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Christoph Schneider-Harpprecht, Sabine Allwinn (Hrsg.): Psychosoziale Dienste und Seelsorge im Krankenhaus

Cover Christoph Schneider-Harpprecht, Sabine Allwinn (Hrsg.): Psychosoziale Dienste und Seelsorge im Krankenhaus. Eine neue Perspektive der Alltagsethik. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2005. 264 Seiten. ISBN 978-3-525-62383-1. 26,90 EUR.
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Thema

Die gegenwärtigen Diskussionen im Gesundheitsbereich kreisen um Begriffe wie Kostendämpfung, Rationalisierung, Effektivitätsgewinn. Die Verweildauer von Patienten im Krankenhaus ist in diesem Zusammenhang ebenso Thema wie der Sinn bestimmter Operationen bei PatientInnen, die eine bestimmte Altersgrenze überschritten haben. Wenn Sparen das Hauptthema ist, taucht irgendwann beinahe zwangsläufig die Frage auf, welche Patienten man "sich sparen" kann. In der Einleitung zu dem vorliegenden Band heißt es: "Vor einem solchen Hintergrund geraten ethische Diskussionen wie die aktive Sterbehilfe in Gefahr, in den Dienst von Spardiskussionen gestellt zu werden." (S. 7) Das allerdings wäre dann nur die Spitze des Eisberges, dessen Basis der Umgang mit kranken Menschen in Institutionen des Gesundheitssystems überhaupt ist: "Es geht darum, auszuloten, wie sich insbesondere in den großen Institutionen des Gesundheitswesen, den Krankenhäusern, eine ethisch vertretbare Kultur entwickeln lässt." (S. 8) Das erfordert einen umfassenden Blick auf die im Krankheits- und Behandlungsverlauf entstehenden Fragen und Probleme, wobei "umfassend" vor allem bedeutet: interdisziplinär zwischen medizinischem Bereich, Verwaltung, sozialen Diensten und Seelsorge.

Herausgeberin und Herausgeber

Sabine Allwin ist Professorin für Psychologie an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg und leitet dort den Fachbereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Themen: Soziale und psychische Bewältigung schwerer Belastungen wie Krebs, Unfälle, traumatische Berufserfahrungen z.B. bei Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdiensten. Christoph Schneider-Harpprecht war dort Professor für Evangelische Theologie und Rektor und hat Ende 2006 die Stelle eines Oberkirchenrates für Bildung und Erziehung in der Badischen Landeskirche übernommen.

Aufbau

Die sieben Kapitel des Bandes lassen sich in drei thematische Gruppen fassen.

1 Patientenperspektive

Der erste Teil nimmt die Patientenperspektive ein.

  • Den ersten und umfangreichsten Beitrag des Bandes stellt der Aufsatz "Krankheitsbewältigung als individueller, interaktiver und sozialer Prozess" von Sabine Allwinn dar. Medizin und Psychologie neigen dazu, Krankheit als eine vom Kranken losgelöste oder doch jedenfalls abstrahierbare Entität zu verstehen. Auf diesem Hintergrund ist schon die Frage nach der Interaktion Patient-Krankheit eine Perspektiverweiterung. Allwinn referiert die Forschungsergebnisse zur intrapsychischen Krankheitsbewältigung, weitet die Perspektive dann aber noch einmal in Richtung einer "sozialen Krankheitsbewältigung" und fragt nach Wirkungen und Wechselwirkungen einer sozialen Unterstützung für Kranke und Angehörige. Damit vergrößert sich der Kreis der Personen, die auch für ethische Fragestellungen relevant sind: Patient, Angehörige, professionelle HelferInnen. Das ergibt ein enges Geflecht von realistischen und unrealistischen Erwartungen und Sehnsüchten sowie mglw. von Allmachts- oder Ohnmachtsphantasien. Allwinn schließt: "Soziale Regeln, die von unrealistischen Vorstellungen vom Menschenmöglichen ausgehen, die also Verhaltensweisen fordern, die ihre Adressaten nicht erbringen können, sind unethisch." (S. 104)
  • Der zweite Beitrag, der sich mit der Patientenperspektive befasst, trägt den Titel "Sterben im Krankenhaus - eine Bestandsaufnahme", sein Autor ist Schneider-Harpprecht. Sterben im Krankenhaus ist weitgehend zum "Normalfall" geworden, nicht zuletzt deshalb, weil Menschen, bei denen es auf das Sterben zugeht, noch mit dem Notarztwagen in das Krankenhaus gebracht werden. Im Gegensatz dazu wünschen sich die weitaus meisten Menschen, zu Hause sterben zu können. Wunsch und Wirklichkeit klaffen also weit auseinander. Engagierte Gruppen wie die Hospizbewegung bewerten die eigenen vier Wände als den "besseren Ort" für das Sterben. Der Autor hält diese Alternative für falsch und plädiert stattdessen dafür, dass jedem Menschen, wo auch immer, ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht wird - möglichst zuhause, wenn nötig, im Krankenhaus. Aber: "Menschenwürdiges Sterben im Krankenhaus ist nur möglich, wenn sich im Krankenhaus eine Sterbekultur entwickelt, in deren Rahmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Kompetenz zur angemessenen Behandlung, Pflege und Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen erwerben können." (S. 108) Letztlich geht es um die Entwicklung und Stärkung einer ethischen Haltung zum Thema Sterben.

2 Soziale Arbeit und Seelsorge im Krankenhaus

Die zweite thematische Gruppe umfasst die Kapitel drei und vier.

  • Kristina Skarke thematisiert in ihrem Beitrag "Profil beweisen - Stellungnahme der Sozialen Arbeit" die Problematik, dass der Krankenhaussozialdienst ständig in der Gefahr steht, zu einem Rationalisierungsinstrument zu werden. Die Ausdifferenzierung neuer Berufsbilder wie Case- oder Überleitungsmanager mindert dieses Risiko keineswegs. Die Soziale Arbeit im Krankenhaus muss aus der Selbst-Reflexion ein neues Selbst-Bewusstsein gewinnen und ihre Arbeit in kommunikativer Zusammenarbeit der verschiedenen Funktionskreise (Verwaltung, Psychosoziale Dienste, medizinischer und pflegerischer Bereich) zu tun. Wichtig ist dabei die Verständigung über eine normative Ethik, die konkret genug ist, dass sie Handlungssicherheit im Alltag gewährleisten kann. 
  • In diesem Zusammenhang kommt auch der Krankenhausseelsorge eine besondere Rolle zu. Schneider-Harpprecht entwirft in seinem Beitrag "Das Profil der Seelsorge im Unternehmen Krankenhaus" das Konzept einer integrativ im System Krankenhaus arbeitenden Seelsorge. Die der Krankenhausseelsorge eigentümliche Spannung zwischen dem Arbeitsfeld Krankenhaus und dem Dienstherrn Kirche muss nicht als Belastung, sondern kann auch als eine produktive Spannung genutzt werden. Wenn die Krankenhausseelsorge die eigene Marginalisierung im System verhindern will, muss sie ihre Relevanz aufzeigen können und sich, in Kooperation mit dem Sozialen Dienst, als ein zentraler Dienstleistungsbereich des Hauses positionieren.

3 Psychosoziale Berufe im System Krankenhaus

  • Die eigene Relevanz kann die Krankenhausseelsorge vor allem in ihrem Kernbereich erweisen, nämlich in ihrer ethisch-moralischen Kompetenz. Danach fragt Schneider-Harpprecht im fünften Kapitel des Bandes: "Ethisch-moralische Kompetenz in der Seelsorge", und er schlägt einen spannenden Bogen von dem philosophisch-theologischen Konzept einer Verantwortungsethik  über die grundlegenden Kompetenzen, die zusammen eine ethische Kompetenz ausmachen bis hin zum Aufzeigen konkreter Felder im Krankenhausbetrieb, in denen der ethische Beitrag der Seelsorge gefragt und hilfreich ist.
  • "Seel-Sorge" sorgt für die Seele. Das ist gewiss auch im Kontext des Krankenhauses nicht nur die erste Assoziation, sondern auch eine reflektierte Wahrnehmung. Inzwischen aber ist der Leib in der Seelsorge wiederentdeckt, wie Schneider-Harpprecht in seinem Beitrag "Leib-Sorge? Die Wiederentdeckung des Leibes in der Seelsorge" feststellt. Unter Aufnahme von körperorientierten Therapieformen  wie Gestalttherapie, Bioenergetik, Psycho- und Bibliodrama und in der Adaption ganzheitlicher Seelsorgekonzepte  entwirft Harpprecht den Entwurf einer Seelsorge, die eine eigene, nämlich interdisziplinäre und mehrdimensionale  Sicht auf den Körper einnimmt. Zudem entwickelt die Seelsorge ihren eigenen Zu-Gang zum Körper: durch Berührungen, Segensgesten, Salbungen, Essen und Trinken im Abendmahl etc.
  • Das letzte, von alle drei AutorInnen verfasste Kapitel trägt die Überschrift "Psychosoziale Dienste und Seelsorge als vierte Säule im Krankenhaus" und fasst vieles des zuvor Gesagten zusammen in dem Plädoyer, Seelsorge und Soziale Dienste als "vierte Säule" des Systems Krankenhaus neben Verwaltung, medizinischem und pflegerischen Bereich zu positionieren. Programmatisch ist der Satz: "Eine schiedlich-friedliche Abtrennung der Felder - dem Arzt der Körper, dem Psychologen die Emotionen, dem Seelsorger der Transzendenzbezug, dem Sozialarbeiter das soziale Netz . ist unmöglich und absurd, weil der Mensch, um den es geht, eine Einheit ist." ( S. 223)

Diskussion

Hoffentlich signalisiert der Titel nicht genau die Marginalität, die der Text vermeiden will. Wer wird zu dem Buch greifen? Vermutlich doch zuerst SozialarbeiterInnen und SeelsorgerInnen im Krankenhausbereich. Die wird es freuen zu lesen, dass ihr Dienstbereich nicht marginal sein muss. Aber ist es vorstellbar, dass ein Chefarzt den Titel so spannend findet, dass er das Buch sofort bestellt? Oder ein Verwaltungsdirektor? Oder eine Stationsleitung? Und dabei könnten gerade diese Dienstbereiche den Band mit Gewinn lesen: sie würden ein wichtiges Korrektiv zu einer einseitig an somatischen Maßnahmen orientierten Medizin und Pflege sowie zu einer einseitig an ökonomischer Effektivität orientierten Verwaltung gewinnen. Da aber die Chance gering ist, dass die genannten Berufsgruppen sich mit dieser Publikation auseinandersetzen, bleibt wohl, um die Gedanken dennoch im System Krankenhaus wirksam zu machen, nur der Weg, den das Buch ja auch beschreitet: der Weg der Selbstvergewisserung von Seelsorge und Sozialer Arbeit. So lese ich diesen Band: als Vergewisserung in den Fragen "Wo stehen wir?", "Wo wollen wir uns positionieren?", "Welchen Beitrag wollen und können wir leisten zu einem menschenwürdigen Leben und Sterben?"

Die Stärke dieser Publikation liegt in ihrem deutlichen ethischen Akzent und in dem Interesse, diese Orientierung alltagstauglich zu konzipieren und alltagswirksam werden zu lassen. Auch eine im christlichen Glauben begründete normative Ethik kann heute nicht mehr mit absoluten Werten in den Dialog gehen, um dann die anderen argumentativ zu überzeugen. Vielmehr wird sie ihre Maximen kommunikativ entwickeln und begründen und sich dann nicht zu schade sein, ihre Positionen in die konkreten Fragestellungen klinikinterner Ethikkonsile und in die Beratung ethischer Konfliktsituationen einzubringen. Eine profilierte ethische Position, die breit wirksam wird im Krankenhausbereich, bildet das notwendige systemische Ausgleichsgewicht zu ökonomischem Druck und Konzentration auf physische Wirkzusammenhänge.

Aber für die Seelsorgediskussion selbst finde ich den Band sehr spannend, weil er psychotherapeutische Konzepte zusammenführt mit einer Seelsorge als "christlicher Hilfe zur Lebensführung", und dabei wieder einmal die Ganzheit des Menschen betont. Der Leib des Menschen steht im Krankenhaus ohnehin im Fokus der Aufmerksamkeit, aber häufig in der objektivierten Sicht des Leibes, den ein Mensch hat. Körperorientierte Seelsorge wendet sich dem Leib zu, der ein Mensch ist. Es beginnt sich auch außerhalb des Bereiches der Krankenhausseelsorge zum Beispiel in der gottesdienstlichen Arbeit herumzusprechen, dass Menschen nicht nur verbal berührt werden können.

Wenn schon der pessimistische Einstieg vermutet hat, wer das Buch nicht lesen wird, soll jetzt gesagt werden, wer das Buch unbedingt lesen sollte: auf jeden Fall KrankenhausseelsorgerInnen und MitarbeiterInnen des Sozialdienstes. Und dann sollten Sie möglichst sofort einen kleinen Zirkel einrichten, um die Beiträge zu diskutieren. Darüber hinaus sollten auch SupervisorInnen, die im Bereich klinischer Pflege Menschen beraten, den Band zur Kenntnis nehmen, denn er gibt gute Einblicke in zentrale Fragen des Krankenhausbetriebes, die gleichwohl zu selten thematisiert werden. Das Buch kann helfen, zu einer begründeten eigenen ethischen Haltung zu kommen.

Fazit

Ein rundum empfehlenswertes Buch, dessen Lektüre auf jeden Fall gewinnbringend sein wird!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 16.07.2007 zu: Christoph Schneider-Harpprecht, Sabine Allwinn (Hrsg.): Psychosoziale Dienste und Seelsorge im Krankenhaus. Eine neue Perspektive der Alltagsethik. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-525-62383-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4925.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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