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Ralf Bohnsack: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden

Rezensiert von Prof. Dr. Ariane Schorn, 12.11.2007

Cover Ralf Bohnsack: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden ISBN 978-3-8252-8242-4

Ralf Bohnsack: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. UTB (Stuttgart) 2007. 6., durchgesehene und aktualisierte Auflage. 291 Seiten. ISBN 978-3-8252-8242-4. 19,90 EUR.

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Hintergrund und Anliegen

Bohnsack bezeichnet das vorliegende Buch als "Einführungsbuch"; er beschreibt es weiterhin als ein Buch, das auf Manuskripten basiere, die für den Seminar- und Lehrbetrieb bestimmt waren, sowie auf Erfahrungen der eigenen Forschungspraxis beruhe.

Aufbau und Inhalt

Bohnsack gliedert das Buch in zwölf Kapitel.

  1. Eröffnend wird in einer kurzen Einführung (Kapitel 1) auf den Entstehungshintergrund des Buches eingegangen. Stellung bezogen wird hier ferner zu möglichen Zielen und Grenzen eines Lehrbuches für qualitative Forschungsmethoden: Voraussetzung für das Erlernen qualitativer Methoden ist Bohnsack zufolge ein in der Lehrforschung/Forschungspraxis erworbenes Erfahrungswissen. Fehlt dieses und mangelt es an Möglichkeiten, selbiges zu erwerben, so könne ein Lehrbuch diesen Mangel nur bedingt durch eine ""virtuelle Teilnahme" am Forschungsprozess" (S. 11) kompensieren.
  2. Kapitel 2 diskutiert grundlegende Merkmale und Unterschiede zwischen hypothesenprüfenden und rekonstruktiven Verfahren der Sozialforschung. Von der (häufig vorgenommenen) Gegenüberstellung quantitativer und qualitativer Methoden der Sozialforschung distanziert sich Bohnsack. Anknüpfend an eine Kritik hypothesenprüfender Verfahren werden Aspekte der Methodologie rekonstruktiven Verfahren vorgestellt.
  3. Kapitel 3 ist mit "Dokumentarische Methode" überschrieben und führt am Beispiel verschiedener Textpassagen, die Gruppendiskussionen mit Jugendlichen entnommen sind, in die Forschungspraxis bzw. Interpretationspraxis der dokumentarischen Methode ein. Bohnsack differenziert hier vier Stufen der Interpretation: die formulierende Interpretation, die reflektierende Interpretation, die Diskursbeschreibung und die Typenbildung.
  4. Kapitel vier skizziert erkenntnistheoretische Grundannahmen und -positionen der objektiven Hermeneutik nach Oevermann. Deutlich gemacht wird hier auch das spezifische Erkenntnisinteresse dieser Methode: Es geht um die Erschließung latenter - also im weiteren Sinne unbewusster - (sozialer) Sinnstrukturen. Darauf aufbauend werden zwei verschränkte Grundprinzipien der methodischen Verfahrensweise vorgestellt: die gedankenexperimentelle Kontextvariation und die sequenzanalytische Verfahrensweise bei der Textinterpretation. Zur Veranschaulichung dient auch hier eine Textpassage.
  5. Kapitel fünf ist mit "Zu einigen Unterschieden von dokumentarischer Methode und objektiver Hermeneutik" überschrieben. Bereits der erste Absatz macht jedoch deutlich, dass Bohnsack sich nicht mit der angekündigten Gegenüberstellung begnügt. Seine Ausführungen zielen vielmehr darauf ab, zentrale Unterschiede zwischen den hermeneutischen Verfahren einerseits und den wissenssoziologisch / phänomenologisch fundierten Verfahren andererseits herauszuarbeiten. Dieses Vorgehen erscheint in Teilen fragwürdig, da es z.B. zentrale Differenzen zwischen den verschiedenen hermeneutischen Verfahren negiert. Fragwürdig erscheinen hier ferner generalisierte Aussagen wie die Behauptung, dass "die Hermeneutik typischerweise beim Problematischen an(setze)" (S. 84).
  6. Kapitel sechs stellt ein weiteres Verfahren der qualitativen Sozialforschung vor, nämlich das von Schütze entwickelte narrative Interview. Ähnlich wie in Kapitel vier wird auch hier auf den methodologischen und forschungspraktischen Bezugsrahmen eingegangen. Entfalten werden weiterhin die erzähltheoretischen und biographietheoretischen Grundlagen des narrativen Interviews.
  7. Kapitel sieben geht zunächst auf die Geschichte sowie auf erkenntnistheoretische Grundlagen des Gruppendiskussionsverfahrens ein. Bohnsack zufolge ist es die Milieuanalyse (er unterscheidet zwischen gruppenhaften bzw. gemeinschaftlichen Milieus und Milieus als "konjunktive Erfahrungsräume") zu der das Gruppendiskussionsverfahren prädestiniert ist. Da diese auch immer Biographieanalyse sei, wird im Weiteren der Frage nachgegangen, zu welcher Art Kollektivvorstellungen biographische Interviews einen Zugang eröffnen.
  8. Im achten Kapitel beschäftigt sich Bohnsack - ausgehend von einer begrifflichen Abgrenzung von "Interpretation" und "Verstehen" - mit der teilnehmenden Beobachtung. Hervorgehoben wird hier, dass auch diese auf Textinterpretation angewiesen sei (eben auf die Interpretation der Beobachtungsprotokolle). Es folgt eine Darlegung der einzelnen Arbeitschritte der dokumentarischen Interpretation (vgl. Kap. 3).
  9. Im Zentrum des neunten Kapitels steht die Theorie und Methodologie einer qualitativen Bildinterpretation, die sich auf der Basis der dokumentarischen Methode bewegt.
  10. Die Überschrift "Aspekthaftigkeit, Standortgebundenheit und Gültigkeit der Interpretation" fasst prägnant die zentralen Inhalte des zehnten Kapitels. Skizziert werden hier u.a. Kriterien der Geltung einer empirischen Analyse.
  11. Im elften Kapitel werden verschiedene Aspekte der rekonstruktiven Methodologie noch einmal zusammengefasst und diskutiert. Bohnsack geht es um eine "praxeologische Fundierung von Methoden", d.h. um die Verankerung von Methoden in der sozialen Praxis und um ihre "methodologische Begründung auf dem Weg der Rekonstruktion dieser Praxis" (S. 187). Ein zentrales Thema dieses Kapitels ist die methodische bzw. forschungspraktische Kontrolle des vom Forschenden mitgebrachten Erfahrungswissen sowie um den Doppelcharakter impliziten Wissens.
  12. Kapitel zehn ist mit "Anhang" überschrieben. Dieser Titel irritiert, da es in diesem Kapitel um Basales, nämlich um das konkrete Handwerk bzw. um zentrale Werkzeuge der dokumentarischen Methode geht. Eingegangen wird hier zunächst auf Spielregeln der Initiierung und Leitung von Gruppendiskussionen. Daran anschließend werden an einem Beispiel die forschungspraktischen Arbeitsschritte der formulierenden und reflektierenden Interpretation entfaltet. Dargelegt werden ferner Richtlinien der Transkription. Das Kapitel schließt mit zwei forschungspraktischen Beispielen (zwei Fotos) der dokumentarischen Methode der Bildinterpretation.

Fazit

Die methodologischen Ausführungen des Buches sind anspruchsvoll. Diese Einschätzung fußt auf der verdichteten Bezugnahme auf für das Thema relevante Denkströmungen, Traditionen und Theorien sowie auf der (erkenntnis)theoretischen Eintauchtiefe der Ausführungen. Zu empfehlen ist das Buch vor allem LeserInnen, die thematisch mindestens vorgebildet sind und Interesse an erkenntnistheoretischen Problemstellungen haben. Für diesen LeserInnenkreis dürften die kenntnisreichen und komplexen Ausführungen, die Vielzahl der Verweise und Bezüge sowie die grundlegenden Fragestellungen, die aufgegriffen und diskutiert werden, eine anregende und bereichernde Lektüre sein. Bohnsack selbst beschreibt das Buch als "Einführungsbuch". Für LeserInnen, die einen Einstieg in qualitative Methoden finden wollen, scheint mir das Buch jedoch eine Überforderung zu sein; für diesen Leserkreis hätte ich mir auch eine genauere Klärung zentraler Begriffe gewünscht.

Neben den methodologischen, theoriebezogenen Kapiteln und Passagen des Buches (die den größten Teil ausmachen) finden sich Abschnitte, die eher forschungspraktisch orientiert sind. Bohnsack arbeitet hier mit Textpassagen (die Interviews oder Gruppendiskussionen entstammen) und Bildern; lässt sich (und anderen) gewissermaßen über die Schulter schauen und somit den Leser/die Leserin am Interpretationsprozess teilhaben. Mir haben diese Passagen besonders Freude gemacht, transportiert sich doch hier etwas vom spezifischen Reiz und der Lebendigkeit qualitativer Forschung, die eben immer auch etwas mit Kontakt, Dialog und Auseinandersetzung zu tun hat.

Ein letzter Aspekt: Der Untertitel des Buches lautet "Einführung in qualitative Methoden". Dieser Titel (liest man ihn genau) verspricht keine Zusammenschau der exponierten Methoden qualitativer Sozialforschung. Dennoch stellt sich die Frage, warum auf das narrative Interview und die objektive Hermeneutik fokussiert wird und z.B. Methoden wie das problemzentrierte Interview nach Witzel oder das Gruppendiskussionsverfahren nach Leithäuser und Volmerg nicht aufgegriffen werden.

Rezension von
Prof. Dr. Ariane Schorn
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Entwicklungspsychologie, Qualitative Sozialforschung, Psychosoziale Beratung, Supervision
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Es gibt 19 Rezensionen von Ariane Schorn.

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Zitiervorschlag
Ariane Schorn. Rezension vom 12.11.2007 zu: Ralf Bohnsack: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. UTB (Stuttgart) 2007. 6., durchgesehene und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-8252-8242-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4888.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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