Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Francisco Marì, Rudolf Buntzel: Das globale Huhn[...]

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 22.07.2007

Cover Francisco Marì, Rudolf Buntzel: Das globale Huhn[...] ISBN 978-3-86099-852-6

Francisco Marì, Rudolf Buntzel: Das globale Huhn. Hühnerbrust und chicken wings - wer isst den Rest? Brandes & Apsel (Frankfurt) 2007. 280 Seiten. ISBN 978-3-86099-852-6. 19,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Skandal im Hühnerstall

Der Weg vom "lokalen" (Nutz)Tier zum "globalen" Handels- und Spekulationsmaterial ist gepflastert mit Illusionen, Projektionen, Konsumentenverhalten und Gier. Über die Nutzung von Hühnern als Legemaschinen und Hähnchen als Massen(fress)ware wird mittlerweile in kritischen Beiträgen berichtet. Die ökologischen und humanen Aspekte stehen dabei im Widerstreit mit den ökonomischen und Verwertungsinteressen.

Autoren und Thema

Der Volkswirt und Beauftragte für Welternährungsfragen des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED), Rudolf Buntzel, und sein Kollege, der Psychologe und Projektmanager Francisco José Mari López, haben sich in einer bemerkenswerten Studie mit den verschlungenen Wegen des "globalen Huhns" befasst. Ihre Recherchen decken die skandalträchtigen Machenschaften der Agrarkonzerne und Hähnchenfleischexporteure schonungslos auf. Die "Restfleisch-Vermarktung" stinkt nicht nur zum Himmel, sie überschreitet auch jedes Maß von Ethik und  Verantwortung.

Inhalt

Die Weltmeister bei der Produktion von Hähnchen- und Hühnerfleisch sind die USA mit jährlich 16,3 Mio Tonnen, gefolgt von China (10,6), Brasilien und der EU. Die Menschen in der Welt drängt es nach Fleisch, und zwar in der Tendenz weg vom "roten" Fleisch, das als Schweine- und Rindfleisch den Ruf von "ungesund" hat, und hin zum "weißen" Fleisch von Hühnern und Hähnchen. Die weltweite Vermarktung des "weißen" Fleisches folgt einer Logik, die sich in vielen anderen Bereichen des Agrarmarktes auch vollzieht: Immer spezieller, zerkleinerter und in den Augen der Strategen der Hähnchenfleischvermarktung auch verfeinerter Manier verlaufenden Entwicklungsstufen beim globalen Angebot: Der Lebendvermarktung als einfachste Form der meist unter Armutsbedingungen und Selbstversorgung praktizierten Hühnerhaltung, folgt der Vertrieb von koch- und bratfertigen Hühnern und Hähnchen. In der dritten Stufe werden die Tiere in Einzelteile zerlegt und vermarktet. Die vierte ist gekennzeichnet dadurch, dass die Einzelteile in besonders wertvolle und für den Konsumenten weniger attraktive Teile unterschieden werden. Die fünfte Stufe schließlich, deren Höhepunkt wir zur Zeit weltweit erleben, ist geprägt durch die Neuschöpfung von Fleischprodukten, wie etwa die von McDonald’s erfundenen Chicken Mc Nuggets, Finger Food und Chicken Pops.

Spätestens in dieser Phase des globalen Fleischkonsums setzt der Skandal ein, der ohne Zweifel als menschenunwürdiger Handel bezeichnet werden kann: Das scheinbar wertvolle "weiße" Fleisch, vor allem die Filetstückchen beim Huhn, wird von den Menschen bevorzugt gekauft und konsumiert werden, die in den Ländern des Nordens über einen überwiegend höheren Lebensstandard verfügen, während die weniger wertvollen und für die "Veredelung" des Hühnerfleisches nicht geeigneten Teile, also die Reste des Huhns, von den Menschen in den Ländern des Südens konsumiert. Es geht um Dumping von Hähnchenteilen nach Afrika, Lateinamerika und Asien. Weil sich aus züchterischen und marktstrategischen Gründen eine gemeinsame Fleisch- und Eiererzeugung beim Huhn ausschließen, begann man in den USA bereits 1940 damit, das Hybridhuhn zu züchten, das eben nur eine Eigenschaft für den Vermarktungszweck garantierte, in unserem Fall: das Huhn als Fleischlieferant. Ähnlich wie bei der Hybridisierung von Getreide, Gemüse, Früchten, usw., führt diese Form der Hühnerhaltung dazu, dass immer weniger, dafür aber immer größere Konzerne die Belieferung der Mast- und Legehennenbetriebe mit Küken übernehmen. Im Fall der Zuchtunternehmen bei Broilern sind es vier gigantische Zuchtfirmen, die die Küken weltweit verschicken. Dieser Agrobusiness führt in einen immer schneller sich vollziehenden Teufelskreis, der mit einer immer perfektionierteren und auf Massenproduktion eingerichteten Hähnchenfleischerzeugung beginnt, sich als steigende Gefahren durch genetische, biologische und nicht zuletzt für den Menschen gesundheitsgefährende Auswirkungen darstellen, und nicht zuletzt in einem menschenunwürdigen Vermarktungswahnsinn mündet.

Mit der Frage - "Wer isst den Rest?" - nehmen die Autoren den Faden des Teufelsknäuels auf, indem sie am Beispiel des westafrikanischen Landes Kamerun die Wirklichkeit der kommerziellen Resteverwertung bei der Hühnervermarktung darlegen. Es handelt sich dabei, im Sinne der Restfleisch-Kategorien, um K3-Produkte: Hühnerköpfe und -beine,  Flügel und Innereien. Trotz BSE-Krise, Vogelgrippe, Salmonellenbefall und Gammelfleisch-Skandal werden weiterhin von den führenden Hühnerfleisch-Konzernen auch K3-Materialien in steigenden Mengen als Gefrierfleisch in die Länder des Südens exportiert, zu Dumpingpreisen und subventionierten Bedingungen auf gesundheitsgefährdenden Transport- und Vermarktungswegen. Und mit katastrophalen Folgen für die, etwa in Afrika seit Jahrtausenden gewachsene traditionelle Hühnerhaltung. Die Verdrängung der subsistanz-orientierten Landwirtschaft durch gefrorenes Restfleisch ist ja nur ein Beispiel des industrialisierten und globalisierten Agrargeschäfts, das sich in Hybridmais, Soja und anderen Produkten fortsetzt, bis hin zu den unbedachten und falschverstandenen Kleiderspenden.

Die Studie besticht und rüttelt auf in verschiedener Hinsicht: Zum einen dient die Aufdeckung der Machenschaften der Billigimporte vor allem von K3-Hühnerteilen nach Kamerun als Exempel für die skrupellosen Geschäfte der globalen Agrarindustrie; zum anderen macht die Produktion und Vermarktung gerade unter den Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft deutlich, dass sich die negativen und verheerenden Folgen für die Menschen global auswirken; und schließlich, dass es Auswege aus dieser fehlgeleiteten Geschäftemacherei mit Hühnerfleisch gibt - in Afrika, Asien, Amerika, Australien und Europa. Es ist an der Zeit, das bestehende internationale Lebensmittelrecht im Sinne einer Ethik für globalen Handel und Produktion anzuwenden und damit die skandalösen Auswüchse auch bei der Hühnervermarktung zu stoppen. Damit Fleisch den Menschen wieder als gesundes Nahrungsmittel schmecken kann, brauchen wir Klasse, nicht Masse; Ehrlichkeit in der Erzeugung und Vermarktung, nicht Profitgier; Geschmack auf der Zunge, nicht Verschlingungen!

Die neun Kapitel der Studie stellen sich als who-is-who des globalen Hühner-Agro-Business dar. Die Autoren beginnen mit ihrer Leit(d)frage: Was passiert in Kamerun, beispielhaft ausgewählt als ein Land des Südens, wo die Hühnerkonzerne ihre K3-Materialien als Tier- und Menschennahrung vermarkten und verramschen. Es geht weiter mit der Betrachtung, wie das Huhn vom Geschöpf zur Ware wurde. Im dritten Kapitel werden die Gründe erforscht, wie das Huhn mit dem "weißen" Fleisch die Welt erobert. Dann wird aufgezeigt, wie das Wild- und Haushuhn zum Hybridhuhn entwickelt wird. Und den weiteren Schritten kümmern sich die Forscher darum, wer den Rest vom Huhn isst und wieso die "Natur zurück schlägt", etwa mit der Vogelgrippe. Einen ungewöhnlichen Aspekt stellt das achte Kapitel mit der berechtigten und alltäglichen Frage nach der Gender-Bedeutung des Hühnerkonsums dar. Das neunte Kapitel setzt sich zwangsläufig und perspektivisch damit auseinander, wie dem "globalen Huhn" begegnet werden kann; was im Schlussteil schließlich mit dem Aufruf und der Aufforderung an die Konsumenten, an uns alle also, endet - sich auf die Macht der Verbraucherinnen und Verbraucher zu besinnen, um das inhumane System der Hühnerindustrie zu verändern, hin zu einer humanen und tiergerechten Hühnerhaltung und -vermarktung. Denn: Hühnerfleisch darf und soll schmecken, nicht nur sättigen.

Fazit

Die Veränderungen müssen bei uns beginnen, sofort. In einer niedersächsischen Tageszeitung ist am 26.5.07 zu lesen, dass sich eine Bürgerinitiative im Landkreis Osnabrück gegen den Bau von riesigen Legehennenställen in den Ausmaßen von Fußballplätzen wehrt. Ein Investor will dort Hallen bauen, in denen rund 300.000 Tiere untergebracht werden können. Das dabei austretende gesundheitsschädliche Ammoniak soll über hohe Schornsteine abgeleitet werden. Wohin? Die Folgen und Auswirkungen auf die Menschen in der Region, etwa durch Gestank, Lärm, Staub und die Existenz der (klein)bäuerlichen Betriebe sind bisher überhaupt nicht ermittelt und bedacht; geschweige denn für die Konsumenten. Das zuständige niedersächsische Landwirtschaftsministerium in Hannover reagiert darauf nur mit der lapidaren Erklärung, dass eine gewisse Größe nötig sei, um als vernünftiger Marktpartner für Discounter gelten zu können. Hier freilich treten Zynismus, Hilflosigkeit und Konzeptlosigkeit für eine menschenwürdige Ernährungspolitik offen zu Tage!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular

Es gibt 1656 Rezensionen von Jos Schnurer.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.07.2007 zu: Francisco Marì, Rudolf Buntzel: Das globale Huhn. Hühnerbrust und chicken wings - wer isst den Rest? Brandes & Apsel (Frankfurt) 2007. ISBN 978-3-86099-852-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5090.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht