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Heike Diefenbach: Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien [...]

Cover Heike Diefenbach: Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungssystem. Erklärungen und empirische Befunde. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 171 Seiten. ISBN 978-3-531-15356-8. 24,90 EUR.

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Entstehungshintergrund und Anspruch

Dass Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland im Bildungssystem schlecht abschneiden, ist jeden Tag in der Zeitung zu lesen - wie das genau aussieht, wie es zu erklären ist, womit dies zusammenhängt, wird hingegen seltener thematisiert. Sind sie diskriminiert, ausgegrenzt oder Opfer eigener Unzulänglichkeit? Ob und wie Kindern mit Migrationshintergrund zu größerem Bildungserfolg zu verhelfen ist, ist ebenfalls umstritten, ist wissenschaftlich wie politisch kontrovers. Wissenschaftliches Licht in eine aus zu Alltagsbehauptungen gewordenen Thesen und Vorurteilen gespeiste Debatte zu bringen, ist Diefenbachs erklärtes Ziel. Das Buch soll klären, wie Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem positioniert sind, ob das als Benachteiligung zu definieren ist, welche Ursachen dafür herangezogen werden können und welche Grenzen oder Erklärungsgehalt die einzelnen Diskussionsansätze haben.

Die Autorin, Soziologin und Bildungsforscherin, benutzt dafür sowohl quantitative empirische wie auch theoretische Zugänge: Sie zieht die Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) heran wie auch theoretische Ansätze zum Erklärung der beschriebenen Phänomene.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 5 große Kapitel, von denen zwei zentral sind.

Im ersten Teil geht Diefenbach sehr systematisch vor, definiert Grundbegriffe wie Migrantenjugendliche und Bildungserfolg und beschreibt die Datenlage. Sie bezieht nicht nur Daten zur Verteilung der Kinder und Jugendlichen auf die verschiedenen Schultypen ein, sondern zieht auch Schulleistungsstudien heran. Auch wenn die Datenlage nicht umfassend ist, so kann Diefenbach doch einiges an Informationen zum Abschneiden der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem herausfinden: Die ungleiche Verteilung über die Schulformen, der überproportional hohe Besuch der Sonder- bzw. Förderschulen und - was selten thematisiert erwird – die vergleichsweise schlechteren Schulleistungen. Klare Indizien für Benachteiligung, meinen wir, aber Diefenbach sagt, das sei gar nicht so klar. Sie verweist auf Debatten, in denen zwar das schlechte Abschneiden von Migrantenkindern bedauert wird, die das aber als natürliche Folge schlechter Schulleistungen beschreiben, denen nichts von Benachteiligung anhaftet. Nicht alle Nachteile, so gibt Diefenbach wieder, werden auch mit Benachteiligung erklärt. „Die beschriebenen Nachteile der ausländischen Kinder gegenüber den deutschen Kindern sind hier keine Benachteiligungen, sondern aufgrund geringerer Leistungen „verdient“ (s. 83) Diese Position stellt Diefenbach jedoch in Frage. Sie rekurriert auf den Verweis der nicht ausreichenden Bereitschaft des deutschen Schulsystems zur Integration. Sie attestiert dem System einen falschen Begriff von Leistungsgerechtigkeit, der unterschiedliche Startchancen nicht impliziert. Nachteile, so schließt sie in diesem Kapitel, dürfen nicht durch unklare Begrifflichkeit moralisierend eingesetzt werden, sondern müssen im Hinblick auf ihre gesellschaftspolitische Bedeutung analysiert werden. Daher ist die Frage nach den Erklärungsansätzen so wichtig.

Diese wird im zweiten Teil umfassend expliziert. Die Autorin gibt einen guten Überblick über unterschiedliche Erklärungsansätze von Bildungsbenachteiligung:

  • die Erklärung durch kulturelle Defizite, ethnische oder sozialer Kultur,
  • die humankapitaltheoretische Erklärung
  • eine kulturökologische Theorie
  • die Erklärung durch Stereotypen: Auswirkungen der Bedrohung durch Stereotypen
  • Institutionelle Diskriminierung
  • Die Bedeutung der Sprachkenntnisse bzw. Deutschkenntnisse.

Obwohl einiges für einige Ansätze spricht, gibt Diefenbach keinem den Vorrang: Entweder konstatiert sie ein schwache empirische Basis – und dies gilt für die meisten Konzepte - oder unzureichende Erklärungskraft. Diefenbach stellt allerdings fest, dass institutionelle Diskriminierung eine Rolle spielt, dass dieser Ansatz aber die Defizite nicht ausreichend erklärt und auch nicht die Bildungserfolge. Ferner sieht sie in den Ansätzen der Bedrohung durch Stereotypen und im kulturökologischen Ansatz einiges an Entwicklungspotential, auch im Blick auf US amerikanische Debatten – dazu müssten aber mehr und andere Daten erhoben werden. Diefenbach fordert Längsschnittdaten und die Erhebung umfassender Daten über Eltern, Schüler und Kinder, Schulklassen und Schulen, mit denen eine Mehrebenenanalyse machbar wäre. Sie versucht auch, aus dem ihr zugänglichen Datenmaterial auf Theorien zu schließen, doch erweist sich dieses dafür als zu schmal.

Am Ende formuliert Diefenbach Implikationen für die pädagogische Praxis und die Bildungspolitik. Zunächst konstatiert sie einen Handlungsbedarf für Bildungspolitik und Pädagogik, der sich aus der Benachteiligung der Migrantenkinder ergibt. Da fordert sie vor allem weitere Forschung – so dass beispielsweise Fördermaßnahmen besser wissenschaftlich belegt sind und besser geplant und implementiert werden können. Diefenbachs Fazit besteht im Aufruf zu differenzieren. Es muss mehr geforscht werden, damit die unterschiedlichen Bildungsaspirationen differenziert und das Bildungssystem entsprechend angepasst werden kann. Dies aber – so das Fazit de Autorin – ist aber keine pädagogische, sondern eine bildungspolitische Herausforderung.

Diskussion und Fazit

Das Buch gibt einen sehr guten, systematischen und definitorisch sauberen Überblick über die Lage vom Migrantenkindern im deutschen Bildungssystem, die auch statistisch fundiert ist. Interessant ist ferner der Durchgang durch die verschiedenen Erklärungsansätze – hier bekommen die Leser wiederum einen sehr umfassenden überblick über alle diskutierten Erklärungsansätze für Bildungsbenachteiligung und versetzen sich sozusagen durch die Lektüre eines einzigen Werks auf den aktuellen Diskussionsstand. Der Arbeit ist freilich keine neue Theorie zu entnehmen, die Autorin bezieht in der Theoriedebatte selbst nur vorsichtig Position – aber so gelangt man eben zu einem guten Überblick.


Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 29.10.2009 zu: Heike Diefenbach: Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungssystem. Erklärungen und empirische Befunde. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15356-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4983.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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