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Thomas von Winter, Ulrich Willems (Hrsg.): Interessenverbände in Deutschland

Cover Thomas von Winter, Ulrich Willems (Hrsg.): Interessenverbände in Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 570 Seiten. ISBN 978-3-531-14589-1. 24,90 EUR.

Reihe: Lehrbuch.
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Einführung

Der Befund scheint klar: Deutschland ist ein Verbändeland. Interessenverbände sind Schlüsselakteure mit Scharnierfunktion - und in Deutschland aus Gesellschaft und Staat kaum wegzudenken. Die stetig gewachsene Bedeutung von Verbänden lässt sich auch empirisch belegen. So wächst die Zahl der Verbände in Deutschland von Jahr zu Jahr. Mit ihrem Lehrbuch "Interessenverbände in Deutschland" bilden die beiden Herausgeber, die Politikwissenschaftler Thomas von Winter und Ulrich Willems, die Breite und Vielfalt der deutschen Verbändelandschaft gelungen ab. Dafür konnte eine Vielzahl profunder Expertinnen und Experten für Beiträge zu den unterschiedlichen Verbändetypen gewonnen werden. Zudem führen die beiden Herausgeber in einer fundierten und gut strukturierten Einleitung in die vielschichtige Thematik ein - vor allem in den Wandel der Strukturen, Funktionen, Strategien und Effekte von Interessenverbänden.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Studierende und Dozenten der Sozialwissenschaften, aber auch an Praktiker aus Verbänden.

Inhalt

Es ist ein umfangreiches Werk. Knapp 600 Seiten stark umfasst der Sammelband insgesamt 21 Beiträge.

Die ersten fünf Beiträge vermitteln Grundlagen.

  • So skizzieren Thomas von Winter und Ulrich Willems in ihrem einleitenden Beitrag die unterschiedlichen Stränge der Verbändeforschung, die unterschiedlichen Funktionen, Charakteristika und Typen organisierter Interessen - und benennen dabei den allgemeinen Trend zum Insidelobbying auch bei schwachen Interessen (Umwelt-, Verbraucher- und Energiepolitik): "Während einerseits soziale Bewegungen im Zuge ihrer Professionalisierung sowie als Reaktion auf die Handlungsbedingungen denationalisierter Politik stärker auf Einflussnahme in Form von Lobbying setzen, nutzen etablierte Interessenverbände immer häufiger öffentliche Kommunikation und öffentliche Inszenierungen als Mittel der Einflussnahme." (S. 36) Damit löst sich eine typische Trennlinie auf, nach der Verbände sogenannter starker Interessen (z.B. der Arbeitgeber/-nehmer) vor allem eine Insidestrategie nutzen würden, um - auf eher leisen Sohlen - durch Lobbying entsprechende Policies direkt und innerhalb des politischen Machtapparats in ihrem Sinne zu beeinflussen, während Verbände öffentlicher, also "schwacher" Interessen (z.B. Umwelt- und Verbraucherschutzverbände) sowie neue soziale Bewegungen vor allem auf die Macht der Medien setzen würden.
  • Im darauffolgenden Kapitel ergänzt Ralf Kleinfeld das Lehrbuch um eine historische Dimension. Sein Aufsatz erörtert die historische Entwicklung der Interessenverbände in Deutschland und beleuchtet dabei vor allem das Verhältnis von Verbänden und Staat. Dieses Verhältnis galt vielen Beobachtern ja lange Jahre als eine optimale Lösung der Konfliktkanalisierung und Kompromissfindung - meint auch Bernhard Weßels, erklärt aber zugleich, dass die "ehedem als Vorteil gepriesene Kapazität durch verhandlungsdemokratische Elemente ökonomische und soziale Krisenerscheinungen erfolgreich abpuffern und abwenden zu können, [...] sich ins Negative gekehrt zu haben" (S. 84) und politische Flexibilität und Reformfähigkeit zu stark eingeschränkt zu sein scheine. Diesen einleitenden Befund relativiert jedoch sein dann folgender Beitrag, indem er das bundesdeutsche Verbandssystem in international vergleichender Perspektive untersucht. Sein Fazit: "Jede der Verbandslandschaften in Europa weist jeweils spezifische Eigenschaften auf." (S. 113) Sie stünden in einem engen Zusammenhang mit dem Grad der Koordinierung und dem spezifischen Produktionsportfolio einer Volkswirtschaft. Differenzierung und spezifische organisationsstrukturelle Merkmale seien kennzeichnend für das deutsche System eines sogenannten koordinierten Kapitalismus.
  • Werner Reutter und Peter Rütters gehen in ihrem Beitrag der Frage nach, ob und inwieweit zwischen der Mobilisierung und der Organisation von Interessen ein systematischer Zusammenhang bestehe. Bei aller Dialektik der beiden Begriffe stellen die Autoren fest, dass die Funktionsfähigkeit privater Interessenregierungen eine stabile und hoch organisierte aber auch mobilisierungsfähige Mitgliedschaft voraussetze - und dass damit die Vorstellung, Organisation und Mobilisierung schlössen sich gegenseitig aus, zu kurz greife. "Die strukturalistische Perspektive muss daher um institutionen- und mikrotheoretische Dimensionen erweitert werden." (S. 133) 
  • "Wie soll der Staat mit den Verbänden umgehen?" (S. 139) fragt Helmut Voelzkow im fünften und letzten Beitrag des Grundlagen-Kapitels. Er beschäftigt sich mit der Debatte über eine mögliche Institutionalisierung der Verbandsbeteiligung in Deutschland, die sich in eine "ältere" (Pluralismus) und "neuere" (Korporatismus) sozialwissenschaftliche Kontroverse unterteilen lässt. Beide Ansätze hätten ihre Defizite. So sei der Pluralismus nicht nur steuerungstheoretisch unrealistisch - was aber auch, vor allem aus demokratietheoretischer Perspektive, für den Korporatismus zuträfe. "Ein Dilemma ohne Ausweg?" (S. 161)

Allen einführenden Beiträgen ist eines gemeinsam: sie zeichnen ein Bild des Wandels. Einen Wandel der Verbändelandschaft, aber auch der Erklärungsmodelle dieses Forschungsfeldes. So finden sich in diesem Buch eine Reihe von Beiträgen zu den wichtigsten Verbändetypen, beispielsweise den

  • Gewerkschaften (Anke Hassel),
  • Arbeitgeberverbänden (Wolfgang Schroeder),
  • Wirtschaftsverbänden (Achim Lang und Volker Schneider), aber auch
  • Wohlfahrtsverbänden (Josef Schmid und Julia Mansour),
  • Ärzteverbänden (Nils Bandelow),
  • Bauernverbänden (Elmar Rieger),
  • Kirchen (Ulrich Willems),
  • Sozialverbänden (Thomas von Winter) und
  • Umweltverbänden (Joachim Amm).

Neben dieser ausführlichen und vor allem in der Breite sehr beachtlichen Vorstellung diverser Verbandstypen, widmet sich das dritte Kapitel der Rolle von Verbänden in gesellschaftlichen und politischen Prozessen.

  • Annette Zimmer stellt dabei die von der Politikwissenschaft eher schwach beleuchtete Produktion von Leistungen und Dienstleistungen der Verbände in der Mittelpunkt ihres Beitrags - und stellt fest: "Die Dienstleistungserstellung erfüllt für die gemeinnützigen Organisationen dabei sowohl interne als auch externe Funktionen." (S. 409) Sie erfüllt nach intern Informations- und Bindungsfunktionen. Nach außen dient sie der (Finanz-)Akquise und schärft zudem das Profil eines Verbandes.
  • "Unkonventionelle Kooperationen und Allianzen mit und zwischen Verbänden sind heutzutage kaum noch ungewöhnlich" (S. 413) - so beginnen Ursula Bazant und Klaus Schubert ihren Beitrag über Verbände in Politiknetzwerken. Die beiden Autoren erläutern darin, welchen Beitrag die Netzwerkperspektive für die Verbändeforschung leisten kann, gehen aber auch auf die Defizite und Grenzen dieses Netzwerkansatzes ein.
  • Theo Schiller beschäftigt sich im darauffolgenden Artikel mit Verbänden und Parteien - genauer: mit ihren Unterschieden, ihren gegenseitigen Beziehungsmustern und mit den Faktoren, die Struktur und Entwicklung dieser Unterschiede und Beziehungen beeinflussen und erklären können. Dem Beitrag über das Zusammenspiel von Parteien und Verbänden folgt einer, der das Spannungsfeld von Verbänden und Medien in den Blick nimmt.
  • Gerhard Vowe nimmt sich dieses spannenden Themas an, das bislang in der Wissenschaft eher ein Schattendasein fristete, in der Grauzone zwischen Verbände- und Medienforschung. Vowe zeigt, "dass die Beziehung zwischen den Organisationstypen sowohl die Verbandspolitik und ihre Leistungen als auch die Medienpolitik und ihre Ergebnisse in hohem Maße prägt." (S. 465)
  • Martin Sebaldt geht in seinem Beitrag "Verbände im Transformationsprozess Ostdeutschlands" der Frage nach, ob und wie das "Organisationsproblem" Wiedervereinigung gelöst werden konnte.

Das abschließende vierte Kapitel umfasst zwei Beiträge, die unterschiedliche Politikebenen analysieren.

  • Rainer Eising wählt in seiner Abhandlung die nationale und europäische Perspektive,
  • Lars Holtkamp und Jörg Bogumil hingegen schreiben zu Verbänden auf kommunaler Ebene.

Fazit

Thomas von Winter und Ulrich Willems haben ein gelungenes Lehrbuch herausgegeben. Neben den historischen und theoretischen Grundlagen behandelt es eine Vielzahl unterschiedlicher Verbändetypen und das Wirken der Verbände im gesellschaftlichen und politischen Prozess. Auf 570 Seiten bietet sich dem Leser eine Fülle interessanter Beiträge, die nicht nur in ihrer Zusammensetzung außergewöhnlich sind. So fanden auch häufig vernachlässigte Themen Eingang in den umfangreichen Sammelband. Auch erwähnenswert: Neben ausführlichen Literaturhinweisen findet sich zum Schluss jedes Beitrags ein Abschnitt mit Hinweisen auf grundlegende und weiterführende Literatur - gerade für Einsteiger in dieses Forschungsfeld hilfreich und sicherlich ein besonderer Mehrwert.


Rezension von
Prof. Dr. Daniel Buhr
Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Politikwissenschaft. Professur für Policy Analyse und Politische Wirtschaftslehre
Homepage www.uni-tuebingen.de/pol/wip
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Zitiervorschlag
Daniel Buhr. Rezension vom 22.09.2007 zu: Thomas von Winter, Ulrich Willems (Hrsg.): Interessenverbände in Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-14589-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5043.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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