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Johannes Jungbauer: Partner schizophrener Patienten

Cover Johannes Jungbauer: Partner schizophrener Patienten. Belastungslagen, Bewältigungsstrategien, Lebensentwürfe. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2002. 223 Seiten. ISBN 978-3-88414-317-9. 36,00 EUR.
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Einführung in das Thema

In der Literatur zur Situation von Angehörigen schizophrener Menschen wurden zunächst die Probleme der Eltern thematisiert, dann begann man, die Kinder psychisch Kranker in den Blick zu nehmen; mit der vorliegenden Publikation wird die Aufmerksamkeit auf die

(Ehe-)Partner und ihre spezifischen Belastungen und deren Bewältigung gelenkt.

Es handelt sich um eine überarbeitete Dissertation. Der Autor rekrutierte in stationären, teilstationären und ambulanten psychiatrischen Einrichtungen in Leipzig 49 PartnerInnen schizophrener Menschen, mit denen er narrative Interviews von durchschnittlich halbstündiger Dauer durchführte. Diese auf Tonband aufgenommenen Interviews wurden dann auf Grundlage der strukturalen biografischen Fallanalyse und der Grounded Theory systematisch ausgewertet.

Aufbau und Inhalte

Nach einem ganz knappen Kapitel zur Schizophrenie folgt ein prägnantes, sehr informatives Kapitel zum Stand der Angehörigenforschung, in dem u.a. herausgestellt wird, dass die subjektiven Bewertungen der Belastungen stärker als die objektiven Belastungsfaktoren mit dem psychischen Wohlbefinden der Angehörigen zusammen hängen. Im weiteren Verlauf geht der Autor kurz auf soziologische und zeitgeschichtliche Aspekte (die Brüche in der Erwerbsbiographie psychisch Kranker nach der Wende in den neuen Bundesländern) ein und thematisiert dann sehr knapp spezifische Phasen der Beziehungsentwicklung in Lebensgemeinschaften, ein austauschtheoretisches Modell von Partnerschaft und einige Aspekte der Stresstheorie.

Im 5. Kapitel wird die Forschungsmethode des narrativen Interviews auch für soziologisch wenig vorgebildete Leser verständlich erklärt.

Die Leitfragen, an denen sich die Interviews ausrichten, lauten in der vorliegenden Untersuchung:

  • "Was hat sich für Sie seit der Erkrankung Ihres Partners verändert?"
  • "Was beschäftigt Sie zur Zeit am meisten?" und
  • "Gab es in der letzten Zeit etwas, was Sie besonders belastet hat?"

Das 6. Kapitel arbeitet die Untersuchungsergebnisse auf, welche in Anschluss diskutiert werden. Im Anhang finden sich 28 etwa zweiseitige interessante Fallportraits.

Zu den Ergebnissen

Die meisten Studienteilnehmer leben in Partnerschaften mit einem Patienten, der nach DSM IV Kriterien als leicht bis mittelschwer beeinträchtigt einzustufen ist. Viele orientieren sich an eher traditionellen Leitbildern zu Ehe und Partnerschaft, die Solidarität mit dem erkrankten Partner hat für die befragten Angehörigen einen hohen Stellenwert. Der Erkrankungsbeginn oder der erste miterlebte Schub ist bei den meisten mit Schock, Angst und Hilflosigkeit verbunden, es bestehen erhebliche Informationsdefizite, und die Zusammenarbeit mit Ärzten wird von den Angehörigen oft kritisiert. Im weiteren Krankheitsverlauf verändern sich das Zusammenleben und die sozialen Kontakte des Paares einschneidend, hier gibt es bei den befragten Angehörigen ganz unterschiedliche Belastungen und Bewältigungsversuche, die von Selbstaufopferung und eigener psychischer Erkrankung bis zu einer hohen Zufriedenheit in der Paarbeziehung reichen. (Zitat: "Unser Verhältnis hat sich überhaupt nicht verändert, höchstens zum Positiven noch."). Selber psychotisch erkrankte Angehörige äußern tendenziell geringere chronische Beeinträchtigungen, die Bedürfnisse der Partner hinsichtlich eines ruhigen, ereignisarmen Alltags scheinen eher zusammen zu passen. Besondere Belastungen wie z.B. Klinikaufnahmen oder die Doppelbelastung mit Beruf und Kindererziehung werden erwartungsgemäß bei hoher Unterstützung im familiären Netzwerk besser bewältigt. Im Gegensatz zu Klinikaufenthalten und medikamentöser Behandlung werden komplementäre Unterstützungsangebote und entlastende Maßnahmen der Jugendhilfe bei der Betreuung von Kindern so gut wie gar nicht erwähnt.

Fazit

Halbstündige, auf Tonband aufgenommene Interviews können natürlich nur einen begrenzten Einblick in die intime Situation des ehelichen Zusammenlebens mit einem schizophrenen Partner geben. Die starke Betonung des austauschtheoretischen Modells von Partnerschaften lässt zudem an mancher Stelle andere Gesichtspunkte etwas in den Hintergrund treten. Die Fallstudien geben jedoch einen interessanten Einblick in die unterschiedlichen Lebenssituationen der befragten Paare und regen zu einer besseren Zusammenarbeit mit den Ehepartnern der Patienten und zu einer größeren Offenheit gegenüber den subjektiven Wirklichkeitsentwürfen an.

Der Preis des Buches stellt jedoch insbesondere für Studierende der Sozialen Arbeit ein gewisses Kaufhemmnis dar.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 18.08.2002 zu: Johannes Jungbauer: Partner schizophrener Patienten. Belastungslagen, Bewältigungsstrategien, Lebensentwürfe. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2002. ISBN 978-3-88414-317-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/489.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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