socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hilde Weiss (Hrsg.): [...] Zur sozialen Integration ausländischer Jugendlicher [...]

Cover Hilde Weiss (Hrsg.): Leben in zwei Welten. Zur sozialen Integration ausländischer Jugendlicher der zweiten Generation. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 246 Seiten. ISBN 978-3-531-15438-1. 39,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Intention

Während das Thema der Zuwanderung seit den 1980er Jahren Politik, Medien und Wissenschaft beschäftigt, begann erst seit Beginn dieses Jahrhunderts eine Phase, in der das Thema "Integration" zu einem der zentralen politischen Themen im deutschsprachigen Raum wurde. Mit der vorgelegten Publikation will Hilde Weiss als Herausgeberin und Mitautorin von fünf Artikeln in dem Band "anhand detaillierter Analysen zentraler Lebensbereiche ein umfassendes Bild zur Integration der Jugendlichen" (S. 11) in Österreich zeichnen.

In dem Band werden die Ergebnisse eines zweijährigen Forschungsprojektes zur sozialen Integration der zweiten Ausländergeneration in Österreich dargestellt; die Studie wurde am Institut für Soziologie der Universität Wien im Winter 2004/Frühjahr 2005 durchgeführt und ist vom Fonds zur Förderung der Wissenschaften (FWF) gefördert worden. In den einzelnen Kapiteln werden die Lebensverhältnisse und die heterogenen Realitäten Jugendlicher verschiedener Herkunftsländer und -kulturen (Türkei, Ex-Jugoslawien, Osteuropa, außereuropäische Länder) dargestellt, aber auch die aktuellen Theorien und Konzepte diskutiert.

Herausgeberin und Autoren

  • Hilde Weiss ist Professorin am Institut für Soziologie der Universität Wien. Ihre empirischen Forschungsschwerpunkte sind ethnische Minderheiten, Migration, Antisemitismus, Nationale Stereotype, Vorurteile, Nationalismus und nationale Identität in Ost-Mitteleuropa. Ihre Schwerpunkte in der Lehre liegen auf dem Gebiet der Politischen Soziologie, Soziologie der Migration und Ethnizität sowie der soziologischen Theorien.
  • Patrizia Gapp ist als externe Lektorin am Institut für Soziologie der Universitat Wien tätig.
  • Mouhanad Khorchideist Assistent am Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien - Forschungseinheit Islamische Religionspädagogik und Lehrbeauftragter an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie in Wien.
  • Robert Strodl ist Mathematiker und Informatiker; derzeit Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Wien als Lektor für Methodenanwendungen in der Soziologie.
  • Anne Unterwurzacher ist als freiberufliche Soziologin im Bereich Migrationsforschung und als externe Lektorin am Institut für Soziologie der Universität Wien tätig.
  • Moujan Wittmann Roumi-Rassouli ist als Mitarbeiterin in der Abteilung für Integrations- und Diversitätsangelegenheiten der Stadt Wien tätig.

Untersuchungsanlage

Die Untersuchung ist in drei Phasen gegliedert. Die Vorarbeiten betreffen zunächst die Analyse der Strukturen ähnlicher Untersuchungen anderer EU-Länder. So soll die internationale Vergleichbarkeit gewährleistet werden. Zusätzlich dazu folgt dann die Führung 30 offener Interviews mit ausländischen Jugendlichen in Österreich in einer Pilotstudie, die allein dem Herausfiltern relevanter Themen dienen soll. Auf der Grundlage dieser Vorarbeiten wird ein einheitlicher Fragenkomplex erarbeitet, den die Autoren als den Kern der Studie betrachten.

In der zweiten Phase werden parallel zu der Befragung von 1.000 ausländischen Jugendlichen in der Altersgruppe 16-26 Jahre anhand eines vollstandardisierten Fragebogens über 400 jugendliche Österreicher/innen aus vergleichbarem Milieu als Kontrollgruppe interviewt. Dabei geht es dem Forschungsteam darum, "jene Einflüsse zu identifizieren, die ihren Ursprung in allgemeinen Lebensumständen haben."

Die Erhebung wurde durchgeführt. Rund die Hälfte aller befragten Jugendlichen stammt aus Wien, die andere Hälfte aus den Bundesländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg.

In der dritten und letzten Phase werden weitere 40 Jugendliche in offenen Interviews befragt, um "die vorläufigen Interpretationen der Daten zu untermauern."

Als zweite Generation definieren die Autoren Jugendliche, "die als Kinder ausländischer Eltern (deren Geburtsort außerhalb Österreichs liegt) in Österreich geboren sind oder spätestens bis zum Alter von vier Jahren nach Österreich kamen, also von Beginn an die österreichischen Bildungsinstitutionen durchlaufen haben."

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält neben dem Vorwort acht Artikel:

  1. Im Kapitel 1 geht Hilde Weiss in ihrem Beitrag Wege zur Integration? Theoretischer Rahmen und Konzepte der empirischen Untersuchung zunächst der Frage "Gibt es Kriterien der "gelungenen" Integration?" nach, bevor sie die Dimensionen von Integration und die zentralen Fragestellungen diskutiert. Sie zeigt hier den theoretischen Rahmen auf, an dem sich die empirischen Analysen ausrichten.
  2. In ihrem nächsten Beitrag stellt Hilde Weiss die Sozialstrukturelle Integration der zweiten Generation in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Sie thematisiert die Platzierung in Bildung und Beruf als Schlüssel zur Integration ebenso wie die sozialen Startbedingungen, Bildungs- und Berufsmobilität, Berufsindikatoren sowie blockierte Bildungschancen.
  3. Anne Unterwurzacher betitelt ihren Beitrag "Ohne Schule bist du niemand!" - Bildungsbiographien von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Wie dieser Titel bereits andeutet, geht es hierbei um den Bildungszugang, indem Bildungsbiographien im Spannungsfeld zwischen sozialer Benachteiligung und ethnischer Subkultur untersucht werden.
  4. Im nächsten Beitrag Soziale Kontakte und Milieus - ethnische Abschottung oder Öffnung? befassen sich Hilde Weiss und Robert Strodl mit sozialer Integrationder zweiten Generation. Sie untersuchen die Hintergründe und Determinanten der Freundschaftswahlen, gehen den Fragen nach, ob die Kontaktwahl eine Folge von Tradition, Diskriminierung oder der sozialen Position ist, und wie viele Jugendliche tatsächlich in einem abgeschotteten Lebensraum leben.
  5. Das Thema des Beitrages von Patrizia Gapp sind Konflikte zwischen den Generationen? Familiäre Beziehungen in Migrantenfamilien. Entsprechend liegt der Schwerpunkt auf Generationenbeziehungen, Konflikten und Identitätsproblemen der Jugendlichen.
  6. Hilde Weiss und Moujan Wittmann Roumi-Rassouli thematisieren in ihrem Beitrag Ethnische Traditionen, religiöse Bindungen und "civic-identity". Es geht also um die kulturelle Integration. Die Autorinnen untersuchen vor allem die Bedeutung religiöser Bindungen und traditionelle Werte im Gegensatz zu den Werten der "civic-identity".
  7. Die identifikatorische Integration steht im Mittelpunkt der Analysen von Hilde Weiss. Der Titel ihres Beitrages lautet: Die Identifikation mit dem Einwanderungsland - das Ende des Integrationsweges? Nach der Klärung der Begriffe Zugehörigkeit, Identität und Akkulturation, thematisiert Weiss kollektive Identitäten im Spannungsfeld zwischen ethnischer Zugehörigkeit im Kontext von Herkunft und Elternhaus und emotionaler Identifikation mit Österreich.
  8. Im letzten Kapitel untersucht Mouhanad Khorchide Die Bedeutung des Islam für Muslime der zweiten Generation. Nachdem er in seinem Beitrag zunächst auf den Islam in Österreich und in einem Exkurs auf die Begriffe Fundamentalismus, Islamismus und Extremismus eingegangen ist, analysiert er die religiösen Einstellungen von muslimischen Jugendlichen Wiens und legt eine mehrdimensionale Typologie vor, und zwar zwischen den Fundamentalisten, Kollektivisten ("Schalenmuslime"), reflektierten und spirituellen Muslimen sowie säkular offenen Gruppen ("marginalisierte Distanzierte" bzw. "assimilierte Distanzierte"). Er behandelt ebenso die Themen Geschlechterrollen und Gewalt im Bezug auf Muslime der zweiten Generation.

Diskussion

Bei der Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist ein wichtiger Aspekt das Spannungsfeld zwischen den Kulturen des Elternhauses und des Landes, in dem sie geboren oder aufgewachsen sind. Über die Lebensumstände und Gefühle dieser jungen Menschen in Österreich gab es bisher kaum gesicherte Erkenntnisse. Durch die Vorstellung der Ergebnisse einer Untersuchung um diesen Themenkreis füllt nun das vorliegende Buch diese Wissenslücke.

Das gewählte Studiendesign ist intelligent und die Forscher/innen scheinen ein besonderes Problem gut bewältigt zu haben, das ebenso jede andere empirische Forschung über Migranten/innen, besonders aber über die Angehörigen der sog. zweiten Generation hat, und zwar die mangelhafte statistische Datenlage. D. h. statistische Daten stehen nur zu Ausländern, also zu einer Untergruppe von Migranten zur Verfügung. Denn Migranten, die sich einbürgern lassen, werden nicht mehr als Ausländer geführt. Dies erschwert die Stichprobe erheblich.

Fazit

Das vorliegende Buch ist nicht nur für Sozialwissenschaftler/innen und an Migrationsfragen Interessierte empfehlenswert, sondern auch für v.a. österreichische Politiker/innen. Denn die zweijährige, intelligent angelegte Studie schafft eine solide Erkenntnisbasis für zukünftige sozialpolitische Entscheidungen zur Integration von jungen Migranten/innen.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...


Alle 98 Rezensionen von Süleyman Gögercin anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 14.09.2007 zu: Hilde Weiss (Hrsg.): Leben in zwei Welten. Zur sozialen Integration ausländischer Jugendlicher der zweiten Generation. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15438-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4981.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!