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Heinz Lynen von Berg, Kerstin Palloks u.a.: Interventionsfeld Gemeinwesen. Evaluation zivilgesellschaftlicher Strategien gegen Rechtsextremismus

Cover Heinz Lynen von Berg, Kerstin Palloks, Armin Steil: Interventionsfeld Gemeinwesen. Evaluation zivilgesellschaftlicher Strategien gegen Rechtsextremismus. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 379 Seiten. ISBN 978-3-7799-1496-9. D: 42,00 EUR, A: 43,20 EUR, CH: 73,00 sFr.

Reihe: Konflikt- und Gewaltforschung.
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Entstehungshintergrund und Intention

Der Band stellt die Ergebnisse einer Evaluation des so genannten Civitas-Förderprogrammes der Bundesregierung für den Zeitraum 2002 bis 2006 vor. Civitas ist neben Entimon und Xenos Teil des Aktionsprogramms "Jugend für Toleranz und Demokratie - gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus".  Das Programm entstand in Reaktion auf die heftige öffentliche Diskussion um vermeintlich steigende rechte Gewalt im Jahr 2000. Civitas zielte seit 2001 speziell auf die neuen Bundesländer und sollte - deshalb die Namensgebung  ­- auf die Förderung zivilgesellschaftlicher Strukturen als Voraussetzung einer stabilen Demokratie hinwirken. Dieser Ansatz erweitert die in den Jahren zuvor schwerpunktmäßig betriebene, gezielte Arbeit mit Problemgruppen jugendlicher Männer um ein eher "grundlegendes", weil strukturbildendes Moment - im Sinne einer nachhaltigen Gestaltung der gesellschaftlichen Sphäre mit klarer politischer Gegnerschaft. Die Evaluation wurde durch das Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung durchgeführt. Die Finanzierung erfolgte im Rahmen einer Beauftragung durch die Bundesregierung. Die Programmbestandteile des Jahres 2001 waren zuvor durch die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin evaluiert worden.

Zielgruppen

Das Buch dürfte für Praktiker im Bereich Sozialpädagogik und politische Bildung, Mitarbeiter von Institutionen zur Mittelvergabe für Interventionen gegen politischen Extremismus sowie für an sozialwissenschaftlichen Evaluationen allgemein Interessierte eine nützliche Lektüre sein.

Aufbau und Inhalt

Der Band stellt zunächst die drei Programmbestandteile "Mobile Beratungsteams", "Netzwerkstellen" und "Opferberatungsstellen" vor - und evaluiert die so genannte Modellphase im Jahr 2003 (S. 13-122). Anschließend werden für den Zeitraum 2004 bis 2005 drei Kommunen in Ostdeutschland, versehen mit den "Pseudonymen"  Glockwitz, Sandersdorf und Leonthal, vorgestellt (123-322). Die drei Gemeinden sind Kleinstädte mit bis zu 20.000 Einwohnern, in ihnen sind alle drei Programmsbestandteile aktiv betrieben worden. Die Forscher achteten bei der Auswahl darauf, dass die Projekte kontinuierlich über einen längeren Zeitraum arbeiteten und die Qualität der Projekte als "gut" angesehen werden konnte: "Nur so waren die Erfolgschancen der jeweiligen Ansätze abzuschätzen und die Langfristigkeit der Beobachtung zu gewährleisten." (125) Die Evaluation erhebt folgerichtig nicht den Anspruch der Repräsentativität. Die Studie bestehe aus Einzelfallstudien "..., die am exemplarischen Fall die Chancen und Grenzen des Interventionsansatzes ermitteln." (125)  Anschließend werden die Bedingungen für Erfolg und Scheitern sowie die Folgerungen hieraus vorgestellt (323-240).

Interessant ist die Beobachtung, dass Civitas ein Jugendprogramm "war und blieb" (327) - trotz einer Tendenz hin zur Einbeziehung anderer Bevölkerungsgruppen; dies interessanterweise in Teilen der Projekte mit einer "Neigung zu unfruchtbaren Frontstellungen gegenüber sozialpädagogischen Ansätzen" (340, Hervorhebung Th.Oh.). Als restriktiv mit Blick auf die gesellschaftliche Reichweite erwies sich die "Fixierung" der Programmimplementation auf den Rechtsextremismus: "Moralkommunikation und politische Grundsatzhaltungen erschweren die Ansprache und Integration reservierter Akteursgruppen und können mehr oder weniger abschreckend wirken." (329) - an anderer Stelle nennen die Autoren dies eine "unproduktive Milieufixierung" (340). Weiterhin: "Die Erfolge stellten sich dann ein, wenn es den Projekten gelang, ihre Zielsetzungen und Vorgehensweisen den lokalen Bedarfs- und Problemlagen anzupassen, die für die lokalen Akteure relevanten Themen aufzugreifen, die Spezifik kommunaler Interaktionsmuster zu berücksichtigen und auf diese Weise kommunikativ anschlussfähig zu sein." (329). Erfolg wird als ein "Sich in die Kommune hinein arbeiten" beschrieben - mit Folgen jedoch für die kleiner werdende Distanz zu den politischen Akteuren und aufkommenden Konkurrenzen zu den bisherigen lokalen Experten für Rechtsextremismus (334). Besonders hemmend wirke es sich aus, wenn die Kombination mit anderen Interventionsmethoden verweigert wird (340). Die Autoren fordern von daher einen "pluralen Förderansatz" (342), der verschiedene Ansätze lokal abgestimmt berücksichtige: "Erfolgreiche" (!) und "bewährte" (!) Modelle sollten weiter gefördert werden, so dass die Projektträger nicht beständig zur "Bastelei an immer neuen Modellprojekten stimuliert werden" (342). Den Abschluss des Bandes bilden "methodische Reflexionen" zu Evaluationen allgemein und der hier gewählten Methode der "kommunalen Kontextanalyse" im speziellen - dazu mehr im nachfolgenden Bewertungsteil.

Bewertung

Das Buch knüpft in seiner Fragestellung an die Arbeit von Lynen von Berg & Roth aus dem Jahr 2003 an (Heinz Lynen von Berg, Roland Roth (Hrsg.), Maßnahmen und Programme gegen Rechtsextremismus wissenschaftlich begleitet. Leske & Budrich, Leverkusen, 2003). In diesem Band war anhand der zu diesem Zeitpunkt aktuellen Interventionsstrategien beklagt worden, dass wir es in der Bundesrepublik mit einem "Evaluierungsvakuum" zu tun hätten. In vielen Bereichen würde ständig "das Rad neu erfunden", es fehle an einer "Tradierungskultur". Auch wurde beklagt, dass Wirkungsforschungsanalyse und Erfolgskontrolle weder eingefordert, geschweige denn betrieben würde. Darüber hinaus fehle es an einer systematischen Berücksichtigung lokaler Perspektiven.

Einen Teil der 2003 beklagten Defizite geht der Band an. So wird die zuletzt genannte lokale Perspektive durch das gewählte Design in der Tat grundlegend berücksichtigt. Auch wird versucht, an einer Kumulation von Evaluierungswissen (mit der Forderung nach "Synthesen aus bewährten Ansätzen", 342) mitzuwirken. An der entscheidenden Stelle ist das konkrete Projekt jedoch nicht in der Lage, das Vakuum zu füllen bzw. die Forderungen nach valider Evaluation zu erfüllen: Der Band zieht einer sich entwickelnden Evaluationskultur durch seine Argumentation (insb. im abschließenden Methodenteil) zumindest einen Teil des Bodens unter den Füßen (hin)weg; er verbaut zudem Entwicklungschancen, indem das konkrete Evaluationsprojekt hinter die 2003 formulierten Ziele entscheidend zurückgeht. Ich möchte dies im Weiteren erläutern.

Die methodische Reflexion beginnt damit, dass darauf verwiesen wird, dass Evaluationen  "... Experimentierfelder seien, die sich nicht immer geradlinig in eine vorab ausgeklügelte Forschungsstrategie einfügen lassen." (343) Dies stimmt in dieser allgemeinen Form. Aber kann man nicht versuchen, eine Evaluationsstrategie vorab zu entwickeln und dann mitteilen, wie und warum man Abstriche machen musste? Auch das Argument, dass die Evaluation "... nicht zeitgleich mit dem Beginn einer Maßnahme bzw. eines Programmablaufs eingesetzt wird, sondern erst mit einiger Verzögerung" (343) ist in der Regel (und auch im konkreten Fall) zutreffend. Aber kann man dann als Forscher nicht den Auftrag ablehnen, weil es zu nicht vertretbaren methodischen Einschränkungen führt? Auch die beschriebenen, teilweise konfligierenden Verwertungswünsche durch Projektbetreiber, die (aktuellen und potenziellen) Auftraggeber und die Öffentlichkeit sind zutreffend geschildert (344). Aber kann man darauf nicht mit einer eindeutigen professionellen Selbstdefinition und folgerichtig einer Distanzierung reagieren? Zugestanden, wir haben es mit "weichen Zielen" zu tun ("Stärkung der Zivilgesellschaft", "Veränderung der politischen Kultur"; 345). Aber kann das Defizit des Interventionsprojektes, eine valide Operationalisierung vorgelegt zu haben (345), den Verzicht auf eigene Anstrengungen im Rahmen der Evaluation legitimieren?

Der Band kapituliert vor den 2003 aufgestellten Ansprüchen, wenn er (Albert Scherr 2003 sinngemäß und zustimmend heranziehend) formuliert: "In der gegenwärtigen Diskussion zur Evaluierung von Programmen und Maßnahmen gegen Rechtsextremismus besteht ein weitgehender Konsens darüber, dass die Kausalwirkungen solcher Programme nicht messbar sind." (346) Man kann sagen, Evaluationen dieser Art sind schwer zu realisieren, bislang nur wenig versucht worden - aber den Anspruch aufzugeben, dass ist wissenschaftliche Resignation. Die Fülle von externen Faktoren und Effekten sehe auch ich - aber gerade deshalb kommt es darauf an, sie methodisch (so weit es geht) durch ein intelligentes Design in den Griff zu bekommen. Statt jedoch über mögliche Vergleichs- bzw. Kontrollgruppen und/oder Experimentalsdesigns (z.B. Kommunen mit guter und schlechter Umsetzung - und eben nicht nur gut laufende Programme; vielleicht sogar Kommunen mit wenig Programmumsetzungen oder völlig ohne Programme) im konkreten Fall überhaupt tiefer gehend nachzudenken, wird m.E. vorschnell Zuflucht zu "offenen" Designs gesucht. Dies führt im Folgenden dazu, dass man auf "Selbstauskünfte der Projektmitarbeiter" als "Hauptdatengrundlage" vertrauen muss (350) - auch hier gäbe es Alternativen z.B. in Form nicht-reaktiver Messverfahren (z.B. Zählung von Handlungen in Erweiterung der offiziellen Statistiken; Vorher-Nachher-Messungen). Trotz der Nennung einer großen Zahl von operationalisierbaren Größen (z.B. "Partizipation", "Gemeinwesenorientierung" und "Nachhaltigkeit" als Beurteilungskriterien der Programme [354 ff] oder Kriterien des "Erfolgs" (!) einer Projektarbeit [364]) wird auf konkrete Überprüfungen verzichtet.

Die methodische Betrachtung mündet in dem Satz: "Nimmt man die Evaluation gemeinwesenorientierter Interventionen als wissenschaftliches, genauer: soziologisches Unternehmen ernst, muss man die Wirkungsfrage verabschieden. Zu beschreiben ist nicht, was wirkt, sondern 1) was geschieht; 2) warum es geschieht; 3) ob und wie das Geschehen mit den Intentionen der Akteure kongruent ist bzw. - im Falle von Inkongruenzen - ob die Akteure im Geschehen anschlussfähig bleiben." (359) Dies ist der Verzicht auf Evaluation im engeren Sinne; wenn man diesen Standpunkt einnimmt, dann sollte man dass, was man tut (und darüber publiziert), nicht Evaluation nennen - angemessener wäre es, von Begleitforschung, Einzelfallstudie(n) oder Teil einer Politikfeldanalyse zu sprechen.

Fazit

Der vorliegende Band ist mit Sicherheit ein ambitioniertes und solides  Unternehmen zur Beschreibung und Analyse des Civitas-Programmes. Eine gelungene Evaluation ist er - nimmt man die Ansprüche des Autors und seiner Kollegen aus dem Jahr 2003 sowie den Stand der methodischen Diskussion in diesem Feld zum Maßstab - meines Erachtens jedoch nicht. Er bestätigt vielmehr den Befund aus dem Jahr 2003: Wir haben (weiterhin) ein überaus vitales Evaluationsvakuum im Bereich Interventionsprogramme gegen Rechtsextremismus.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Ohlemacher
Professor für Kriminalwissenschaften
- Vizepräsident für Forschung und Weiterbildung - Nds. Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege


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Zitiervorschlag
Thomas Ohlemacher. Rezension vom 24.08.2007 zu: Heinz Lynen von Berg, Kerstin Palloks, Armin Steil: Interventionsfeld Gemeinwesen. Evaluation zivilgesellschaftlicher Strategien gegen Rechtsextremismus. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. ISBN 978-3-7799-1496-9. Reihe: Konflikt- und Gewaltforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5063.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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