Wolfgang Trunk: Qualität [...] in Werkstätten für behinderte Menschen
Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. (FH) Mathias Stübinger, 23.04.2008
Wolfgang Trunk: Qualität der pädagogischen Arbeit in Werkstätten für behinderte Menschen. Gestaltung und Umsetzung.
Beuth Verlag
(Berlin, Wien, Zürich) 2006.
196 Seiten.
ISBN 978-3-410-32974-9.
49,00 EUR.
Reihe: DGQ-Band - 31-21. Therapeutische Einrichtungen.
Thema
Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) sind Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation. Der Gesetzgeber weist den Einrichtungen eindeutig die fachliche Bildung und persönliche Entwicklung der behinderten Beschäftigten als Kernaufgabe zu; die Kostenträger finanzieren Mitarbeiter und Leistungserbringung der WfbM dementsprechend über die Eingliederungshilfe.
Eine Werkstatt kann ihren spezifischen Rehabilitationsauftrag – und hier insbesondere die Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben – nicht ohne Produktionsaufträge erfüllen; die zielgerichtete Produktionsarbeit ist das elementare Hilfsmittel für die berufliche Integration; wenn eine WfbM Eigenprodukte herstellt oder als Partner von Wirtschaft und Industrie Lohnaufträge übernimmt, so geht es bei dieser Werkstattarbeit in erster Linie darum, dass die behinderten Beschäftigten ihre Handlungsfähigkeit erweitern und sukzessive arbeitspraktische Selbständigkeit erlangen.
Die systemimmanente Nähe zu erwerbswirtschaftlichen Betrieben und die daraus resultierenden Kooperationen in den jeweiligen Produktionsprozessen hat sicherlich bewirkt, dass in Werkstätten für behinderte Menschen die Auseinandersetzung mit Aspekten der Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung vielfach früher begonnen hat als in anderen sozialen Dienstleistungsunternehmen.
Dass der Gesetzgeber den Leistungserbringern die Einführung, Pflege und kontinuierliche Weiterentwicklung eines Qualitätsmanagementsystems verbindlich vorschreibt, hat dazu geführt, dass mittlerweile ein Großteil der Werkstätten ein - nach einer Norm der ISO-9000-Reihe zertifiziertes - Qualitätsmanagementsystem betreiben, die zentrale Fragestellung für die Träger / Betreiber von Werkstätten ist längst nicht mehr "ob" Qualitätsmanagement notwendig ist, sondern vielmehr "wie" es gestaltet sein sollte und "wie" die bestehenden Systeme verbessert werden können.
Wolfgang Trunk möchte mit der vorliegenden Veröffentlichung innerhalb der Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Qualität e.V. zu eben dieser Qualitätsdiskussion in Werkstätten für behinderte Menschen beitragen; er tut dies, indem er versucht, die Prozesse des beruflichen Lernen und der beruflichen Bildung mit seinen wesentlichen Verläufen und Voraussetzungen abzubilden.
Autor
Wolfgang Trunk ist Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen in Hessen und somit sicherlich mit allen rechtlichen und organisatorischen Fragestellungen in diesem Bereich bestens vertraut. Wie der Klappentext des vorliegenden Buches verrät, ist der Autor seit über zwanzig Jahren im Bereich der Fortbildung für Mitarbeiter aus dem Bereich der Behindertenhilfe tätig.
In bisherigen Veröffentlichungen befasst sich Wolfgang Trunk u.a. mit Fragestellungen der Mitbestimmung / Mitwirkung behinderter Menschen im Werkstattalltag, mit Strategien zur Integration behinderter Menschen ins Arbeitsleben sowie mit dem breit gefächerten Themenkomplex der Bildungsarbeit und/oder Erwachsenenbildung.
Aufbau und Inhalt
Wolfgang Trunk gliedert seine sorgsam editierte, flüssig zu lesende Arbeit zur "Qualität der Pädagogischen Arbeit in Werkstätten für behinderte Menschen" in sieben Abschnitte:
In der Einleitung führt der Autor – ausgehend von der kurzen Darstellung gesetzlicher Bestimmungen aus dem SGB IX und der Normenreihe ISO-9000 – den Leser in die Besonderheiten der pädagogisch-produktiven Arbeit in Werkstätten ein; Wolfgang Trunk stellt klar, dass in diesem Kontext die Förderung und Bildung der behinderten Beschäftigten die unbestrittene Hauptaufgabe der Einrichtungen ist und dass Lernprozesse initiiert werden müssen, die die betroffenen Personen ins Zentrum der pädagogischen Prozesse rücken und entsprechend an Zielsetzung, Planung und Umsetzung der jeweiligen Unterstützungsleistungen beteiligen.
Wolfgang Trunk versteht sein Buch in diesem Zusammenhang als Leitfaden zur Veränderung und Verbesserung der Qualität pädagogischer Arbeit in Werkstätten für behinderte Menschen; als Ausgangspunkt für seine Überlegungen bezieht sich der Autor im Wesentlichen auf die so genannte Subjektorientierte Lerntheorie von Klaus Holzkamp (1927-1995) und die – hier vom Verfasser erkannte - große Nähe der formulierten lerntheoretischen Grundlagen mit den programmatischen Konzeptionen der Werkstätten.
In vier zentralen Abschnitten (Kapitel 2 – 4) definiert Wolfgang Trunk im Folgenden zwanzig Qualitätsmerkmale pädagogischer Arbeit; der Verfasser verknüpft jeweils die Lerntheoretischen Grundlagen von Klaus Holzkamp mit einschlägigen Normen des Qualitätsmanagements, mit für die Werkstattarbeit relevanten Rechtsnormen (z.B. SGB IX oder Werkstättenverordnung) und der Unternehmenskultur der Werkstätten; stets ergänzt er seine Ausführungen abschließend auch durch kritische Hinweise.
Im 2. Kapitel widmet sich Wolfgang Trunk zunächst dem Bereich Qualitätsmerkmale: Person. Der Autor zeigt nachvollziehbar auf, dass die Ausgangsposition für ein Lernvorhaben durch den biographischen Standort einer Person markiert wird; was der Mensch lernen kann, muss zu seiner persönlichen Situation passen und soll die bisherige Entwicklung sinnvoll weiterführen; entscheidend für den Erfolg von Lernprozessen sind das Interesse und die Lernmotivation des Menschen; Lernen verläuft – so das nachvollziehbare Fazit des Verfassers - immer prozesshaft; Ursprung jeder wirklichen Lernaktivität ist der Mensch – quasi als Lernsubjekt – selbst.
Für die pädagogische Arbeit in Werkstätten bedeutet dies, dass die Grundinteressen der behinderten Beschäftigten nach Teilhabe, Selbstbestimmung, Mitgestaltung und persönlicher Perspektive in den Fokus gerückt werden müssen und den Menschen die Gelegenheit geboten wird, sich selbst als das Subjekt seines Lernens zu begreifen; der Einzelne soll dabei vor allem befähigt werden, seine individuellen Lebensumstände möglichst eigenverantwortlich zu gestalten.
Im 3. Kapitel befasst sich der Autor unter der Überschrift Qualitätsmerkmale: Lernprozess mit der Erkenntnis, dass der Mensch immer Bestandteil einer ihn umgebenden sozialen Welt ist; die Umwelt bietet dem Einzelnen eine Vielzahl von Lerngegenständen an; Lernprozesse werden jedoch erst ausgelöst, wenn es dem Einzelnen gelingt, zielgerichtet zu handeln und sich im Verlauf dieses Handelns Schwierigkeiten (so genannte Handlungsproblematiken) ergeben; vielfach wird der Mensch hier mit Diskrepanz-Erfahrungen konfrontiert, d.h. er nimmt wahr, dass seine Fähigkeiten in bestimmten Bereichen begrenzt sind; will eine Person eine bestehende und erkannte Handlungsproblematik (z.B. "Ich kann nicht lesen." … "Ich kann nicht Auto fahren.") aktiv überwinden, so muss er eine bestehende Lernproblematik akzeptieren und eine konstruktive Lernhaltung einnehmen, die Schwierigkeiten nicht nur umgeht, kompensiert oder bewältigt sondern die Diskrepanzen vielmehr aktiv verändert; die sich zwangsläufig anschließende Lerntätigkeit muss sich aus einer Abfolge von Lernhandlungen zusammensetzen, die es dem Einzelnen ermöglichen, die Lerngegenstände in ihrer inneren Logik zu begreifen und entsprechende Lernfortschritte zu erzielen..
Für die pädagogische Arbeit in Werkstätten bedeutet dies, dass jeder Arbeitsprozess ein potenzieller Lerngegenstand sein kann und produktive, zielgerichtete Arbeit in der Werkstatt somit das zentrale Mittel der Rehabilitation ist; der behinderte Mensch soll sich im Produktionsprozess mit seinen individuellen Diskrepanz-Erfahrungen auseinandersetzen, er soll erfahren, welche Stärken und Schwächen er besitzt und - ausgehend von seinem individuellen Bedarf - bei der Überwindung einer gegebenen, erkannten und/oder formulierten Lernproblematik unterstützt werden.
Im 4. Kapitel - Qualitätsmerkmale: Lernarten - führt Wolfgang Trunk die Begriffe
- Intentionales Lernen
- Partizipatives Lernen
- Kooperatives Lernen
- Autonomes Lernen
näher aus. Wiederum ausgehend von den theoretischen Grundlagen des Klaus Holzkamp betont der Verfasser die Notwendigkeit, dass das Lernen in der Werkstatt immer von einer bewussten Absicht geleitet sein soll; auch wenn sich das Konzept des partizipativen, gemeinschaftlichen Lernens sicher am ehesten für die pädagogische Arbeit in einer WfbM zu eignen scheint, so sollte das Qualitätsmanagement doch offen für alle Formen des Lernens sein.
Aufgabe der Werkstatt ist es, darauf hinzuwirken, dass der betreute Mensch alle Möglichkeiten des Lernens in Anspruch nehmen kann, die in der Einrichtung gegeben sind.
Das 5. Kapitel setzt sich der Autor mit dem Thema Qualitätsmerkmale: Lernunterstützung auseinander. Ausgehend von der Erkenntnis, dass sich Lernen vor allem zwischen dem Lernenden und dem Lerngegenstand bzw. dem Lehrenden abspielt, betont Wolfgang Trunk hier vor allem die zentrale Bedeutung des von Beziehungsarbeit getragenen Interpersonalen Lernens.
Der Verfasser verweist im Folgenden auf die Bedeutung des Lernortes bzw. der Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Lernerfolgen; er setzt sich – in erster Linie kritisch – mit der in vielen Organisationen bestehenden Lernplanung in Form eines Curriculums sowie dem Lehr-Lernen in der klassischen Unterrichtsform auseinander; nicht selten sei in solchen Lernstrukturen Defensives Lernen die Folge, d.h. die Menschen lernen etwas, was sie eigentlich nicht brauchen, nur, um Nachteile zu vermeiden, wenn sich dem Lehrplan oder dem Willen des Lehrenden verweigern.
Für die pädagogische Arbeit in Werkstätten bedeuten die geschilderten Zusammenhänge für Wolfgang Trunk in erster Linie, dass die Lehr- und Lernplanung in hohem Maße individualisiert werden muss und es dem Betroffenen möglich sein sollte, an der Ausgestaltung seiner Unterstützungsleistung möglichst frühzeitig und umfassend beteiligt zu werden.
Wolfgang Trunk beschließt seinen Leitfaden zur "Qualität der Pädagogischen Arbeit in Werkstätten für behinderte Menschen" mit einem zusammenfassenden Resümee und der Wiederholung der für ihn zentralen Thesen der von ihm definierten zwanzig pädagogischen Qualitätsmerkmale.
Im Anhang findet sich – neben dem obligatorischen Literaturverzeichnis - ein hilfreiches Glossar der zentralen, im Buch eingeführten Begrifflichkeiten sowie eine Checkliste mit Leitfragen zur Qualitätskontrolle; lobend erwähnt sein soll auch, dass der Verlag zu konstruktiver Kritik am veröffentlichten Werk aufruft und dem Anhang einen Feedback-Fragebogen beifügt.
Zielgruppe
Wolfgang Trunks Beitrag zur Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Qualität e.V. richtet sich – wie es der Titel ja schon anzeigt – in erster Linie an die Verantwortungsträger in Werkstätten für behinderte Menschen; das vorliegende Buch erscheint somit vor allem für die Geschäftsführer beim Träger, für die Werkstattleitung, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im begleitenden Dienst sowie natürlich die Qualitätsmanagementbeauftragten dieser Einrichtungen geeignet. Sicherlich wären die Ausführungen des Verfassers aber auch für politische Entscheidungsträger und/oder verantwortliche Stellen auf Seiten staatlicher Kostenträger von Werkstätten hilfreich für ein erweitertes Verständnis der Werkstattarbeit.
Nachdem sich Wolfgang Trunk in zentralen Teilen seiner Arbeit auf die Subjektorientierte Lerntheorie von Klaus Holzkamp bezieht und dessen Thesen - in z.T. ungewohnter, jedoch stets interessanter Weise - auf die pädagogische Arbeit mit behinderten Menschen überträgt, kann das vorliegende Buch sicher für alle professionellen Helfer interessant sein, die im beruflichen Kontext behinderte Menschen beraten, begleiten, betreuen und bilden; auch für im Bereich der Aus-, Fort- und Weiterbildung Lehrende bietet der besprochene Text wertvolle Diskussionsbeiträge.
Diskussion
Wolfgang Trunk will – so besagt es der Klappentext - mit dem vorliegenden Buch eine differenzierte Antwort auf die Fragestellung geben, was unter pädagogischer Qualität in der Werkstatt für behinderte Menschen zu verstehen wäre; der Autor will dadurch einen Beitrag zur Verbesserung der bestehenden Qualitätsmanagementsysteme leisten – beides ist dem Verfasser des knapp 200 Seiten umfassenden Werkes durchaus gelungen.
Die Verknüpfung von Lerntheorie und Werkstattalltag ist in der vorliegenden Form innovativ; der Leser wird hervorragend und – für ein Fachbuch auch erstaunlich kurzweilig - an das komplexe Theoriekonzept der Subjektorientierte Lerntheorie herangeführt, auch wenn Wolfgang Trunks Text stellenweise wie eine Hommage an Klaus Holzkamp wirkt, gelingt die beabsichtigte Übertragung der theoretischen Inhalte auf das Qualitätsmanagement; die "idealtypische" Unternehmenskultur der Werkstätten ist – zumindest auf einer Meta-Ebene - stets nachvollziehbar.
Aufmerksame Leser – und hier wohl insbesondere langjährig in der Behindertenhilfe tätige Experten – werden immer wieder mit überraschenden Fragestellungen und Thesen zur pädagogischen Arbeit konfrontiert; Wolfgang Trunk spart nicht an Kritik mit bestehenden Handlungskonzepten der Werkstätten (so setzt er sich z.B. kritisch mit dem weit verbreitetem "Detmolder Lernwegemodell" oder entwicklungspsychologischen Ansätzen nach Piaget auseinander) , der Verfasser stellt manchen Standard der Werkstattarbeit in Frage, wenn er z.B. davon abrät, den Berufsbildungsbereich in der WfbM als eigenständigen Bereich zu konzipieren und/oder er kritisch hinterfragt, ob die Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wirklich die große Vision / Zielsetzung für die Beschäftigten der Werkstatt sein sollte.
Sicher kann an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass manche Ausführungen Wolfgang Trunks noch nicht vollständig "zu Ende gedacht" sind und zudem einen derart hohen Abstraktionsgrad aufweisen, dass es schwierig erscheint, die dargestellten Gedanken und Thesen für den Arbeitsalltag einer "normalen" Montagegruppe zu operationalisieren; sicher bleibt vielfach die Frage offen, wie die geschilderten lerntheoretischen Erkenntnisse in eine handlungsrelevante, praxistaugliche Konzeption überführt werden können; sicher drängt sich beim Lesen mancher Textpassagen auch die Frage auf, ob die aufgezeigten Zusammenhänge wirklich die Lebensrealität der behinderten Menschen in den Werkstätten erfassen (gerade die Situation der schwerst-/mehrfachbehinderten Beschäftigten, denen die Lernmöglichkeiten der "sozialen Welt" vielfach verschlossen bleiben, scheint nicht wirklich bedacht zu sein).
Fazit
Insgesamt leistet Wolfgang Trunk mit der vorliegenden Veröffentlichung zur "Qualität Pädagogischer Arbeit in Werkstätten für behinderte Menschen" – trotz der geschilderten Kritikpunkte und vielen offenen Fragestellungen - einen äußerst wertvollen Beitrag zum Paradigmenwechsel im Bereich der Sozialen Arbeit für Menschen mit Behinderung.
Das vorliegende Buch verdient – und hier ist dem Vorwort von Dr. Jürgen Varwig von der Deutschen Gesellschaft für Qualität e.V. uneingeschränkt zuzustimmen – eine breite Resonanz in der interessierten Fachwelt.
Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. (FH) Mathias Stübinger
Diplom-Sozialpädagoge (FH)
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung.
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