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Canan Topçu: EinBÜRGERung. Lesebuch über das Deutsch-Werden

Cover Canan Topçu: EinBÜRGERung. Lesebuch über das Deutsch-Werden. Portraits, Interviews, Fakten. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2007. 166 Seiten. ISBN 978-3-86099-726-0. 14,90 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Der Abschied von "Multikulti"?

Wenn in einem politischen und gesellschaftlichen Diskurs einer Seite einmal ein Etikett angeheftet worden ist, klebt es wie Teer und ist weder mit gutem Willen, überzeugenden Argumenten, noch mit Beschwörungen abzulösen. "Multikulti" ist so ein Wort! Ursprünglich entstanden als wohlmeinende politische Einstellung, demnach eine Gesellschaft von der Vielfalt ihrer Mitglieder, von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, Meinungen und Lebenseinstellungen lebt - und von ihnen profitiert; sich dann aber in der jahrzehntelangen und kontroversen Diskus darüber, ob denn Deutschland ein Einwanderungsland sei oder nicht, wandelte hin zu einem abwertenden, stereotypen Schimpfwort. "Multikulti" bedeutet seitdem eine unangemessene Bezeichnung und Etikettierung für diejenigen, die der Meinung sind, dass eben interkulturelle Vielfalt in einer Gesellschaft nicht nur aufgrund der geänderten globalisierten Entwicklung in der Welt notwendig, sondern für die Atmosphäre und Realität einer Gesellschaft förderlich und wünschenswert ist.

Das als kleine Vorrede zu der aktuellen Situation um Einwanderung, Staatsangehörigkeitsrecht und Zugehörigkeit in unserer Gesellschaft. Nach den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen, siehe oben, hat das Bundeskabinett Ende März 2007 die Reform des Zuwanderungsgesetzes beschlossen. Die Bundesregierung beabsichtigt, die rund 450 Seiten umfassende Vorlage, nach den Beratungen und Entscheidungen im Bundesrat und Bundestag, zum 15. Juli 2007 in Gesetzeskraft zu bringen. Bereits jetzt gibt es zum Entwurf, insbesondere seitens der Migrantenorganisationen, von Sozialverbänden und Gewerkschaften, erhebliche Kritik und Änderungsvorschläge. In der flapsigen und populistisch anmutenden Begründung der Befürworter der Gesetzesvorlage für eine Reform des bestehenden Zuwanderungs- und Staatsangehörigkeitsrechts stehen die Parolen: Abschied von "Multikulti" gegen den Grundsatz "Fordern und Fördern". Diese Worthülsen bestimmen denn auch die alltägliche Diskussion, wenn es um die Frage geht, was denn ein Deutscher eigentlich sei; was Deutschsein bedeute; wie sich "Ausländer" in Deutschland zu benehmen hätten; und was Fremde tun müssten, um Deutsche zu werden.

Autorin und Inhalt

Eine, die weiß, wovon sie spricht, die in der Lage ist, dies auch verständlich, schriftlich und argumentativ darzustellen, bezieht nun gerade in dieser Situation der Diskussion um die Reform des Zuwanderungsgesetzes Position: Die 1965 in Bursa, in der Türkei geborene, seit 1973 in Deutschland lebende Deutsche türkischer Herkunft, Canan Topçu. Nach Schulbesuch und Abitur in Hannover, literaturwissenschaftlichem Studium, Volontariat bei der Hannoversche Allgemeine Zeitung, arbeitet Canan Topçu seit 1999 als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. So ist es denn auch nicht ungewöhnlich, dass die gelernte Journalistin kein weiteres "Fach"- Buch zum Ausländer- und Einbürgerungsrecht schreibt, sondern zu den Wurzeln geht; um diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die mit der Entscheidung ringen - Ausländer bleiben oder Deutscher werden - die persönlich, politisch oder von Amts wegen diesen offensichtlich nicht leichten Schritt gehen oder es sein lassen. Vor allem aber ihre eigenen Erfahrungen mit ihrem "Türkisch-Sein", also ihrem "Nicht-Deutsch-Sein" in Deutschland zu reflektieren und mitzuteilen.

So ist ein Buch entstanden, das sich sehen lassen kann! Und gelesen werden sollte! Denn es gibt einiges, das die Deutsche Canan Topçu den Deutschen und den Ausländern in diesem Land, den türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und den anderen in unserer Gesellschaft, ins Stammbuch schreibt. Vor allem so ein Satz wie: "Wenn das gesellschaftliche Klima nicht stimmt, dann fühlen sich auch noch die Kinder und Kindeskinder der Einwanderer hier nicht willkommen und nicht wohl". Neben den Reflexionen, die sie "Einblicke" nennt, unter anderem Ausführungen des Leiters des Europäischen Forums für Migrationsstudien, Friedrich Heckmann, der für ein "neues Verständnis von Zugehörigkeit" in einer Gesellschaft plädiert, liefert sie "Daten und Deutungen"; unter anderem die überraschende (oder eigentlich nicht überraschende?) statistische Feststellung, dass die Zahl der Einbürgerungen in Deutschland in den Jahren von 1990 bis 1995 stetig stieg, bis 313.606; dann aber bis heute kontinuierlich sinkt, immerhin bei rund 7,3 Millionen Ausländern, die in Deutschland leben und von denen nach der bisherigen Gesetzeslage etwa vier Millionen Einbürgerungsrecht genössen. Die Gründe dafür lassen sich andeutungsweise erschließen, liest man die im Teil "Positionen" dargestellten Texte von EU-Politikern wie Cem Özdemir, Wolfgang Bosbach (CDU), Sebastian Edathy (SPD). Aber auch der Nachdruck des Zeitungsartikels im Tagespiegel vom 2. 10. 2006, in dem der Deutsche syrischer Abstammung, Bassam Tibi erklärt, "Warum ich gehe". Die darin deprimierende und beschämende Aussage - "Ich wandere aus (in die USA, JS), weil ich dieses Fremdsein nach 44 Jahren nicht mehr ertrage" - könnte deutlich machen, dass diese Gefühle und Erfahrungen von "Fremden" in Deutschland kein Einzelfall sind. Dazu tragen auch die im Teil "Portraits" dargestellten "Fallbeispiele". Sie reichen von der Feststellung - "Der Pass ist doch kein Integrationsausweis" -  bis zu der pragmatischen Äußerung - "Ein Stück Papier, das einem das Leben ungeheuer erleichtert"; aber auch die durchaus optimistische Einschätzung wäre zu beachten: "Der deutsche Pass weckt das Interesse an der Politik".

Im fünften Teil des Buches schließlich geht es um "Innensichten", also darum, was "Deutsche über das Deutschsein" denken und äußern. Da kommt die beinahe makaber, wenn auch kabarettistisch erscheinende wahre Erfahrung einer gebürtigen Deutschen zur Sprache, die "nicht wie eine Deutsche aussieht"; oder diejenigen, die Deutsche bei einem längeren Auslandsaufenthalt machen und nach Deutschland zurück kehren; die mit Partnern verheiratet sind, die keine geborenen Deutsche sind. Es sind Reflexionsanlässe und -aufforderungen, das selbstverständliche Deutschsein zu bedenken und kritisch zu befragen - auch eine Möglichkeit, in der Diskussion um die gesellschaftliche Zugehörigkeit in unserem Land objektiv mit zu reden und zu entscheiden.

Im sechsten Teil stellt die Autorin kurz gefasst die "Debatte" um das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht dar, durchaus mit der positiven Einschätzung, dass mit der Reform des Einbürgerungsrechts erstmals in der Geschichte des Landes der aus der Kaiserzeit stammende Grundsatz vom "Recht des Blutes", Jus Sanguinis, durch ein modifiziertes Jus Soli, wenigstens eingeschränkt, verändert wird. Was die Menschen in der deutschen Gesellschaft dann damit machen, wird die Zukunft zeigen.

Fazit

Um die oben bereits zitierte Einschätzung zu wiederholen: Es bedarf einer Veränderung der Einstellungen und Haltungen der "Eingeborenen" zu den "Zugewanderten", um in einer Gesellschaft friedlich, demokratisch und gerecht gemeinsam leben zu können! Canan Topçu leistet mit ihrem Buch als Angekommene und Dazugehörige einen wichtigen Beitrag!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.06.2007 zu: Canan Topçu: EinBÜRGERung. Lesebuch über das Deutsch-Werden. Portraits, Interviews, Fakten. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2007. ISBN 978-3-86099-726-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4945.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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