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Wolfgang Schweiger: Theorien der Mediennutzung

Cover Wolfgang Schweiger: Theorien der Mediennutzung. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 397 Seiten. ISBN 978-3-531-14827-4. 24,90 EUR.

Reihe: Lehrbuch.
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Thema

Nachdem in der Kommunikations- und Medienwissenschaft bis in die 1970er Jahre das Paradigma der Wirkungsforschung dominant war, bei dem von einem Einfluss der Medien auf die Menschen ausgegangen wurde, hat seitdem die so genannte Nutzungsforschung stetig an Bedeutung gewonnen. Sie geht von den Mediennutzern aus und versucht aus dieser Perspektive die Wirkungen der Medien zu untersuchen. Sie negiert Wirkungen der Medien keineswegs, sie versucht sie lediglich nicht aus der Perspektive der Medien zu betrachten, sondern eben der Nutzer. Der Münchner Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger hat ein Lehrbuch vorgelegt, mit dem er eine Einführung in die „Theorien der Mediennutzung“ gibt.

Aufbau und Inhalt

In einem ersten Kapitel setzt sich der Autor mit den Grundlagen der Mediennutzungsforschung auseinander. Dabei geht er von einem „Zwiebelmodell“ der Mediennutzung aus. Im innersten Kern der Zwiebel findet sich die Mediennutzungsepisode, die aber in Wechselwirkung zu den beiden nächsten Schichten, den Mediennutzungsmustern sowie den Medienbewertungen und der Medienkompetenz, steht. Die vierte Schicht bildet das Individuum, das in der fünften Schicht von einem sozialen Umfeld umgeben ist, und das schließlich in die Gesellschaft – die sechste Schicht – eingebettet ist. Die letzten drei Schichten wirken auf die ersten drei ein, die im engeren Sinn als Mediennutzung gesehen werden können – aber die Mediennutzung wirkt auch wieder auf diese drei Schichten zurück. Nachdem dieser Zusammenhang geklärt ist, definiert Schwieger die Forschung zur Mediennutzung: „Die Mediennutzungsforschung umfasst alle Forschungsansätze, die Mediennutzungsepisoden, Mediennutzungsmuster oder Medienbewertungen/-kompetenzen von Individuen, sozialen Gruppen oder Medienpublika beschreiben oder anhand einschlägiger Faktoren erklären“ (S. 32). Wirkungen vollziehen sich denn auch nicht monokausal, sondern in der Regel multifaktoriell im Rahmen des Zwiebelmodells.

Die folgenden drei Kapitel beschäftigen sich mit den Theorien, die den funktionalen, den prozessualen und den strukturellen Perspektiven der Mediennutzung zugeordnet werden können. Im Zentrum der Darstellungen stehen daher Ansätze wie der Uses-and-Gratifications- Ansatz sowie Theorien, die Motive der Mediennutzung in den Blick nehmen (kognitive, affektive und soziale Motive) bei den funktionalen Perspektiven. Selektions- und rezeptionsorientierte Ansätze werden bei den prozessualen Perspektiven Unterschieden, wobei der Autor hier zunächst die psychologischen und kommunikationswissenschaftlichen Grundlagen darstellt. Im Kapitel zu den strukturellen Perspektiven handelt er das Publikum, die Mediennutzungsmuster, die Medienbewertungen und die Medienkompetenz, die individuellen Rezipienteneigenschaften, das soziale Umfeld der Mediennutzung, die gesellschaftlichen Bedingungen, Mediengattungen sowie kontextbezogene Ansätze zur Mediennutzung (Handlungstheorie und symbolischer Interaktionismus, Medienaneignung und Cultural Studies). Schließlich weist Schweiger in seinem Ausblick auf grundlegende Probleme der Theoriebildung hin. Besonders in der Kommunikations- und Medienwissenschaft scheint eine gewisse Dynamik vorzuherrschen, die sich der Dynamik der technologischen und ökonomischen Entwicklungen im Medienbereich anpasst: „Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Medienwelt, Gesellschaft und Mediennutzung mit einer derartigen Dynamik verändern, dass Wissenschaftler den neuen Entwicklungen bestenfalls hinterherlaufen, aber kaum mehr wirklich Schritt halten können“ (S. 348). Auswirkungen hat das jedoch lediglich auf sehr spezifische Theorien der Mediennutzung, die sich deskriptiv mit einzelnen Phänomenen befassen. Wer sich vor ein paar Jahren in diesem Sinn mit einem Phänomen wie „Second Life“ befasst hat, saß einem Hype auf und muss nun erkennen, dass diese virtuelle Welt nicht die Rolle spielt, die man ihr einmal bescheinigt hat. Abstraktere Theorien der Mediennutzung – und Schweiger nennt hier als Beispiel die Mood-Management-Theorie, nach der die Menschen versuchen mit Hilfe von geeigneten Medieninhalten ihre Stimmung zu regulieren – bleiben jedoch auch unabhängig von technologischer und ökonomischer Dynamik längerfristig gültig. Gerade in Zeiten des dynamischen Wandels sind solche abstrakten Theorien notwendiger denn je, denn sie sind „Denkwerkzeuge“, mit denen man die Phänomene der Mediennutzung verstehen und erklären kann.

Fazit

„Theorien der Mediennutzung“ von Wolfgang Schweiger ist eines der wenigen Bücher, die mit Fug und Recht als Lehrbuch bezeichnet werden können. Das liegt nicht nur an der sehr klaren Strukturierung und dem argumentativen Aufbau des Buches, sondern auch an der klaren Sprache des Autors. Es ist nicht nur Studierenden, sondern allen an der theoretischen Durchdringung von Mediennutzung und Mediennutzungsphänomenen Interessierten wärmstens ans Herz zu legen. Auf lange Sicht wird es sich noch als Grundlagenwerk erweisen, das die richtige Balance zwischen Abstraktion und Konkretheit gefunden hat.


Rezensent
Prof. Dr. Lothar Mikos
Professor für Fernsehwissenschaft
Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf", AV-Medienwissenschaft


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Zitiervorschlag
Lothar Mikos. Rezension vom 10.10.2009 zu: Wolfgang Schweiger: Theorien der Mediennutzung. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-14827-4. Reihe: Lehrbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5105.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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