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Mike Davis: Planet der Slums

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 20.12.2007

Cover Mike Davis: Planet der Slums ISBN 978-3-935936-56-9

Mike Davis: Planet der Slums. Assoziation A (Berlin) 2007. 247 Seiten. ISBN 978-3-935936-56-9. 20,00 EUR. CH: 33,90 sFr.
Originaltitel: Planet of slums.

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Mega-Slums als Menetekel der Weltentwicklung

Als beim UN-Weltgipfel Habitat im Oktober 2003 der Bericht "The Challenge of Slum" vorgelegt wurde, da war das öffentliche Erstaunen erst einmal groß. Die vom Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen (Habitat) gelieferten Daten zur Situation von Menschen, die in einer "überfüllten, ärmlichen bzw. informellen Unterkunft ohne angemessenen Zugang zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen sowie ungesicherter Verfügungsgewalt über Grund und Boden" leben, so lautet die offizielle Definition des Begriffs "Slum", haben das Schlagwort von der "Urbanisierung der Welt" hervor gebracht. Nach Schätzungen gibt es weltweit mehr als 200.000 städtische Gebiete, die als Slums bezeichnet werden können. Die aktuelle Entwicklung hin zur Verstädterung stellen die bereits 1972 als Warnung über die "Grenzen des Wachstums" vom Club of Rome publizierten Szenarien längst in den Schatten. Das Anwachsen der städtischen Bevölkerung, vor allem in den Ländern des Südens der Erde, hat Begriffe wie "Megalopolis", "Hyperstadt"; "Deskota" oder "metropolitane Region" hervor gebracht, mit denen nur andeutungsweise das Problem des Anwachsens von städtischen Zentren beschrieben wird. Zurzeit werden rund 400 Städte gezählt, mit einer Einwohnerzahl von über einer Million Menschen; für das Jahr 2015 werden es voraussichtlich rund 550 sein. Aktuell leben heute bereits mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, 3,2 Milliarden Menschen, in urbanen Bereichen. Die Liste der Mega-Citys in der so genannten Dritten Welt liest sich wie eine Hit-Steigerung: Mexiko-Stadt = mehr als 22 Millionen Menschen;  Seoul-Injon: 22; S‹o Paulo: 20; Munbai (Bombay): 20; Dehli: 19; Jakarta 17; Dhaka, Kalkutta, Kairo: je 16; Lagos: 14… Die Menschen, die in den "Slum-Landschaften" leben, suchen Auswege aus Armut, Hoffnungs- und Arbeitslosigkeit. Diese Flucht in die urbanen Gebiete vollzieht sich in den seltensten Fällen geplant und gesteuert von administrativen Stellen, sondern erfolgt als "piratische Urbanisierung", als illegale Besetzung und Besitznahme von Räumen und den Aufbau von meist primitiven Unterkünften, mit unzureichenden, unsicheren und ungesunden Materialien und fehlender Infrastruktur, was etwa in Kolumbien die Bezeichnung "urbaniziaciones piratas" geprägt hat.

Failed cities

Die Gründe für diese Entwicklung, die sich nach Einschätzung der Habitat-Experten in den nächsten Jahrzehnten weiter fortsetzen wird, sind vielfältig. Der 1946 in Kalifornien geborene Mike Davis ist mit seinen zahlreichen soziologischen und historischen Forschungsarbeiten insbesondere als Experte für globale, soziale Fragen hervor getreten. Das Buch "Planet der Slums" ist eine eindeutige Warnung an die Welt der Mächtigen, Wohlhabenden und Besitzenden, umzudenken und sich umzuorientieren: "Die Zukunft der menschlichen Solidarität wird tatsächlich von der entschlossenen Weigerung der neuen städtischen Armen abhängen, ihre endgültige Marginalisierung innerhalb des globalen Kapitalismus zu akzeptieren". Damit ist der Tenor seiner Kritik an der Entwicklung in der Welt formuliert. Es geht gegen die hyper-kapitalistischen und neo-liberalen Mächte, gegen die Kriminalisierung der urbanen Habenichtse durch die Herrschenden und Besitzenden; schließlich auch gegen die Initiativen der Machthabenden, geopolitische Strategien zur Erhaltung des Status Quo und zum auch militärischen Kampf gegen die "failed cities" vorzugehen. Diese geradezu horrormäßigen Vorstellungen und Überlegungen kennzeichnen denn auch, nach Mike Davis, die Unfähigkeit der Mächtigen, "die brutalen Verwerfungen der neoliberalen Globalisierung" zu stoppen und die Proletarisierung und Verarmung eines Großteils der Menschheit zu verhindern. Mit seiner historisch, politisch und ökonomisch unterfütterten Argumentation spart er nicht mit drastischen Worten und Vorwürfen; etwa wenn er die aus neoliberaler Betrachtung scheinbare Lösung aus dem Dilemma, die Entwicklung des informellen Sektors, als von Wunschdenken getragenen Mythos bezeichnet, gar als "Hobbes'sche Hölle" benennt und als "lebendes Museum der menschlichen Ausbeutung" deklariert. Angesichts der auch nach offiziellen Statistiken, Analysen und Forschungsergebnissen "vor Ort", also in den Zentren der Slum-Landschaften der Welt ermittelten Daten und Situationen, wird man Mike Davis nicht vorwerfen können, er male Horrorszenarien und Weltuntergangsstimmungen an die Wand. Vielmehr korrespondieren seine Warnungen und Fingerzeige ja in der Tat mit konkret wahrnehmbaren und fackelnden Zeichen der Unzufriedenheit und des Aufstandes der Betroffenen - ob in den lateinamerikanischen Favelas, der indischen Chawls, der amerikanischen Suburbs, der afrikanischen Bidonvilles, den Vororten von Paris und London, den Elendsquartieren von Istanbul und anderswo. Die Reaktionen der Benachteiligten auf ihre Ausgegrenztheit äußern sich in brennenden Autos und Gebäuden, verbarrikadierten Straßen, von Radikalisierung und Fundamentalismen, aber auch in den Fluchten von sektiererischen, religiösen und ideologischen Bewegungen; die der Bevorzugten in dem Bau von immer höheren Mauern und Zäunen um ihre Besitztümer und der Ausklügelung von wirksameren Sicherheits- und Sicherungssystemen. Die euphorisch und effektvoll von den Vereinten Nationen im Jahr 2000 propagierten Millenniumsziele werden mittlerweile vom Jahr 2015 auf 2050 verlängert, von nicht wenigen Experten gar auf das Sanktnimmerleinsjahr.

Urbane Wende

Auf die globale "urbane Wende" , wie sie von Mike Davis dargestellt wird, kann nicht mit konventionellem Denken und neoliberalem Handeln reagiert werden. Vielmehr besteht die intellektuelle, politische und global-gesellschaftliche Herausforderung darin - das dürfte denn auch die wesentliche Aussage in Davis’ Buch sein - unsere Vorstellungen von Stadt - Land - Beziehungen zu verändern. Die Großstädte und Megacitys der gerade begonnenen Zukunft der Erde werden "nicht aus Glas- und Stahlkonstruktionen bestehen, wie es sich frühere Generationen von Urbanisten ausgemalt haben, sondern eher aus grobem Backstein, Stroh, recyceltem Plastik, Zementblöcken und Abfallholz". Das ist keine lichtvolle und auf Hochglanzpapier darstellbare Zukunft der Städte der Erde. Genau so wenig, wie es als Reaktion auf die sich immer interdependenter entwickelnde Welt ein "Zurück auf die Bäume" gibt, wird es für die zunehmende Zahl der Menschen auf der Erde ein "Zurück aufs Land" geben; denn die Unterscheidung von Stadt und Land ist aufgehoben in der Urbanisierung der Menschheit. Zu besichtigen ist diese Entwicklung bereits heute im Zusammenwachsen der Region der Metropolen Rio und S‹o Paulo in Brasilien als "Extended Metropolitan Region" mit einer bisherigen Bevölkerungszahl von rund 37 Millionen Menschen, fast die Hälfte der Menschen, die in Deutschland leben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung bis 2050 auf rund 9,2 Milliarden Menschen ansteigen. Zwar werden in Europa bis dahin rund 67 Millionen Menschen weniger leben als heute; aber vor allem der bevölkerungsreichste Kontinent Asien wird bis 2050 auf weitere 1,3 Milliarden Menschen, auf dann 5,3 Milliarden, anwachsen.

Fazit

Mike Davis kann bei seiner Analyse keine Lösung anbieten, die das bisherige Mentalitäts- und Entwicklungsdenken der Mächtigen befördern und beruhigen könnte; ein Immer-mehr- immer weiter-immer-höher immer-schneller kann es für die Gegenwart und Zukunft der Menschheit nicht geben, will sie überleben. Vielmehr ist sein Appell darin zu verstehen, endlich umzudenken, anders zu leben und jedem Menschen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen; so wie dies die Weltkonferenz "Kultur und Entwicklung" (1995) eindringlich zum Ausdruck bringt und nie oft genug zitiert werden sollte: "Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden". Eine humane, urbane Lebensform gehört dazu!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1727 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245