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Sabine Engel: Belastungserleben bei Angehörigen Demenzkranker [...]

Cover Sabine Engel: Belastungserleben bei Angehörigen Demenzkranker aufgrund von Kommunikationsstörungen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. 380 Seiten. ISBN 978-3-8258-0252-3. 39,90 EUR, CH: 60,90 sFr.

Reihe: Erlanger Beiträge zur Gerontologie - Band 7.
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Thema

Pflegende Angehörige versorgen ca. 80 % ihrer demenzerkrankten Familienmitglieder in der privaten Häuslichkeit. Dabei überschreiten sie häufig über Jahre hinweg ihre Belastungsgrenzen, um die häusliche Situation aufrechtzuerhalten. Dass diese Belastung nicht folgendlos bleibt, zeigt sich in einer höheren Depressionsrate im Vergleich zu Personen derselben Altersgruppe, einem größeren Konsum psychotroper Medikamente und einem erhöhten Krankheitsrisiko. Tiefgreifende Veränderungen in eingespielten Kommunikationsbeziehungen führen zu Verunsicherungen, die widerstreitende Gefühle und Affekte auslösen. Dabei sind Schuldgefühle in Bezug auf das Belastungserleben von zentraler Bedeutung. Um die Ressourcen Angehöriger zu erhalten, ist eine gelingende bzw. angepasste Kommunikation zwischen Angehörigen und Demenzerkrankten nicht nur aus humaner Sicht sondern auch aus volkswirtschaftlicher Sicht dringend erforderlich. Der Hypothese, dass das Belastungserleben Angehöriger aus der Kommunikationsstörung mit dem demenzerkrankten Familienmitglied resultiert, wird in dem vorliegenden Forschungsbericht systematisch auf den Grund gegangen.

Autorin

Sabine Engel lehrt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Bereich psychogerontologische Intervention und ist seit Jahren im Themenfeld Demenz sowohl im Hinblick auf Diagnostik und Interventionsmöglichkeiten als auch der Gesundheitsbildung und der Beratung und Schulung von Angehörigen älterer und beeinträchtigter Menschen tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in vier Kapitel gegliedert.

In Kapitel 1 werden die unterschiedlichen demenziellen Erkrankungen und die damit zusammenhängenden Symptome ausführlich und für Fachunkundige verständlich beschrieben. Die einzelnen kognitiven Störungen und deren Auswirkung auf das Alltagsleben werden durch mögliche, auftretende körperliche, neurologische und neurovegetative Beeinträchtigungen ergänzt und geben einen guten Überblick zum Wissensstand im Themenfeld Demenz. Im Kontrast dazu stellt sich der Forschungsstand in Bezug auf die Gruppe pflegender Angehöriger bescheiden dar. Die Pflege von Demenzerkrankten wird von Familienmitgliedern im Privathaushalt geleistet und sie ist aus dem Schatten der Selbstverständlichkeit erst herausgetreten, als Angehörige sich in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen und durch die Organisation einer Interessensvertretung die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich gezogen haben. Studien belegen, dass die subjektiv empfundenen Belastungen pflegender Angehöriger sich den Dimensionen psychische Belastungen, Gefühle der Isolation, körperliche Anstrengungen und Belastungen, Belastungen durch Rollenkonflikte und finanzielle Sorgen zuordnen lassen und depressive Störungen und körperliche Erkrankungen uvm verursachen. In Interventionsstudien wurden unterschiedliche Angebote mit pflegenden Angehörigen untersucht, die alle das Ziel hatten, die Bewältigung der häuslichen Betreuungssituation zu unterstützen. Die Angebote lassen sich verschiedenen Hauptschwerpunkten zuordnen: psychoedukative, psychotherapeutische, unterstützende, entlastende, mulitmodale Angebote und Trainingsprogramme. Studien belegen positive Interventionseffekte sowohl bei demenzerkrankten Familienmitgliedern als auch bei pflegenden Angehörigen. Die Effekte sind aber generell von einer fundamentalen Theorielosigkeit überschattet, weil es nicht möglich ist anzugeben, durch welche Form der Intervention welche Art von Entlastung bewirkt werden kann.

In Kapitel 2 wird der Forschungsbedarf aus der kritischen Würdigung des derzeitigen Forschungsstandes abgeleitet. Im Hinblick auf wirksame Angehörigen-Interventionen bedarf es einer Theorie der „Belastung von Angehörigen Demenzerkrankter“, auf deren Basis Angebote entwickelt werden. Die Herleitung und Ausarbeitung der „BADKom-Theorie“, dass Kommunikationsstörungen zwischen Angehörigen und Demenzerkrankten die Kernkategorie für das Belastungserleben Angehöriger darstellen, wird im Forschungsansatz in einem ersten Schritt durch Interviews mit pflegenden Angehörigen überprüft. In einem zweiten Schritt wird ein Interventionsprogramm entwickelt, das in sechs Angehörigengruppen durchgeführt und zu unterschiedlichen Messzeitpunkten im Hinblick auf die Nachhaltigkeit evaluiert wird.

Sehr differenziert und umfangreich werden in Kapitel 3 die Ergebnisse der beiden Teilstudien (Interviewstudie und Interventionsstudie) dargestellt. Die Analyse der problemzentrierten Interviews zeigt differenziert auf, welche Kommunikationsstörungen von Angehörigen als belastend erlebt werden. Dabei handelt es sich um 4 Problembereiche:

  1. Verständigungs- oder Formulierungsprobleme, die den Austausch von Informationen behindern.
  2. Eine sich beidseitig unterscheidende Sicht auf die Wahrheit, die von unterschiedlichen Realitätsbezügen beeinflusst ist und bei Deckungsungleichheiten Unverständnis zur Folge hat.
  3. Eine aus der Beziehungsgeschichte erwartbare Angemessenheit des Verhaltens gerät außer Balance, weil der Rückzug aus der Kommunikation die Bestätigung der Gemeinschaft und Zugehörigkeit gefährdet. Aggressives, abwehrendes, abwertendes oder schulmeisterliches Verhalten führt zu beidseitigen Kränkungen.
  4. Die Verunsicherung der Kommunikationspartner in Bezug auf die Wahrhaftigkeit von Aussagen führt zu Unterstellungen. Die Handlungen der demenzerkrankten Familienmitglieder werden angezweifelt und die fürsorglichen Angebote Angehöriger als Kontrollhandlungen missverstanden.

Für Angehörige sind vor allem aggressive Affekt-Impulse gegen den Kranken, die von der Zerrissenheit zwischen Aggression und Schuldgefühl, Hilflosigkeit und Mitleid begleitet sind ein zentrales Thema ihres Belastungsempfindens. Die Ergebnisse stützen die zum Kern der „BADKom-Theorie“ gehörende Hypothese als empirisch ab. Auf dieser Basis wird das Interventionsprogramm entwickelt und an drei Lernzielen ausgerichtet:

  1. Verständnis für die Situation des Kommunikationspartners und Akzeptanz seiner veränderten und sich immer weiter verändernden Kommunikationsrolle.
  2. Akzeptanz der eigenen Situation und Übernahme einer neuen Rollenidentität.
  3. Kenntnis von Formen kommunikativen Handelns, die den Fähigkeiten des Partners angepasst sich und Handlungssicherheit im Umgang mit diesen Formen.

Der genauen Beschreibung des methodischen Zugangs, der Stichprobe und des Studiendesigns folgt eine ausführliche Darstellung der Evaluationsergebnisse. Sowohl die Auswertung der Belastungs- und Depressions-Skalen belegen eine statistisch signifikante Reduktion des Belastungsempfindens und der depressiven Symptome als auch die Analyse der nachfolgenden problemzentrierten Interviews belegen, dass die Teilnehmer eine nachhaltige Abnahme ihrer Belastung auf die Verbesserung der Kommunikationssituation zurückführen.

In Kapitel 4 werden die Ergebnisse diskutiert und die Arbeit zusammengefasst. Die Auswirkung einer verbesserten Kommunikation zwischen pflegenden Angehörigen und demenzerkrankten Familienmitgliedern ist nicht nur für die gesundheitliche Situation der Angehörigen bedeutungsvoll, sondern bewirkt auch einen stabilisierenden Effekt für die von der Krankheit betroffenen Personen. Der volkswirtschaftliche Nutzen, der bereits aus einer Verzögerung eines Heimeintrittes entsteht wird ebenfalls aufgezeigt.

Fazit

Die vorliegende Publikation zeigt exemplarisch, wie Forschung durch ein abgestimmtes Methodenrepertoire und ein an der Forschungsfrage ausgerichtetes Design die Theorie des Belastungserlebens pflegender Angehöriger Demenzerkrankter empirisch absichert und gleichzeitig eine Forschungslücke schließt. Obwohl die Belastung pflegender Angehöriger im Mittelpunkt steht, wird der Kernpunkt „Kommunikation“ nicht einseitig in den Blick genommen, sondern als wechselseitiger Belastungsfaktor dargestellt. Auch wenn Menschen mit Demenz die Fähigkeiten eingebüßt haben, sich in einer Kommunikationssituation ihrem Gegenüber anzupassen, so wird ihnen in der Analyse der Problemsituation gleichberechtigt Aufmerksamkeit entgegengebracht - auch sie erleben Belastung aus einer misslungenen Kommunikation und erhalten letztendlich Entlastung, wenn ihre unmittelbaren Bezugspersonen Kommunikationskompetenzen erwerben. Die Studienergebnisse sind im Bereich der Qualifizierung und Wissensvermittlung hilfreich und notwendig, um pflegenden Angehörigen wirksame Unterstützungsangebote anbieten zu können.


Rezensentin
Christina Kuhn
Mitarbeiterin der Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
Homepage www.demenz-support.de


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Zitiervorschlag
Christina Kuhn. Rezension vom 24.11.2009 zu: Sabine Engel: Belastungserleben bei Angehörigen Demenzkranker aufgrund von Kommunikationsstörungen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. ISBN 978-3-8258-0252-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5066.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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