socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Knuf, Christiane Tilly: Borderline. Das Selbsthilfebuch

Cover Andreas Knuf, Christiane Tilly: Borderline. Das Selbsthilfebuch. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2007. 224 Seiten. ISBN 978-3-86739-004-0. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.

Reihe: Balance Ratgeber.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


"Am Geburtstag ist es immer am schlimmsten…"

Selbsthilfe - ein Stichwort, das mit hunderprozentiger Sicherheit Zukunft hat. Nicht nur finanzielle Engpässe bei psychiatrischen Trägern, sondern auch das bereits beschlossene, persönliche Budget werden dafür sorgen. Statt professionelle Dienstleistungen einzukaufen, könnte der Betroffene sein Geld dann z.B. auch in dieses Buch investieren - in dem Psychiatrie-Erfahrene ihre eigenen Erlebnisse schildern und ihren Lesern Tips zum Umgang mit ihrer besonderen Lebenssituation geben - z.B. wie man den Geburtstag besser übersteht.

Eine Betroffene als Mitrezensentin ...

Was liegt da näher, als ein solches Buch von einer Betroffenen selbst beurteilen zu lassen? So entstand unsere Idee, als Betroffene und als "Profi" gemeinsam das Buch zu lesen und zu besprechen. Um es vorweg zu nehmen: Obwohl eigentlich ein Selbsthilfebuch, sollte die Lektüre jedem empfohlen werden, der mit Borderline-Erfahrenen zu tun hat. Sehr genau beschreibt das Buch die innere Gefühls- und Gedankenwelt dieser oft schwer traumatisierten Menschen - wie die Betroffene bestätigt. Sie findet sich in dem Buch an vielen Stellen wieder und zieht einen großen Gewinn aus dem Gefühl, mit ihrer besonderen Lebenssituation nicht allein da zu stehen. Als eine, die persönlich noch keine Selbsthilfegruppe besucht hat, profitiert sie hier von dem Medium Buch.

Ihre Gefühle bei der Lektüre beschreibt sie so: "Teils traurig wurde ich, weil mich das in eine Stimmung versetzt hat, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste etwas ändern. 'Wenn Du jetzt nichts tust, bist Du Dein Leben an das Schneiden gebunden oder vielleicht auch daran, Dich umbringen zu wollen'. Dann habe ich mir ein paar Sachen im Buch angeguckt - v.a. die Kommentare der anderen Mitbetroffenen haben mich sehr berührt und zum Nachdenken gebracht. Dann bin ich aus dieser schlechten Stimmung wieder rausgekommen. Einmal hat mir geholfen, dass die Autoren einen gewarnt haben, in schlechter Stimmung lieber nicht zu lesen oder aufzuhören und später weiterzulesen. Aber vor allen Dingen, dass die Betroffenen auch Positives berichtet haben, hat mir das Gefühl gegeben, jetzt musst Du Dich dran setzen, etwas tun. Das ist ein Stück weit Arbeit".

...und die Reaktion der Fachfrau

Meine Gefühle - als Nicht-Betroffene und Profi - beim Lesen reichten vom "Abnicken" bis zum Erstaunen - vieles ist nachvollziehbar, gar nicht so weit weg vom eigenen Leben, oft nur im Ausmaß anders - die Grenzen zwischen dem "normalen" Erleben der Mehrheit und den besonderen Erfahrungen der Betroffenen scheinen oft fließend. Manchmal allerdings muss ich regelrechte "Gedankenakrobatik" vollbringen, um ihrer "logischen Kette" folgen zu können. Hier leistet das Buch einen unschätzbaren Wert für den Profi: Als Übersetzungshilfe für alles das, was die Betroffenen vor Ort nicht so gut oder unmittelbar in Worte fassen können.

Aufbau und Inhalt

In den ersten Kapiteln versuchen die Autoren, sich einer Definition der oft inflationär verwandten Diagnose "Borderline" zu nähern. Dies geschieht ganz nah am Alltag der Betroffenen. Verhaltensmuster und Gefühle bei der oft so schwierigen Suche nach der eigenen Identität werden beschrieben. Jedes Kapitel beginnt mit Zitaten der Betroffenen und endet mit Anregungen zur Selbstreflexion - selbstverständlich in gut verständlicher Sprache und mit Lesetips versehen. Das Buch trägt eine Fülle von Anregungen zur persönlichen Selbsthilfe, zur Selbsthilfe in Gruppen, aber auch zum Umgang mit Fremdhilfe zusammen. Ein spezielles Kapitel widmet sich den typischen Folgen einer starken Traumatisierung. Immer wird auch und vor allem für den Betroffenen erklärt, der sich oder sein Verhalten vielleicht selbst nicht verstehen kann.

Im Anhang finden sich weitere Anregungen oder Arbeitsbögen:

  • Tipps zum Umgang in der Selbsthilfegruppe,
  • ein Verhaltensanalyse-Bogen und
  • Fragebögen, die nicht nur die Kapitel zusammenfassen.

Ausgefüllt führen Sie dem Nutzer die eigenen Reflexionen sichtbar vor Augen und können z.B. gut für Verträge mit sich selbst genutzt werden. Das Literaturverzeichnis führt neben Ratgebern und Fachbüchern auch Romantitel an und es finden sich zahlreiche Hinweise auf Links im Internet. Last but not least untermauert der Preis des Ratgebers den Charakter des Selbsthilfebuches.

Fazit

Das Borderline-Selbsthilfe-Buch von Knuf und Tilly ist für die Betroffenen, aber auch für alle anderen Interessierten ein hochinformatives Buch. Die Betroffenen selbst fühlen sich verstanden und sehr gut beschrieben und verlieren bei der Lektüre das Gefühl der Isolation. Für die Profis ist das Buch v.a. eine Übersetzungshilfe für die Bereiche der Innenwelt der Betroffenen, die sie nicht so gut schildern können. So ist das Buch nicht nur als Selbsthilfe- sondern auch als Fachbuch zu empfehlen.

Ebenso empfiehlt sich durchaus, als Betroffener und Profi das Buch gemeinsam oder zeitgleich zu lesen. So kann sich ein anregender Austausch ergeben, der sich im besten Falle gleichzeitig zur Arbeit an der Biographie und den Ressourcen des Betroffenen entwickeln kann. Bei unserer Zusammenarbeit kam es auch zu einer Einschätzung der Borderline-Erkrankung, die sich erstaunlicherweise in vielen Punkten überschnitt und an anderen Stellen auch noch interessante Erweiterungen erhielt. Die Selbsthilfe, auch in Form derartiger Ratgeber, wird sicherlich in Zukunft eine erhebliche Rolle spielen. Das vorliegende Buch verdeutlicht, wie wichtig die "Expertenmeinung" der Betroffenen in der psychiatrischen Arbeit ist.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. Sabine Eimecke
Tätig in einem Wohnbereich eines psychiatrischen Fachkrankenhauses
E-Mail Mailformular

Rezensentin
Daniela Ulbricht
Betroffene, die im Betreuten Wohnen lebt


Alle 7 Rezensionen von Sabine Eimecke anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sabine Eimecke/Daniela Ulbricht. Rezension vom 12.12.2007 zu: Andreas Knuf, Christiane Tilly: Borderline. Das Selbsthilfebuch. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2007. ISBN 978-3-86739-004-0. Reihe: Balance Ratgeber. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5077.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!