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Manfred Pohl: Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung

Cover Manfred Pohl: Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung. Westkreuz Verlag (Bad Münstereifel) 2007. 200 Seiten. ISBN 978-3-929592-95-5. 14,90 EUR.
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Ein Aufschrei vom Untergang des Abendlandes

Auseinandersetzungen über ethnische und kulturelle Konflikte in der globalisierten Welt gibt es zuhauf. Warnungen vor einem Kulturkampf und Szenarien vom Untergang des Abendlandes erhalten in der öffentlichen Debatte oftmals eine populistischem Tonart. In der Rassismusforschung spricht man hierbei von einer Ethnisierung und einer Kulturalisierung sozialer Konflikte. Doch ein derartiger Populismus ist nicht bloß auf Politiker in Wahlkampfzeiten beschränkt, wie eine Publikation aus dem Westkreuz-Verlag belegt. Da es sich hierbei einerseits um unter ideologiekritischen Prämissen sehr bedenkliche Ausführungen handelt, die auch in politisch Rechtsaußen stehenden Gazetten auf positive Resonanz gestoßen sind, und anderseits zugleich um einen Autor aus dem Kreis politischer Eliten dieses Landes, erscheint in der Rezension eine Kontextbetrachtung von der Tätigkeit des Autors und seines Werkes angebracht.

Autor

Der Autor Manfred Pohl vollzieht in dem Werk ein Plädoyer für Marktliberalismus, um die Menschen davon zu überzeugen, dass "ein weltweiter, freier Markt mit uneingeschränktem Wettbewerb" die Grundlagen für die globalisierte Welt sein sollen, wie es im Vorwort heißt. Ein derartiges Anliegen nimmt nicht wunder, denn der Autor ist Geschäftsführer des 2003 gegründeten "Konvent für Deutschland", einem neoliberalen Think-Tank zur Ankurbelung von "Reformen" im wirtschaftsliberalen Sinne.

Manfred Pohl ist zudem eng mit der grauen Eminenz der Deutschen Bank, Hermann J. Abs, verbunden gewesen sowie Haushistoriker dieses Bankhauses. Zudem kümmert er sich um die Kulturaktivitäten des Unternehmens. Kurzum - der Autor gehört zur Elite dieses Landes. Bei der Buchvorstellung trat Hans-Olaf Henkel als Laudator auf. Der Unternehmerlobbyist ist angetan von den Ansichten des Autors: "Aber wenn ich das geschrieben hätte, müsste ich jetzt wahrscheinlich woanders Asyl beantragen. Historiker können sich das ja erlauben", erklärte Henkel. Dass Autor und Laudator einander verbunden fühlen, ist auch organisatorisch verständlich. Denn auch der ehemalige Arbeitgeberpräsident ist Mitglied dieses Konvents und zusammen mit dem Autor Strippenzieher dieser marktradikalen Vereinigung. Die Schirmherrschaft dieses Vereins hat der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog, der auf der Rückseite des Buches mit den Worten zitiert wird: "Die Zeit des "Klein-Klein" ist vorbei. Wir bedürfen klarer Handlungsaufforderungen, um Überlebenschancen zu entwickeln, damit unsere Kinder eine Zukunft haben."

Als eine solche "Handlungsaufforderung" versteht der Autor sein Werk.

Inhalt

Nun gehört in neoliberalen Zeiten ein Plädoyer für freien Markt und Wettbewerb nicht gerade zur Kategorie besonders Aufsehen erregender Ereignisse. Interessant wie zugleich bedenklich ist hingegen der Tatbestand, welcher Begrifflichkeiten und Thesen sich ein Vertreter eines der marktliberalen Elitenvereinigungen im Kontext eines solchen Plädoyers bedient. Denn was dort inhaltlich zum Ausdruck kommt, ist zunächst einmal unbestreitbar ein altbackener Antifeminismus mit reichlich biologistischer Tönung. Kostprobe: "Nicht nur in Urzeiten galt der Kräftigste und der Größte als der Männlichste und absolut am besten geeignet, um Kinder zu zeugen und Frau und Familie zu versorgen und zu beschützen. Nur so galt er als absolut erotisch", weiß der Autor zu berichten. Ähnlich inhaltlich bedenklich verhält es sich mit dessen Erläuterungen zum Gehalt des merkwürdigen Titels "Das Ende des Weißen Mannes."

Um ihn, den "Weißen Mann", sei es nach Ansicht von Pohl in mehrerlei Hinsicht schlecht bestellt. Ein Problem hierbei scheint wiederum die Frauenemanzipation zu sein: "Müsste der Mann an den Herd und Kinder großziehen, würden noch weniger oder gar keine mehr entstehen."

Wer das noch nicht versteht, dem erklärt es der Autor noch einmal unmissverständlich: "Denn welche Frau fühlt sich von solch einem Mann angezogen? Diese Art von Mann würde verweiblichen, da dann das männliche Testosteron nicht zur Entfaltung kommen und verkümmern würde." Der Autor offenbart hier ein Niveau, das in Zeiten staatlich anerkannter und geförderter Frauenquoten und Gender Mainstreaming- Programme mehr als bedenklich erscheint. Bei den Nicht-Weißen, wozu der Autor pauschal und damit in offen pauschalisierender und diskriminierender Auslegung "die Moslems" zählt, sei das bekanntlich anders: "Heute leben in Europa 20 Millionen Muslime und in 20 bis 30 Jahren werden es schätzungsweise 60 Millionen sein." Aus seinen demographischen Prognosen folgert der Autor populistische Untergangsszenarien, die sonst eher in Rechtsaußen-Gazetten Platz finden: "Die Weißen Deutschen wird es dann nur noch als Kleine ethnische Minderheit geben, die den Touristen als Fremdenführer die großen Denkmäler unserer deutschen Hochkultur und die übrig gebliebenen Relikte der Industriellen Revolution sowie die Markenzeichen großer deutscher Unternehmen zeigen können." Um das Jahr 2050 herum, so der Autor, werde der "Weiße Mann" aussterben und der "Multi-Colour Man" die Macht auf der Erde übernehmen. Eine solche Prognose veranlasst den Autor zu folgender bemerkenswerter Aufforderung: "Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Kultur des Weißen Mannes weiterlebt in Deutschland, in Europa und in den USA."

Diese "weiße" Kultur wie auch der Staat des "Weißen Mannes" werden laut Autor bedroht durch die Moslems: "Moslems werden nur unter schwierigen Bedingungen, um nicht zu sagen überhaupt nicht, eine europäische Identität übernehmen. Sie bleiben ein Staat im Staat."

An dem Aussterben des "Weißen Mannes" führe biologisch kein Weg vorbei, weshalb nun die Weichen für die Zukunft gestellt werden müssten: "Entscheidend ist die Identität, das Zugehörigkeitsgefühl; und diese müssen deutsch, europäisch oder amerikanisch bleiben."

Was hier an Thesen vertreten wird, ist nicht nur in höchstem Maße verquer ausgedrückt, sondern auch inhaltlich durchzogen von biologistischen und kulturalistischen Klischees mit Anknüpfungen an einen populistischen Jargon, der politisch mehrheitlich Rechtsaußen zu verorten ist.

Rezeption von Rechtsaußen

"Zukunftsvisionen eines prominenten Bankers: Ende des weißen Mannes", so zustimmend titelte etwa das älteste extrem rechte Theorieorgan der Bundesrepublik, die Zeitschrift "Nation & Europa" eine Rezension des Buches in einer ihrer Ausgaben. Der Autor Manfred Pohl ist verärgert darüber, dass seine Thesen von Rechtsaußen zustimmend interpretiert wurden. Denn er versteht sich weniger als rechts oder links, sondern vielmehr als einen nach vorn gerichteten "Impulsgeber" im Sinne des Konvents.

Wenig Berührungsängste zeigt er zugleich zur neurechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" In der JF wurden die Thesen Pohls begierig aufgegriffen: "Der Untergang des Abendlandes kommt. Ab 2050 übernehmen in Europa die Einwanderer das Kommando", so titelt die JF ein Interview mit dem Buchautor (JF Nr. 29/07). Den Neurechten der JF kommen die Vorstellungen von Pohl entgegen, denn eine ethnopluralistisch verklausulierte Islamophobie gehört zum Markenzeichen der neurechten Wochenzeitung. In dem Interview überschneiden sich die neurechten Beschwörungen vom Untergang des Abendlandes mit den kulturalisierten Horrorszenarios des Buchautors. Im Boulevardstil wird dort suggestiv die Frage zur Zukunft Europas wie folgt formuliert: "Auch Deine Frau trägt ein Kopftuch, auch Deine Kinder werden beschnitten, auch Du betest zu Allah?". Worauf der Interviewte antwortet: "Ausschließen kann ich das nicht." Was dort schon fast realsatirisch an apokalyptischen Szenarien der Leserschaft präsentiert wird, weist zugleich auf den bedenklichen Tatbestand hin, dass sich kulturalisierende Zuschreibungen und Interpretationen von Rechtsaußen hinein in das Machtzentrum politischer Eliten verschoben haben. Denn mehr als nur irritierend erscheint in diesem Kontext der Tatbestand, dass ein Vertreter des "Konvent für Deutschland" in einem neurechten Blatt die parlamentarische Demokratie infrage stellt: "Wir müssen uns fragen, ist die parlamentarische Demokratie, so wie wir sie haben, die richtige Staatsform für das 21. Jahrhundert? Alle bei uns reden von Reformen, aber an diese Frage traut sich ernsthaft keiner ran", so Pohl im Interview mit der JF.

Welche Form von Transformation der Demokratie Manfred Pohl dabei vorschwebt, ist in dessen Werk nachzulesen - Eine Staatsführung in Form einer Unternehmensführung: "Bisher mussten die Parteien, die Lobbyisten, die betroffenen Institutionen und so weiter alle in den Entscheidungsprozess mit ihren Vorschlägen einbezogen werden, was unternehmensstrategisch eine Katastrophe ist", so der Autor in seinem Buch. Dort verkündet er die Vision vom Staat als "Aktiengesellschaft". Als Kern jeglicher Ordnung steht für Pohl der Kapitalismus: "Der Bürger weiß ganz genau, dass der Kern der Legitimation in einer demokratischen Gesellschaft, in einer marktwirtschaftlichen Ordnung und in einer kulturellen, religiösen Wertegemeinschaft bestehen muss", so der Buchautor zur Zukunft des Staates, dessen Ideal das eines "weltweiten, freien Marktes mit uneingeschränktem Wettbewerb" sei.

Die Handlungsaufforderungen des marktradikalen Professors haben auch realpolitische Züge. So fordert Herr Pohl etwa eine Umgestaltung des Bildungswesens zur Förderung der geistigen Elite: "Die rund fünf Prozent der Menschen, die intellektuell in der Lage sind, geistige Höchstleistungen zu verbringen, etwa durch Erfindungen, müssen frühzeitig aus dem Durchschnitt herausgefiltert und spätestens nach dem Kindergarten spezifisch gefördert werden."

Was dem Geschäftsführer des "Konvent für Deutschland" hier vorschwebt ist die strukturelle Zementierung der Klassengesellschaft von Kindesbeinen an: "Die etwa 30 Prozent, die Erfindungen umsetzen, installieren und warten oder Bildung weitergeben können, bedürfen ebenfalls eines eigenen Bildungsweges, genauso wie die restlichen 65 Prozent, die Maschinen bedienen und einfache geistige Arbeiten verrichten." Das abgehängte Prekariat hat augenscheinlich in einem nach Pohl reformierten Deutschland einen festen Platz: Unten. "Von ihnen ist etwa ein Drittel nicht bildungsfähig, egal, wie viele Millionen für ihre Bildung aufgewandt werden."

Fazit

Bedenklich an dem Inhalt dieses Werkes ist weniger dessen Niveau als vielmehr der biographische Entstehungskontext des Autors, der zugleich als Wortführer des neoliberalen Think-Tanks "Konvent für Deutschland" auftritt. Dieser Hintergrund ermöglicht es, dass im neoliberalen Zeitungen wie der "Wirtschaftswoche" (8/2007) Aussagen zu finden sind, die ihren Entstehungskontext in präfaschistischen Intellektuellenkreisen der Weimarer Zeit haben. Darin fragt der Redakteur den Autor Manfred Pohl nach der Gültigkeit der "nun 100 Jahre alte(n) Prophezeiung Oswald Sprenglers vom Untergang des Abendlandes". Der Autor antwortet darauf wie folgt: "Nicht, wenn es uns in den Kernländern Europas und in den USA gelingt, unsere Kultur hinüberzuretten, sodass die Menschen, die aus anderen Kulturen und mit anderen Religionen zu uns kommen, diese neue Identität an- und unsere Leitkultur übernehmen." Derartige Thesen sind als rechter Kulturkampf in Reinform zu interpretieren - nur sind diese nicht in einer Rechtsaußen-Gazette zu finden, sondern vom Autor in wirtschaftsliberale Blätter transformiert worden: So werden die Themen der Rechten zu Themen der Mitte.


Rezension von
Dipl.-Soz.wiss. Alexander Häusler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus der Hochschule Düsseldorf. Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus / Neonazismus.
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Zitiervorschlag
Alexander Häusler. Rezension vom 05.02.2008 zu: Manfred Pohl: Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung. Westkreuz Verlag (Bad Münstereifel) 2007. ISBN 978-3-929592-95-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5011.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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