "Deutsch-Türkische Sprachvariation und die Herausbildung kommunikativer sozialer Stile in jugendlichen MigrantInnengruppen türkischer Herkunft in Mannheim" (März 2000 - Februar 2004). Das Projekt stellt eine qualitativ-soziolinguistische Studie dar und zieht ethnografische und linguistisch-gesprächsanalytische Methoden der Datenerhebung und -analyse heran. Den Ausgangspunkt bildet die ethnografische Analyse eines Innenstadtgebiets in Mannheim mit einem hochgradigen MigrantInnenanteil. Auf der Basis der ethnografischen Feldanalyse wurden drei repräsentative türkischstämmige Gruppen der zweiten Generation ausgewählt, die repräsentativ für tendenzielle Integrationsprozesse sind.

Die drei Gruppen sind

  1. die "türkischen Powergirls", eine Gruppe türkischer Mädchen, die noch in der Ethnie verwurzelt sind, sich aber aus dieser herausbewegt und ein eigenes Selbstbild generiert.   
  2. die "Unmündigen" als internationale, aber überwiegend türkische AkademikerInnengruppe mit explizit gesellschaftlich-politischem Engagement und    
  3. die "Europatürken", türkischstämmige Jungakademiker mit ethnisch-globalen Netzwerken und Zugehörigkeiten.

Während die beiden anderen Gruppen bei Cindark 2005 und i. Vorb. und Aslan 2005 behandelt werden, konzentriert sich Keim dem Titel entsprechend auf die Gruppe der "türkischen Powergirls". Anhand einer präzisen ethnografischen Skizze der interessierenden Wohngebiete und der Auswahl typischer und repräsentativer sozialer Welten wird das Kommunikationsverhalten der Gruppe dokumentiert, wie z.B. Ingroup-Kommunikation, Outgroup-Kommunikation mit relevanten Anderen und private, intime Kommunikation in der Familie und mit engen Vertrauten. Zudem werden mit den Gruppenmitgliedern und wichtigen Außenstehenden (wie Lehrer, Betreuer, Familien) ethnografisch-biografische Interviews (als Ton- und Filmdokumentation) durchgeführt. Entscheidend sind vor allem ausgewählte Schlüsselsituationen, die mit linguistischen und kommunikationsanalytischen Analysemethoden im Hinblick auf die kommunikativen Stile untersucht werden.                

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit besteht aus drei Teilen.

In Teil I "Ethnografie des Lebensraums der «türkischen Powergirls’ - ein innerstädtisches Migrantengebiet in Mannheim" geht die Autorin auf die ethnografische Deskription der Lebenswelt der Menschen ein. Hierzu werden neben den sozioökologischen Rahmenbedingungen der Stadtteile Jungbusch und Westliche Unterstadt auch die Strukturen und Wertorientierungen der türkischen Migrantenbevölkerung näher betrachtet. Darüber hinaus geht sie auf die institutionelle Infrastruktur und Strukturierung der jungen Migrantenbevölkerung im Stadtgebiet näher ein. 

Teil II "Die «türkischen Powergirls’ - biografische Entwicklung, Gruppenkonstitutionsprozess und die Herausbildung sozialer Orientierungen" beschreibt die schulische Genese der Gruppenmitglieder und die Konstitutionsfaktoren der ethnischen Gruppe und Clique. Darüber hinaus werden Krisenbewältigungs- und Krisenverarbeitungsstrategien und entsprechende Neuorientierung in der Identitätsentwicklung und Selbstverortung dargestellt.

Teil III "Der kommunikative Stil der «türkischen Powergirls’" ist der Hauptteil der Untersuchung und umfasst die Darstellung des sprachlich-kommunikativen Ausdrucksverhaltens der Gruppenmitglieder und deren Erfassung mit dem Konzept des "kommunikativen Stils".               

Zielgruppen

Das "korpulente" Buch richtet sich an SprachwissenschaftlerInnen und MigrationswissenschaftlerInnen. Vor allem Praktiker, die mit Migrantjugendlichen und deren Familien im Sozialarbeits- und Schulleistungsbereich direkt oder indirekt arbeiten, werden wertvolle Einblicke in die Kommunikations- und Interaktionsstrukturen, in die Sprach- und Lebenswelt der Menschen vorfinden.

Diskussion

Das Buch von Inken Keim ist in seiner Art und seiner Aufgabensetzung einmalig. Ein wissenschaftliches Buch auf über 498 Seiten (!) transparent und lesbar zu gestalten, aber gleichzeitig auch sozial-politisch hochbrisante Ergebnisse aufzuzeigen, das ist kein zu unterschätzendes Unterfangen. Der relativ hohe Kaufpreis wird mit einer durchweg hervorragenden Arbeit belohnt. Qualität muss eben seinen Preis haben.

Das wichtigste Resultat der Studie ist die Herausstellung der "türkischen Powergirls" als charakteristische Vertreterinnen junger Migrantinnen, die den fundamentalen Spagat zwischen dem der Migrantengemeinschaft mit ihren sozialen und kulturellen Kontextualitäten und der Aufnahmegesellschaft mit ihren institutionellen und beruflichen Chancen und Risiken bewältigt haben. Dabei werden für diese Lebensphilosophie die während des Übergangs entstehenden Erfahrungsebenen und Verarbeitungsprozesse, die Herausbildung spezifischer Ausdrucksverhalten (kommunikativer Stil) als charakteristisch ausgemacht. Der Weg aus dem Ghetto gestaltet sich nicht für alle jungen Menschen als leicht und problemlos. Die zentrale Schwierigkeit sieht sie darin, dass die Betroffenen "aus beiden Bezugswelten gegenläufigen Anpassungsdruck erfahren, dem sie nicht gleichzeitig gerecht werden können" (S. 474). Folge dieser bipolaren "Ablehnung und Ausgrenzung" kann zur Desillusionierung und Frustration, aber nicht selten auch zur Devianz führen. Hier zeigt sich auch die Bedeutung der Selbstbilder und der sozialen und kommunikativen Fähigkeiten, die die "türkischen Powergirls" entwickeln und mit deren Hilfe sie Zugang zum mehrheitsgesellschaftlichen Leben finden. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass diese nicht ohne Unterstützung und positive Leitbilder entwickelt werden können. Besonders eigenethnische Bezugspersonen, die den Weg der Integration gegangen sind, werden hier bedeutsam. Dabei kommt auch den institutionellen Instanzen die Aufgabe zu, die Kinder und Jugendlichen in elementaren Bereichen zu unterstützen, z.B. durch "geeignete Fördermaßnahmen auf allen Bildungsstufen, eine Verbesserung des Lehrangebots in den Erziehungs- und Bildungsinstitutionen unter Beteiligung von sozial erfolgreichen Migranten" (S. 474-475). Dies fängt vor allem in der schulischen und öffentlichen Würdigung der Bilingualität als Ressource und nicht als Defizit an. Dass die vorgegebenen Kategorien "türkisch" und "deutsch" den mehrperspektivischen Identitäts- und Kommunikationsleistungen der Menschen nicht genügen können, erklärt sich aus den Aussagen der Probanden. Dass wichtigste Kriterium für eine fruchtbare Integration ist aber die Akzeptanz und Offenheit von Seiten der Aufnahmegesellschaft, die den Jugendlichen das Gefühl einer Geborgenheit jenseits von Zuschreibungen und Diskriminierungen vermittelt.                               

Fazit

Bleibt zu hoffen, dass analoge Arbeiten die entsprechenden Institutionen erreichen und eine Sensibilität für die Lebensmilieus der jungen Menschen schaffen. Junge Ausländerinnen sind trotz zahlreicher Ausgrenzungsmechanismen und Diskriminierungsprozesse als Akteure zu begreifen, die ihr Schicksal in die Hand genommen haben und schon längst in der deutschen Gesellschaft angekommen, aber nicht aufgenommen sind. Neben dem schleichenden Abbau des muttersprachlichen Unterrichts bzw. der Verweigerung eines umfassenden Religionsunterrichts stehen das am 01.Januar 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz und die kürzliche erlassene Neuauflage den bipolaren Lebensmilieus und Verortungsprozessen der Menschen entgegen. Das sog. Optionsmodell für in Deutschland Geborene bei der Staatsbürgerschaftswahl, die vollzogene oder drohende Zwangsausbürgerung von 50.000 türkischen Doppelstaatlern (auch Kinder und Jugendliche!), Repressalien beim Ehepartnernachzug aus der Türkei sind einige Beispiele für die Froschperspektive und Kümmelspalterei der Zuwanderungspolitik, die gewiss noch weit davon entfernt ist, eine reelle Einwanderungspolitik zu sein. Dies kann nach heutigen Umständen nur durch einen wissenschaftlichen Mundknebel für Pseudowissenschaftler und -intellektuelle a la Necla Kelek, Serap Cileli und Seyran Ates geschehen. Leider werden in dem momentanen Einwanderungsdiskurs immer noch dilettantische Usurpatoren als maßgebende Instanzen und Ideengeber herangezogen. Ganz zu schweigen von deren Anwesenheit bei dem an sich schon bigotten Integrationsgipfel.                        

Literatur

  • Aslan, S.: Aspekte des kommunikativen Stils einer Gruppe weltläufiger MigrantInnen türkischer Herkunft: die "Europatürken". In: Deutsche Sprache 4/2004, S. 327-356
  • Cindark, I.: "Die Unmündigen". Eine soziolinguistische Fallstudie der emanzipatorischen Migranten. In: Deutsche Sprache 4/2004, S. 299-326
  • Cindark, I.: Die Unmündigen - der kommunikative soziale Stil der emanzipierten Migranten. Diss. Univ. Mannheim, i. Vorb.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Päd. Yalcin Yildiz
Migrationsforscher. Freiberufliche Tätigkeit in der Migrationssozialberatung und Ganzheitlichen Nachhilfe

Es gibt 18 Rezensionen von Yalcin Yildiz.

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Zitiervorschlag
Yalcin Yildiz. Rezension vom 07.09.2007 zu: Inken Keim: Die "türkischen Powergirls". Lebenswelt und kommunikativer Stil einer Migrantinnengruppe in Mannheim. Narr Verlag (Tübingen) 2007. ISBN 978-3-8233-6294-4. Reihe: Studien zur deutschen Sprache - 39. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4872.php, Datum des Zugriffs 30.06.2022.


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