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Wolf Ritscher: Soziale Arbeit. Systemisch. Ein Konzept und seine Anwendung

Rezensiert von Prof. Dr. Heino Hollstein-Brinkmann, 24.09.2007

Cover Wolf Ritscher: Soziale Arbeit. Systemisch. Ein Konzept und seine Anwendung ISBN 978-3-525-49101-0

Wolf Ritscher: Soziale Arbeit. Systemisch. Ein Konzept und seine Anwendung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2007. 180 Seiten. ISBN 978-3-525-49101-0. 26,90 EUR.
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Thema

Mittlerweile ist die Frage nach den theoretischen und praktischen Möglichkeiten der Systemtheorie für die Soziale Arbeit zu einer vertrauten Thematik geworden, die in den letzten Jahren zunehmend differenziert ausgearbeitet, systematisiert und konkretisiert wird. Für diese notwendige Theoriearbeit hat Ritscher mit seiner Veröffentlichung einen weiteren wichtigen Beitrag geliefert und dabei die theoretische und die professionelle Perspektive gleichermaßen berücksichtigt und aufeinander bezogen.

Autor

Wolf Ritscher, Dr. phil., M.A., Dipl.-Psychologe, lehrt als Professor für Psychologie an der Hochschule für Sozialwesen in Esslingen mit Schwerpunkt Klinische Psychologie, Familientherapie und Familiensozialarbeit. Er ist freiberuflich als systemisch-psychodramatischer Therapeut und Supervisor tätig.

Aufbau und Inhalt

Der Ausgangspunkt des Buches ist eine Charakterisierung der Sozialen Arbeit als Wissenschaft und als Profession unter Einbeziehung ihrer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. In Anlehnung an die Theorie gesellschaftlicher Teilsysteme nach Luhmann, das Konzept der individualisierenden Gesellschaft nach Beck und Kommunikation als sinnstiftender Instanz werden diese Rahmenbedingungen und Funktionen Sozialer Arbeit bestimmt.

Für die Soziale Arbeit werden sodann vier Theoriestränge als relevant benannt:

  1. Lebenswelt,
  2. Soziale Probleme,
  3. Inklusion/Exklusion und
  4. Dienstleistung.

Ein Konzept systemischer Sozialer Arbeit wird zu diesen Theoriesträngen in einem Ergänzungsverhältnis gesehen und nicht als fünftes oder Alternativmodell. Alle genannten Theorierichtungen, so Ritscher, seien unter  bestimmten Aspekten mit einer systemischen Konzeption kompatibel.

Der Autor vertritt ein integratives Systemmodell. Er bezieht in seinen Ansatz unterschiedliche Konzepte des Systemischen aus unterschiedlichen Zeiten ein: Von struktureller Familientherapie bis zu Selbstorganisationstheorien und Synergetik, von konstruktivistischen Annahmen der Beobachtungsabhängigkeit bis zur "systemischen Struktur der Welt" (S. 51). Er versammelt so zentrale Theoreme der Systemtheorie und bezieht sie unter der Rubrik "Konsequenzen für Soziale Arbeit" jeweils erläuternd und anschaulich auf Soziale Arbeit.

Nach diesen metatheoretischen Dimensionen werden im 3. Kapitel auf einer konkreteren Ebene die Unterstützungs- und Moderationsfunktion Sozialer Arbeit erläutert  und Handlungskonzepte einer systemischen Sozialen Arbeit (Stichworte: Angebot und Eingriff, Verhältnis von Systemebenen, Raum und Zeit, Klärung der Überweisungskontexte und Aufträge) präsentiert, einschließlich eines an der Einzelfallhilfe orientierten Modells der systemischen Gesprächsführung unter Verwendung der vorher eingeführten theoretischen Leitlinien systemischen Handelns.

Im vierten Kapitel wird entlang eines idealtypisch gedachten Verlaufs in chronologischer Abfolge ein Hilfeprozess unter Verwendung des systemischen Methodenrepertoires vorgelegt. Dabei baut der Autor auf  einem Handlungsmodell von Hiltrud von Spiegel auf und zeigt, wie systemische Methoden (Fragetechniken, Medien etc.) hier genutzt werden können.

Schließlich wird der Theorieteil mit einem Kapitel zur  professionellen Haltung aus systemischer Perspektive beschlossen. Im Begriff der "interessierten Hinwendung" verbindet der Autor eine humanistisch begründete Grundhaltung mit systemischen Handlungsorientierungen (Allparteilichkeit, Loyalitätsperspektiven, Respekt, Kontextualisierung, etc.)

Ein Drittel des Buches ist für Darstellungen einer systemischen Praxis Sozialer Arbeit reserviert.

  • Elsbeth Lay beschreibt hier die systemische Praxis der stationären Jugendhilfeeinrichtung "WunderFitz" (Ortenaukreis, Baden-Württemberg);
  • Jürgen Armbruster und Gabriele Rein die eines sozialpsychiatrischen Dienstes in Stuttgart.

In beiden Aufsätzen wird durch kursive Schrift auf zentrale Begriffe des Theorieteils (insbesondere auf systemische Handlungsorientierungen) Bezug genommen - eine einfache aber informative und Theorie und Praxis gut verknüpfende Idee.

Die Praxisschilderungen müssen daher auch keine Konstruktionen sein, die eine Systematik systemischen Denkens und Handelns gewissermaßen nur illustrieren, sondern können aus der professionellen Perspektive die Verknüpfung von systemischen Theoriebezug und professionellem Erfahrungswissen zeigen.

Die Schilderung von Lay erfolgt konsequent aus der Perspektive beruflichen Alltagshandelns und der damit notwendig verknüpften Routinen und Vorgehensweisen. Nach der Darstellung  der systemischen Konzeption der Einrichtung wird ein Fallbeispiel chronologisch und gleichzeitig handlungsbegründend erzählt. So wird verständlich, wie systemische Orientierungen eine professionelle Berufspraxis fundieren und orientieren.

Armbruster und Rein wählen in ihrer  Darstellung eine andere Systematik. Sie fragen - klassisch systemisch - wie entsteht die Idee einer chronischen psychischen Erkrankung? Sie  entwickeln davon ausgehend, wenn auch knapp gehalten, drei systemische Perspektiven für die Gemeindepsychiatrie: Kontextuelles Denken und Handeln, der Sinn symptomatischer Verhaltensweisen und das Bemühen um eine neutrale Grundhaltung. Daran anschließend zeigen sie in vier Falldarstellungen, wie im Kontext der Sozialpsychiatrie die Idee der Chronizität immer nahe liegt, aber nicht immer hilfreich ist und wie der Eigensinn der Klienten passende Lebenswege erzeugt

Kommentar

Der Autor ist stets um Konkretisierung und Anschaulichkeit bemüht und geht mit sicherer Orientierung durch den weitläufigen systemischen Diskurs.

Dabei verfolgt er nicht einfach den Weg von abstrakten Aussagen zum konkreten Handeln, sondern ordnet den systemischen Zugang in die Soziale Arbeit als Wissenschaft und Profession ein. Aus meiner Sicht entsteht so eine Handlungstheorie Sozialer Arbeit auf systemischer Grundlage unter Verwendung systemischer Handlungsprinzipien und Interventionen. Auch die Anschlussfähigkeit der systemischen Denkweise und Terminologie an andere theoretische Zugänge wird deutlich.

Die Orientierung an den potentiellen LeserInnen, zu denen ich neben Studierenden und Lehrenden der Sozialen Arbeit durchaus auch Professionelle in verschiedenen Feldern Sozialer Arbeit zähle, ist für mich durchgängig wahrnehmbar und wird u.a. durch die häufigen Querverweise auf andere Kapitel des Textes deutlich

Ritscher ist ein mittlerweile ein Standard-Autor, wenn es um das Verhältnis von Systemtheorie und Sozialer Arbeit geht: Er ist Herausgeber des Bandes "Systemische Kinder- und Jugendhilfe" (2005) und Autor von "Einführung in die systemische soziale Arbeit mit Familien" (2006). Sein ausführlicherer Band "Systemische Modelle für die Soziale Arbeit" (2002) geht thematisch in die gleiche Richtung wie das hier besprochene Buch und zeigt gewisse Ähnlichkeiten und Parallelen (u.a. die metatheoretischen Konzepte, ökosoziales Modell, Handlungsorientierungen). Auch die in Kap. 7 geschilderte Praxis in der Gemeindepsychiatrie (AutorInnen: Armbruster und Rein) ist durch einen Artikel der gleichen AutorInnen bereits Gegenstand in dem 2002 veröffentlichten Band, wenn auch mit anderer Systematik und anderen Fallbeispielen.

So kann man einerseits das neue Buch hinsichtlich der theoretischen Reichweite als eine komprimierte Fassung des Bandes von 2002 lesen, andererseits ist es stärker handlungstheoretisch ausgerichtet und auf den Gegenstandsbereich und die gesellschaftliche Verortung Sozialer Arbeit bezogen. Die besprochenen systemischen Methoden geraten deutlich knapper, was bei rund 110 Seiten für die theoretischen Grundlagen nicht verwundern kann und erfordern bei Bedarf ein Weiterlesen an anderer Stelle. Mehr Raum wurde dafür den Praxisbeispielen gegeben.

Fazit

Ein wichtiges Buch für die Präzisierung des Nutzens des systemischen Denkens und Handelns für die Soziale Arbeit, das einerseits deutlich macht, dass systemische Soziale Arbeit mehr ist als die Übertragung systemtherapeutischer Methoden in die Soziale Arbeit, andererseits aber anschaulich zeigt, wie gerade die systemische Therapie mit ihren Handlungsorientierungen und ihrem Interventionsrepertoire eine ressourcenorientierte und reflexive Soziale Arbeit fundieren kann.

Rezension von
Prof. Dr. Heino Hollstein-Brinkmann
Professor für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt, (Universitiy of Applied Sciences), Sozialarbeiter, Dipl.-Pädagoge, Supervisor (DGSv), Leiter der Weiterbildung Systemische Beratung der EFHD
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Es gibt 3 Rezensionen von Heino Hollstein-Brinkmann.

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Zitiervorschlag
Heino Hollstein-Brinkmann. Rezension vom 24.09.2007 zu: Wolf Ritscher: Soziale Arbeit. Systemisch. Ein Konzept und seine Anwendung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2007. ISBN 978-3-525-49101-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5022.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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