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Herbert Schubert (Hrsg.): Netzwerkmanagement (Sozialraum)

Cover Herbert Schubert (Hrsg.): Netzwerkmanagement. Koordination von professionellen Vernetzungen im Sozialraum - Grundlagen und Praxisbeispiele. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 272 Seiten. ISBN 978-3-531-15444-2. 18,90 EUR.
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Aufbau und Inhalt

Der von Herbert Schubert herausgegebene Reader besteht aus zwei Teilen. In dem mit „Grundlagen“ überschriebenen ersten Abschnitt legt der Herausgeber ausführlich die theoretischen und praktischen Implikationen fortschreitender Vernetzung in einer globalisierten Weltwirtschaft einerseits und dem sozialwirtschaftlichen Sektor andererseits dar. Unter Bezug auf Manuel Castells Analyse der gegenwärtigen und zukünftigen „Netzwerkgesellschaft“ zeigt er auf, dass in der Wirtschaft die Vernetzung von Aktivitäten angesichts fortschreitender Globalisierung eine zwingende Voraussetzung ist, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ihre Effekte sind für alle Beteiligten von Vorteil: “Im Rahmen der Kooperation lässt sich das Erreichen der eigenen Ziele erfolgreicher umsetzen.

  • Die eigenen Innovationsprozesse lassen sich durch erfahrene Partner wirkungsvoll unterstützen.
  • Es gelingt ein effizienter (d.h. kostensparender) Zugang zu Kompetenzen und Ressourcen, die in der eigenen Organisation nicht vorhanden sind, für den Erfolg aber gebraucht werden.
  • Es findet ein Transfer bereichernder Ideen und Anregungen aus anderen Organisationen statt.
  • Es können Leistungen erbracht werden, zu denen kein Partner allein aus eigener Kraft imstande ist.“ (14)

Diese Potenziale werden – insbesondere in Feldern Sozialer Arbeit – nur unzureichend genutzt. Stattdessen führen „die Barrieren des Ressortdenkens und die fehlende Transparenz der zergliederten Abläufe…zu „operativen Inseln“, auf denen die professionellen Akteure der verschiedenen Ressorts relativ isoliert agieren.“ (21) Vor diesem Hintergrund skizziert der Herausgeber ausführlich und differenziert die theoretischen Grundlagen einer Netzwerkkooperation. Neben einer Beschreibung der systemtheoretischen und institutionsanalytischen Aspekte verweist er vor allem darauf, „dass es unterschiedliche Formen von Netzwerken und der Netzwerkorganisation gibt, die differenziert gehandhabt werden müssen.“ (37) Er unterscheidet hier nicht nur – wie bereits üblich – zwischen primären, sekundären und tertiären Netzwerken, sondern differenziert auch zwischen Netzwerken, die operativ auf Primärprozesse, d.h. Produktion oder Dienstleistung, ausgerichtet sind, und solchen, die strategisch auf Sekundärprozesse, z.B. Interessenvertretung, Lobbyarbeit, abzielen. Auch die Frage, ob die Netzwerke zentral oder dezentral strukturiert sind hat Konsequenzen für die Steuerungsoptionen. Hier unterscheidet er drei Steuerungsmodi:

  1. „den Markmechanismus,
  2. die hierarchische Koordination und
  3. der Modus der Selbstorganisation,“ (43)

und diskutiert deren Funktionalität für Erhaltung und Weiterentwicklung eines Netzwerkes.

Im Hinblick auf die praktische Implementierung und das Management von Vernetzungsprozessen skizziert der Herausgeber einen idealtypischen Verlauf als Handlungsrahmen:

  • Initiierung einer Kooperation als Ausgangspunkt
  • Identifikation potenzieller Kooperationspartner und Bewertung der Beziehungsoptionen
  • Kooperationsverhandlungen zwischen potenziellen Partnern
  • Kooperationsentscheidung und Kooperationsvertrag
  • Implementierung und Realisierung der Netzwerkkooperation
  • Weiterentwicklung oder Auflösung der Netzwerkkooperation.

Bezogen auf diese Handlungsschritte stellt der Verfasser dann ein umfangreiches und detailliert beschriebenes Instrumentarium zur praktischen Umsetzung vor.

Der zweite Abschnitt des Bandes enthält neun Beiträge zur Praxis des Netzwerkmanagements sowohl in der Wirtschaft ( 2 Beiträge), wie auch in der Sozialen Arbeit (7 Beiträge).

  1. Im Beitrag von Mira Kleinbauer „Kooperationsmodell im Maschinen- und Anlagebau“ werden die Kooperationsformen Joint Venture, Unternehmensnetzwerk, Virtuelles Unternehmen und die Strategische Allianz beschrieben und im Hinblick auf ihre praktische Relevanz in diesem Industriezweig erörtert.
  2. René Böhmer, Markus Ziegler und Sascha Till untersuchen unter dem Titel „Netzwerkmanagement in der Transportlogistik“, auf welche Weise mit netzwerkorientierten Strategien die prozessualen Verläufe in der Transportkette optimiert werden können und stellen ein mittlerweile erfolgreich implementiertes Modell vor.
  3. Die Vernetzung von Arztpraxen und anderen Institutionen in der Gesundheitsversorgung stellt Günter Schicker in seinem Beitrag „Praxisnetze im Gesundheitswesen“ vor.
  4. Das „Netzwerk der Offenen Ganztagsschule in Herford“ dient Tassilo Knauf dazu, zwei Vernetzungsaspekte im Schulwesen zu konkretisieren: die Vernetzung der Schulen untereinander mit dem Ziel der Qualitätssicherung und die Kooperation von Schule mit außerschulischen Partnern, um das Angebotsspektrum der Schule zu erweitern und Bildungs- und Betreuungsprozesse besser aufeinander abstimmen zu können.
  5. Ebenfalls im Bildungsbereich angesiedelt ist der Beitrag von Holger Spieckermann über „Netzwerkmanagement in einer „Lernenden Region“. „Im Mittelpunkt stehen die Koordinierung einer Vielzahl von Akteuren und Gremien im kommunalen Bildungsbereich sowie die Etablierung eines Internetpotals als Vernetzungsknotenpunkt aller Bildungsakteure“ (98)
  6. Den „Netzwerkaufbau für die Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren“ beschreiben Bernt-Michael Breuksch und Katja Engelberg. Gegenstand ihrer Ausführung ist die Etablierung eines komplexen landesweiten Netzwerkes in Nordrhein-Westfalen und dessen Konsequenzen für die herkömmlichen Entscheidungsstrukturen hierarchisch organisierter Institutionen.
  7. In einem ähnlichen Arbeitsfeld bewegen sich Ursula Müller-Brackmann und Bernd Selbach in ihrem Aufsatz „Das Netzwerk Frühe Förderung (NeFF)“, in dem sie sich vor allem auf die besonderen Bedingungen und Handlungsstrategien in der Startphase eines auf Vernetzung angelegten Modellprojektes konzentrieren. Dabei wird die Bedeutung einer zentralen Koordinierung des Netzwerkprozesses betont, die in diesem Falle bei der kommunalen Jugendhilfeplanung angesiedelt ist.
  8. Auch „Das Mo.Ki Netzwerk“ (Monheim für Kinder und Familien), das Vanessa Schlevogt skizziert, verfügt über eine solche Position, die ebenfalls in der Kommunalverwaltung angesiedelt ist.
  9. Demgegenüber liegt die Regie für die Netzwerkentwicklung in dem von Alexandra Birkle und Andreas Hildebrand begleiteten und beschriebenen Projekt „Sozialraumkoordination in Köln Höhenberg/Vingst" in den Händen freier Träger. Das hier vorgestellte Netzwerk zur Sozialraumkoordination knüpft an vorhandene Netzwerkstrukturen an und stellt verschiedene Foren für die sozialraumbezogene Kooperation professioneller Akteure und Institutionen ebenso zur Verfügung wie für eine konkrete Beteiligung der Bewohner an der Gestaltung ihres Wohnumfeldes. Insofern „…ist es nicht das primäre Ziel…ein sozialräumliches Netzwerk aufzubauen. Vielmehr haben die Sozialraumkoordinatoren die Aufgabe, die vorhandenen Ressourcen und Strukturen zu stärken und weiter zu entwickeln.“ (246)

Fazit

Die besondere Qualität des vorliegenden Bandes liegt in seinem Fokus auf der Initiierung, Entwicklung und Koordination institutioneller Netzwerke. Die im ersten Teil des Buches hierzu vorgestellten Methoden und Instrumente können dazu beitragen, diesen Prozess erfolgreich zu gestalten. Dazu tragen auch die im zweiten Teil präsentierten Praxiserfahrungen aus verschiedenen Arbeitsfeldern in Wirtschaft und Sozialer Arbeit bei. Allerdings muss einschränkend darauf verwiesen werden, dass es sich bei den vorgestellten Vernetzungsprojekten durchweg um umfangreiche und komplexe Netzwerke handelt, die in der Mehrzahl im Rahmen von Modellprojekten implementiert wurden und deshalb auf in der Regel auf Netzwerkkoordinatorinnen oder – koordinatoren zurückgreifen konnten. Dieser spezifische Aspekte der Projektauswahl könnte den Eindruck suggerieren, eine Vernetzung ohne solche komfortablen Personalressourcen sei von vornherein wenig aussichtsreich (was in einigen Beiträgen auch anklingt). Damit gerät der „Normalfall“ institutioneller Vernetzung verschiedener Einrichtungen und Dienste im überschaubaren Rahmen eines Sozialraums oder Stadtteils aus dem Blick, diese sind deutlich weniger komplex und müssen in der Mehrzahl ohne zusätzliche Mittel und Personalressourcen auskommen. Die Akteure solcher („kleinen“) Vernetzungsprojekte werden auf der Suche nach hilfreichen und geeigneten Methoden und Instrumenten des Netzwerkmanagements in diesem Band sicher auch fündig, werden u.U. aber darauf angewiesen sein, diese zu modifizieren. So wird die Hauptzielgruppe dieses Bandes dann wohl doch eher bei den Quartierentwicklern, Projektkoordinatoren, Mediatoren und in den Regiestellen größerer Modellprojekte oder Unternehmen zu suchen sein. Sie werden den meisten Nutzen daraus ziehen, auch wenn die Lektüre durch das fortgesetzte Bemühen des Autors, auch einfache Sachverhalte in „Management-Neusprech“ zu übersetzen, gelegentlich etwas anstrengend ist.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 16.02.2009 zu: Herbert Schubert (Hrsg.): Netzwerkmanagement. Koordination von professionellen Vernetzungen im Sozialraum - Grundlagen und Praxisbeispiele. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15444-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5122.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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