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Andreas Kruse: Das letzte Lebensjahr. Zur körperlichen, psychischen und sozialen Situation des alten Menschen am Ende seines Lebens

Cover Andreas Kruse: Das letzte Lebensjahr. Zur körperlichen, psychischen und sozialen Situation des alten Menschen am Ende seines Lebens. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. 274 Seiten. ISBN 978-3-17-018066-6. 19,80 EUR.

Reihe: Grundriss Gerontologie - Band 21. Kohlhammer-Urban-Taschenbücher - Band 771.
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Thema

Kruse legt hier eine interdisziplinäre Studie vor, die sich mit der Frage des Lebensendes beschäftigt. Das "letzte Lebensjahr" weist dabei eine Doppelfunktion auf: das unausweichliche Ende wie auch die Gestaltungsmöglichkeiten, die Krankheit und Sterben eröffnen. Der Titel legt zunächst eine empirische Studie zu Untersuchungen über das letzte Lebensjahr nahe, insbesondere da der zeitliche Rahmen vorgezeichnet ist. Der Autor überschreitet jedoch sehr schnell diesen engen Rahmen und zieht in einer "ganzheitlichen" Herangehensweise auch ausgewählte Beiträge aus Dichtung, Philosophie, Theologie und der modernen Altersforschung sowie ethische Fragen zum Umgang mit dem Lebensende in seine Überlegungen ein. Man könnte von einem Essay über das Lebensende sprechen, bei dem die Perspektive der Betroffenen (ihre "Innensicht") im Vordergrund steht - eine Reverenz an den geistigen Ziehvater Hans Thomae, dessen subjektbetonte Sicht von der objektivistisch orientierten empirischen Altersforschung kaum beachtet wurden.

Aufbau und Inhalt

Die einzelnen Kapitel sind jeweils einem spezifischen fachlichen Zugang gewidmet. Um die kreativen Elemente des Lebensendes hervorzuheben, greift Kruse eingangs auf drei bekannte Persönlichkeiten und ihre geistigen Produkte zurück: Johann Sebastian Bach, Marion Gräfin Dönhoff und Bertolt Brecht, deren reife Alterswerke ausführlich gewürdigt werden. In zwei Kapiteln werden anhand umfangreicher statistischen Materialien medizinische Aspekte behandelt. Todesursachen, nähere soziale Umstände des Sterbens sowie die Frage der Zunahme der Gesundheitskosten stehen hier im Mittelpunkt. Der Autor vermittelt eine differenzierte Sicht, die sich wohltuend von verbreiteten vereinfachenden Pauschalurteilen abhebt. Mit der Frage des Umgangs mit Tod und Sterben befassen sich die nächsten Kapitel. Zunächst wird auf Beiträge aus der Dichtkunst zurückgegriffen, welche die Vorbereitung auf den Tod als Lebensaufgabe beschreiben. Zahlreiche Facetten der psychologischen Bewältigung des Sterbens stehen anschließend im Zentrum. Nahtlos schließt sich die Untersuchung religiöser und spiritueller Erfahrungen, wobei Kruse sich zunächst auf keine geringeren Autoren als die mittelalterlichen "opinion leaders" Thomas von Aquin, Meister Eckhart und Petrarca beruft, um darauf aufbauend systematisch aktuelles empirisches Material zur Untersuchung religiöser Bedürfnisse und Unterstützungsformen angesichts des bevorstehenden Todes vorzutragen. Faktoren, welche die Einstellung zu Tod, Sterben und aktiver Sterbehilfe beeinflussen, werden in einem weiteren Kapitel vorgestellt. Die aktive Sterbehilfe, und hier vor allem die ethischen und gesetzlichen Grundlagen sowie der Stand des Gesetzgebungsverfahrens in unterschiedlichen Ländern, wird mit beachtenswerter begrifflicher Präzision beschrieben und kritisch kommentiert. Schließlich werden als positive Alternative Komponenten und Rahmenbedingungen einer fachlich und ethisch fundierten Sterbebegleitung aufgezeigt, die von Prinzipien der Selbstverantwortung, der Schmerzlinderung und der Symptomkontrolle geleitet werden. Die Selbstverantwortung, die in mehrere Abstufungen ausdifferenziert wird, wird als bedeutendstes Qualitätsmerkmal der Sterbebegleitung herausgestellt. Der Respekt vor dem Bedürfnis nach weitgehender Selbstverantwortung wird im Rahmen einer auf existentielle Begegnung ausgerichteten Begleitung umgesetzt, die auch dafür sorgt, dass Abhängigkeit in Menschenwürde angenommen werden kann. Die Realisierung der aufgezeigten Grundsätze wird an Prinzipien der Hospizhilfe und der Schmerztherapie aufgezeigt, die ganzheitlich verstanden werden.

Diskussion - Einschätzung

Kruse zeigt ein umfassendes, ganzheitlich ausgerichtetes Rahmenkonzept auf, das zahlreiche Facetten der Einstimmung auf das Lebensende und der Begleitung des Sterbeprozesses einschließt. Die Stärke der Arbeit liegt in der Berücksichtigung der unterschiedlichen Disziplinen, deren Beiträge auch fachlich gekonnt bearbeitet werden. Gespeist wird die Darstellung von einer überzeugend entwickelten ethischen Grundhaltung des Respekts vor dem Sterbenden, die seine körperlichen, geistig-seelischen und sozialen Bedürfnisse einschließt. Es werden dabei nicht nur die praktischen Konsequenzen im Hinblick auf die Sterbehilfe aufgezeigt, sondern auch für den Umgang mit Tod und Sterben, der im alltäglichen Handeln gestaltet werden muss. Obwohl einzelne Facetten der Thematik bereits in unzähligen Publikationen bearbeitet sind, gibt es kaum wissenschaftliche Arbeiten, welche die Breite der Thematik so kompetent ausleuchten und den Stellenwert der beteiligten Disziplinen so geschickt verknüpfen. Dadurch wird die Gefahr vermieden, sich in einzelnen fachlichen Details festzubeißen, die sicher ungemein schwer wiegend sind, sondern das Sterben wird als ganzheitliche Aufgabe und eine der anspruchvollsten Formen menschlicher Begegnung interpretiert.

Kritisch anzumerken ist, dass das Aufzeigen prinzipieller Fragestellungen und Handlungsrichtlinien einer gewissen Idealisierungstendenz Vorschub leistet, die in der Praxis von den Niederungen des alltäglichen Handelns - und nicht selten auch den menschlichen Unzulänglichkeiten der beteiligten Personen weg lenkt. Das ist jedoch ein generelles Problem der deutschen Literatur zu diesem Thema, die sich gern um die Frage der Konkretisierung drückt. Begleitung Sterbender muss jedoch in jeder Situation neu organisiert, mit alltäglichen und unaufschiebbaren Bedürfnissen, mit Berufstätigkeit und Angehörigen abgestimmt und letztlich auch finanziert werden. Dabei sind Kompromisse zu schließen, werden Beziehungsmuster sichtbar, die nicht immer bedingungslose Akzeptanz und vorbehaltlose Begegnung ausdrücken, sondern in denen auch  menschliche Schwächen und gesellschaftliche Verwerfungen zum Vorschein kommen. Es wäre sicher nicht unangemessen, diese stärker auch in prinzipielle ethische und rechtliche Analysen einzubeziehen.

Fazit

Insgesamt ist die Bearbeitung des "Letzten Lebensjahres" von Kruse allen nachdrücklich zu empfehlen, die sich theoretisch, praktisch oder sozialpolitisch mit der Thematik auseinandersetzen. Durch die sorgfältig durchkomponierte Vernetzung der unterschiedlichen fachlichen Perspektiven kann sie wesentlich dazu beitragen, einseitige Vorstellungen, Ängste und Handlungstendenzen zu reflektieren und zu entlarven. Die konsequent umgesetzte ganzheitliche Sicht ist ein wertvoller Beitrag zu einem unverkrampften, menschlichen Umgang mit Tod und Sterben.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Goldbrunner


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Zitiervorschlag
Hans Goldbrunner. Rezension vom 24.10.2007 zu: Andreas Kruse: Das letzte Lebensjahr. Zur körperlichen, psychischen und sozialen Situation des alten Menschen am Ende seines Lebens. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-17-018066-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4887.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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