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Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): Demenzkranken begegnen

Cover Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): Demenzkranken begegnen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 69 Seiten. ISBN 978-3-456-84395-7. 14,95 EUR, CH: 23,90 sFr.

Reihe: Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz.
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Thema

Die Robert Bosch Stiftung hat im Jahr 2004 die Initiative "Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz" ins Leben gerufen. In sieben Werkstätten haben rund 80 Vertreter aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Angehörigenorganisationen, Medizin, Pflege und anderen Disziplinen mitgewirkt. Die Ergebnisse dieser Werkstattgespräche wurden in den Berichten zusammengefasst:

  • Die Krankheit frühzeitig auffangen
  • Ressourcen erhalten
  • Gemeinsam betreuen
  • Demenzkranken begegnen
  • Technische Unterstützung bei Demenz
  • Ernährung bei Demenz
  • Ethik und Recht

Im Anschluss an die Werkstattgespräche haben laut Aussage der Robert Bosch Stiftung die Mitglieder der Initiative beschlossen, "mit der Gründung des Vereins "Aktion Demenz" das begonnene Netzwerk fortzusetzen und zu erweitern. Sie wollen weiterhin für ein besseres Leben mit Demenz eintreten, gemeinsam mit den Betroffenen, gemeinsam in ihrer Begleitung und gemeinsam in der Gesellschaft." (Seite 6) Der Verein hat folgende Website www.aktion-demenz.de

Autoren

An diesem Bericht "Demenzkranken begegnen"  haben mitgewirkt: Peter Wißmann, Sandra Eisenberg, Eckhard Grambow, Petra Kocy, Andreas Kruse, Christina Kuhn, Kirsten Margraf, Christian Müller-Hergl, Christine Riesner, Eva-Maria Ulmer und Angelika Zegelin.

Inhalt

Der Werkstattbericht ist in vier Kapitel mit jeweils mehreren Abschnitten untergliedert:

  1. Demenzkranken begegnen (gesellschaftliche Begegnungsräume - Kontakt und Begegnung / Seite 9 -12)
  2. Hindernisse für Begegnungen (gesellschaftliche Lei(d)tbilder - verbo(r)gene Haltungen - kulturelle Schranken - eindimensionale Kommunikation - ungenutzte Zugangswege - eingeschränktes Qualitätsverständnis - strukturelle Barriern (Seite 13 - 26)
  3. Umsetzungswege und -beispiele (gesellschaftliches Bild von Demenz und öffentliches Bewusstsein - Zugangswege und Kommunikationswege - Lernbegleitung und Qualifizierung - Kultursensibilität - Qualitätsverständnis und -entwicklung, Versorgungsstrukturen (Seite 27 - 49)
  4. Handlungsanregungen (gesellschaftliches Bild von Demenz und öffentliches Bewusstsein - Zugangswege und Kommunikationswege - Lernbegleitung und Qualifizierung - Kultursensibilität - Qualitätsverständnis und -entwicklung, Versorgungsstrukturen (Seite 51 - 65)

Die Ausführungen wirken wie ein Konglomerat aus kritischen Einschätzungen, Praxisberichten (teils als Einschub farblich hervorgehoben) und Forderungen bezüglich einzelner Aspekte der Kontakte Demenzkranker mit ihrer sozialen Umgebung. Im letzten Kapitel hingegen wird eine Reihe von Vorschlägen und Anregungen besonders bezogen u. a. auf das gesellschaftliche Bild der Demenzkranken, Fragen der Verbesserung der Fortbildung, Qualitätsaspekte und innovative Versorgungsstrukturen unterbreitet.

Inhaltlich orientieren sich die Aussagen an dem Konzept von Tom Kitwood mit dem normativen Modell des so genannten "Personseins", das die Grundlage für die dichotome Einschätzung der Demenzpflege in das "einseitig biologistische und defizitorientierte" Modell einerseits und die "neue Kultur der Demenzpflege" andererseits darstellt.

Mehrfach wird betont, dass Demenzkranke auch als "Personen mit Fähigkeiten und Ressourcen" wahrgenommen werden sollten. Entsprechend gelte es, die Demenz zu enttabuisieren und zu entdämonisieren (Seite 51). Auf diesem Hintergrund werden dann vorrangig "alternative Zugangswege" wie die "Arbeit mit Musik, Theater, Märchen, Tieren u.v.m." für die Demenzkranken propagiert (Seite 56). Der entscheidende Begriff in diesem Kontext ist dann die "Begegnung" ("Kultur der Begegnung", Seite 57), nicht die Pflege, Betreuung oder Hilfestellung.

Kritische Würdigung

Der vorliegende Text als Werkstattbericht einer Arbeitsgruppe überrascht, denn

die an Schwarzweißmalerei erinnernde artifizielle Gegenüberstellung von einem "biologistisch-defizitorientierten"  Demenzverständnis und einer so genannten "neuen Kultur der Demenzpflege" besitzt keinen Realbezug in der Pflege und Betreuung Demenzkranker. Im Gegenteil, gerade weil das Wissen über die Defizite und das Leiden aufgrund hirnpathologischer Abbauprozesse vorliegt, wird in den Einrichtungen auf vielfältige Weise kompensatorisch durch Pflege, Betreuung und Milieu darauf hingewirkt, das ständige Leiden teils aufgrund gravierender Realitätsverluste und Angstzustände zu mindern und gleichzeitig eine Lebenswelt mit Einbindung, Sicherheit und Geborgenheit zu schaffen. Nur wer Kenntnis über den krankhaft "biologistischen" Abbau in seiner grausam erscheinenden Unaufhaltsamkeit und Unbeeinflussbarkeit besitzt, vermag Möglichkeiten und Wege zu finden, eine für die Demenzkranken ertragbare Person-Umwelt-Passung herzustellen. Das Wissen um die "Defizite" ist letztlich die Grundlage für jedwede Hilfestellung.

Wer den Kausalzusammenhang zwischen Hirn und Verhalten bei Demenzkranken als Grundlage all dieser Bemühungen leugnet, stellt sich außerhalb des Erkenntnisstandes von Wissenschaft und Pflege.

Fazit

Es überrascht, wenn die Bosch-Stiftung für ein gesellschaftlich gemeinsames Handeln im Umgang mit der Demenz eintritt, ohne dabei den Stand der Forschung und Pflegepraxis in Deutschland zu berücksichtigen. Der vorliegende Werkstattbericht mag als Traktat einer Richtung mit Eigenweltlichkeit durchgehen, als Grundlage für weitere Diskurse über die Einbindung der Demenzkranken in die bestehenden sozialen Strukturen hingegen ist er nicht geeignet.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 17.11.2007 zu: Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): Demenzkranken begegnen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. ISBN 978-3-456-84395-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4873.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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