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Gundula Schäfer-Vogel: Gewalttätige Jugendkulturen [...]

Cover Gundula Schäfer-Vogel: Gewalttätige Jugendkulturen - Symptom der Erosion kommunikativer Strukturen. Duncker & Humblot (Berlin) 2007. 579 Seiten. ISBN 978-3-428-12475-6. 35,00 EUR.

Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht. Reihe K: Kriminologische Forschungsberichte - 134.
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Thema

Jugendliche im Allgemeinen und Jugendkulturen im Bezug Gewalt beschäftigt nicht nur die Wissenschaft, sondern vor allem die Öffentlichkeit und die Politik. Der öffentliche und politische Schwerpunkt der Debatte über Jugendgewalt verschiebt sich lediglich bei einem konkreten Fall: Während aktuell über die Gewaltanwendung bei Migrantenjugendlichen (zwei jugendliche Migranten schlagen einen deutschen Rentner in der Münchner U-Bahn krankenhausreif) heftig gestritten wird, war der Diskussionsschwerpunkt der Gewalt im Sommer letzten Jahres die linke Szene und die Autonomen (G-8-Gipfel in Heiligendamm). Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006 dominierte die Gewaltneigung und Gewaltbereitschaft jugendlicher, die der rechten Szene zugeordnet wurden.

Abseits dieser öffentlich und medial geführten Diskussion bleibt die Wissenschaft nicht untätig. Es erscheinen viele Monographien und Sammelbänder, die das Thema differenziert analysieren. Eines dieser Bücher ist die Dissertationsschrift von Gundula Schäfer-Vogel, die sehr Ausführlich die Hooligans, Skinheads und Autonome unter die Lupe nimmt.  

Entstehungshintergrund und Autorin

Die vorliegende Veröffentlichung ist die Dissertationsschrift von Gundula Schäfer-Vogel, die sie im Wintersemester 2003/2004 an der Universität Freiburg eingereicht hat. Die Arbeit wurde 2004 mit dem Carl-von-Rotteck-Preis (Carl-von-Rotteck war ein deutscher Historiker, der eine Professur an der Universität Freiburg in allgemeiner Weltgeschichte inne hatte) ausgezeichnet. Gundula Schäfer-Vogel hat vor dem Abschluss ihrer Doktorarbeit in London einen Master abgelegt, später als Staatsanwältin gearbeitet und ist momentan als Richterin im Justizdienst des Landes Baden-Württemberg beschäftigt.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von einer ausführlichen Einleitung ist diese Studie in drei Hauptkapiteln aufgeteilt.

In der Einleitung erläutert die Autorin ausführlich ihre Fragestellung, die nicht empirisch - was in den meisten Dissertationen üblich - sondern ausschließlich theoretischer Natur ist. Gundula Schäfer-Vogel nimmt als Rahmen zur Erklärung und Entstehung gewalttätiger Jugendkulturen die "Theorie des kommunikativen Handelns" nach Jürgen Habermas als Folie. Dieser Ansatz ist "eine gesellschaftliche Entwicklungstheorie, die als "Theorie der Moderne" darauf angelegt ist, die immer sichtbarer hervortretenden Sozialpathologien in modernen Industriegesellschaften wohlfahrtsstaatlicher Prägung zu klären." (S.1f.). In der Einleitung stellt die Autorin zunächst kurz die Theorie von Jürgen Habermas vor, um später die Verortung ihrer eigenen Arbeit vorzunehmen.

Das erste Kapitel des Buches - hat einen Umfang von ca. 80 Seiten - trägt den Titel "Gewalttätige Jugendkulturen - Bestandaufnahme". Die Autorin beschreibt drei gewalttätige Jugendkulturen Hooligans, Skinheads und die Autonome nach einem ähnlichen Schema, nämlich im Kontext der historischen Entwicklung. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass Schäfer-Vogel diese Jugendkulturen nicht nur im Kontext von Westdeutschland beleuchtet, sondern Vergleiche mit dem DDR, England (Hooligans und Skinheads) sowie Italien (Autonome) vornimmt. Die Autorin geht auch auf die Entwicklungen nach der Wiedervereinigung von Bundesrepublik Deutschland und DDR ein. Als Grundlage für die Beschreibung dieser drei Jugendkulturen bilden neuere empirische Untersuchungen und phänomenologische Darstellung von Beobachtern und Kennern der Szene, die vom Bundesinnenministerium seit 1969 herausgegebenen Verfassungsschutzberichte, die vom LKA Düsseldorf zusammengestellten Jahresberichte Fußball und Publikationen von bekennenden Autonomen. Da die Hooligans in erster Linie mit Fußballspielen in Verbindung gebracht werden, erläutert die Autorin die Hooligans im Kontext von Fußball, vor allem mit Blick af England. Denn die deutsche Hooliganszene steht der englischen Szene nicht nur sehr nah, sondern sie nimmt die englische Szene als Vorbild. Auch bei Skinheads und Autonomen geht die Autorin ähnlich vor, in dem sie auf folgende Themen eingehet:

  • "Typologie",
  • "Vorbilder im Ausland",
  • "die Situation in DDR",
  • "die Lage nach der Wiedervereinigung",
  • "die Krisen der Szenen"
  • "gruppentypische Straftaten" etc.

Das zweite Kapitel, verteilt auf ca. 140 Seiten, behandelt das Thema "Gewalttätige Jugendkulturen - Symptom der Erosion kommunikativer Strukturen". Die Autorin teilt diesen zweiten Abschnitt in drei Unterkapiteln ein.

  1. Im ersten Unterkapitel geht sie auf die Theorie der "Gewalt als universelle Ersatzsprache" ein: "Gewalt wird hier als ein soziales Verhalten definiert, das durch den Einsatz körperlicher Kraft und durch seine destruktive körperliche Wirkung gekennzeichnet ist. Sie fungiert als "Universalsprache", als universelle Ersatzsprache, die Ausdruck des Scheiterns von Kommunikation ist." (S. 544f.).
  2. Im zweiten Unterkapitel wird die "Theorie des kommunikativen Handelns" nach Habermas vorgestellt, um im
  3. letzten Unterkapitel "Gewalt als Erosionssymptom" vorzustellen.

Das dritte und letzte Kapitel im Umfang von ca. 315 Seiten trägt den Titel "Hooligans, Skinheads und Autonome als Erosionssymptome - Verifikation, Explikation und Handlungsperspektiven". Dieses sehr umfangreiche Kapitel hat Schäfer-Vogel in zwei Unterkapitel aufgeteilt.

  1. Im ersten Unterkapitel geht die Autorin auf die Phänomene von Gewalt ein und interpretiert sie mit Hilfe der vorgestellten Theorie nach Habermas. Hier geht sie auf Themen wie, "Rechfertigung von Gewalt, "Sozioökonomische Lebensbedingungen…", "Gemeinschaftsleben", "Alters- und Geschlechterstruktur", "Selbstverständnis der Gruppe", ein, um nur einige wenige zu nennen.
  2. Im zweiten Unterkapitel formuliert die Autorin unter dem Titel "Gewaltprävention - Kriminalpolitische Leitlinien" zahlreiche, hochwertige Vorschläge zu Vorbeugung von Gewalt.

Das Buch endet mit einer umfangreichen und übersichtlichen Zusammenfassung der einzelnen Kapitel.

Zielgruppen

Zielgruppen des folgenden Buches sind in erster Linie an den Hochschulen tätige Personen, die an dem Thema theoretisch und wissenschaftlich interessiert sind. Das Buch kann zwar Praktikerinnen und Praktikern empfohlen werden, weil der Band drei zentrale Jugendkulturen übersichtlich darstellt, ohne in mehreren Büchern zu wälzen. Aber aufgrund der komplizierten wissenschaftlichen Fachsprache ist das Buch für Praktikerinnen und Praktiker teilweise schwer zugänglich.

Fazit

Das Buch gibt einen sehr guten Einblick in die drei oben genannten Jugendkulturen. Für mich persönlich war hoch interessant und informativ, wie die Szenen der Jugendkulturen in DDR organisiert waren und nach der Wende sich neu strukturiert haben. Sehr zu begrüßen ist die Tatsache, dass Gundula Schäfer-Vogel bei ihrem Maßnahmenkatalog zur Gewaltprävention für zahlreiche, nachhaltig wirkende Maßnahmen plädiert, wie z. B. politische Bildung oder aber intensiv-pädagogische Projekte. Da die vorliegende Untersuchung eine Qualifikationsarbeit ist, durfte bzw. wollte Gundula Schäfer-Vogel weder von der komplizierten, wissenschaftlichen Fachsprache noch von der anspruchsvollen Theorie von Habermas Abstriche machen. Es ist geradezu schade, dass das Buch so umfangreich und reich an Informationen ist, weil es für die meisten Praktikerinnen und Praktiker, vor allem in der Sozialen Arbeit, nicht zugänglich sein wird. Für wissenschaftlich tätigen Kolleginnen und Kollegen an Hochschulen ein Muss, weil die Autorin sehr ausführlich die mannigfaltigen Ursachen und Bedingungen der Gewaltbereitschaft in den genannten Jugendkulturen eindrucksvoll und in bestechender Genauigkeit erläutert.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 26.02.2008 zu: Gundula Schäfer-Vogel: Gewalttätige Jugendkulturen - Symptom der Erosion kommunikativer Strukturen. Duncker & Humblot (Berlin) 2007. ISBN 978-3-428-12475-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4959.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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