socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rolf D. Hirsch: Supervision, Teamberatung, Balintgruppe

Cover Rolf D. Hirsch: Supervision, Teamberatung, Balintgruppe. Professionalisierung in der Altenarbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2002. 2. überarb. Auflage. 311 Seiten. ISBN 978-3-497-01535-1. 24,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung

Die Arbeit mit alten Menschen ist ein Feld, in dem die Mitarbeitenden vielfältigen Anforderungen und Belastungen ausgesetzt sind. Gutwilligkeit und Menschenliebe reichen als Qualifikationen längst nicht mehr aus. Effektivitätsforderungen von Seiten der Träger halten die Personaldecke möglichst knapp. Die verstärkte Pflegebedürftigkeit der zu betreuenden Menschen erfordert gleichzeitig mehr Zeit und bessere pflegerische Kenntnisse. Die Pflegeversicherung rechnet nach Modulen ab, bei denen das seelische Wohl keine Rolle spielt. Solchen und anderen Anforderungen soll durch eine Professionalisierung der Mitarbeitenden begegnet werden. Als wesentliche Beiträge dazu stellt Hirsch Supervision, Balintgruppenarbeit und mehrdimensionale Teamberatung vor.

Hintergründe

Der Autor wird in dem Band folgendermaßen vorgestellt: "Prof. Dr. phil. Dr. med. Rolf D. Hirsch, Dipl. Psych., Nervenarzt, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse, Leitender Arzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie und des Gerontopsychiatrischen Zentrums der Rheinischen Kliniken Bonn, Honrarprofessor für Psychogerontologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Autor zahlreicher Fachbücher." Die Kompetenz des Autors scheint mir damit hinreichend begründet zu sein: er ist sowohl in psychotherapeutischen Fragen als auch in Fragen der Altenarbeit bestens bewandert und kennt sowohl die Supervisions- als auch die Balintarbeit aus eigener umfangreicher Praxis und hat aus beiden sowie aus profundem medizinischen und psychologischen Wissen eine "mehrdimensionale Teamberatung" entwickelt.

Gliederung

Die Titelsujets "Supervision, Teamberatung, Balintgruppe" werden in den z.T. sehr umfangreichen letzten drei Kapiteln des Bandes vorgestellt. Zuvor wird das Arbeitsfeld "Altenarbeit" ausführlich und informativ dargestellt. Die Arbeitsfelder, die Arbeitsbeziehungen und Belastungen in der Arbeit mit alten Menschen stehen am Anfang, die Bewältigungsmöglichkeiten der Belastungen folgen. Die Beziehung Helfer – Hilfe-Suchender werden unter die Lupe genommen – kein unwichtiges Kapitel, da die Balintarbeit vor allem mit dem Mittel der Beziehungsanalyse arbeitet. Helfersyndrom und "Burn-out" sind Stichworte, die ebenso wenig fehlen können wie das Thema Aggression und Gewalt. Dass auch "Heiterkeit und Humor" ein Kapitel ergeben, macht den Autor sympathisch. Ein Blick auf Gruppenprozesse und Möglichkeiten der Aus-, Fort- und Weiterbildung für Mitarbeitende in der Altenarbeit runden den Überblick über das Arbeitsfeld ab.

Zielgruppen

Das Buch von Hirsch ist ein Fachbuch. Als solches wendet es sich an ein Fachpublikum: Studenten und Profis in der Gerontologie, der Gerontopsychiatrie oder auch Balintgruppenleiter und Supervisoren, die sich einen Überblick über das Feld der Altenarbeit verschaffen möchten. Weniger zu empfehlen ist das Werk für Pflegekräfte, sie sich über die Möglichkeiten einer Balint- oder Supervisionsgruppe informieren möchten.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Ich muss gestehen: schon bei der Autorenvorstellung (deshalb habe ich sie oben zitiert!) fühlte ich mich etwas erschlagen von den vielen Titeln und Qualifikationen des Autors – mit dem Buch geht es mir streckenweise nicht besser! Es ist nicht nur die Fülle des Stoffs, die erschlagend wirkt, sondern auch die Art und Weise der Präsentation. Da bin ich zwiespältig: es ist, wie gesagt, ein Fachbuch und muss deshalb den Anforderungen genügen, die an ein wissenschaftliches Werk gestellt werden. Allerdings bin ich mit dem gewählten wissenschaftstheoretischen Paradigma nicht ganz glücklich: der Autor kann seine Herkunft aus dem naturwissenschaftlichen Bereich nicht verleugnen. So muss auch das, was er an psychologischen Themen bietet, den Kriterien der Empirie gehorchen – und das soll mit den Mitteln der Statistik sichergestellt werden. Über die Erstellung dieser Statistiken erfährt man dann allerdings nicht mehr als die Größe des samples – und bleibt ratlos bezüglich der Aussagekraft solcher Zahlensammlungen. Das und auch einige merkwürdige Definitionen (Person = "sozio-psychosomatisches Individuum; S. 20) und kybernetische Modelle (z.B. S. 21) haben mich zunächst befürchten lassen, das Buch bliebe eindimensional und werde die hermeneutische Qualität des behandelten Themas nicht in den Blick bekommen. Solche Bedenken werden verstärkt, wenn Hirsch gegen einen Autor wie Schmidbauer, dessen "Helfersyndrom" geradezu paradigmatisch für eine bestimmte psychische Disposition geworden ist, das Empiriekriterium ins Feld führt und feststellt, seine Aussagen seien "bisher empirisch noch nicht belegt". Da fehlt dann eben eine Dimension wissenschaftstheoretischen Denkens, die sich von der naturwissenschaftlichen Empirie nicht ins Bockshorn jagen lässt, nämlich die Hermeneutik.

Und dennoch bleibt das Buch nicht eindimensional – schon deshalb, weil die Praxis die hermeneutische Dimension nahe legt. Entsprechend bereichernd fand ich die Kapitel über Supervision und Balintarbeit, und ganz besonders über die "mehrdimensionale Teamberatung". Aus eigener Supervisions- und Fortbildungsarbeit im Bereich der Altenpflege weiß ich, dass Menschen, die in der Altenarbeit engagiert sind, genau diese Kombination brauchen: die Verbindung von kognitiver Ebene (Vermittlung von Wissen z.B. über Krankheitsbilder, Ursachen, Auswirkungen; von alterspsychotherapeutischen Grundlagen und patientenorientierten Vorgehensweisen etc.), emotionaler Ebene (eigene Einstellung zu Altern und Sterben, Auseinandersetzung mit der Helferrolle, Beziehungsanalyse etc.) und Handlungsebene (lebensgeschichtliche Perspektive, Entwicklung von Behandlungs- und Betreuungskonzepten etc.). Leider ist dieses Kapitel noch nicht sehr ausführlich – man darf gespannt sein auf eine weitere Arbeit des Autors zu diesem Ansatz.

Für Praktiker in der Supervisions- und Balintarbeit sind die Praxisbeispiele sehr informativ wie z.B. die Niederschrift einer Balintsitzung, die die Stimmung und Arbeitsweise solcher Sitzungen gut widerspiegelt, oder auch die dokumentierten farbigen Bilder aus der Balintarbeit, die im Text behandelt werden. Hilfreich für die eigene Arbeit fand ich auch die Sammlung von Präventions- und Bewältigungsmöglichkeiten von Burn-out (S. 69) – diese und ähnliche Zusammenstellungen laden zum eigenen Weiterarbeiten ein und dienen so der Kompetenzerweiterung der Praktiker.

Fazit

Vielleicht ist es einfach nur der Spagat zwischen dem naturwissenschaftlichen Anspruch und den praxisnahe Ausführungen zum Thema, den ich so irritierend finde. Unterm Strich ist das Buch – neben seiner Eigenschaft als Fachbuch - ein bereichernder Beitrag zum Thema "Professionalisierung in der Altenarbeit" und eine Sammlung zahlreicher Anregungen für Beratungspraktiker.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 02.09.2002 zu: Rolf D. Hirsch: Supervision, Teamberatung, Balintgruppe. Professionalisierung in der Altenarbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2002. 2. überarb. Auflage. ISBN 978-3-497-01535-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/493.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung