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Bundesministerium für Justiz (Hrsg.): Begutachtung von Kindern nach sexueller Misshandlung

Cover Bundesministerium für Justiz (Hrsg.): Begutachtung von Kindern nach sexueller Misshandlung. Neuer Wissenschaftlicher Verlag NWV (Wien) 2007. 125 Seiten. ISBN 978-3-7083-0420-5. D: 28,80 EUR, A: 28,80 EUR.

Schriftenreihe des Bundesministeriums für Justiz - Band 130. Recht.
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Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band stellt die schriftliche Dokumentation der am 11.03.2005 vom österreichischen Bundesministerium für Justiz in Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien und dem Unabhängigen Kinderschutzzentrum Wien abgehaltenen Fachtagung "Begutachtung von Kindern nach sexueller Misshandlung" dar.

Aufbau und Inhalt

In sieben Vorträgen bzw. Workshops werden unterschiedliche, zum Teil sehr spezifische Aspekte aus dem Themenbereich der Begutachtung von minderjährigen Opfern von Sexualdelikten bearbeitet. Formale wie inhaltliche Unterschiede der derzeitigen Gutachterpraxis - so die Veranstalter dieser Fachtagung -, aber auch die weit verbreitete Unsicherheit der am Prozess Beteiligten hinsichtlich möglicher Aufgaben von Sachverständigen vor Gericht machten die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Rolle der GutachterInnen und der Forderung nach umfassender Information über die Gründe für eine Begutachtung von Opfern sexueller Übergriffe deutlich.

  • In dem ersten Beitrag versuchen der Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut Dr. Georg Spiel und sein aus Klinischen Psychologinnen, Gesundheitspsychologinnen und Psychotherapeutinnen bestehendes Team das Thema "Möglichkeiten und Grenzen in der Beurteilung und Begutachtung bei intrafamiliärer sexueller Misshandlung im klinisch therapeutischen Setting" (S. 11-21) aufzuhellen. Es werden Möglichkeiten und Grenzen der Beurteilung und Begutachtung bei intrafamiliären sexuellen Misshandlungssituationen bearbeitet, wobei vor allem Grenzen der Erkenntnismöglichkeiten diskutiert werden. Neben dem beobachtbaren Verhalten von Opfer, Täter und anderen Verantwortungsträgern seien vor allem die unterschiedlichen Motivationsschichten zu berücksichtigen. Die Komplexität der Wahrheitsfindung im Rahmen von Bemühungen der Beurteilung von Misshandlungssituationen solle dabei nicht auf die Analyse der Aussagen beschränkt werden, sondern die "Dimensionen der Persönlichkeit von Opfer und Täter wie auch des Kontextes" (S. 20) sollen Berücksichtigung finden.
  • In dem zweiten Beitrag formuliert der Direktor des Instituts für Psychologie der Universität Kiel und Gerichtsgutachter Prof. Dr. Günter Köhnken "Qualitätsanforderungen an Gutachten zur Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen" (S. 23-35). Ausgehend von der Diskussion um die spektakulären Gerichtsprozesse um angeblichen sexuellen Kindesmissbrauch Mitte der 1990er Jahre in Deutschland ("Montessori-Prozess", "Wormser Missbrauchsprozesse") sah der (deutsche) Bundesgerichtshof (BGH) im Jahre 1999 die Notwendigkeit, verbindliche Mindeststandards für Glaubwürdigkeitsgutachten zu erlassen, die sich auf die Bereiche Auswahl diagnostischer Methoden, den Prozess der Begutachtung sowie die Darstellung der Untersuchungsergebnisse in Gutachten beziehen. Dabei, so Köhnken, müsse jedoch bedacht werden, dass die von der BGH-Rechtsprechung geforderten Qualitätskriterien nicht neu ausgearbeitet wurden, sondern bereits seit Jahren in der wissenschaftlichen Psychologie und psychologischen Diagnostik verwendet, von Fachleuten akzeptiert werden und zudem in der einschlägigen Fachliteratur nachzulesen seien.
  • In dem dritten Beitrag arbeitet die Psychologin und in Amsterdam tätige Universitätsprofessorin Dr. Francien Lamers-Winkelmann Ausführungen zu dem Themenbereich "Kleine Kinder: Prinzipien und praktische Probleme in der Verdachtsbeurteilung" (S. 37-49) aus. Hier wird u.a. deutlich, dass zum einen Kinder unter sechs Jahren nicht in der Lage seien, eine freie, unbeeinflusste Darstellung eines traumatischen Geschehens abzugeben, dass es zum anderen für unbeteiligte Außenstehende schwierig sei, eine solche Aussage nachvollziehen und verstehen zu können. Lamers-Winkelmann fordert statt einer einmaligen Befragung kleiner Kinder ausreichend Zeit für die intensive Beschäftigung mit ihnen, weiterhin dass Sachverständige praktische Erfahrungen im Gespräch mit betroffenen Kindern haben und über entwicklungspsychologische Kenntnisse verfügen sollten.
  • In dem vierten Beitrag thematisiert der Psychologe, Sachverständige und Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums Wien Holger Eich "Ethische Aspekte der Begutachtung" (S. 51-65). Neben der Anwendung wissenschaftlicher Kriterien bei der Begutachtung in Misshandlungsprozessen müsse seiner Meinung nach auch die in diesem Zusammenhang zentrale ethische Frage, die Begründung des gutachterlichen Handelns in Hinblick auf mögliche Auswirkungen auf Kinder, bearbeitet werden.  Auf der Suche nach der Wahrheit müsse die Würde von Kindern respektiert werden, die gegen ihren Willen bzw. nicht auf eigenen Wunsch verpflichtet werden, Aussagen über sich, über intime, sensible Sachverhalte, über Erfahrungen mit Ohnmacht und Hilflosigkeit oder traumatisierende Gewalterlebnisse zu treffen, die in die Öffentlichkeit gelangen. GutachterInnen hätten demnach gegenüber Kindern in Missbrauchsprozessen eine besondere Verantwortung: Neben der Anwendung als wissenschaftlich anerkannter Methoden bei der Begutachtung bestehe eine Informationspflicht gegenüber Kindern in inhaltlicher, aber auch in der Hinsicht, dass Kinder das Recht haben, die Mitarbeit zu verweigern.
  • In dem fünften Beitrag bearbeitet die Psychotherapeutin und Familientherapeutin der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien Monika Korber das Thema "Scheidung und sexueller Missbrauch: Gutachten aus psychotherapeutischer Sicht" (S. 67-74). Um bei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch an Kindern in Trennungs- und Scheidungssituationen die Komplexität und Dynamik innerfamiliärer Prozesse erkennen und professionell bewerten zu können, sei besonderes Wissen zu psychodynamischen und innerfamiliären Prozessen notwendig. So werde es erfahrenen PsychotherapeutInnen als VertreterInnen ihrer eigenen wissenschaftlichen Disziplin mit eigens ausgearbeiteten Methoden möglich, zur Qualität der forensischen Begutachtung beizutragen.
  • In dem sechsten Beitrag stellt die Klinische Psychologin Dr. Heidrun Eichberger ihre Vorstellungen zu dem Themenbereich "Aussageanalyse bei sexuellen Übergriffen an Kindern und Jugendlichen - ein Vergleich mit Deutschland" (S. 75-89) vor. Während in Österreich bis vor ca. zehn Jahren ausschließlich kinder- und jugendpsychiatrische Sachverständige (in der Regel ÄrztInnen) die Begutachtung sexuell traumatisierter Kinder und Jugendlicher vornahmen, plädiert die Autorin für ein duales Begutachtungssystem, in dessen Rahmen zwei PsychologInnen unabhängig voneinander an einem Gutachtensauftrag arbeiten. In Deutschland wurden im Jahre 1999 Maßstäbe bei der Erstellung von Gutachten gesetzlich verankert, was nach Meinung der Autorin als Katalog von aussagepsychologischen Leitlinien bei der Gutachtenerstellung auch in Österreich umzusetzen sei.
  • In dem siebten Beitrag setzt sich die Psychologin und Psychotherapeutin Sonja Wohlatz mit dem Themenbereich "Begutachtung von Kindern und psychosoziale Prozessbegleitung" (S. 91-96) auseinander. Hierbei beschreibt die Autorin die Begutachtung aus der Sicht der Prozessbegleitung und hebt vor allem die besondere Bedeutung einer stets vorhandenen Beeinflussung von Kindern als Zeugen bei Missbrauchsprozessen hervor. Ausreichende und altersentsprechende Informationen, Aufklärung und ein respektvoller Umgang mit den beteiligten Kindern und Jugendlichen sei notwendig, um die Darstellung von Wirklichkeit aus Sicht der Kinder und Jugendlichen verstehen zu können.
  • In dem achten Beitrag fassen die AutorInnen die wesentlichen Ergebnisse ihrer Ausarbeitungen in einem "Resumée der Workshops" (S. 97-102) zusammen.
  • Den letzten Beitrag stellt die Veröffentlichung einer "Gutachterrichtlinie" dar (S. 103-115).

Zielgruppen

Laut Angaben der Herausgeber dienten die Vorträge und Workshops dieser Fachtagung dem Austausch und der Reflexion von Erfahrungen, der Verbesserung von Aussageanalysen und Verdachtsbeurteilungen, der Erweiterung von Fachkompetenz und Selbstverantwortung der GutachterInnen und der Stärkung der multiprofessionellen Zusammenarbeit und Vernetzung.

Alle an der Thematik der Begutachtung von Kindern nach sexueller Misshandlung Interessierten, die in der Justiz mit konkreten Fällen befassten Zivil- und StrafrichterInnen, StaatsanwältInnen und Angehörige der Sicherheitsorgane erhielten Einblicke in die Praxis von Befragung und Begutachtung von Kindern nach internationalen Standards.

M.E. sind neben den genannten Fachleuten auch Interessierte der (Fach-)Öffentlichkeit angesprochen, da psychiatrische, psychologische und psychotherapeutische Aspekte der Prozessbegleitung und Begutachtung thematisiert werden. Es geht hier also auch um die Problematisierung eines menschlich sensiblen, respektvollen und empathischen Umgangs mit Kindern und Jugendlichen, die traumatische Erlebnisse zu verarbeiten haben. Von daher werden in diesem Zusammenhang zumindest ansatzweise auch übergeordnete ethische und anthropologische Grundthemen diskutiert.

Fazit

Der vorliegende Band stellt mit seinen Beiträgen aus fachdisziplinär-wissenschaftlicher, aber auch aus der Sicht mit praktischen Gutachteraufgaben betreuten Fachleute den aktuellen Stand der in Österreich zu beobachtenden Diskussion um die Begutachtung von Kindern nach sexueller Misshandlung dar. Zudem weisen die Beiträge Möglichkeiten und Grenzen der psychologischen, psychiatrischen und psychotherapeutischen Erkenntnismöglichkeiten im forensischen Kontext auf.

Die AutorInnen fordern neben einer verstärkten interdisziplinären Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen und einer damit einhergehenden, in qualitativer Hinsicht auszubauenden Professionalisierung die Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit, "um das Feld nicht der Angst und Mythenbildung sowie dem Populismus zu überlassen" (S. 4).

Für Fachfremde ist insbesondere das Resümee der Workshops (S. 97-102) interessant, da hier die Ebene des streng wissenschaftlichen Diskurses verlassen wird, dafür in einer für den interessierten Laien verständlichen und gedanklich nachvollziehbaren Sprache die wesentlichen Probleme aufgezeigt, aber auch Forderungen und Perspektiven abgeleitet werden.

In Anschluss an jeden Fachbeitrag ist jeweils eine Liste von Veröffentlichungen zu finden, die die LeserInnen auf verwendete und weiterführende Literatur verweist und somit bei Interesse einen vertiefenden Einblick in die Thematik erlaubt.


Rezension von
Prof. Dr. Bernd Sommer
Duale Hochschule Baden-Württemberg - Villingen-Schwenningen - Fakultät für Sozialwesen Studiengang Sozialwirtschaft


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Zitiervorschlag
Bernd Sommer. Rezension vom 11.04.2008 zu: Bundesministerium für Justiz (Hrsg.): Begutachtung von Kindern nach sexueller Misshandlung. Neuer Wissenschaftlicher Verlag NWV (Wien) 2007. ISBN 978-3-7083-0420-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5020.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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