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Günther Deegener, Wilhelm Körner: Risikoerfassung bei Kindesmisshandlung und Vernachlässigung

Cover Günther Deegener, Wilhelm Körner: Risikoerfassung bei Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Theorie, Praxis, Materialien. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2006. 344 Seiten. ISBN 978-3-89967-318-0. 25,00 EUR.
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Thema und Anliegen

Obwohl sich der professionelle Umgang im Hinblick auf die psychische und physische Kindesmisshandlung, die Kindesvernachlässigung sowie die sexuelle und häusliche Gewalt immer mehr professionalisiert hat, sind in der Praxis nach wie vor Defizite in der systematischen und differenzierten Erfassung der unterschiedlichen Misshandlungsformen zu konstatieren. Insbesondere im Kontext der Umsetzung der § 8a SGB VIII wird die Notwendigkeit, entsprechende Checklisten, Risikoeinschätzungsinstrumente, Beobachtungsbögen etc. zu verwenden, immer größer. Auch wenn es erfreulich ist, dass aus der Praxis heraus von Mitarbeiter/-innen entsprechende Instrumente entwickelt werden, sollten wissenschaftliche Erkenntnisse und Evaluationen auf keinen Fall außer Acht gelassen werden. Wie auch in anderen Bereichen fehlt hier nach wie vor eine gute Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis. Oftmals erfolgen in der Praxis Einschätzungen über die Risiken für Kinder in bestimmten Lebenssituationen eher global und intuitiv, anstatt systematisiert mit Rückgriff auf entsprechende Instrumente. Hinzu kommt, dass bei Verwendung bestimmter Instrumente zu häufig nur eine der möglichen Misshandlungsformen intensiver in den Blick genommen wird statt die im Alltag häufig anzutreffende Überlagerung und Verschränkung verschiedener Misshandlungsformen zu berücksichtigen. Auch fehlt es bis heute an Konzepten, wie die betroffenen Kinder und Jugendlichen in die Risikoeinschätzung einzubeziehen sind. Hinzu kommt, dass vorhandene Checklisten etc. noch zu häufig ausschließlich die Risiken erfassen ohne den Blick auf die vorhandenen Ressourcen der Betroffenen und des Umfeldes zu richten, die in eine Risikoabwägung ebenfalls einfließen müssen.

Eine große Chance in der Nutzung und fachlichen Abstimmung von Instrumenten sehen die beiden Autoren u.a. darin, dass damit Mindeststandards für die Erfüllung der Grundbedürfnisse von Kindern festgelegt würden, die die Gesellschaft dann auch zu garantieren hätte. Darüber hinaus könnte das Ausmaß von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche besser ermittelt und der Bedarf für Prävention und Therapie zuverlässiger diskutiert werden als heute.

Vorgestellt werden über 100, in Deutschland zum größten Teil unbekannte Verfahren, die von den Autoren für die Veröffentlichung übersetzt wurden. Es handelt sich u.a. um Fragebögen, Checklisten, Einstufungs- und Beobachtungsbögen und Screening-Verfahren, die sowohl Risiken erfassen sollen wie aber auch die Ressourcen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 15 Kapitel, die wiederum zahlreiche Unterkapitel enthalten. Jedes Kapitel enthält eine Einleitung zu seinem Schwerpunktthema sowie abschließend weiterführende Literaturhinweise.

Nach der Einleitung (1) behandelt das 2. Kapitel "Multidimensionale Erklärungsansätze zur Gefährdung des Kindeswohls und zur Kindesmisshandlung". Diese gliedern sich in 

  • "biopsychosoziale Bezugssystem der Ursachen von Entwicklungsstörungen und Kindesmisshandlung",
  • "Risiko- und Schutzfaktoren für die gesunde Entwicklung von Kindern",
  • ein "Überblick zu Modellvorstellungen der Risiko- und Schutzfaktoren",
  • "Risikofaktoren",
  • "Schutzfaktoren",
  • "Ressourcenpotential" und
  • "Risiko- und Schutzfaktoren bei Kindesmisshandlung".

Das 3. bis 8. Kapitel fokussiert die unterschiedlichen Formen der Misshandlung von Kindern. Im 3. Kapitel geht es um Risikoeinschätzungen von zukünftigen Kindeswohlgefährdungen und -misshandlungen durch Ausführungen zu

  • "Grundlagen und Probleme zum Screening des Misshandlungsrisikos",
  • "Screening vs. Diagnose",
  • "Zum Stand von Risikoeinschätzungen der Kindesmisshandlung in Deutschland" und
  • "Risikoanalyse und -management".

Das 4. Kapitel beschäftigt sich mit der Vernachlässigung von Kindern. In einem ersten Schritt werden grundlegende Informationen zur Problematik durch

  • "Definitionen von Vernachlässigung",
  • "Häufigkeit der Vernachlässigung" und
  • "Erfassung der Vernachlässigung" gegeben.

In einem 2. Schritt werden dann konkrete Instrumente vorgestellt, die folgende Überschriften tragen:

  • "Einstufung durch Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 15 Jahren",
  • "Einstufung durch Pflegekräfte bei Müttern von Neugeborenen im Rahmen von Hausbesuchen",
  • "Einstufung durch Fachkräfte nach den Grundbedürfnissen von Säuglingen",
  • "Einstufung der Grundbedürfnisse von Kindern und der elterlichen Kompetenzen nach dem Erhebungsbogen der Stadt Recklinghausen",
  • "Einstufung zur Grundversorgung von Kindern nach dem Stuttgarter Kinderschutzbogen" und
  • "Einstufung durch Mütter".

In der Zusammenfassung wird der weitere Entwicklungsbedarf angemessener Instrumente im Bereich der Kindesvernachlässigung betont.

Im 5. Kapitel wird auf die seelische Misshandlung eingegangen und 2 Instrumente in diesem Kontext vorgestellt:

  • "Emotional Abuse Scale für 13 bis 15 Jahre alte Kinder" und
  • "Risk of Psychological Maltreatment of Preschooler".

Das 6. Kapitel beschäftigt sich mit der körperlichen Misshandlung. Neben

  • dem "Child Injury Questionnaire",
  • dem "Child Abuse Potential Inventory",
  • der "Unfallprävention"

werden weitere Verfahren und Literaturhinweise geboten.

Im 7. Kapitel gibt es eine Abhandlung zum sexuellen Missbrauch, da er als Teil der sich überlagernden Formen von Kindesmisshandlung Berücksichtigung finden muss. Dennoch werden keine Verfahren zu seiner Klärung vorgestellt. Die Gründe hierfür werden ebenfalls aufgeführt.

"Partnergewalt" ist der Titel des 8. Kapitels. Vorgestellt werden

  • "Composite Abuse Scale bei Partnergewalt",
  • "Danger-Assessment-Questionnaire bei Partnergewalt",
  • "Screener for Domestic Violence Incidents bei Polizeieinsätzen" und
  • "The Abuse Disability Questionnaire für misshandelte Frauen".

Weiterführende Literatur und ein Fragebogen runden das Kapitel ab.

Das 9. Kapitel behandelt "Eltern-Kind-Beziehungen und Erziehungsstile". Vorgestellt werden hier folgende Verfahren:

  • "Das Familiendiagnostische Test-System bei Eltern mit Kindern von 9 bis 14 Jahren",
  • "Alabama Parenting Questionnaire für Kinder (6 bis 17 Jahre) und Eltern",
  • "Discipline Methods der Eltern",
  • "Das Erziehungsstil-Inventar für Kinder und Jugendliche von 8 bis 16 Jahren",
  • "Family APGAR: Kurzfragebogen zur elterlichen Zufriedenheit mit den familiären Beziehungen",
  • "Elternbild-Fragebogen für Kinder und Jugendliche (10 bis 18 Jahre) und Eltern",
  • "Züricher Kurzfragebogen zur Erfassung elterlicher Erziehungshaltungen für Kinder/Jugendliche (11 bis 17 Jahre) und Eltern",
  • "Erziehungsstilfragebogen für Eltern",
  • "Family Relations Test (FRT) für Vor- und Grundschüler",
  • "Das Parent-Child Relationshio Inventory für Eltern", "Fragebogen zum elterlichen Erziehungsverhalten (EEV) für Eltern",
  • "Fragebogen zu Erziehungseinstellungen und Erziehungspraktiken der eigenen Eltern für Erwachsene" und
  • "Fragebogen zur Selbstwirksamkeit verschiedener Familienmitglieder (Eltern und Jugendliche)".

Weitere Verfahren werden in einem kurzen Überblick geboten.

Das 10. Kapitel informiert über Instrumente zur Erfassung von "Temperament und Persönlichkeit":

  • "Infant Characteristics Questionnaire",
  • "Strengths and Difficulties Questionnaire" und
  • "Hare-Psychopathie-Checkliste für Erwachsene".

Auch dieses Kapitel wird mit einer Kurzdarstellung weiterer Fragebögen und Skalen abgerundet.

Unter dem Titel "Selbstwirksamkeit, Coping, Resilienz" werden im 11. Kapitel Verfahren zur Ermittlung der Ressourcen dargestellt:

  • "Allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) ab 12 Jahren",
  • "Resilienzskala ab 14 Jahren" und
  • "Self-Efficacy Questionnaire für Jugendliche" sowie "Weitere Fragebogen".

Das 12. Kapitel beschäftigt sich mit Instrumenten zur Erfassung der "Stressbelastung innerhalb der Familie". Folgende Verfahren werden dargestellt:

  • "Everyday Stressors Index für Erwachsene",
  • "Parenting Stress Index für Eltern",
  • "Parenting Profile Assessment für KrankenpflegerInnen",
  • "Social Readjustment Rating Scale für Erwachsene",
  • "Life Experiences Survey" und
  • "Kempe Family Stress Inventory".

In einer anschließenden Kurzübersicht werden weitere Fragebogen aufgezählt.

Im 13. Kapitel geht es um "Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung". Informiert wird über

  • "Social Provision Scale (SPA) für Eltern",
  • "Duke-UNC Funktional Social Support Questionnaire (FSSQ) für Eltern",
  • "Berliner Social-Support Skalen (BSSS) für Erwachsene",
  • "Leute um mich herum. Fragebogen zur Effizienz sozialer Netzwerke für Kinder/Jugendliche",
  • "Loneliness & Social Dissatisfaction Questionnaire für Kinder" und
  • "Inventory of Supportive Figures für Kinder".

Auch hier werden zur Ergänzung weitere Fragebogen in einer Übersicht benannt.

Im 14. Kapitel schließlich werden "Sonstige Fragebogen" dargestellt. Dabei handelt es sich um

  • "Neighborhood Risk Assessment",
  • "Family Visitation Observation Form (Einstufungen der Eltern-Kind-Beziehung bei betreutem Umgang)",
  • "Brigid Collins Risk Screener zur Erfassung des Misshandlungsrisikos durch Mütter vor der Geburt",
  • "Fragebogen zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen (KINDLR)" und
  • "Rückfallrisiko bei Sexualstraftätern (RRS)".

Das 15. und letzte Kapitel bietet einen Überblick über "Bereichsübergreifende (Risiko-)Einstufungen und zusammenfassende Befundüberblicke". Informiert wird über

  • "Child Care HOME Inventories für Kleinstkinder (bis 3 Jahre) und Kindergartenkinder (3 bis 6 Jahre)",
  • "California Family Risk Assessment Scale",
  • "Michigan Instrument zur Einschätzung von Misshandlungsrisiken",
  • "California Family Strengths and Needs Assessment für Bezugspersonen und Kinder",
  • "Einstufungsbogen zum Schweregrad von Kindesmisshandlungen",
  • "Das Patienten/Probanden-Einstufungs-Gitter" und
  • "Weitere Einstufungen, Indizes, Befundüberblicke".

Diskussion

Der große Verdienst der Veröffentlichung von Deegener und Körner ist die Zusammenstellung von über 100 Verfahren, die in Deutschland zum großen Teil unbekannt sind und für die Veröffentlichung von den Autoren übersetzt wurden. Damit wird ein guter Überblick über bestehende Screening-Verfahren, Fragebögen, Checklisten, Einstufungs- und Beobachtungsbögen sowie Risikoeinschätzungsinstrumente aber auch von Instrumenten zur Erfassung vorhandener Ressourcen, geboten. Angesichts der derzeitigen Ausbreitung in der Praxis von Instrumenten zur Erfassung des Risikos einer Kindeswohlgefährdung im Kontext des § 8a SGB VIII und deren Diskussion ist diese Veröffentlichung mit ihren zahlreichen und vielfältigen Informationen und Darstellungen sehr hilfreich.

Dabei stellen die dargestellten Verfahren nicht nur auf die Erfassung von Gefährdungssituationen ab, sondern könnten in der konkreten Fallarbeit, unabhängig von einer Kindeswohlgefährdung eine gute Grundlage für die Entwicklung angemessener Hilfen und Unterstützung sein. Deutlich wird beim Studium der Instrumente, wie sehr sie helfen, eigene Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse zu strukturieren, blinde Flecken zu vermeiden, die gezielte Wahrnehmung und Genauigkeit der Beobachtung zu schärfen, Fakten und Informationen zu sortieren und zu gewichten und somit über die Beschreibung relevanter Faktoren die sachliche Basis für Bewertungen zu verbreitern. 

Nicht nur, dass in Deutschland bisher der Einsatz von Instrumenten zu einer systematischen Erfassung der Lebenssituationen von Mädchen und Jungen und ihrer Familie viel zu wenig gelebte Praxis ist, fällt insbesondere unter den Vorgaben des § 8a SGB VIII auf, dass es kaum Instrumente gibt, die die Einbeziehung der Eltern und Kinder in eine Risikoabschätzung gewährleisten. Auch hierzu werden in der Veröffentlichung bestehende Verfahren aufgezeigt.

Besonders hervorzuheben ist das Anliegen der beiden Autoren, Verfahren aufzuzeigen, die nicht nur eine Form der Gewalt gegen Mädchen und Jungen fokussieren, sondern Instrumente darzustellen, die ganzheitlicher die unterschiedlichen Formen der Gewalt in ihrer Verschränkung berücksichtigen und damit der tatsächlichen Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen Rechnung tragen.

Aufgezeigt wird darüber hinaus, zu welchen Aspekten und in welchen Bereichen weiterer Bearbeitungs- und Entwicklungsbedarf besteht sowie die Notwendigkeit einer besseren Kooperation von Praxis und Wissenschaft.

Fazit

Das Buch ist sowohl für in der Forschung Tätige wie für Praktikerinnen und Praktiker in den Arbeitsfeldern, in denen der berufliche Umgang mit Mädchen und Jungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Gewalterfahrungen machen müssen, Alltag ist. Das gilt für spezialisierte Beratungsstellen, die Jugendhilfe insgesamt, aber u.a. für Lehrer/-innen und Erzieher/-innen.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 13.12.2007 zu: Günther Deegener, Wilhelm Körner: Risikoerfassung bei Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Theorie, Praxis, Materialien. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2006. ISBN 978-3-89967-318-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4899.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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