socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Bernhard Borgetto, Karl Kälble: Medizinsoziologie

Cover Bernhard Borgetto, Karl Kälble: Medizinsoziologie. Sozialer Wandel, Krankheit, Gesundheit und das Gesundheitssystem. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 230 Seiten. ISBN 978-3-7799-1484-6. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 33,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung

Die Berücksichtigung gesellschaftlich bedingter Voraussetzungen bei der Ausgestaltung des individuellen gesundheitsbezogenen Lebens ist im deutschen Gesundheitssystem nur ansatzweise erkennbar, bspw. durch die Zieldefinition der sozialen Teilhabe nach dem 9. Sozialgesetzbuch. Insofern ist eine vermehrte Berücksichtigung gesellschaftlicher Aspekte bei der Beurteilung von Entstehung, Diagnose und Behandlung nicht nur für Sozialmediziner, Medizinsoziologen und Sozialarbeiter von Interesse, sondern gerade auch für andere im Gesundheitssystem tätige Professionen. Die eher individualisierten patientenorientierten  Behandlungen bergen die Gefahr, notwendige komplexere Entstehungsbedingungen für Erkrankungen zu übersehen. So gesehen sollte die Tätigkeit im Gesundheitswesen eigentlich auch zur deutlicheren Artikulation von fachlichen Bedenken und kritischen Diskussionsbeiträgen bei politischen Rahmensetzungen gesellschaftlichen Lebens führen.

Die zurzeit stattfindenden betriebswirtschaftlich orientierten Umstrukturierungen im Gesundheitssystem mögen daher ihrer eigenen Logik folgen, allerdings ist damit noch lange nicht ein volkswirtschaftlicher Nutzen bewiesen.

Mit ihrem Grundlagentext präsentieren die Soziologen Bernhard Borgetto und Karl Kälble eine aktuelle Bestandsaufnahme der Medizinsoziologie unter Berücksichtigung der bedeutsamsten Aspekte des Gegenstandskatalogs Medizinische Soziologie bei der Ausbildung von Ärzten nach der aktualisierten Approbationsordnung von 2003 (7).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel:

  1. Soziale Strukturen und Sozialer Wandel,
  2. Gesundheit und Krankheit
  3. Das Gesundheitssystem,
  4. Epilog

Inhalt

  1. Im ersten Kapitel führen Borgetto und Kälble in medizinsoziologische Grundlagen ein und fokussieren hier eher die Makroebene, indem sie soziale Strukturen mit dem Konzept der sozialen Ungleichheit verweben. Insofern fehlt hier auch nicht das klassische Schichtmodell (15) als Grundlage für die Erklärung für den offensichtlichen Zusammenhang zwischen gesundheitlicher Situation und sozialen Bedingungen. Neben der kurzen Einführung in das Schichtmodell beschäftigen sich die Autoren ebenfalls mit der Fragestellung der sozialen Lage von Menschen, womit hier die konkreten Bedingungen wie Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft, etc. gemeint sind. Die Lebensstilanalyse ist für Borgetto und Kälble eine weitere Möglichkeit, soziale Ungleichheit zu erfassen. Hier sind auch Verhaltensweisen und individuelle Komponenten des sozialen Lebens benannt, somit wird auch das Thema Sozialisation bearbeitet. Des Weiteren beschreiben die Autoren zur Abrundung eines medizinsoziologischen Gesamtbildes kurz und bündig mögliche Einflussparameter Sozialer Prozesse wie z.B. die seit Jahren zunehmende Individualisierung oder die nachhaltige demographische Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland.
  2. Das zweite Kapitel ist der Erörterung von Gesundheit, Krankheit und den Verbindungen zu gesellschaftlichen Ordnungen gewidmet. Angefangen mit der Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über die Feststellung, dass Gesundheit kein statischer Begriff, sondern vielmehr im gesellschaftlichen Kontext zu sehen ist, wird hier überzeugend die Multidimensionalität von Krankheit und Gesundheit beschrieben. Neben dem medizinischen, subjektiven und gesellschaftlichen Bezugssystem werden folgerichtig auch mögliche und konkrete soziale Einflussfaktoren eingeführt. Weiter stellen Borgetto und Kälble unterschiedliche theoretische Konzeptionen vor, die zur krankheitsorientierten (soziologischen) Erklärung taugen. Neben dem Zusammenhang zwischen materieller Ausstattung und Erkrankungsrisiko werden z.B. auch Klassiker wie Soziales Kapital, Soziale Unterstützung, Salutogenese, Stressmodelle oder Verhaltens- und Persönlichkeitsmodelle vorgestellt.
  3. Im umfangreichsten dritten Kapitel beschäftigen sich Borgetto und Kälble mit dem deutschen Gesundheitssystem, wobei sie die unterschiedlichen Funktions- und Versorgungsbereiche wie Akut- und Rehabilitationsbehandlung oder Präventionsangebote und pflegerische Strukturen anschaulich und nachvollziehbar darstellen. Auch die finanziellen Strömungen innerhalb des Gesundheitssystems werden berücksichtigt. Die unterschiedliche Positionierung der beteiligten Berufsgruppen mit der (noch) vorhandenen Dominanz der Medizin und die dazu gehörenden soziologischen Erklärungsansätze werden unter historischer und aktueller Hinsicht beleuchtet. Dabei gelingt es den beiden Autoren auch, die aktuellen Veränderungen in der Hochschullandschaft durch die Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse und damit verbundenen Entwicklungsmöglichkeiten für Fachhochschulabsolventen in den Kontext des Gesundheitssystems zu stellen. Dazu gehört richtigerweise auch die Beschreibung der unterschiedlichen Rollen von Behandlern, Angehörigen und Patienten und die zurzeit stattfindenden Veränderungen in Richtung höhere Eigenverantwortung von erkrankten Menschen. Abschließend äußern sich Borgetto und Kälble zur aktiven Steuerung des Gesundheitssystems durch gesundheitspolitische Maßnahmen.

Gesamteinschätzung und Fazit

Borgetto und Kälble haben es geschafft, verständlich und in angemessener Kürze einen guten Überblick über das Gesundheitssystem der Bundesrepublik Deutschland zu geben. Allerdings ist eine Übertragung auf europäische Verhältnisse damit kaum möglich. Wer eine allumfassende Einführung in das Thema Medizinsoziologie erwartet, wird unter Umständen enttäuscht sein, dafür sind die ersten beiden Kapitel zu kurz. Trotzdem halte ich das Buch für die im deutschen Gesundheitssystem tätigen Professionen wie Medizin, Sozialarbeit und Pflege für gut geeignet, eine prägnante und flüssig geschriebene Übersicht über medizinsoziologische Kriterien zu erhalten. Wichtig finde ich dabei, den Blick auf die strukturellen Gegebenheiten zu schärfen und nicht nur die individualzentrierte Sichtweise von Gesundheit und Krankheit in den Vordergrund zu stellen.

Literatur

  • Geißler-Piltz, Brigitte, Mühlum, Albert und Helmut Pauls. (2005).  Klinische Sozialarbeit. München. Reinhardt/UTB.
  • Münch, Richard. (2004). Soziologische Theorie: Soziologische Theorie 3. Gesellschaftstheorie: Bd. 3. Frankfurt a.M., Campus Verlag.

Rezension von
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
E-Mail Mailformular


Alle 20 Rezensionen von Stephan Dettmers anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 18.09.2007 zu: Bernhard Borgetto, Karl Kälble: Medizinsoziologie. Sozialer Wandel, Krankheit, Gesundheit und das Gesundheitssystem. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. ISBN 978-3-7799-1484-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4954.php, Datum des Zugriffs 02.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung