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Uwe Fleischer: Pädagogik am Berg. Anthropologische Betrachtung und metaphorisches Lernen am Beispiel erlebnispädagogischer Bergfahrten

Uwe Fleischer: Pädagogik am Berg. Anthropologische Betrachtung und metaphorisches Lernen am Beispiel erlebnispädagogischer Bergfahrten. Logos Verlag (Berlin) 2007. 190 Seiten. ISBN 978-3-8325-1396-2. D: 14,80 EUR, A: 15,20 EUR, CH: 26,90 sFr.

Berliner Arbeiten zur Erziehungs- und Kulturwissenschaft, Band 31.
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Thema

Die Berge, das Klettern und Bergsteigen, die Expedition und das Trekking haben schon manchen Pädagogen dazu inspiriert, über die erzieherischen Möglichkeiten nachzudenken. Helga Peskoller hat mit ihrer Habilitationsschrift "BergDenken" einen ordentlichen Lesebrocken vorgelegt, Lydia Kraus und Martin Schwiersch haben mit ihrer Leidenschaft und ihrem Fachwissen die alpine Erlebnispädagogik ("Die Sprache der Berge") bereichert und Bischof Stecher berührt uns mit seiner "Botschaft der Berge".

Aufbau …

Uwe Fleischer hat sich nun auch der "Pädagogik am Berg" verschrieben. Dabei versteht er seine Abhandlung als anthropologische Betrachtung mit einem großen Anteil an Metaphern. Der fulminanten Einleitung folgen sechs Kapitel, die mit

  1. "Reisevorbereitungen" (sozusagen ins Buch und ins Thema),
  2. "Sitzgurt" (Ausführungen zur Geschichte der Erlebnispädagogik),
  3. "Reiseproviant" (Grundlagen der modernen Erlebnispädagogik),
  4. "Biwak" (die Erlebnisgruppe),
  5. "Das Seil" (Geschichte des Kletterns) und
  6. "Der Kletterschuh" (Erziehungswissenschaften meet Sportwissenschaften)

metaphorisch betitelt werden.

… und Inhalt

  • Die Einleitung ist wie gesagt fulminant und fesselt die Leserin mit einer spannenden Geschichte. Gerne übersieht man einige kleine Fehler (S. 10: 2 gehört ausgeschrieben, S. 3: "das" statt "dass" und die falschen Anführungszeichen). Auch dem Hinweis auf angeblich unbefriedigende Literatur zum erlebnispädagogischen Klettern (S. 11) muss man nicht unbedingt zustimmen.
  • Auf hohem philosophischem Niveau und mit kleinen lästigen Fehlern kommt das erste Kapitel daher. Es geht um die "Stille des Steigens" (S. 17) und um die Höhe der Berge, wo sich die "Erfahrungen besser einprägen." (S. 14) Das klingt plausibel, man möchte den Gedanken gerne nachvollziehen und bejahen, bewiesen ist er jedoch nicht. Trotzdem ist dieses Kapitel ein Lesegenuss, das zum Weiter- und Nachdenken anregt, das Gedanken vertieft.
  • Erfreulich kurz gehalten ist das zweite Kapitel zur Geschichte der Erlebnispädagogik. Vieles ist der "Einführung in die Erlebnispädagogik" von Heckmair, Michl entnommen (München 2004), wenngleich diese Rousseau und Thoreau zunächst als Vordenker der Erlebnispädagogik hochstilisiert haben und dies nun als Konstrukt betrachten, gerade weil so viel Autoren es abgeschrieben haben. Ein Verweis auf dieses Buch hätte nicht geschadet, denn der Aufbau entspricht dem Original eins zu eins, und auch die Überschrift zu Kapitel 3.1.3 (S. 45) wurde wortwörtlich übernommen. 
  • Auch im dritten Kapitel mangelt es sowohl an passenden Zitaten als auch am Nachweis wörtlicher Stellen, so fehlt z. B. auf Seite 47 der Literaturhinweis zum Stichwort "Erlebnis". Auch die Definition von Heckmair, Michl (S.49) wird über das Buch von Annette Reiners zitiert. Wissenschaftlich sauber ist das nicht, auch nicht der Verweis "Portele" in Anmerkung 58 (S. 49). Woher das Säulenmodell auf Seite 51 (Abb. 2) stammt oder die Abbildung 5 (S. 56), erfährt der Leser leider auch nicht.
  • Sehr lohnend ist das vierte Kapitel, in dem es um die Erlebnisgruppe geht. Grundlage dürfte das leider in Vergessenheit geratene gleichnamige Buch von Walter Fürst sein. Hier werden alle Facetten von Erlebnis- und Gruppenpädagogik ausgeleuchtet. Grenzerfahrung ist ein Stich- und Reizwort. Besonders inspirierend ist die Abbildung 8 (S. 103), die "Grenzerlebnistypen" festhalten will, ebenso wie die weiteren Ausführungen über "Körpererfahrungen als Lernprozess" (S. 106 ff).
  • Das fünfte Kapitel versucht sich an einer "Geschichte des Kletterns" (S. 120 ff). Obwohl dies durchaus spannend ist, stellt sich die grundsätzliche Frage, ob dieses Thema im Rahmen dieses Buches überhaupt notwendig ist. Trotzdem bringt die Abbildung 10 (S. 125) eine gute Übersicht zu den Spielformen des Kletterns.
  • Im letzten Kapitel, in dem sich die Erziehungs- und die Sportwissenschaften treffen, - warum "meet"? Muss das sein? - läuft der Autor wieder zur Hochform auf. Allerdings nimmt auch die Fehlerquote (z. B. S. 163 drei Fehler, S. 171 vier Fehler, S. 176 "Kletterprogrammabspielhilfe") zu. Gut, kleine Verlage können sich keinen Lektor leisten, daher braucht es aber eine Schar Freunde, der deutschen Rechtschreibung mächtig, um die meisten Fehler zu tilgen.

Fazit

Insgesamt liegt eine Abhandlung vor, die uns in geistige Höhen entführt und in manche Tiefen führt, das durchaus glanzvolle Passagen bietet und manchmal banale Fehler enthält. Mit einem guten Lektor oder einem Hochschullehrer, der sich als Mentor versteht, hätte ein noch besseres Buch daraus werden können. Immer merkt man, dass der Autor aus eigener Erfahrung spricht, dass er sich dem Thema engagiert verschreibt und dass er seine Liebe zur Philosophie mit seiner Leidenschaft für das Klettern verbindet.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 25.12.2007 zu: Uwe Fleischer: Pädagogik am Berg. Anthropologische Betrachtung und metaphorisches Lernen am Beispiel erlebnispädagogischer Bergfahrten. Logos Verlag (Berlin) 2007. ISBN 978-3-8325-1396-2. Berliner Arbeiten zur Erziehungs- und Kulturwissenschaft, Band 31. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4905.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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