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Carola Kuhlmann: Geschichte Sozialer Arbeit I

Cover Carola Kuhlmann: Geschichte Sozialer Arbeit I. Eine Einführung für soziale Berufe. Studienbuch. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2007. 144 Seiten. ISBN 978-3-89974-313-5. 9,80 EUR.
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Hintergrund

Das einführende und kompakte Grundlagenbuch zur Geschichte der Sozialen Arbeit ist in der Reihe Grundlagen Sozialer Arbeit erschienen, die auf die Anforderungen des neuen Stufenmodells der Bachelor- und Masterstudiengänge, insbesondere in Form eines präzisen zeitlichen und inhaltlichen Studienmanagements reagieren will.

Das zweibändige Werk soll Antworten auf die folgende Frage geben: "Warum brauchen Menschen, die anderen helfen wollen, ein Wissen darum, wie Hilfeformen, -praxen und -motive entstanden sind und wie sie sich im Laufe der Geschichte veränderten?" (S. 7)

Die vorliegende Veröffentlichung stellt neben der Entwicklung der Praxis von Institutionen und Hilfesystemen auch die theoretischen Konzepte und Deutungsmuster der Helfenden dar. Die Autorin legt sich dabei ein Verständnis von Sozialer Arbeit zugrunde, "die sich darüber definiert, dass sie soziale Ungerechtigkeiten ausgleichen und die Menschenwürde und die Menschenrechte der Klienten und Adressaten sichern möchte." (S. 8)

Autorin und Herausgeberin

Prof. Dr. phil. Carola Kuhlmann ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum, Diplompädagogin und Privatdozentin an der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Jugendhilfe, insbesondere Erzieherische Hilfen, Geschichte und Theorie der Sozialen Arbeit, Soziale Arbeit und Geschlecht, Internationaler Vergleich von Sozialer Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das in insgesamt sieben Kapitel gegliederte Studienbuch (Band I) bietet eine chronologische Darstellung der Geschichte der Sozialen Arbeit von der Vorgeschichte im Mittelalter bis zu aktuellen Entwicklungen in langfristiger, prospektiver Perspektive.

  1. Im ersten, einleitenden Kapitel geht Kuhlmann auf die Vorgeschichte Sozialer Arbeit: Mittelalter und Neuzeit ein. Das Mittelalter (800-1500) wird mit den Themenstellungen Almosenlehre und Hilfe in Klöstern, Spitälen und Findelhäusern besprochen, während die Neuzeit in diesem Kapitel sich auf die Erziehung der Armen zur Arbeit in den Jahren 1500-1789 bezieht.
  2. Im zweiten Kapitel werden die Ursprünge moderner Sozialer Arbeit im 19. Jahrhundert: Konzepte und Institutionen (1789-1890) thematisiert. Zum einen werden die Hintergründe der Entstehung der "sozialen Frage" im Zusammenhand der Industrialisierung und kapitalistischen Wirtschaftsform erläutert, zum anderen wird separat auf die Entstehung und Ausdifferenzierung von Institutionen und Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit eingegangen.
  3. Wie auch der Titel des dritten Kapitels (Von den Sozialen Reformen zum Weimarer Wohlfahrtsstaat) vermuten lässt, handelt es sich hier um die Entwicklungen in dem Zeitraum von 1890 bis 1933. Im ersten Teil geht die Autorin auf Sozialversicherung und Arbeitsschutzgesetze sowie auf die Professionalisierung Sozialer Arbeit ein. Auch die Reformen im Bereich der Jugendfürsorge um die Jahrhundertwende werden angesprochen. Die Entwicklung im Ersten Weltkrieg wird als eine von der Armenpflege hin zur Fürsorge thematisiert. Im letzten Teil geht Kuhlmann auf die Institutionalisierung und erste Theorieentwicklung im Weimarer Wohlfahrtsstaat bzw. auf die Entstehung erster Theorien Sozialer Arbeit (Christian Jasper Klumker, Herman Nohl und Alice Salomon) ein.
  4. Im vierten Kapitel wird auf die Soziale Arbeit im Nationalsozialismus und damit auf die ideologische Vereinnahmung der Sozialen Arbeit durch die "Volkspflege" (Versuch einer "Endlösung" der sozialen Frage) sowie auf die Umsetzung nationalsozialistischer Politik in einzelnen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit eingegangen.
  5. Im fünften Kapitel behandelt Kuhlmann die Soziale Arbeit in BRD und DDR im Zeitraum von 1945 bis 1968, wobei im ersten Teil die Casework-Entwicklung sowie Mollenhauers Theorie der Jugendhilfe in der Bundesrepublik Deutschland im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stehen, während sie im zweiten Teil die Entwicklung Sozialer Arbeit in der Deutschen Demokratischen Republik knapp skizziert.
  6. Unter dem Titel Politisierung und Demokratisierung (1968-1989) wird im sechsten Kapitel zum einen die "Deutung sozialer Probleme als Folgen ungerechter gesellschaftlicher Verhältnisse" (S. 115) unter Bezugnahme auf Walter Hillstein und Marianne Meinhold (Sozialarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen), auf feministische Kritik sowie Stigmatheorie bzw. "labeling approach" thematisiert. Zum anderen werden die verschiedenen Bewegungen in den einzelnen Handlungsfeldern wie Kinderladenbewegung, Jugendzentrumsbewegung vorgestellt. Das Kapitel schließt mit "Theorieentwicklung der 80er Jahre" unter Hinweisen auf Hans Thiersch, Michael Winkler und Silvia Staub-Bernasconi.
  7. Das siebte Kapitel fragt nach Quo Vadis (Wohin gehst du?) Soziale Arbeit und diskutiert eine neue "soziale Frage" als Folgen der Globalisierung und Neoliberalisierung für die Soziale Arbeit mit einem Rückblick auf deren Anfänge.

Jedes der ersten sechs Kapitel schließt mit einem Fazit sowie einem Quellentipp und Vorschlag zur Diskussion.

Zielgruppe

Neben Studierenden der Sozialen Arbeit können auch die Lehrenden aus diesen zwei Bänden Nutzen ziehen. Durch den klaren einführenden Schreibstil und die kompakte Darstellung ist dieses Buch für die genannten Zielgruppen mit Gewinn zu lesen und auch als immer wieder zu konsultierendes Nachschlagewerk zu empfehlen.

Fazit

Carola Kuhlmann hat mit dem hier besprochenen Lesebuch und dem dazu gehörigen Textbuch als Band II (vgl. die Rezension) ein Grundlagenwerk vorgelegt, das mehr als nur eine kompakte Darstellung der Abfolge verschiedener Tatbestände ist. Vielmehr werden im Studienbuch immer wieder die gesellschaftlich-historischen Rahmenbedingungen skizziert, in denen sich und durch die sich die Ausgestaltung der Sozialen Arbeit vollzogen hat. Es ist für die genannten Zielgruppen ebenso mit Gewinn zu lesen wie auch für alle an der Entwicklung und Zukunft der Sozialen Arbeit Interessierten. Zudem bekommt man nicht selten Lust, die im Lesebuch - notwendigerweise oftmals nur skizzenhaft vorgestellten - Klassiker/innen im Textbuch im Original zu lesen.


Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 12.01.2008 zu: Carola Kuhlmann: Geschichte Sozialer Arbeit I. Eine Einführung für soziale Berufe. Studienbuch. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-89974-313-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5097.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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