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Ronald Grossarth-Maticek: Selbstregulation, Autonomie und Gesundheit

Cover Ronald Grossarth-Maticek: Selbstregulation, Autonomie und Gesundheit. Krankheitsfaktoren und soziale Gesundheitsressourcen im sozio-psycho-biologischen System. Walter de Gruyter (Berlin) 2003. 336 Seiten. ISBN 978-3-11-017495-3. 39,95 EUR, CH: 64,00 sFr.

Vorwort von Helm Stierlin u. Peter Schmidt.
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Das Thema

Vermehrte Vorbeugung von Erkrankungen, größere Eigenverantwortung und Selbstständigkeit des Bürgers für seine Gesundheit sowie intensivere interdisziplinäre und berufsgruppenüberschreitende Zusammenarbeit in der Gesundheits- und Krankheitsforschung und in der Gesundheitsversorgung werden u.a. zur Lösung der Krise unseres Gesundheitssystems vorgeschlagen. Dabei finden Konzepte der Salutogenese (Förderung von Gesundheit) und Selbstwirksamkeit und -regulation in allen Disziplinen der Sozialwissenschaften zunehmende Verbreitung. Der Autor legt sein drittes Buch vor, welches eine systemisch orientierte Theorie und Erforschung von Gesundheits- und Krankheitsfaktoren sowie ein Training zur Gesundheitsförderung enthält.

Der Autor

Ronald Grossarth-Maticek ist Doktor der medizinischen Wissenschaften. Er ist Professor für postgraduierte Studien des Institutes für Präventive Medizin, Politische-, Wirtschafts- und Gesundheitspsychologie in Heidelberg, einer Einrichtung des Europäischen Zentrums für Frieden und Entwicklung in Belgrad. Kaum ein anderer Forscher und Autor wird in den Sozialwissenschaften so unterschiedlich aufgenommen wie Grossarth-Maticek. Befürworter, wie Prof. Dr. phil. Peter Schmidt (Universität Gießen) und Prof. Dr. med. Dr. phil. Helm Stierlin (Universität Heidelberg), welche auch Vorworte zu seinem Buch geschrieben haben, würdigen ihn als originellen Forscher und kreativen Theoretiker. Seine Kritiker stammen vor allem aus dem Bereich, in dem Grossarth-Maticek seit Jahrzehnten seine Forschung durchführt - aus der akademischen Psychosomatischen Medizin. Sie werfen ihm eine unzureichende Methodik, ja sogar Datenfälschung vor.

Zielgruppe

Aufgrund des fächerübergreifenden Anspruches und Ansatzes des Autors lässt sich eine spezifische Zielgruppe nicht definieren. Das Buch umfasst Aspekte von Medizin, Psychologie, Soziologie, Politologie, Sport und Religion. Es wendet sich an alle Menschen, welche sich mit dem Thema der Krankheitsentstehung und Gesundheitserhaltung vertieft beschäftigen möchten.

Aufbau und Inhalte

Der Autor stellt die Ergebnisse seiner langjährigen Studien zur Wechselwirkung von biologischen, seelischen und sozialen Faktoren in der Entstehung von Krankheiten, seine daraus abgeleiteten Theorien und Interventionsformen vor. In den Kapiteln 1 (Einführung), 2 (Die systemisch-interaktive Medizin), 4 (Grossarthsche Verhaltenstypologie) und 5 (Individuelle und soziale Selbstregulation) sind die theoretischen Konzepte des Autors ausgeführt. In Kapitel 3 wird das Autonomietraining als eine Form der Psychotherapie und des Gesundheitstrainings dargestellt. Die emotional-kognitiven Steuerungsmechanismen des problem- und symptomerzeugenden Verhaltens eines Menschen werden analysiert und eine Neuorganisation - aufbauend auf seinen Ressourcen - in Richtung Wohlbefinden, Sicherheit und Sinnerfüllung angeregt. In den Kapitel 6-8 sind die Ergebnisse der langjährigen Forschungen des Autors dargestellt. In der von dem Autor geleiteten "Heidelberger prospektiven Interventionsstudie" wurden etwa 35.000 Bürger einbezogen, und zwar gesunde als auch bereits Erkrankte (z. B. an Krebs). Dabei wurden verschiedene Risikofaktoren (familiäre Belastungen für Erkrankungen, Rauchen, Alkohol, Selbstregulation und Stresssituationen) erfasst. Die Personen wurden über mehrere Jahre nachuntersucht. In kleineren Untergruppen wurden Wechselwirkungen von biologischen, seelischen und sozialen Faktoren wie Zigarettenrauchen, chronische Bronchitis, Familienvorgeschichte von Krebserkrankungen und Stress in der Entstehung des Lungenkrebses untersucht. In anderen Untergruppen wurden Interventionsstudien (z. B. der Langzeiteffekte des Nahrungsergänzungsmittels Cellagon Aurum und des Gesundheitstrainings) durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studien sind in den Kapitel 6 (Störungsformen der Selbstregulation und ihre gesundheitlichen Auswirkungen), 7 (Seelisch-körperliche Synergieeffekte bei chronischen Erkrankungen), 8 (Gesundheit und Krankheit im interdisziplinär-interaktiven Kontext) dargestellt. Demnach weisen bestimmte Persönlichkeits- bzw. Verhaltenstypen ein erhöhtes Risiko auf, eine Krebserkrankung oder einen Herzinfarkt zu entwickeln. Weit über 80% der Bevölkerung sollen in sich aus der Kindheit stammende Hemmungen der Selbstregulation, flexiblen Bedürfnisbefriedigung und Eigenentfaltung in sich tragen, welche in Wechselwirkung mit physischen Faktoren Krankheiten wie Krebs, Herzkreislauf- und neurologische (Demenz, Parkinsonsyndrom) Erkrankungen führen.

Die Spannweite des Buches (Theorie, Forschungsergebnisse, Darstellung einer Form der Psychotherapie und des Gesundheitstrainings) ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Es finden sich viele interessante Gedanken und Konzepte. Der Theoretiker, der Methodiker und der Psychotherapeut/Gesundheitspsychologe werden sich jedoch in den Kapiteln, welche ihre Arbeitsgebiete behandeln, eine fundiertere Darstellung wünschen. Vermisst habe ich in allen behandelnden Themen die Bereitschaft des Autors, sich mit anderen Theorien und Forschungsergebnissen auseinanderzusetzen. Andere theoretische Konzepte werden zwar zitiert, jedoch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Theorien des Autors nicht herausgearbeitet. Andere Langzeitprojekte, welche in verschiedenen Ländern der Erde teilweise über einen Zeitraum von 60 Jahren die Bedeutung seelischer und sozialer Faktoren auf die Entstehung körperlicher und seelischer Erkrankungen ebenfalls untersuchen, werden mit keinem Wort erwähnt. Eine methodisch nachvollziehbarere Darstellung der Forschungsmethodik und -ergebnisse wäre wünschenswert, da sich die Forschungsergebnisse des Autors von dem aktuellen Forschungsstand unterscheiden: Andere Forscher fanden keine Hinweise für eine "Krebs- oder Herzinfarktpersönlichkeit".

Fazit

Ein verstörendes Buch - es regt an und fordert zum Widerspruch heraus. Weniger Selbstbezogenheit, mehr kritische Selbstreflexion und vertiefte Auseinandersetzung mit anderen Forschungsergebnissen und Theorien könnten die Akzeptanz dieses Buches, des einmaligen Forschungswerkes des Autors und seine Integration in die akademischen Wissenschaften fördern.


Rezensent
Dr. med. Winfried Häuser
Facharzt für Innere und Psychotherapeutische Medizin – Spezielle Schmerztherapie
Krankenhausarzt in den Bereichen Innere Medizin, Psychosomatik und Schmerztherapie
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Zitiervorschlag
Winfried Häuser. Rezension vom 14.01.2003 zu: Ronald Grossarth-Maticek: Selbstregulation, Autonomie und Gesundheit. Krankheitsfaktoren und soziale Gesundheitsressourcen im sozio-psycho-biologischen System. Walter de Gruyter (Berlin) 2003. ISBN 978-3-11-017495-3. Vorwort von Helm Stierlin u. Peter Schmidt. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/511.php, Datum des Zugriffs 22.05.2019.


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