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Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie

Cover Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen. Verlag C.H. Beck (München) 2005. ISBN 978-3-406-53555-0. 35,00 EUR.
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Autoren

Die beiden Autoren sind renommierte Wissenschaftler. Prof. Dr. phil. Dr.med. Heinz Schott lehrt Geschichte der Medizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, ist Direktor des Medizinhistorischen Instituts und durch bedeutsame Werke zur Medizingeschichte ausgewiesen. Von der Familie v. Weizsäcker ist sein Institut betraut worden mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Viktor-von-Weizsäcker-Nachlasses. Prof. Dr. med. Rainer Tölle ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und war bis 1998 Professor für Psychiatrie und Direktor der Klinik für Psychiatrie der Westfälischen Universität Münster. Tölle ist Verfasser eines psychiatrischen Lehrbuchs, das inzwischen in der 14. Auflage vorliegt.

Ziele und Zielgruppe

Die Autoren kritisieren, dass die Rezeption der Psychiatrie sowohl im allgemeinen wie die psychiatriehistorischen Standardwerke im besonderen die Geschichte des Faches ausklammern (S. 18). Schott/Tölle beabsichtigen diese Lücke zu füllen, indem sie die "(…) Geschichte und Aktualität der Psychiatrie zusammenzubringen" (ebenda).

Die primäre Zielgruppe sind sicherlich Psychiater und Psychiatriestudierende. Da der Rezensent selbst Gesundheitswissenschaftler und Medizinsoziologe ist, fallen als sekundäre Zielgruppe psychiatrienahe Berufe ins Auge: Gesundheits- und Pflegewissenschaftler, Internisten, Medizinpsychologen und –soziologen, Sozialmediziner und Gesundheitspolitiker aber auch pflegerische Berufe. Als tertiäre Zielgruppe kommen in Betracht Patienten oder Angehörige von Patienten wie interessierte Leser, die z.B. diesbezügliche Volkshochschulkurse belegen. Auch Selbsthilfegruppen, die sich mit Psychiatriethemen beschäftigen, einschließlich Gerontopsychiatrie, Suchttherapie u. ä. sind nicht zu unterschätzende Zielgruppen.

These und Aufbau

Der C.H.Beck Verlag München hat zur Gestaltung des Umschlags ein Kunstwerk von Paul Klee ausgewählt: Der Hausgeist, 1923, Wasserfarben auf Grundierung auf Karton, mit Gouache und Feder. In Anlehnung an diese Abbildung von Paul Klee (1920) intendiert das vorliegende Werk die Geschichte der Psychiatrie nicht als etwas "Sichtbares", sondern als einen schöpferischen Akt, der die Geschichte der Psychiatrie erst "sichtbar macht". Auf dem Hintergrund dieser Hermeneutik (S. 18) erschließt sich die Vielfalt psychiatrischer Deutungen, sowohl mit ihrer heilend-salutogenetischen Kraft als auch mit ihrer ideologischen Bedrohung und Verengung. Jedenfalls ist es das wissenschaftliche Ziel der Autoren, hierbei das Gesamtwerk der Psychiatrie in seiner Bedeutung für den psychisch kranken Menschen in der Gesellschaft (Alexander Mitscherlich) weder auf Systeme noch auf Fakten alleine zu reduzieren, wenn sie analytisch auch durchaus wichtig sind.

Der historische Zugang, wie von Schott und Tölle hier gewählt, erschließt dem Leser die Breite und Tiefe einer "sozialen Konstruktion" (Thomas Luckmann) der Geschichte der Psychiatrie. Dabei verzetteln sich die Autoren keinesfalls; durchaus eine Gefahr bei diesem Ansatz. Vielmehr decken sie - neben den Irrläufern - den historischen Zusammenhang der Prävention, Ätiologie, Anamnese, Therapie und Rehabilitation in der Psychiatrie (Pschyrembel Sozialmedizin) auf und vermitteln schließlich ein grundlegendes reflektiertes Verständnis für diese medizinische und soziale Disziplin.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung mit der Frage "Wozu Psychiatriegeschichte ?" ist das Werk in 6 Kapitel gegliedert.

Im 1. Kapitel besprechen Heinz Schott und Rainer Tölle historische Voraussetzungen der Psychiatrie (S. 19-115). Die Themenstruktur reicht von der Religion, Dämonologie, Anatomie, Physiologie, Magie, Imagination, Ideen der Aufklärung und der Romantik, Französische Schule über die Magna Charta der Psychiatrie mit Griesinger, Neurologie, Psychodynamische Orientierung bis zur Degenerationslehre, dem Sozialdarwinismus und der Eugenik.

Im 2. Kapitel gehen die beiden Autoren auf moderne Begründungen, Entwicklungen und Irrwege ein (S. 116-230). Erstens geht es um Schulenbildung (S. 116-145) und zweitens um Strömungen (S. 146-230). Mit Blick auf die Schulenbildung werden vorgestellt die Klinische Psychiatrie (Kraepelin), Psychoanalyse (Freud), Zürcher Schule (Bleuler) und die pluridimensionale Psychiatrie (Tübinger Schule). Mit Blick auf die psychiatrischen Strömungen untersuchen Schott/Tölle die allgemeine und klinische Psychopathologie, Phänomenologie und Daseinsanalyse, psychosomatische Perspektive, psychisch Kranke und Psychiater im Nationalsozialismus, Juden und Missbrauch der Psychiatrie, soziologische und sozialpsychiatrische Ansätze, Antipsychiatrie, die neurobiologische Forschung und die Wege in der Psychiatrie.

Im 3. Kapitel besprechen Schott/Tölle die psychiatrische Krankenversorgung (S. 231-326). Im Zentrum stehen Vorläufer im Orient und Okzident, Arbeits-, Zucht- und Tollhäuser, Zwangsbehandlung und Unfreiheit, die Anstaltspsychiatrie in einzelnen Ländern und ihre Probleme, extramurale Versorgung, das Krisenjahr 1868, die Universitätspsychiatrie, die Psychiatriereform und ihre Folgen wie Differenzierungen und Spezialisierungen.

Im 4. und 5. Kapitelerläutern die Autoren psychiatrische Krankheiten (S. 327-418) und Behandlungsformen (S. 419-495). Mit Blick auf die Krankheiten geht es um die Krankheitslehre, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Hysterie, Neurose, Neurasthenie, Persönlichkeitsstörungen, psychotraumatische Störungen, Wahn, Schizophrenien, Melancholie und Depression. Unter dem Aspekt der Behandlungsformen werden die physische und moralische Behandlung, Arbeitstherapie, Psychotherapie, Insulin- und Krampfbehandlung, Psychochirurgie und die Psychopharmakatherapie erklärt.

Im 6. Kapitel setzen sich Schott/Tölle abschließend mit der Frage "Der kranke Mensch und die Psychiatrie" auseinander (S. 496-511). Im Mittelpunkt stehen die Problematiken (1) Krankheit: Diagnostik als Stigmatisierung, (2) Kranksein: der Kranke als Subjekt, (3) Der aktive Patient, (4) Psychiatrische Institutionen: der Kranke als Gefangener, (5) Patienten im Bann psychiatrischer Modelle und Hypothesen, (6) Psychiater: im Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft und (7) schließlich die Medizinische Anthropologie: Ihre Bedeutung für die Psychiatrie

Abgeschlossen wird der Text als Credo der Studie mit einem Zitat von Viktor von Weizsäcker (1951, S. 578 f., zit. nach: Schott/Tölle, S. 510-511): "Das Schwere soll leicht werden. Durch Sympathie, und das ist schon eine Halbierung der Last. Durch nützliche Unterstützung, und das kann schon der Entlastung nahekommen. Und durch Abwerfen von Ballast, und damit kann der Ballon steigen. Es handelt sich nämlich bei der pathischen Reise durch die pathische Landschaft nicht ums Schwere, sondern ums Leichtere, nicht ums Grobe, sondern ums Feine, nicht um den Ernst, sondern ums Heitere. (…) Also: hört auf die Nuance, hört nicht aufs Absolute. Werdet feiner, nicht gröber, werdet empfindlicher, nicht unempfindlicher."

Diskussion

Der Text ist von den Autoren übersichtlich, prägnant und flüssig verfasst und angenehm zu lesen. Auch ist der Schwierigkeitsgrad gut zu bewältigen. Ferner sind die bibliographischen Kriterien exzellent erfüllt. Denn sowohl die reichhaltigen Anmerkungen und das Literaturverzeichnis wie das Personen- und Sachregister bieten insgesamt eine treffliche Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten mit dem Text.

Jedoch teilt der Rezensent die Kritik von Jürgen Brunner, dass "sachliche Detailfehler" für die zu empfehlende zweite Auflage eines "sorgfältigen Sachlektorates" bedürfen.

Das Werk eröffnet für den Leser mehrere Dimensionen einer hermeneutischen Psychiatrie, wie von den Autoren beabsichtigt (S. 18):

Dimension der Aufklärung: Die Wissenschaftsgeschichte ist ein interessantes Projekt zum ganzheitlichen Verstehen der Entwicklungen von Disziplinen, gerade in einer sozialen Zeit, in der Spezialisierungen Blüte getrieben haben. Wertvolle Beispiele sind die Geschichte der Medizin (Wolfgang Eckart), die Geschichte ökonomischen Denkens (Fritz Söllner), History of Western Philosophy (Bertrand Russell) oder die vorliegende Geschichte der Psychiatrie. In der Flut und Dynamik wissenschaftlicher Einzelwerke erschließen sie sich als Zäsur, Oasen der Ruhe, Durchatmen können, sich ein Bild nicht nur über den "state of art" zu verschaffen, so wichtig dieser natürlich ist, sondern auch die "Hinterzimmer" (Erving Goffman) prägender Entwicklungen kennenzulernen, wie es Schott und Tölle im Falle der Geschichte der Psychiatrie charakterisierend mit den Dimensionen der Krankheitslehren, Irrwege und Behandlungsformen aufzeigen.

Dimension wissenschaftlicher Bildung: Dass das Werk von Heinz Schott und Rainer Tölle wertvoll und spannend geschrieben ist, für den kundigen Leser aus einem Guss, für den weniger kundigen Leser mit vielzähligen Anregungen, deren Vertiefung sich nur lohnt, ob nun in der sozialen Rolle als Wissenschaftler, Dozent, Student, Patient oder kundiger Bürger, steht außer Frage. Hier liegt darüber hinausgehend ein systematisch und mit klarer Sprache abgehandeltes Buch vor, das die Qualität einer Bibliothek auf eine andere Stufe hebt, weil der Leser, sachlich bereichert, sicherlich gerne darauf zurückgreift.

Bibliotherapeutische Dimension: Neben seinem essentiellen Beitrag zur Wissenschaft ist das Werk bibliotherapeutisch (Paul Ridder), d.h., die beste Leistung, die ein umfassendes Werk, hier im Kontext psychiatrischer Salutogenese, vermitteln kann. Mit solchen Büchern kommt Freude auf in einer Welt exogener und endogener Zerrissenheit.

Politische Dimension: Last not least trägt das Werk im Spannungsfeld der Gesellschaft zur Demokratisierung der Psychiatrie bei. Auf Mikroebene wird der mündige Patienten gefördert, wie es schon durch die 68er-Bewegung und die Psychiatrieenquete angestoßen wurde.

Fazit

Insgesamt ist ein wichtiges Buch zur "umfassenden Darstellung" (C.H.Beck) über die Entwicklungsgeschichte der Werte, Irrläufer und Strukturen in der Psychiatrie, d.h. der Sachfragen, Schulenbildung und Kontroversen in der Psychiatrie geschrieben worden.

Literatur:

  • Brunner, Jürgen: Rezension von: Heinz Schott / Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheiten – Irrwege – Behandlungsformen. München: C. H. Beck 2006. In: sehepunkte 6 (2006). Nr. 7/8 (15.07.2006). www.sehepunkte.de/2006/07/8980.html (10.01.2009)
  • Eckart, Wolfgang, Geschichte der Medizin. Springer-Verlag Berlin-Heidelberg-New York-London-Paris-Tokyo-Hong Kong-Barcelona 1990
  • Pschyrembel Sozialmedizin. Bearbeitet von Silke Brüggemann, Hanno Irle und Helga Mai. Walter de Gruyter. Berlin-New York 2007
  • Ridder, Paul, Sonette gegen Liebesschmerz. Bibliotherapie in der Medizingeschichte. Verlag für Gesundheitswissenschaften. Greven 2008
  • Russell, Bertrand, History of Western Philosophy. George Allen & Unwin LTD. London 1969
  • Söllner, Fritz, Die Geschichte des ökonomischen Denkens. Springer-Verlag Berlin-Heidelberg-New York 1999

Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz


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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 31.01.2009 zu: Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen. Verlag C.H. Beck (München) 2005. ISBN 978-3-406-53555-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5094.php, Datum des Zugriffs 05.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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