Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Hermann Brandenburg, Stephan Dorschner (Hrsg.): Pflegewissenschaft 2

Rezensiert von Bernd Reuschenbach, 19.05.2008

Cover Hermann Brandenburg, Stephan Dorschner (Hrsg.): Pflegewissenschaft 2 ISBN 978-3-456-84049-9

Hermann Brandenburg, Stephan Dorschner (Hrsg.): Pflegewissenschaft 2. Lehr- und Arbeitsbuch zur Einführung in die Methoden der Pflegeforschung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 336 Seiten. ISBN 978-3-456-84049-9. D: 35,95 EUR, A: 64,00 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-85160-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Mit der wachsenden Anzahl pflegewissenschaftlicher Studiengänge wächst der Bedarf an entsprechenden Lehrbüchern. Die Vermittlung von Forschungsmethoden und statistischem Wissen stellt dabei eine besondere Herausforderung dar, da diese Aspekte oft vorurteilsbehaftet sind und als schwierig zu vermitteln gelten. In den letzten Jahren sind daher gerade in der Pflegewissenschaft viele Lehrbücher erschienen, oft als Übersetzung von angloamerikanischen Standardwerken, denen eine besondere didaktische Eignung nachgesagt wird.

Mit dem zweibändigen Herausgeberband " Pflegewissenschaft" treten nun auch Hermann Brandenburg, Stefan Dorschner, Eva-Maria Panfil und Herbert Mayer an, um mit einem didaktisch gestalteten Lehr- und Arbeitsbuch den Erwerb von Forschungskompetenz in der Pflegewissenschaft voranzubringen. Um es an dieser Stelle schon vorwegzunehmen: Das Buch braucht den Vergleich mit den schon vorhandenen Lehrbüchern nicht zu scheuen – ganz im Gegenteil.

Im Mittelpunkt dieser Rezension steht der zweite Band, der als Lehr- und Arbeitsbuch die forschungsmethodischen Aspekte darstellt, die bei der Realisierung pflegewissenschaftlicher Projekte benötigt werden.

Zielgruppe

Der Einband und die Einleitung des Buches beschreiben die Zielgruppe des Buches: Es richtet sind an "Pflegestudenten, forschungsinteressierte Pflegepraktiker und Lehrende". Ziel des Buches ist es, zu einer kritischen Analyse von Studien und der kritischen Rezeption und Anwendung von Methoden beizutragen. Wie die Einleitung (S. 11) deutlich macht, sollen die Inhalte nicht zum selbstständigen Forschen anleiten, sondern dazu beitragen, den Forschungsprozess zu verstehen und vorhandene Literatur kritisch zu lesen.

Aufbau

Das 366 Seiten umfassende Buch ist in vier Teile gegliedert.

Der erste Teil von Herman Brandenburg stellt in prägnanter Form die gängigen wissenschaftsheoretischen Grundpositionen dar und bildet damit die Brücke zwischen den Inhalten des ersten und zweiten Bandes. Hier wird auf ontologische Positionen und den Zusammenhang zwischen wissenschaftstheoretischen Positionen und Forschungsdesigns eingegangen. Anstelle der häufig anzutreffenden Dichotomie zwischen quantitativen und qualitativen Methoden, wird in dem Buch - in Anlehnung an die Einteilung von Lincoln und Guba (1985) - eine Einteilung in naturalistische vs. quantitative Designs vorgenommen.

Der zweite und umfänglichste Teil des Buches stellt die einzelnen Schritte des Forschungsprozesses detailliert dar. Zunächst erläutert Eva-Maria Panfil aus welchen Beweggründen Forschung in und für die Pflege überhaupt betrieben wird und gibt einen Überblick über die einzelnen Schritte des Forschungsprozesses, die in den nachfolgenden Kapiteln genauer erläutert werden.

Kapitel drei thematisiert die verschiedenen Möglichkeiten der Literaturrecherche, stellt die verfügbaren kostenpflichtigen und kostenlosen Datenbanken vor und zeigt Wege, wie die Suche nach geeigneter Literatur erleichtert werden kann.

Im nachfolgenden Kapitel von Heleen Prakke und Anneke de Jong werden verschiedene naturalistische Designs vorgestellt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf kodifizierten Verfahren, wie der Grounded Theory, der Ethnographie oder der interpretierenden Phänomenologie. Die dazu passenden Auswertungsmöglichkeiten werden im Kapitel 9 erläutert.

Unter der Überschrift "Quantitative Forschungsdesigns" erläutert das Kapitel 5 wichtige Begriffe wie Skalenniveau, Variable oder Hypothese. Es werden verschiedene Formen von Studiendesigns beschrieben (z.B. Interventionsstudien, Beobachtungsstudien) und die Unterschiede zwischen querschnittlichen und längsschnittlichen Forschungsdesigns erläutert. Wie in den vorherigen Kapiteln bleiben die Autoren des Kapitels nicht bei der bloßen Aneinanderreihung von Forschungsmöglichkeiten stehen, sondern stellen Vor- und Nachteile dar (z.B. kausale Aussagefähigkeit, Erkenntnisgewinn). Dem Forschungsprozess folgend werden anschließend verschiedene Erhebungsmethoden vorgestellt. Die Bandbreite reicht dabei von physiologischen Messungen, verschiedenen Beobachtungsvarianten, bis hin zu Interviews und strukturierten Skalen.

Den Gütekriterien von Skalen und anderen Assessmentinstrumenten ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem die klassischen testtheoretischen Kriterien, wie Reliabilität, Validität und Praktikabilität den Schwerpunkt bilden. Einen kleinen Überblick über gängige statistische Analysen liefert das Kapitel 10. Möglichkeiten der deskriptiven Statistik und gängige inferenzstatistische Verfahren werden am Ende übersichtlich in Form einer Tabelle in Abhängigkeit des Skalenniveaus dargestellt.

Martin W. Schnell stellt in einem eigenen Kapitel forschungsethische Aspekte der Pflegeforschung dar. Nach einer Erläuterung des Ethikbegriffs erfolgt die Ableitung grundlegender forschungsethischer Prinzipien.

Im dritten Teildes Buches (ab dem 12. Kapitel) steht die Analyse von Forschungsmethoden im Mittelpunkt. Zunächst wird der Begründungsrahmen für eine kritische Auseinandersetzung der bereits publizierten Arbeiten abgesteckt, dann werden tabellarisch (Seite 184 ff.) die Bewertungskriterien für verschiedene Studientypen aufgelistet. Hier, wie auch in den nachfolgenden Kapiteln, wird dabei eine Aufgabenteilung in Detektiv (Suche nach relevanten Informationen), Buchhalter (Festhalten der Bewertungskriterien "Punkt für Punkt") und Kritiker (Bewertung der Qualität der einzelnen Aspekte und zusammenfassende Würdigung) vorgenommen.

Das Buch bleibt nicht bei der  Auflistung der Bewertungskriterien stehen, sondern stellt in den folgenden zwei Kapiteln sehr umfassend verschiedene Studien vor, die mit dem vorher beschriebenen Bewertungssystem analysiert werden. Dies sind sowohl  qualitative Studien (Kapitel 13), als auch quantitative Studien (Kapitel 14), Die dazu verwendete Literatur befindet sich komplett abgedruckt im Anhang.

Im letzten und viertenTeil des Buches (Kapitel 15) thematisiert Hermann Brandenburg das Verhältnis von Theorie und Praxis, Methoden einer evidenzbasierten Wissensübertragung in die Pflegepraxis und den Einsatz forschungsbasierter Protokolle zur Förderung des Theorie-Praxis-Transfers.

Es schließt sich ein Anhang an, der neben den analysierten Forschungsarbeiten (alle aus der Zeitschrift "Pflege"), eine Auflistung bedeutsamer internationaler Pflegezeitschriften, die Lösungen der Übungsaufgaben aus den vorherigen Kapiteln, wichtige Internetadressen, die Vita der Autorinnen und Autoren, sowie ein kleines Glossar enthält.

Diskussion - Inhalt

Die inhaltliche Gestaltung des Buches, die Auswahl der Themen und die Art der Darstellung erscheinen vor dem Hintergrund der Zielgruppe als gut gewählt und gelungen. Es liegt in der Natur eines kurz gehaltenen Lehrbuchs mit der Zielgruppe Pflegenovizen, dass kein Platz für ermüdende methodische oder wissenschaftstheoretische Debatten ist. Klare Statements sind daher gegenüber der Darstellung unterschiedlicher Positionen zu favorisieren. Dadurch ergeben sich jedoch an einigen Stellen einige Unschärfen, die vor dem Hintergrund des didaktischen Anspruchs akzeptabel sind. Exemplarisch seien drei Aspekte genannt:

Im Kapitel "Forschung und Forschungsprozess" wird unter dem Stichwort "Ordnung" auf die Theoriebildung durch pflegewissenschaftliche Methoden eingegangen (S. 30). Dabei kommt es leider zu einer Vermischung der Begriffe konzeptuelles Schema, Modell und Theorie.

Ein zweites Defizit betrifft die Darstellung der ursprünglich als qualitativ bezeichneten Methoden. Unter dem Stichwort "naturalistische Designs" wird neben den kodifizierten Verfahren, d.h. Verfahren, die klare und methodologisch begründete Regelungen für die Datenerhebung und die Datenauswertung enthalten, auch die Inhaltsanalyse sensu Mayring als Design aufgeführt, obwohl es sich hier nicht um ein Design, sondern um eine Auswertungsmethode handelt. Die Absicht, eine klare Trennung in Design, Erhebungsmethoden, Gütekriterien und Auswertung vorzunehmen, erscheint für die quantitative Methode gelungen, für die qualitativen Aspekte ist dies weniger gut gelungen.

Ein dritter Kritikpunkt betrifft die Darstellung der Gütekriterien von Erhebungsinstrumenten. Hier bleiben die Autoren bei den klassischen testtheoretischen Gütekriterien stehen, übertragen also ein Konzept der Nachbardisziplin auf die Pflegewissenschaft, obwohl hier die ökonometrischen Kennwerte und der Mehrwert gegenüber dem klinischen Urteil (inkrementelle Validität) einer besonderen Beachtung bedürfen.

Dass die Herausgeber und die Herausgeberin und auch die Autoren/Autorinnen aus unterschiedlichen Wissenschaftsrichtungen, bzw. unterschiedlichen pflegewissenschaftlichen Schulen kommen, ist für die Gestaltung des Buches sicherlich von Vorteil. Eine derartige kompetenzorientierte Aufteilung der einzelnen Kapitel wirkt glaubwürdiger, als ein Lehrbuch, das von einer Person allein geschrieben wurde und doch alle Facetten darstellt.

Diskussion - Didaktische Gestaltung

Der Anspruch mit dem vorliegenden Buch nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Forschungsprozess anzuregen wird durch verschiedene didaktische Mittel umgesetzt: Eingeleitet werden die Kapitel durch  eine kompakte Zusammenfassung, Lernzielvorgaben und Schlüsselwörter. Der laufende Text ist durch vielfältige Beispiele unterbrochen, die es ermöglichen, das vorher Gelesene noch mal nachzuvollziehen.  Hilfreich sind sicherlich die Studienaufgaben und die Übungsaufgaben, die im Anhang aufgelöst werden. Außerdem finden sich im Text Literaturempfehlungen, bevorzugt zu Studien der Autoren oder deren wissenschaftlichem Umfeld. Auf weiterführende Literatur  wird auch am Ende jedes Kapitels hingewiesen. Literaturhinweise werden nicht nur aufgelistet, sondern auch kommentiert: Welchen Mehrwert hat das Lesen der Literatur? Für welche Aspekte bietet sich welches Buch an?

Die insgesamt fünfzehn Kapitel sind mit jeweils knapp fünfzehn Seiten übersichtlich. Dies erleichtert den Lesefluss. Die Kapitel sind verständlich geschrieben und auf einem Niveau, das im Hinblick auf die Zielgruppe geeignet erscheint. Eine Ausnahme stellt leider das Kapitel zur Forschungsethik dar, das stellenweise elaboriert geschrieben ist (z.B. Seite 167: "die differente Codierung von Wissenschaft und Ethik (ist) nicht so eindeutig, wie die Systemtheorie glaubt" oder Seite 168: "Die Stigmatisierung (…) kann vermieden und durchbrochen werden, indem das Individuum in den Mittelpunkt rückt, und zwar vor dem Hintergrund der Typik").

Die Vorgabe von Lernzielen und Auflistung von weiterführenden Literaturhinweisen zählen heute zum Standard von Lehrbüchern. Darüber hinaus ist es den Autoren des Buches sehr gut gelungen, zu einer intensiven Umsetzung des Stoffes durch vielfältige Zugänge (Fallbeispiele, Übungsaufgaben etc.) anzuregen. Positiv hebt sich das Buch aber auch durch die umfassende Auseinandersetzung mit bereits publizierten Studien ab. Der Abdruck der Studien erleichtert es, sich zunächst einmal selbst ein Bild zu machen, dann den Bewertungskatalog heranzuziehen und sich schließlich den kritischen Bewertungen der Autorinnen und Autoren zuzuwenden. Dieses dreistufige Vorgehen verspricht einen hohen Lernerfolg. Gerade für den Aspekt der kritischen Lektüre von Forschungsarbeiten ist dieser Herausgeberband eine gute Wahl für Studienanfänger und interessierte Pflegepraktiker.

Fazit

Sieht man von den oben beschriebenen kleineren inhaltlichen Fehlern, die bei einer komprimierten Darstellung, die sich an Forschungsnovizen richtet, unvermeidlich sind, einmal ab, erscheinen die Inhalte systematisch und inhaltlich schlüssig dargestellt. Die Darstellungen geben den aktuellen Kenntnisstand in der  Pflegewissenschaft wieder. Der besondere Vorteil des Buches - gerade auch im Gegensatz zu den vielen anderen Büchern, die zum gleichen Thema erschienen sind- liegt in der sehr guten didaktischen Gestaltung.  Im Hinblick auf die kritische Analyse von Forschungsarbeiten ist das Buch derzeitig alternativlos. Nirgends sonst findet man eine so gut aufbereitete Anleitung, um sich mit wissenschaftlichen Arbeiten auseinanderzusetzen. Die mehrfachen Verweise auf die genutzten Artikel und deren Abdruck im Anhang laden dazu ein, das in den vorherigen Abschnitten erworbene Wissen auch umzusetzen. Als Einstieg in die Pflegeforschung kann das Lehrbuch daher wärmstens empfohlen werden. Wer selbst forschend tätig werden will, ist auf weitere Lehrbücher und Standardwerke angewiesen. Auch für die Auswahl dieser Bücher leistet der Herausgeberband mit seinem kommentierten Literaturverzeichnis und verschiedenen Lesetipps einen guten Dienst. Alles in allem wird das Buch sicherlich zum Standardwerk in der Pflegewissenschaft werden, das sich auch bei Forschungsnovizinnen großer Beliebtheit erfreut. Als Pflichtlektüre für den Einstieg in pflegewissenschaftliche  Forschungsmethoden kann es ausdrücklich empfohlen werden.

Rezension von
Bernd Reuschenbach
Mailformular

Es gibt 2 Rezensionen von Bernd Reuschenbach.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Rezension 4961


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245