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William Irwin (Hrsg.): Die Simpsons und die Philosophie

Cover William Irwin (Hrsg.): Die Simpsons und die Philosophie. Schlauer werden mit der berühmtesten Fernsehfamilie der Welt. Tropen Verlag (Berlin) 2007. 255 Seiten. ISBN 978-3-932170-97-3. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 33,60 sFr.

Originaltitel: The Simpsons and philosophy. Aus dem Amerikan. von Nikolaus de Palézieux.
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Thema

“Cartoons haben keine tiefere Bedeutung. Es sind nur doofe Zeichnungen, die auf billige Lacher aus sind” - so Homer Simpson. Und es ist noch nicht lange her, da galten Comics und Cartoons als Schund, vor denen in jedem guten deutschen Lehrerhaushalt gewarnt wurde. Selbst Donald Duck fand zuweilen keine Gnade. Aber wer braucht eigentlich Goethe und Shakespeare?

Den kulturellen Ritterschlag erhielten die Simpsons im deutschen Sprachraum erst, als der Schriftsteller Daniel Kehlmann im “Spiegel” zu einer seitenlangen Hymne auf die Serie anhob, als er „den klassischen Witz der Aufkärung, den Geist der Erzählungen von Voltaire und Diderot“ im „souverän heiteren Pessismismus von Matt Groenings Serie“ wiedererkannte. Den Drehbuchautoren der Serie sei es gelungen, aus wohl über hundert wiederkehrenden Mitspielern "runde, psychologisch reiche Charaktere zu machen, die man, ohne zu zögern, so manchen Figuren der Weltliteratur an die Seite stellen kann".

Und für den Publizisten Diedrich Diederichsen, steckt in einer Folge der Serie „mehr Wissen über die Welt und den Zustand der Gesellschaft als an deutschen Staatstheatern in einer ganzen Saisonproduktion”. Das reicht als Eintrittsbillet fürs Feuilleton.

Vor einiger Zeit haben mehrere amerikanische Philosophen ihrerseits mit viel Tiefgang über "Die Simpsons und die Philosophie" nachgedacht, um nachzuweisen, wieviel Weisheit in den Simpsons wirklich steckt.

Aufbau

Der Band ist in drei Teile gegliedert.

Im ersten Teil, der die Hauptfiguren analysiert, geht es um

  • Homer und Aristoteles (Raja Halwani)
  • Lisa und den amerikanischen Antiintellektualismus (Aeon J. Skoble)
  • Warum Maggie wichtig ist - Klänge der Stille, aus Ost und West (Eris Bronson)
  • Marges moralische Motivation (Gerald J. Erion und Joseph A. Zecardi)
  • Also sprach Bart - Über Nietzsche und die Tugenden des Bösen

Im zweiten Teil geht es um Probleme der Ethik bei den Simpsons:

  • Die moralische Welt der Familie Simpson- Eine kantische Perspektive (James Lawler)
  • Heuchelei in Springfield (Jason Holt)
  • und absolut unvermeidlich natürlich ein Beitrag über Mr. Burns: Freude an der so genannten „Eisecreme“- Mr. Burns, Satan und das Glück (Daniel Barwick)

Schließlich ein dritter Teil: Die Simpsons aus der Sicht verschiedener Philosophen:

  • „Und der Rest schreibt sich von selbst“- Roland Barthes sieht Die Simpsons (David L.G. Arnold)
  • Was Bart denken nennt (Kelly Dean Jolley).
  • Und, auf keinen Fall zu versäumen, ein fulminanter Essay von James M. Wallace: „Ein Marxist in Springfield (Karl, nicht Groucho)“.

Wallace findet die Simpsons nicht ganz so lustig, wie man seinem Resümee entnehmen kann. „Trotz ihrer wundervollen Momente der Unstimmigkeit, der Irreleitung und der Opferung einzelner heiliger Kühe bietet (die Serie) keine kongruente Satire der herrschenden Ideologie oder eine Hoffnung auf eine gerechtere und anständigere Welt. … Am Ende bedient sie die Interessen jener Klasse, die die wirtschaftliche Macht über die Massen innehat ... verkauft. Der Mangel an einer Vision und die gleichmäßige Verteilung der Antagonismen machen sie gegen jegliche Kritik immun. …Die Witze mögen lustig sein, doch in den Simpsons, wo niemand erwachsen wird und das Leben sich nie verbessert, ist das Lachen kein Katalysator der Veränderung; es wird zum Opium für das Volk.” Wow!

Diskussion

Dieses Buch ist nichts für Misanthropen. Man liest es mit Amüsement und Staunen. Endlich eine Argumentationshilfe dafür, dass man Homer trotz allem - mit Aristoteles - bewundern kann, Bart zwar ein “Beispiel für gefährlichen nihilistischen Verfall” darstellt, doch sein schlechtes Benehmen mit Nietzsches, dem “bösen Buben der Philosphie” (88), und dessen Ablehnung der traditionellen Moral durchaus gerechtfertigt werden kann. Und Marge, die gute, tugendhaft und aufopferungsvoll über alle Maßen? Auch sie kommt nicht nur gut weg, läßt sie doch einfach “die Fähigkeit zur Kritik vermissen.” (29).

Zwar ersetzt die Lektüre weder das Simpsons-Gucken noch den Philosophiekurs, aber Homer mal durch die Aristoteles-Brille zu sehen, Nietzsches Tugenden des Bösen auf Bart anzuwenden oder das Simpsonsche Familienmodell aus kantscher Perspektive zu betrachten, ist beste Unterhaltung und Bildung.

Fazit

Für Simpson-Fans ist das Buch natürlich Pflicht, schließlich dient es neben dem Amüsement auch der intellektuellen Bewaffnung gegenüber einem ignoranten Umfeld. Und wer sich Gedanken darüber macht, wie man junge Menschen in Schule oder Hochschule in die Grundfragen der Philosophie einführt: Hier ist nun endlich der enstsprechende Text zur Serie.

Das Ganze ist nicht nur ein großer Spaß – und hier irrte Homer Simpson mal wieder: Cartoons können wohl doch eine tiefere Bedeutung haben.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Langnickel
Hochschule Lausitz
Standort Cottbus
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Zitiervorschlag
Hans Langnickel. Rezension vom 27.03.2009 zu: William Irwin (Hrsg.): Die Simpsons und die Philosophie. Schlauer werden mit der berühmtesten Fernsehfamilie der Welt. Tropen Verlag (Berlin) 2007. ISBN 978-3-932170-97-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5119.php, Datum des Zugriffs 15.04.2021.


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