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Markus Wiencke: Wahnsinn als Besessenheit (Brasilien)

Cover Markus Wiencke: Wahnsinn als Besessenheit. Der Umgang mit psychisch Kranken in spiritistischen Zentren in Brasilien. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2008. 2. Auflage. 195 Seiten. ISBN 978-3-88939-826-0. 16,90 EUR.
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Thema

Der Autor, Diplompsychologe und Ethnologe, stellt in seinem Buch die Frage nach der Wahrnehmung von und dem Umgang mit psychischen Krankheiten in den Religionen Candomblé, Umbanda und Kardecismo. Ausgehend von einem sozialkonstruktivistischen Ansatz möchte er zeigen, dass außereuropäische Kulturen ein anderes Konzept von "Geisteskrankheit" haben und deshalb anders mit den Kranken umgehen als unser Kulturkreis. Da es Grund zur Annahme gibt, dass z.B. Schizophrenie in Entwicklungsländern eine bessere Prognose hinsichtlich des Verlaufs hat, lohne sich eine Beschäftigung mit diesen Kulturen auch aus der Sicht der Versorgung. Wiencke berichtet über die eigene Feldforschung: In Recife (Brasilien) führte er teilnehmende Beobachtung, ethnografische und problemzentrierte Interviews in spiritistischen Zentren der drei genannten Religionen durch.

Inhalt

In der theoretischen Einführung setzt sich der Autor mit den psychiatrischen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV auseinander, die für ihn den westlichen Blick auf psychische Krankheiten repräsentieren. Dabei legt er besonderes Gewicht auf die Kritik der theoretischen Systeme, die er auch gleich auf die psychiatrische Praxis ausdehnt. Dem westlich-naturwissenschaftlichen Modell setzt Wiencke sozialwissenschaftliche Zugänge zu psychischen Krankheiten entgegen, darunter Ansätze aus dem Bereich der transkulturellen Psychiatrie. Psychologische Betrachtungen zu Alltagsvorstellungen und sozialen Repräsentationen runden die theoretische Einführung ab. Im folgenden Abschnitt geht der Autor auf den Sozialkonstruktivismus als methodologische Grundlage seiner Forschung ein. Er verwendet eine psychologische Lesart von Gergen, nach der das Selbstkonzept eine besondere Rolle spielt. Zum Abschluss des einführenden Kapitels stellt der Autor die untersuchten Religionen vor, indem er Geschichte, Weltbild, Organisation und Praxis zusammenfasst.

Im nächsten Kapitel berichtet Wiencke über die Entwicklung seiner Fragestellung: "Wie wird „Geisteskrankheit“ konzeptualisiert? Wie werden ihre Auffälligkeiten und Ursachen erklärt? Wie wird mit „Geisteskrankheit“ bzw. den „Geisteskranken“ umgegangen?" (S. 60). Diese recht offene Formulierung ist der Konzeption der Studie im Sinne der "grounded theory" geschuldet, auf die später etwas ausführlicher eingegangen wird.

Der Hauptteil des Buches widmet sich der Empirie. Nach einer kurzen Referenz an Lehrbücher qualitativer Forschung listet Wiencke einige demografische Merkmale seiner Interviewten auf und erläutert seine Transkriptionsregeln.

Dem ethnografischem Teil vorangestellt ist eine Einführung in die Methoden, welche die Vorgehensweise der Kategorienbildung mit den einzelnen Schritten gemäß der grounded theory (theoretisches sampling, offenes, axiales Codieren etc.) offen legt. Im Rückgriff auf die Fragestellung teilt sich der Codebaum in zwei Hauptstränge auf: Zum einen das Konzept der Geisteskrankheit und zum anderen der Umgang mit psychisch Kranken.

Es folgt eine ethnografische Feldbeschreibung: Nach einigen Daten zum Untersuchungsort Recife und der Verbreitung der untersuchten Religionen in Brasilien werden Aussehen, Personal und Praxis der Zentren beschrieben, in denen sich der Autor aufgehalten hat. Die Schilderung wird durch einige Farbfotos ergänzt.

In zwei analytischen Kapiteln versucht der Autor seine Forschungsfragen mit Hilfe der Erfahrungen aus den Interviews sowie Bezügen zur Literatur zu beantworten. Zur Wahrnehmung von Geisteskrankheiten schreibt Wiencke, dass in Brasilien durchaus das westlich-psychiatrische Klassifikationssystem Gültigkeit beanspruche. Daneben gebe es aber das in den untersuchten Zentren verfolgte Konzept der "spirituellen Probleme", in denen Wahnsinn als Besessenheit gedeutet werde. Als Ursachen gelten neben dem bösen Blick und schwarzer Magie auch "offene Rechnungen" aus früheren Leben. Diese Denkweise legt nahe, dass kaum Prädiktoren bzw. Risikofaktoren für Geisteskrankheit zu identifizieren sind. Jeder kann besessen werden, und diese Einsicht wirkt sich auf den Umgang mit psychisch Kranken aus, der Gegenstand der zweiten Forschungsfrage ist. Das spiritistische Konzept diagnostiziert ein gestörtes Verhältnis des Patienten zu den Göttern und anderen Menschen. Die Therapie setzt daher nicht am Individuum an, sondern an den Wesen, die von ihm Besitz genommen haben. Der therapeutische Prozess wird von Medien geleitet, d.h. Menschen, die eine Beziehung zur Götter-/ Geisterwelt herstellen können. Die Medien inkorporieren in Ritualen die Verursacher der Besessenheit, die überredet werden sollen den Körper zu verlassen, oder auch helfende Geister, die die Heilung unterstützen sollen. Wenn auch in den Ritualen die Performanz der Medien eine große Rolle spielt, können sie jedoch nicht auf deren Agieren allein reduziert werden. Da das spirituelle Problem über einzelne Personen hinausgeht, finden die Rituale zumeist unter Beteiligung der Familie oder weiterer Anhänger der jeweiligen Religion statt. Um die in Riten involvierten Abläufe und Deutungen einigermaßen verstehen zu können, fügt der Autor an verschiedenen Stellen anschauliche Fallbeschreibungen ein.

Die soziale Einbettung und Unterstützung ist nach Wiencke ein unverzichtbares Merkmal der spiritistischen Therapie. Weiterhin sei die tolerante Haltung hervorzuheben, die in den Tempeln gegenüber Menschen eingenommen wird, die z.B. Stimmen hören. Da das Verhalten der betroffenden Person letzlich von dem Geist bestimmt wird, der in sie gefahren ist, kann man es ihr nicht anlasten. Besondere Empfindsamkeit gegenüber der Geisterwelt kann sogar vorteilhaft sein: Nicht selten nehmen ehemalige Besessene die angesehene Position eines Mediums ein.

Bewertung für die Praxis

Nach einer Reflexion über die eigene Rolle als fremder Forscher in den religiösen Gemeinschaften versucht Wiencke seine Erkenntnisse unter den Gesichtspunkten der wissenschaftlichen Qualität und der möglichen Bedeutung für die Praxis zu bewerten.

Die im Rahmen der "grounded theory" aufgestellten Qualitätsrichtlinien sieht er als erfüllt an. Schwieriger ist es, Vor- und Nachteile der spiritistischen Denkweise zu bewerten und Wege zu finden, die Vorteile in die Versorgung psychiatrischer Patienten zu integrieren.

Dass man in Deutschland sozialisierte Patienten nicht einfach zur Heilung in einen Candomblé-Tempel schicken kann, ist Wiencke klar. Eine derart verkürzte Rezeption des möglichen Ertrags der Studie für die Praxis verbietet sich schon aufgrund seines sozialkonstruktivistischen Ansatzes. Eine Anpassung an den hiesigen kulturellen Hintergrund wäre erforderlich, um die alternative Denkform wirksam werden zu lassen. Wiencke skizziert therapeutische Ansätze aus den USA, die seiner Meinung nach an die positiven Aspekte des spiritistischen Umgangs mit psychischen Krankheiten anknüpfen und ihm eher kultur-kompatibel mit Westeuropa erscheinen als die afrikanisch-brasilianische Geisterwelt: Zum einen die transpersonale Psychologie und Psychotherapie, die Bewusstseinszustände außerhalb des "Normalen" zulässt, zum anderen die "performative Psychology", die Gruppentherapie mit Anklängen an Theateraufführungen vollzieht. In der Schlussbemerkung plädiert der Autor dafür, dass Mythen, Rituale und Theater als therapeutische Mittel auch im deutschen  Versorgungskontext ausprobiert werden sollten.

Dem Text angefügt ist ein Glossar, in dem man die im Original verwendeten, schwierig zu übersetzenden brasilianischen Begriffe aus den untersuchten Religionen nachschlagen kann.

Diskussion

Die explorative Studie von Wiencke verspricht gerade durch seine Verknüpfung von psychologischer und ethnologischer Perspektive höchst interessante Einblicke in für uns fremde Deutungen und Praktiken im Zusammenhang mit "Geisteskrankheit". Fallbeschreibungen und Auszüge aus Interviews stellen Authentizität her. Positiv anzumerken ist auch die Idee bzw. die Bereitschaft des Verlages, die Publikation durch das Einfügen von Farbfotos aufzuwerten.

Das Projekt ist höchst ambitioniert: Der ethnografische Teil bezieht sich nicht nur auf eine, sondern gleich drei Religionen. Hinzu kommt der Anspruch, auf der Basis einer sozialkonstruktivistischen Perspektive eine theoretisch fundierte Interpretation der Erfahrungen zu liefern. Weiterhin wurde in das Forschungsprogramm die Kontrastierung von psychiatrischer und spiritistischer Denkweise aufgenommen. Schließlich drängt sich bei der Fragestellung zum Umgang mit psychisch Kranken der Versorgungsaspekt bzw. mögliche Empfehlungen für die Praxis auf. Ein solcher Rundumschlag kann auf 195 Seiten nicht gelingen, ohne dass einzelne Elemente zu kurz kommen.

Die Gewichtung der Themen ist jedoch gelungen. Im empirischen Teil steckt zweifellos der größte Erkenntnisgewinn; er nimmt auch den meisten Platz ein. Ebenfalls gut gelöst ist das Problem jeder Studie, die sich am Programm der "grounded theory" orientiert, nämlich das Hin- und Herbewegen zwischen Empirie und theoretischer Verdichtung. Es entsteht ein nachvollziehbares Konstrukt einer – westlich ausgedrückt – "spiritistischen  Psychotherapie".

Das Kontrastmodell, die psychiatrische Denkweise, wird dagegen so oberflächlich abgehandelt, dass ein Vergleich, der ja ein ähnliches Niveau theoretischer Aussagen erfordert, nicht möglich ist. Den Klassifikationssystemen ICD und DSM, die pars pro toto für die psychiatrische Denkweise schlechthin stehen, wird gerade einmal 2 ½ Seiten eingeräumt, zusammen mit kritischen Ansätzen aus Psychiatrie und Psychologie kommt das Kapitel auf zwölf Seiten. Insbesondere die aus dieser Kurzvorstellung abgeleiteten "Konsequenzen in der psychiatrischen Praxis" (S. 23-25) können trotz einiger Literaturverweise nicht überzeugen. ICD-10  und DSM-IV sind eben  Klassifikationsinstrumente für Diagnosen und nicht zuletzt Grundlage für die Abrechnung mit den Krankenkassen. Sie repräsentieren keineswegs den gegenwärtigen psychiatrischen Spezialdiskurs, wie das name-dropping von Foucault im Text impliziert.  Aus sozialkonstruktivistischer Sicht erhält der Leser also nicht das hegemoniale Kontrastmodell zur spiritistischen Sichtweise, sondern ein wenig konturiertes Fremd(Feind?)bild von Psychiatriegegnern. Das ist schade, denn die ebenfalls kritischen, aber auf einem höheren Niveau argumentierenden kulturellen Ansätze in Psychiatrie und Psychotherapie, die der Autor nennt, auf die er aber nicht weiter eingeht, hätten sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Anstatt des Entweder-oder, das theoretisch aus der größtmöglichen Kontrastierung folgt, hätte man Ansatzpunkte für Neu- und Weiterentwicklungen in der Praxis herausgestellt. Genau diese Haltung nimmt Wiencke selbst im Schlusskapitel ein, in dem er sich Gedanken um die mögliche Umsetzung positiver Aspekte des Spiritistismus macht, wie z.B. das Einbetten der Therapie in einen den Heilungsprozess unterstützenden soziokulturellen Kontext.

Fazit

Das Buch hat eine vergleichsweise hohe Aufmerksamkeit erreicht - immerhin handelt es sich um die 2. Auflage. Wenn auch die Neugier auf Exotisches wie Geister und Besessenheit eine Rolle für das Interesse an der Publikation spielen mag, ist es kein kultureller Voyeurismus, der befriedigt wird. Vielmehr handelt es sich um eine gut gemachte Studie nach den gängigen Standards qualitativer Sozialforschung, allerdings in einem Bereich der nur von Ethnologen als "wenig außergewöhnlich" klassifiziert würde. Der Autor profiliert sich als Grenzgänger zwischen den Disziplinen und den Kulturen. Insofern ist die Lektüre besonders geeignet für eine interdisziplinär orientierte und interkulturell interessierte Leserschaft. Der ethnografische Blick bewirkt zweierlei: Er bringt das Fremde näher und hilft, eigene Routinen und unkritisch übernommene Denkweisen zu hinterfragen.


Rezensent
Dipl.-Soz. Miguel Tamayo


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Zitiervorschlag
Miguel Tamayo. Rezension vom 17.05.2008 zu: Markus Wiencke: Wahnsinn als Besessenheit. Der Umgang mit psychisch Kranken in spiritistischen Zentren in Brasilien. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2008. 2. Auflage. ISBN 978-3-88939-826-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4937.php, Datum des Zugriffs 20.05.2019.


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