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Annegret Wigger, Sylvia Lustig: Ist Lebensqualität in Heimen messbar?

Annegret Wigger, Sylvia Lustig: Ist Lebensqualität in Heimen messbar? Handbuch und wissenschaftlicher Kommentar. soziothek (Bern) 2002. 101 Seiten. ISBN 978-3-905596-86-1. 18,50 EUR.
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Einführung in das Thema

Die Unterbringung in ein Heim ist für Kinder und Jugendliche eine einschneidende und schmerzhafte Erfahrung. Ihre Familie bietet ihnen - nach eigenem Ermessen oder nach Ermessen des Staates - keine angemessene Fürsorge, deswegen kommen sie unter den Schutz des Staates. Wie aber kann der Staat die Einrichtungen, in denen er die Kinder und Jugendlichen unterbringt hinsichtlich deren Bedürfnisse wirksam kontrollieren? Annegret Wigger und Sylvia Lustig haben sich diese Frage gestellt und ein Aufsichts- und Qualitätsentwicklungsinstrument entwickelt, das formal auf die rechtliche Situation im Kanton St. Gallen in der Schweiz abgestimmt ist, sich aber inhaltlich auf die internationale Kinderrechtskonvention bezieht und in sofern auch für andere Länder Gültigkeit besitzt.

Zur Entstehung des Buches

Annegret Wigger hat viele Jahre als "Familienfrau" in einer heilpädagogischen Großfamilie gearbeitet. Vor diesem Hintergrund hat sie ein Forschungsprojekt initiiert, in dem sie zusammen mit Sylvia Lustig ein wissenschaftlich fundiertes Aufsichtsverfahren entwickelt hat. Finanziert wurde das Projekt unter anderem vom Amt für Soziales des Departments des Inneren des Kantons St. Gallens in der Schweiz.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist zweigeteilt in ein Handbuch und einen wissenschaftlichen Kommentar. Das Handbuch gibt eine ausführliche Anleitung zur Umsetzung des Aufsichts- und Qualitätsinstrumentes. Der wissenschaftliche Kommentar beleuchtet die Entstehung des Instrumentes und seine ethischen und wissenschaftlichen Grundlagen.

Das Amt für Soziales hat die Aufgabe, die stationären Einrichtungen der Jugendhilfe regelmäßig zu kontrollieren und ihre Qualitätsentwicklung zu fördern. Die Autorinnen haben sich bei der Entwicklung eines Instrumentes, das dieser doppelten, sich zum Teil widersprechenden Aufgabe gerecht wird, konsequent am Kindeswohl orientiert. Gestützt auf die internationale Kinderrechtskonvention und einschlägige Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie haben sie für die Operationalisierung eine umfangreiche Kategorienliste erstellt. Diese haben sie nicht, wie der Titel des Buches vermuten lässt, in einen Fragebogen, sondern in ein qualitatives Verfahren umgesetzt. Dabei begreifen sie das Leben in einem Heim (oder einer Wohngruppe oder einer familienförmigen Einrichtung) als Konstruktion der in ihm Lebenden, deren Deutungen es zu erfassen gilt. Kernstück des Verfahrens sind leitfadengestützte Gruppeninterviews, die externe ModeratorInnen in getrennten Gruppen mit dem Fachpersonal und den Kindern und Jugendlichen durchführen. Außerdem werden die Trägerschaft und die Leitung eines Heims aufgefordert, Aussagen zum pädagogischen Konzept zu machen. Bei der Auswertung der Gruppeninterviews sollen die tatsächlich gelebten Werte und Haltungen rekonstruiert werden, um Verletzungen des Kindeswohls erkennen zu können und darüber hinaus eine Grundlage für eine gezielte Qualitätsentwicklung zu schaffen. Dabei sehen die Autorinnen die Gewährleistung des Kindeswohls nicht unabhängig vom Wohl des Heimpersonals. Nur wenn das Personal die Möglichkeit habe, sich selbst zu entwickeln, und es über angemessene Entscheidungsbefugnisse verfügt, könne es auch die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen fördern und an der Gestaltung des Heimlebens teilhaben lassen. Sowohl dieser partizipative Ansatz als auch das qualitative Vorgehen lassen alle Beteiligten zu Subjekten des Verfahrens statt Objekten der Heimaufsicht werden. Dies lässt es möglich erscheinen, ein und dasselbe Instrument sowohl zur Kontrolle als auch zur Qualitätsentwicklung einzusetzen. Dabei ist es meines Erachtens aber nicht so, wie die Autorinnen angeben, dass ihr Instrument in Teilen eine Selbstevaluation der MitarbeiterInnen sei. Zwar bekommen die MitarbeiterInnen die Gelegenheit, sich zu ihrer Arbeit zu äußern, sind aber am Verfahrensablauf nicht beteiligt.

Um das Instrument als Routine handhabbar zu machen, werden die zugrundeliegenden wissenschaftlichen Methoden stark komprimiert. Die Autorinnen geben als groben Richtwert für den Zeitaufwand des Verfahrens je nach Größe des Heimes ca. ein bis zwei Wochen an. Eine Pilotphase hat leider zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches noch nicht stattgefunden.

Tauglichkeit für potenzielle LeserInnen

Die Autorinnen richten sich speziell an die Schweizer Aufsichtsbehörde für Kinderheime. Das Verfahren kann aber auch in modifizierter Form als Selbstevaluation von der Trägerschaft oder Leitung eines Heimes durchgeführt werden oder wertvolle Anregungen für eine Selbstevaluation auf der Ebene des Fachpersonals geben. Das Verfahren lässt sich auch auf Heime mit anderer Klientel übertragen und ist grundsätzlich so angelegt, dass es weiterentwickelt werden kann und soll, wie die Autorinnen im letzten Kapitel ausführen.

Das Buch ist schnörkellos und sachbezogen geschrieben. Das Durchlesen wird dadurch stellenweise zum Durcharbeiten. Es bringt die Dinge aber klar auf den Punkt und ist daher genau das Richtige, wenn man mit der Qualitätsentwicklung von Heimen beschäftigt ist. Ein Pluspunkt ist auch, dass deutlich zu spüren ist, dass es sich bei Annegret Wigger um eine Frau aus der Praxis handelt, die die Problemzonen von Heimen genau kennt, und gleichzeitig als Wissenschaftlerin eine gute Kenntnis der diesbezüglichen Veröffentlichungen und insbesondere auch der konstruktivistischen Literatur hat.

Die Aufmachung des Buches ist sehr einfach. Dafür unterstützt man mit dem Kauf einen Nonprofit-Verlag, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sozialwissenschaftliche Studien mit geringer Auflage zu verlegen und Menschen einen Arbeitsplatz zu bieten, die ansonsten nur geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten.

Fazit

Ein Buch, das sich konsequent an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen orientiert und den Mut hat, einer Evaluation komplexe qualitative Forschungsmethoden zugrunde zu legen. Sehr hilfreich, wenn es um eine von den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ausgehende Qualitätsentwicklung von Heimen geht.


Rezensentin
Dr. Anke Meyer
Fachschule für Sozialpädagogik, Fachoberschule für Sozial- und Gesundheitswesen
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Zitiervorschlag
Anke Meyer. Rezension vom 18.08.2002 zu: Annegret Wigger, Sylvia Lustig: Ist Lebensqualität in Heimen messbar? Handbuch und wissenschaftlicher Kommentar. soziothek (Bern) 2002. ISBN 978-3-905596-86-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/504.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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