socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Gerstner, Johannes Knifki u.a. (Hrsg.): Deutschland als Entwicklungsland

Cover Wolfgang Gerstner, Johannes Knifki, Christian Reutlinger, Jan Zychlinski (Hrsg.): Deutschland als Entwicklungsland. Transnationale Perspektiven sozialräumlichen Arbeitens. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2007. 292 Seiten. ISBN 978-3-7841-1651-8. 29,80 EUR.

Reihe: Caritas International - Brennpunkte.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund und Anspruch

Diese von "Caritas International" herausgegebene Publikation zum Konzept sozialräumlicher Arbeit trägt den Titel: "Deutschland als Entwicklungsland" . Sie ist entstanden als Reflexion der Katastrophenhilfe nach der Elbflut und der im Anschluss an die Soforthilfe gestarteten Projekte zur nachhaltigen Entwicklung der verwüsteten Regionen. Die Autoren lehren überwiegend Sozialpädagogik oder/ und Sozialraumentwicklung und waren oder sind größtenteils in der wissenschaftlichen Begleitung der Projekte tätig. ilsorganisatiom nach der Elbflut

In den Beiträgen wird deutlich, dass sich Erfahrungen in der entwicklungsbezogenen und sozialen Arbeit ergänzen und gemeinsam konzipieren lassen. So kommt die Projektarbeit mit dem Ziel daher, mit sozialräumlichen Konzepten längerfristige Aktivierung der Bevölkerung für und in ihrem Sozialraum zu realisieren, diesen aufzuwerten und Armut und Ausgrenzung abzubauen. In den Beiträgen verschränken sich verschiedene Ansätze aktivierender sozialer Arbeit mit dem Anspruch, eine Alternative zwischen neoliberalen Diskursen und wohlfahrtsstaatlicher Versorgungslogik in einer globalen Perspektive zu entwickeln.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in zwei Teile untergliedert.

  1. Der erste Teil enthält programmatische Artikel zum Konzept der sozialen Entwicklung, zum Sozialraum, zu "agency" und zum Konzept des sozialen Kapitals, die bereits neue theoretische Horizonte eröffnen. Die stehen aber nicht im leeren Raum, sondern sind an die Konzeption der Elbflut Projekte und deren Auswertung gebunden.
  2. Im zweiten Teil werden die Projekte eingehender dargestellt - aus der Perspektive der Begleitung und eher kursorisch aus journalistischer Perspektive, eines wird ausführlicher geschildert. Abgeschlossen wird dieser praktischere Teil mit weiteren programmatischen Beiträgen zur Frage inwieweit die geschilderte Projektarbeit als soziale Entwicklungsarbeit begriffen werden kann und mit Thesen zu Sozialkapital und "agency".

Diskussion

Eine zentrale Argumentationslinie aller Beiträge ist die, dass theoretische Herausforderungen und theoretische Impulse nur in einem internationalen Kontext denkbar sind. Wie dies gelingen kann, wie auch die Orientierung am Sozialen jenseits einer Forderung von "mehr Wohlfahrtsstaat" weiterentwickelt werden kann und soziale Arbeit international und global begründet werden kann, zeigt der Begriff der sozialen Entwicklung, der sich durch den Band durchzieht, aber vor allem im Beitrag von Andreas Novy entfaltet wird.

Das Konzept sozialer Entwicklung versucht eine Brücke zu schlagen zwischen entwicklungspolitischer und sozialarbeiterischer Fachdiskussion, da hier ganz ähnliche Anliegen vorliegen: beispielsweise Überwindung von Benachteiligung und Elend, Hilfe zur Selbsthilfe, Ressourcenorientierung, Abbau von Diskriminierung. Das Auseinanderklaffen der Gegensätze zwischen arm und reich, Belastungen der Kindheit, Unsicherheit im Alter, Fragen nach Zukunftsperspektiven für Jugendliche, Straßenkinder, Obdachlosigkeit - wenn wir uns heute die drängenden sozialen Probleme in den Ländern des Nordens, Südens, Westens und Osten anschauen, ergeben sich zwar viele graduelle aber keine strukturellen Unterschiede. Deshalb, so betont der an der Wiener Wirtschaftsuniversität lehrende Novy, "gilt es heute Strategien sozialer Entwicklung zu erarbeiten, die für die Entwicklungs -und Sozialarbeit gleichermaßen relevant sind" ( S. 33). Dies sieht Novy mit dem Begriff der sozialen Entwicklung realisiert. Soziale Entwicklung, so Novy, beinhaltet einerseits die Befähigung oder Aktivierung von einzelnen Subjekten und verhilft Ausgegrenzten und Benachteiligten zu Subjektsein und Teilhabe an der Gesellschaft. Die Adressaten werden als Subjekte begriffen und nicht nur als Objekte von Katastrophenhilfe, Entwicklungspolitik und Fürsorge. Soziale Entwicklung kann aber nicht nur als eine individuelle Strategie verstanden werden, sondern muss auch "eine kollektive Ermächtigung und eine Veränderung von Strukturen" implizieren (ebd., S. 38). Hier ist es wichtig, die doppelte Bedeutung der aktuell wirkenden kapitalistischen Strukturen zu sehen: Diese ermöglichen für viele über Marktmechanismen und Privatisierung neue Handlungsmöglichkeiten, schränken diese aber wiederum drastisch ein - wenn andere eben von Firmenschließungen und Kürzungen von Sozialleistungen betroffen sind. Soziale Entwicklung bedeutet einerseits Strukturveränderungen, andererseits Veränderungen auf der Mikroebene, eben Entwicklung von unten, Aktivierung von Netzwerken, der Potentiale des Sozialraums, der kreativen und innovativen Selbsthilfepotentiale. Sie setzt öffentliche Diskussion der Ziele dessen voraus, was wir für eine Gesellschaft erstreben, also auch eine Diskussion der Definition des Sozialen. Soziale Entwicklung beruht auf dem Konzept der Teilhabe und Mitbestimmung - und zwar als öffentlicher Prozess, der selbst organisiert ist und nicht staatlich organisiert. Als solche kennt soziale Entwicklung kein Patentrezept, sondern immer nur kontextuelle Lösungen, die sich aus konkreten Situationen und Handlungsmöglichkeiten der Akteure speisen. Zentrale konzeptuelle Elemente sozialer Entwicklung sind Teilhabe und Empowerment - Ausweitung von Handlungsspielräumen und Entwicklung von Gegenmacht. Sie setzt öffentliche Diskussion der Ziele dessen voraus, was wir für eine Gesellschaft erstreben, also auch eine Diskussion der Definition des Sozialen. Soziale Entwicklung beruht auf dem Konzept der Teilhabe und Mitbestimmung - und zwar als öffentlicher Prozess, der selbst organisiert ist und nicht staatlich organisiert. Soziale Entwicklung beinhaltet, dass Entwicklung immer von den betroffenen Akteuren selbst definiert wird - sie wird auch nicht vorgegeben von irgendwelchen Geberländern - entsprechend nimmt die Theoretisierung der Methode der Projektarbeit einen breiten Raum ein. Niemand kann soziale Entwicklung endgültig definieren und verordnen, sie bleibt immer gebunden an einen konkreten Ort und eine konkrete Zeit, sie ist immer kontextuell gebundene Strategie (vgl. Beitrag Homfeldt u.a).

Interessant an diesem Ansatz ist dessen transnationale Perspektive in analytischer, konzeptioneller und methodischer Hinsicht. Konzepte wie soziales Kapital, Sozialraumorientierung oder auch der Bürgerrechte bzw. "social citizenship" werden so national übergreifend gedacht und sind inspiriert von Ländern des Nordens und Südens, von Ost und West.

Fazit

Es sind insgesamt lesenwerte aktuelle innovative Beiträge; der Ansatz, nationale und transnationale Perspektiven, Sozialraum - und Sozialstaatsdiskussion, Sozialkapital und Hilfe jenseits neoliberaler Ansätze zu verbinden, ist klar zu begrüßen. Dem Leser sei empfohlen, vielleicht mit der Schilderung der Projekte im zweiten Teil zu beginnen, dann ist vieles aus dem Teil I besser zu verstehen. Dennoch bleibt zu fragen, ob die theoretischen Ausführungen zur sozialen Entwicklung im Sozialraum mit der Projektmethode letztendlich doch zu sehr auf der methodisch instrumentellen Ebene verbleiben und den hohen Ansprüchen, Neoliberalismus und etatistische Kolonialisierung zu überwinden, gerecht werden.


Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
E-Mail Mailformular


Alle 35 Rezensionen von Nausikaa Schirilla anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 11.03.2008 zu: Wolfgang Gerstner, Johannes Knifki, Christian Reutlinger, Jan Zychlinski (Hrsg.): Deutschland als Entwicklungsland. Transnationale Perspektiven sozialräumlichen Arbeitens. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2007. ISBN 978-3-7841-1651-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4943.php, Datum des Zugriffs 30.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung