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Petra Dobner: Neue soziale Frage und Sozialpolitik

Rezensiert von Prof. Dr. Walter Wangler, 13.02.2008

Cover Petra Dobner: Neue soziale Frage und Sozialpolitik ISBN 978-3-531-15241-7

Petra Dobner: Neue soziale Frage und Sozialpolitik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 158 Seiten. ISBN 978-3-531-15241-7. 12,90 EUR.
Reihe: Elemente der Politik
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Intentionen der Herausgeber

Die Reihe "Elemente der Politik" will über "wichtige Themen und Grundbegriffe der Politikwissenschaft" informieren und diese "auf  knappem Raum fundiert und verständlich darstellen". Die einzelnen Bände sollen "Studierende und Lehrende der Politikwissenschaft und benachbarter Fächer" in das jeweilige Thema einführen, wollen aber auch sonstige "politisch Interessierte" ansprechen.

Kritische Vorbemerkung

Das vorliegende Taschenbuch ist keine Einführung in die Sozialpolitik, geschweige denn in die Sozialversicherungspolitik, sondern setzt zumindest sozialpolitische Grundkenntnisse voraus. So wird auch nicht mit der Darstellung des Sozialstaats begonnen, sondern mit der Diskussion seiner "Krisen". Weiter geht es mit "Gerechtigkeit und Sozialstaat" und  "Armut und sozialer Frage". Erst dann, wir sind schon auf Seite 95, werden "Grundstrukturen  … des deutschen Sozialstaats" vorgestellt. Mit anderen Worten: der interessierte, aber vielleicht nicht fachkundige Leser wird mit Wertungen, Einschätzungen und Ausblicken konfrontiert,   bevor er - und auch dies nur sehr eingeschränkt - mit den der Diskussion zugrunde liegenden Sachverhalten vertraut gemacht wird. Ihm werden Urteile aufgedrängt, bevor er die Tatbestände kennt.

Inhalt

  • Im ersten Kapitel werden acht Gründe dafür benannt, die dafür sprächen, "sich mit dem Sozialstaat zu beschäftigen", unter anderem seine bereits erwähnten "gegenwärtigen Krisen".  Immerhin überwiegt in diesem Kapitel die Darstellung der positiven Seiten des Sozialstaats, wie etwa seine Rolle bei der Herstellung und Bewahrung des sozialen Friedens, bei der Schaffung einer (nicht näher beschriebenen) "transnationalen Gerechtigkeit" und bei der Umformung des liberalen in einen sozialen Rechtsstaat. Weshalb zumindest diskussionswürdige Thesen ("Der Sozialstaat ist für alle da", "Aufgabe des Sozialstaats ist es, die Gesamtheit seiner Bürgerinnen und Bürger gegen Risiken abzusichern") als unumstößliche Wahrheiten vorgestellt werden, bleibt das Geheimnis der Autorin.  Die Gegenthese wäre nämlich, dass möglicherweise nicht wenige "Krisen des Sozialstaats" eben diesem ausuferndem Verständnis von Sozialstaat geschuldet sind.
  • Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit "Gerechtigkeit". Nach Auffassung der Autorin kann "Sozialstaatlichkeit ohne Gerechtigkeitsvorstellungen nicht auskommen". Sie konzediert allerdings zu Recht, dass "über den Inhalt und die Herstellung von Gerechtigkeit kein Konsens herrscht". Gleichwohl macht sie sich tapfer daran, wenigstens einige "Ausschnitte des Feldes" zu beleuchten. Weshalb sie dann allerdings auf vergleichsweise vielen Seiten die Gerechtigkeitsvorstellungen des (einigermaßen bekannten) John Rawls, aber auch der weniger bekannten Autoren Ernst Tugendhat und Wolfgang Kersting vorstellt, ist angesichts des knappen zur Verfügung stehenden Raumes nicht recht nachvollziehbar.
  • Das dritte Kapitel über "Armut und soziale Frage" und das vierte über "Die Etablierung des deutschen Sozialstaats" sind die informativsten Teile des Werkes. Vor allem das dritte Kapitel scheint auch einen Schwerpunkt der Interessen der Autorin widerzuspiegeln. Hier erfährt der Leser, wenn auch in notgedrungen komprimierter Form, viel Neues und Interessantes.
  • "Die Gegenwart des Sozialstaats" ist das fünfte Kapitel umschrieben. Auf 22 Seiten wird ein Umriss der deutschen Sozialpolitik, wie sie die Autorin versteht (auch der Kampf gegen den Rechtsextremismus zählt für Dobner zur Sozialpolitik) versucht. Dabei werden jedoch ausschließlich staatliche Maßnahmen behandelt, ihre Auswirkungen auf das Lebensschicksal der Einzelmenschen bleiben außen vor. Nirgendwo wird sichtbar, dass der durch soziale Sicherung hergestellte soziale Friede auch einen inneren Frieden erzeugt, die Betroffenen mit Staat und Gesellschaft vielleicht sogar versöhnt.
  • Zuletzt: wer sind denn nun die Betroffenen? Im Schlusskapitel ("Herausforderungen des Sozialstaats") wird darauf eine Antwort gesucht. Es verwundert nicht, dass die Autorin der "Arbeitnehmerzentrierung" der Sozialpolitik eine Absage erteilt. Das ist inzwischen ja beinahe Allgemeingut in der wissenschaftlichen Sozialpolitik, deren Vertreter bekanntermaßen allesamt aus Arbeitnehmerfamilien stammen. Es fehlt auch nicht der Hinweis auf die Orientierung der Sozialpolitik an der "männlichen Normalerwerbsbiographie" und das "Gendermainstreaming", das dem abhelfen soll. Dass sich in der Bundesrepublik Deutschland nach wie vor jeden Tag 40 Millionen Erwerbstätige auf den Weg machen, um ihr Brot zu verdienen - davon nach wie vor mehr als zwei Drittel in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis, das nach wie vor die Grundlage ihrer sozialen Sicherheit darstellt, wird vom Mainstream der wissenschaftlichen Sozialpolitik schlichtweg nicht (mehr) zur Kenntnis genommen.

Fazit

Ein zur Diskussion anregendes Werk. Als Einführung in die Sozialpolitik eher weniger geeignet, wohl aber als Arbeitsmaterial für die Diskussion der gegenwärtigen Problemfelder der Sozialpolitik.

Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 31 Rezensionen von Walter Wangler.

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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 13.02.2008 zu: Petra Dobner: Neue soziale Frage und Sozialpolitik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15241-7. Reihe: Elemente der Politik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4985.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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