socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Simon Güntner: Soziale Stadtpolitik

Cover Simon Güntner: Soziale Stadtpolitik. Institutionen, Netzwerke und Diskurse in der Politikgestaltung. transcript (Bielefeld) 2007. 406 Seiten. ISBN 978-3-89942-622-9. 35,80 EUR.

Reihe: Urban Studies.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Erstaunlich, dass nach beinahe zwanzig Jahren recht intensiver Debatten in und zwischen Disziplinen wie Geographie, Politologie, Sozialer Arbeit, Soziologie oder Stadtplanung noch eine solche Studie vorgelegt wird, scheint doch zum Thema soziale Stadtpolitik schon alles gesagt. Doch es gelingt tatsächlich, Aspekte zu beleuchten, die bislang unterbelichtet geblieben waren, nämlich durch einen Blick hinter das, was gemeinhin mit dem grässlichen Wort Förderkulisse bezeichnet wird. Denn nicht die diversen in diesem Feld aufgelegten Programme stehen im Mittelpunkt des Interesses, sondern deren Zustandekommen. Es geht also "um die Diskurse, in denen die soziale Stadtpolitik formuliert wurde, um die Problemdeutungen und die Akteure, die an diesen Diskursen beteiligt waren und sind" (11). Mit anderen Worten, nämlich dem insofern prägnanten Untertitel des Buches, es geht um "Institutionen, Netzwerke und Diskurse in der Politikgestaltung".     

Autor

Den Buchangaben zufolge studierte Dr. phil. Simon Güntner Verwaltungswissenschaft, Soziale Arbeit und Stadtplanung in Konstanz, Duisburg und Cardiff. Von 2000 bis 2005 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Stadt- und Regionalsoziologie am Institut für Soziologie der TU Berlin, wo er 2006 auch promovierte. Seither ist er als Policy Officer for Social Affairs beim europäischen Städtenetz EUROCITIES tätig.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um eine leicht überarbeitete Fassung der Dissertation des Autors.

Aufbau und Inhalt

Der Einleitung, in der das bearbeitete Thema umrissen, die Gliederung des Buches beschrieben und die der empirischen Untersuchung zugrunde liegende Methodik erläutert wird, folgen sieben weitere Kapitel.

Unter der Überschrift Policy-Making und Institutionalisierung wird zunächst der Forschungsansatz dargelegt. Policy-Making versteht Güntner als "einen Prozess, in dessen Verlauf ein Thema problematisiert und einer politischen Lösung sowie einer parlamentarischen Entscheidung zugeführt wird" (21). Herauszufinden, wie solche Prozesse konkret ablaufen, das ist Gegenstand der Arbeit. Dazu wird ein Konzept entwickelt, in welchem Netzwerke, Institutionen und Diskurse analytische Einheiten bilden. Die entsprechenden Begrifflichkeiten werden ausführlich auseinandergesetzt, auch unter Rekurs auf internationale Literatur. Die Orientierung an diesem Analysekonzept erfolgt bei den empirischen Untersuchungen durchaus pragmatisch: "Die jeweiligen Besonderheiten der Politikprozesse bedingen, dass ich in der Präsentation meiner Betrachtungen keinem rigiden, an einem Vergleich interessierten Muster folge, sondern ihnen mit einen jeweils spezifischen Aufbau Rechnung trage" (20). Das kommt bei den Ausführungen der folgenden Kapiteln erkennbar zum Ausdruck, erweist sich aber nicht etwa als methodologisch zu bemängelnde Beliebigkeit, sondern als angemessen. Deshalb, aber auch angesichts der gebotenen Fülle an Details, Skizzen und Belegen sei hier darauf verzichtet, einzelne Untersuchungsergebnisse wiederzugeben.

Im dritten Kapitel wird als erste Analyseebene die Soziale Stadtpolitik in der Europäischen Union auseinandergesetzt. Dazu wird erläutert, wie das Thema zu einem Thema wurde, das dann in die Gemeinschaftsinitiativen URBAN und URBAN II mündete, mittlerweile aber, in der Förderperiode von 2007 bis 2013, zwar noch unter der Bezeichnung URBAN+ gefasst wird, praktisch jedoch in der allgemeinen EU-Strukturpolitik aufgegangen ist.

Die Soziale Stadtpolitik in Deutschland ist die nächste Ebene der Betrachtung. Auch deren Genese wird beschrieben, und gemäß den Kategorien des Analysekonzeptes werden Policy-Institution, Policy-Akteure und Policy-Diskurs identifiziert. 

Die Soziale Stadtpolitik in Berlin, die 1999 mit einem Beschluss des Senates offiziell wurde, ist Gegenstand des fünften Kapitels. Empirisch bildet das Geschehen in Berlin deutlich einen Schwerpunkt, denn auch die Ausführungen der beiden folgenden Kapitel beruhen auf Untersuchungen an und in dortigen Stadtteilen.      

Zunächst werden Strukturmerkmale der sozialen Stadtpolitik: Quartiere, Quartiersmanager und integrierte Handlungskonzepte expliziert. Diese drei Elemente, auf denen soziale Stadtpolitik auch andernorts wesentlich beruht, werden anhand der Programme URBAN und URBAN II sowie des Bund-Länder-Programms "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt" veranschaulicht respektive am Beispiel der Gebiete illustriert, in denen diese Programme umgesetzt wurden.

Eine weitere Spezifizierung beinhaltet das Kapitel Förderprogramme als Gelegenheitsstruktur: Projekte in der sozialen Stadtpolitik – das Beispiel URBAN II. Bei der darin vorgestellten Untersuchung einzelner Projekte geht es wiederum nicht um deren Wirkungen, sondern um deren Genese, also um die Frage, wie die realisierten Projekte eigentlich zustande gekommen sind, durch wen und wessen Ideen sie initiiert wurden. Im Ergebnis wird zwischen drei Typen von Projekten differenziert. Beim ersten Typ bietet das Programm die Gelegenheit, sowieso vorhandene Ideen umzusetzen, beim zweiten Typ dient das Programm als Inspiration, passende Projekte zu entwickeln, und beim dritten Typ wirken die Projekte als Motor des Programms, indem die dem Programm zugrunde liegenden Ziele von Akteuren aus dem Umfeld der Programmsteuerung in Projekte über- und dann umgesetzt werden. Diese Typisierung ist zwar analytisch sehr überzeugend, bedeutet andererseits aber eben sichtlich auch Vereinfachung, denn, so stellt  Güntner fest: "Die Entstehungsgeschichten der im Rahmen von URBAN II in Berlin geförderten Projekte sind sehr verschieden – jedes einzelne Projekt hat seine individuelle "Biographie", in der Zufälle und Einzelpersonen ebenso bedeutsam sein können wie institutionelle und strukturelle Zusammenhänge der jeweiligen Handlungsfelder" (325).   

Statt eines Fazits findet sich eine Schlussbetrachtung: Policy-Making und Institutionalisierung der sozialen Stadtpolitik. Darin werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengestellt und abgewogen. Aus der Reihe interessanter Ergebnisse sei hier folgende Erkenntnis herausgehoben: "Die Neudefinition der sozialen Frage implizierte eine räumliche Dimension ("Spaltung der Stadt") und ermöglichte eine sozialpolitische (Sozialraumorientierung der Sozialplanung) und eine städtebauliche Lesart (Sozialraumorientierung der Sozialplanung). Anfang der 1990er Jahre schien entsprechend auch eine Interpretation der sozialen Stadtpolitik als Weiterentwicklung einer Sozialpolitik ebenso möglich wie die sich letztlich durchsetzende Lesart als Strukturpolitik und als Stadterneuerungspolitik" (336, H.i.O.). Dass dies die richtige Entscheidung war, darf bezweifelt werden. Nicht nur deshalb sind die an verschiedenen Stellen des Buches eingeflossenen und auch in der Schlussbetrachtung enthaltenen kritischen Bemerkungen zur Rolle im Diskurs um soziale Stadtpolitik dominierender Wissenschaftler und deren direkte und indirekte Politikberatung ausdrücklich zu loben. Mit der Unschuldigkeit der Wissenschaft und dem immer wieder reklamierten Rückzug auf wissenschaftliche Neutralität oder gar Objektivität ist es nämlich erkennbar nicht weit her.

Zielgruppe

Der Verlag listet das Buch in seiner Reihe Urban Studies, es ist also an ein Publikum verschiedener Provenienz gerichtet. Wer sich einen eigenen Eindruck verschaffen möchte, kann dies unter der Adresse www.transcript-verlag.de/ts622/ts622.htm tun. Dort werden das Inhaltsverzeichnis des Buches und eine Leseprobe zum download angeboten. 

Fazit

Ein imposantes Werk, das in dieser Gründlichkeit und Detailliertheit wohl nur im Rahmen von Eigenprojekten möglich ist, wie etwa einer Dissertation. Das Quellenverzeichnis ist nicht nur in Anbetracht der in großem Umfang verarbeiteten aktuellen einschlägigen Literatur beeindruckend. Positiv fällt auch die Verwendung älterer Quellen auf, beispielsweise einiger kapitalismuskritischer Schriften Offes von Anfang der 1970er Jahre. Dass darauf ansonsten kaum mehr rekurriert wird, ist eigentlich erstaunlich. Denn auch wenn sie für viele heute in einem anderen Licht erscheinen mögen, sind die seinerzeit diagnostizierten grundlegenden gesellschaftlichen Probleme doch offenkundig unverändert da.

Insgesamt hat Güntner eine im besten Sinne sozialwissenschaftliche Arbeit vorgelegt, die einen recht plastischen Eindruck davon vermittelt, wie Politik passiert und gemacht wird. Daneben wird ein profunder Überblick über die Genese des Themas soziale Stadtpolitik auf unterschiedlichen administrativen Ebenen geboten.

Beizupflichten ist dem aus den Untersuchungsergebnissen gefolgerten Schluss: "Es ist daher heute dringend geboten, den Politikprozess zu überdenken, und die Beziehung von Inhalt (Orientierung) der Politik und deren Struktur (Regulierung) – das Verhältnis von Policy und Polity – in den Mittelpunkt der weiteren Politikgestaltung zu stellen. In diesem Zuge ist auch über Formen der Demokratisierung und Wege der Ent-Technokratisierung der Politik nachzudenken. Damit meine ich konkret ein geändertes Verständnis von Quertiersentwicklung: weg von einem ein begrenztes Budget verwaltenden Management hin zu breit aufgestellten lokalen Partnerschaften" (344). Damit muss einhergehen, "dass über neue Formen der Wissensproduktion nachzudenken ist – und zwar über solche, die im Unterschied zu expertokratischen Formen der Politikberatung denjenigen, um deren Situation es geht, auch den Bewohnern der marginalisierten Stadtquartiere Gehör zu verschaffen" (347). Das ist gut gesprochen, aber auch viel verlangt, vermutlich zuviel. Denn, wie Mayer und Siebel (1998: 11) so zutreffend festhalten: "In der Tat sind Kooperationsbereitschaft und Konsens der Akteure notwendig, um innovative Planungsziele zu erreichen. Aber starke Interessen brauchen nicht den Konsens der Schwachen. An den runden Tischen der verhandlungsorientierten Planung wird man daher selten die wirklich Mächtigen finden. Sie wissen, dass sie sich jederzeit durchsetzen können, ohne sich gross auf Verhandlungen einlassen zu müssen. […] Kooperative Planung findet auf einem mittleren Machtniveau statt, wo alle Beteiligten über annähernd gleiche Machtmittel verfügen. Auch dann aber kommt der Konsens nur zustande, wenn es sich um kompromissfähige Interessen handelt. Planung als Moderation von Aushandlungsprozessen setzt Machtgleichheit und Abwesenheit unversöhnlicher Interessengegensätze voraus, kurz: eine demokratische Gesellschaft der Freien und Gleichen, eine Utopie, in der, wenn sie Wirklichkeit wäre, nicht einzusehen ist, wozu dann noch geplant werden sollte."

Literatur

Mayer, Hans-Norbert; Siebel, Walter 1998: Neue Formen politischer Planung: IBA Emscher Park und EXPO 2000 Hannover. In: DISP 134: 4-11


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Wüst
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Thomas Wüst anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Thomas Wüst. Rezension vom 29.03.2008 zu: Simon Güntner: Soziale Stadtpolitik. Institutionen, Netzwerke und Diskurse in der Politikgestaltung. transcript (Bielefeld) 2007. ISBN 978-3-89942-622-9. Reihe: Urban Studies. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4953.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/innen, Weilburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung