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Katrin Kantak: Schulsozialarbeit. Sozialarbeit am Ort Schule

Katrin Kantak: Schulsozialarbeit. Sozialarbeit am Ort Schule. Wissenschaft und Technik Verlag (Berlin) 2002. 166 Seiten. ISBN 978-3-89685-906-8. 9,80 EUR.
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Einführung

Die Kooperation von Schule und Jugendhilfe in Form einer institutionalisierten und formalisierten Zusammenarbeit hat unter dem Begriff "Schulsozialarbeit" eine mittlerweile langjährige Tradition. Mit dem Entstehen des neuen Handlungsfeldes einher gehen Fragen nach Art und Umfang der angebotenen Leistungen, nach ihrer Angemessenheit und ihrer Qualität. Obschon sich das Kooperationsmodell Schulsozialarbeit in zahlreichen Bundesländern bereits im Status der Programmförderung befindet (insbesondere in den neuen Bundesländern), kann keineswegs von einem einheitlichen Verständnis über das, was Schulsozialarbeit ist und leisten soll, gesprochen werden. Auf diese Debatte nimmt die Broschüre am Beispiel der Aktivitäten im Bundesland Brandenburg Bezug.

Autorin

Karin Kantak ist Hauptautorin der Broschüre. Sie arbeitet an der Landeskooperationsstelle Schule und Jugendhilfe Brandenburg, die für die Umsetzung der Schulsozialarbeit verantwortlich ist. Hermann Rademacker hat zur Broschüre einen einführenden thematischen Beitrag geleistet, rund ein Dutzend anderer Fachpersonen insbesondere aus der Praxis trugen mit kurzen Artikeln, Erlebnisberichten, Interviews und Darstellungen zum Gelingen der Broschüre bei.

Aufbau und Inhalte

Die Broschüre präsentiert sich als Reader: Die Kapitel umfassen jeweils Teilthemen, die sich auch auszugsweise lesen lassen. Nach der einführenden Eingrenzung des Themas (Kapitel 1) folgen zwei Beiträge zur Entstehung und Situation der Schulsozialarbeit in Brandenburg (Kapitel 2). In Kapitel 3 werden von verschiedenen Autorinnen und Autoren aus Praxis und Verwaltung Qualitätsfragen diskutiert. Dabei nehmen sie Bezug auf zahlreiche Evaluationsinstrumente und Checklisten, die in Brandenburg Anwendung fanden und in der Broschüre auch abgedruckt sind. Ein viertes Kapitel steht unter dem Thema "Gegeneinander, Nebeneinander, Miteinander?" und erörtert das Verhältnis von Schule und Sozialarbeit. In den abschliessenden Kapiteln 5 und 6 stellen sich der Förderverein "Sozialarbeit an Schulen in Brandenburg e.V.", die Schulsozialarbeit in Cottbus und das "Münchner Modell" vor.

Zielgruppe

Die Broschüre richtet sich an Schulsozialarbeiter/innen sowie Entscheidungsträger/innen in Verwaltung und Politik. Für Lehrkräfte halte ich sie – im Gegensatz zur Autorin – nur bedingt geeignet (s.u.).

Einschätzung

Kantak bemerkt bereits in ihrem Vorwort, dass sich die Verortung von Schulsozialarbeit im Spannungsfeld zwischen den Bereichen Jugendhilfe und Schule und die sich daraus ergebenden Probleme und Chancen "wie ein roter Faden durch die Broschüre" ziehen. Als Leser konnte ich dieses Spannungsfeld in jedem Kapitel nachvollziehen. Einen klaren und prägnanten Beginn setzt Hermann Rademacker mit seinem Beitrag "Schule und Soziale Ausgrenzung. Neue Armut und Bildung" (Der Beitrag von Rademacker sowie die Evaluation des 610-Stelle-Programms in Brandenburg stehen unter www.schulsozialarbeit.ch zum Download zur Verfügung.). Nach Rademacker sollte sich die Tätigkeit der Jugendhilfe stärker (wenn nicht sogar ausschliesslich) auf "von sozialer Ausgrenzung und Marginalisierung bedrohte Kinder und Jugendliche" konzentrieren. Rademacker unterstützt damit die Ausführungen, wie sie bereits im zehnten Jugendbericht der Bundesregierung gemacht wurden und auch durch den §13 im Kinder- und Jugendhilfegesetz gestützt werden. Eine so verstandene Schulsozialarbeit widerspricht aber in weiten Teilen der Realität in Brandenburg, das zeigen die folgenden Beispiele – und damit ist das Spannungsfeld auch so deutlich in der Broschüre vorhanden. Die Auswertungen der landesweiten Evaluation (S. 30-52) beispielsweise zeigen, dass viele der eingesetzten Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter für eine von Rademacker geforderte professionelle Jugendhilfe an der Schule gar nicht ausreichend qualifiziert sind und im Arbeitsfeld unterstützt werden (S. 51), ganz zu Schweigen von der infrastrukturellen Ausstattung auf die die Fachpersonen vor Ort zurückgreifen müssen. Der Vorwurf, auf unzureichende Kooperationsbereitschaft auf Seiten der Lehrkräfte zu stossen, muss mindestens um die Herausforderung ergänzt werden, adäquate Fort- und Weiterbildungsgefässe sowie arbeitsplatzbezogene Hilfsangebote (z.B. Supervision) von Seiten der Jugendhilfe zur Verfügung zu stellen.

Das Kapitel über die Evaluationsinstrumente stellt eine ganze Reihe von Qualifizierungsmöglichkeiten vor. Insbesondere Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter finden hier Selbstbefragungsbögen z.B. über Arbeitsbedingungen, Kooperationsstrukturen, Vernetzungsfragen und Leistungsangebote. Die zahlreichen Fragen regen zur Reflexion über das eigene Berufsfeld an, können aber keinesfalls – und das merkt Karin Kantak in der Vorbemerkung zum Kapitel auch an - als hinreichendes Instrument einer Evaluation dienen. Deshalb stimme ich nicht unbedingt der Empfehlung zu, die Broschüre auch den Lehrkräften zu empfehlen. Gerade weil Evaluationsbögen, die abgedruckt zur Verfügung stehen, immer auch dazu auffordern, sie in einem nicht unbedingt adäquaten Kontext einzusetzen, ist mein Bedenken, dass sie eher zur Verwässerung der Qualitätsfrage denn zu ihrer Klärung beitragen. Fragen der Qualität vorzustrukturieren und Antwortmöglichkeiten aufzuzeigen sehe ich allerdings als eine Aufgabe, die sich vorrangig an die Jugendhilfe richtet.

Lesenswert ist der Erfahrungsbericht von Beate Tarrach, deren Stelle als Schulsozialarbeiterin aus finanziellen Gründen nach 16 Monaten gestrichen wurde. Zum einen zeigt sie die Kluft zwischen Rademackers Erwartungen an eine professionelle Sozialarbeit in der Schule und den konkreten Bedingungen vor Ort auf ("Wie füllt man eine solche Stelle aus, von der niemand so genau sagen kann, welches die konkreten Inhalte sein sollen?" S. 98). Zum anderen zeigt sie am Beispiel der Schülerin Maria allen Entscheidungsträgern in Verwaltung und Politik auf, welche Konsequenzen es hat, wenn eine Beziehungsarbeit nach 16 Monaten aus Sachzwängen beendet werden muss. Hier kopiert Jugendhilfe und Schule den gleichen Beziehungsabbruch, den die Schülerinnen und Schüler, um die es geht, ohnehin täglich erleben und ihre Orientierung in der modernen Gesellschaft so schwer erscheinen lässt.

Fazit

Die Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe ist keineswegs geklärt. Die Ausführungen der verschiedenen Autorinnen und Autoren widerspiegeln in ihrer teilweisen Widersprüchlichkeit dieses Spannungsfeld. Die Offenheit, den Problemen und Herausforderungen nicht nur durch die Wissenschaft, sondern auch von Seiten der Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern selbst ein Mitteilungsgefäss zu geben, ist ein grosses Verdienst der Broschüre.


Rezensent
Matthias Drilling
Fachhochschule für Soziale Arbeit beider Basel
Dozent, stellv. Institutsleiter Basler Institut für Sozialforschung und Sozialplanung basis Basler Institut für Sozialforschung und Sozialplanung basis
Homepage www.schulsozialarbeit.ch


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Zitiervorschlag
Matthias Drilling. Rezension vom 12.11.2002 zu: Katrin Kantak: Schulsozialarbeit. Sozialarbeit am Ort Schule. Wissenschaft und Technik Verlag (Berlin) 2002. ISBN 978-3-89685-906-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/495.php, Datum des Zugriffs 21.05.2019.


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