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Sigrid Michel, Sylvia Löffler (Hrsg.): Mehr als ein Gendermodul. Qualitative Aspekte des Qualitätsmerkmals Gender im Bologna-Prozess

Rezensiert von Prof. Dr. Barbara Ketelhut, 23.10.2007

Cover Sigrid Michel, Sylvia Löffler (Hrsg.): Mehr als ein Gendermodul. Qualitative Aspekte des Qualitätsmerkmals Gender im Bologna-Prozess ISBN 978-3-89370-411-8

Sigrid Michel, Sylvia Löffler (Hrsg.): Mehr als ein Gendermodul. Qualitative Aspekte des Qualitätsmerkmals Gender im Bologna-Prozess. Kleine Verlag GmbH (Bielefeld) 2006. 180 Seiten. ISBN 978-3-89370-411-8. 19,60 EUR. CH: 34,50 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

"Die Einbeziehung der Chancengleichheit im Sinne des Gender-Mainstreaming-Ansatzes, dem sich die europäische Union schon in den Amsterdamer Verträgen verpflichtet hatte und der als Motor und Garant zur Integration von lokalen Humanressourcen einen nicht zu unterschätzenden Innovationspfad darstellt, war im Bologna-Prozess von der Politik nicht berücksichtigt worden" (S. 7). Im Rahmen einer Tagung im Dezember 2004 setzten sich Professorinnen verschiedener Fachrichtungen und Expertinnen aus hochschuldidaktischen Einrichtungen mit der Frage auseinander, wie Ergebnisse aus der Genderforschung noch zu diesem späten Zeitpunkt eingebracht werden können. Somit nimmt die Dokumentation der auf der Tagung diskutierten Vorträge im vorliegenden Band einerseits eine exklusive Position ein und zum anderen stellt der Vorgang an sich ein weiteres Lehrstück dar, wie es immer wieder, trotz vertraglicher Regelungen, gelingen kann, Geschlechterverhältnisse unberücksichtigt zu lassen.

Aufbau und Inhalte

Nach einem Vorwort von Sigrid Michel und Sylvia Löffler, das kurz in die folgenden Beiträge einführt, rekapituliert Sigrid Michel wie es dazu kam, dass der Genderaspekt doch noch in den Bologna-Prozess eingebracht werden konnte.

Sigrid Metz-Göckel stellt basierend auf dem theoretischen Konzept der Intersektionalität die Frage, wie frauengerechte Studiengänge aufgebaut werden können. Am Beispiel der Internationalen Frauenuniversität "Technik und Kultur" (ifu), die 2000 in Hannover stattfand, verweist sie nicht nur auf die Bedeutung von Internationalität und Interdisziplinarität sondern auch darauf, dass es für die Entwicklung einer forschenden Haltung der Studentinnen inklusive einer ausgeprägten Kritikkultur förderlich ist, im Rahmen von Projekten zu studieren, die genug Raum für eine partizipative Gestaltung der Studentinnen bieten. "Diese implizite Förderung von Frauen als selbständige intellektuelle Wesen, die ihr Studium aktiv gestalten, ist die zentrale hochschuldidaktische Erkenntnis aus der ifu." (S. 42) In eine ähnliche Richtung weist auch der Beitrag von Aylâ Neusel. Barbara Stambolis und Sabine Hering schildern die Entwicklung und Einführung eines Gendermoduls an der Universtität Siegen in zwei Fachbereichen mit geistes- und sozialwissenschaftlicher Ausrichtung.

Immer wieder betonen die Autorinnen in ihren Beiträgen, wie notwendig es ist, die Zusammenhänge von Theorie und Praxis didaktisch explizit einzubringen. Gerade hier liegt offenbar auch eine Chance mit der Einführung von Bachelor-Studiengängen Frauen für naturwissenschaftliche und technische Fächer zu interessieren, wie Barbara Schwarze mit ersten Daten belegt, die einen signifikanten Anstieg der Beteiligung von Frauen an diesen Studiengängen aufweisen. Bei der Konzeptionierung von Masterstudiengängen empfiehlt Margret Bülow-Schramm die Einrichtung eines Projektstudiums, um im Rahmen eines forschenden Lernens sowohl Genderkompetenzen vermitteln als auch didaktisch an den Bedürfnissen von Studentinnen anknüpfen zu können.

Sowohl Marion Kamphans und Nicole Auferkorte-Michaelis als auch Anke Burkhardt setzen sich in ihren Beiträgen exemplarisch damit auseinander, wie Gender-Mainstreaming in Hochschulen eingeführt and angewendet werden kann. Weitere Themen sind Mentoring (Sylvia Neuhäuser-Metternich) und Governance (Sylvia Löffler).

In ihrem abschließenden Ausblick begrüßen die Herausgeberinnen, dass die "Gleichstellung" der Geschlechter in die Kriterien zur Akkreditierung von Studiengängen Eingang gefunden hat, was letztlich auch den Autorinnen des vorliegenden Bandes zu verdanken ist (vgl. auch die Empfehlungen der TagungsteilnehmerInnen im Anhang), vermissen aber "Standards bei der Umsetzung der Querschnittsaufgabe" (S. 161).

Diskussion

Doch wie können diese Standards aussehen? Viele Fragen bleiben offen:

  • Wenn sich junge Frauen durch die neuen anwendungsbezogenen Bachelor-Studiengänge an Universitäten verstärkt für naturwissenschaftliche und technische Fächer einschreiben, welche Effekte haben Bachelor-Studiengänge und -Abschlüsse dann für Frauen, die Fächer mit einem traditionell hohen Frauenanteil studieren?
  • Wie wird sich die Einführung von Studienbeiträgen auf weibliche und männliche Studierende auswirken, wenn man davon ausgehen kann, dass die soziale Herkunft wieder eine zunehmende Rolle bei der Möglichkeit spielt, überhaupt studieren zu können?

Zielgruppen

Zu empfehlen ist der vorliegende Band allen, die an den Umstellungen im Rahmen des Bologna-Prozesses beteiligt sind und sich über den Stand der Genderforschung in diesem Bereich informieren wollen.

Fazit

Ich kann vielen Positionen im vorliegenden Band zustimmen, so z.B. der von Regina Milatovi, Anna Müller und Christine Weiß, wenn sie in ihrem Verständnis von Genderkompetenz nach den Reproduktionsweisen von "Geschlechterdifferenzen", nach Ressourcen der Geschlechter und "Strategien zur Herstellung von geschlechtergerechten Strukturen" fragen (S. 110), aber was heißt das im Kontext einer Gesellschaft, die seit einigen Jahren dabei ist, zunehmend Strategien zu entwickeln, bestehende soziale Ungleichheiten zu festigen und neue herauszubilden? Brauchen wir neben dem Ansatz der Intersektionalität, der den Fokus auf verschiedene soziale Ungleichheiten gleichzeitig legt (wie von Sigrid Metz-Göckel in ihrem Beitrag ausgeführt), einen Herrschaftsbegriff, der es ermöglicht, die Folgen neoliberaler Strategien in ihren katastrophalen Auswirkungen auf die Lebenswelten insgesamt zu analysieren? Dass der Zugang zum Studium all denen erschwert wird, die ein großes finanzielles Risiko auf sich nehmen müssen, wenn sie studieren wollen, dass die Studiengänge zum großen Teil so verschult und verdichtet werden, dass die Zeiten für Reflexionen über das Gelernte und zu Lernende auf ein Minimum eingeengt werden bei gleichzeitiger Reduzierung der Aufnahmekapazitäten in vielen Fakultäten, wird sich - so meine These - strukturell und auf Dauer gegen Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen richten. Hier ist ein Ansatz gefordert, der über Reformen, wie sie im Rahmen von Gender Mainstreaming angelegt sind, hinausgeht.

Rezension von
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbaraketelhut@aol.com
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Es gibt 13 Rezensionen von Barbara Ketelhut.

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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 23.10.2007 zu: Sigrid Michel, Sylvia Löffler (Hrsg.): Mehr als ein Gendermodul. Qualitative Aspekte des Qualitätsmerkmals Gender im Bologna-Prozess. Kleine Verlag GmbH (Bielefeld) 2006. ISBN 978-3-89370-411-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5081.php, Datum des Zugriffs 08.12.2022.


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