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Rachel Black, Louise Scull: Wenn Frauen keine Kinder haben. Gefühle, Erfahrungen, Perspektiven

Rezensiert von Dr. phil. Petra Thorn, 25.11.2007

Cover Rachel Black, Louise Scull: Wenn Frauen keine Kinder haben. Gefühle, Erfahrungen, Perspektiven ISBN 978-3-451-29264-4

Rachel Black, Louise Scull: Wenn Frauen keine Kinder haben. Gefühle, Erfahrungen, Perspektiven. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2007. 255 Seiten. ISBN 978-3-451-29264-4. 16,90 EUR.
Originaltitel: Beyond childlessness.

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Autorinnen

Rachel Black ist Juristin. Sie hätte gerne eigene Kinder mit ihrem Mann gehabt, doch dieser wollte keine Kinder. Sie hat ihm zu liebe darauf verzichtet. Louise Scull arbeitet an der Oxford Universität. Sie ist inzwischen 46 Jahre alt und für wollte ihren Kinderwunsch nur in einer festen Beziehung realisieren. Dies ergab sich jedoch nicht, solange sie noch Kinder zeugen konnte.

Thema

Die englischen Autorinnen haben zahlreiche Frauen interviewt, die gewollt oder ungewollt kinderlos geblieben und deren sowie ihre eigenen Erfahrungen niedergeschrieben. Die Zusammenfassung von Erfahrungsberichten richtet sich vor allem an Frauen, deren Kinderwunsch aus unterschiedlichen Gründen nicht in Erfüllung gegangen ist. Die Autorinnen beschreiben auf verständliche und einfühlsame Art die unterschiedlichen Hintergründe der Kinderlosigkeit, das mehr oder weniger große Leid und den Umgang, den die Interviewpartnerinnen mit der Kinderlosigkeit gefunden haben. Das Buch ist nicht als Ratgeber tituliert, dennoch enthält es viele Hinweise, wie man ein Leben auch ohne Kind zufrieden stellend gestalten kann.

Inhalt

  • Das erste Kapitel beginnt mit dem "Traum von eigenen Kind". Der Wunsch nach einer Familie, danach, Schwangerschaft und Geburt zu erleben und Mutter zu werden, werden als zentrale und normative Bedürfnisse formuliert.
  • Im Kapitel "Der Kinderwunsch und die Realität" werden unterschiedliche Gründe für die Kinderlosigkeit beschrieben. Unfruchtbarkeit, Erkrankungen, und vor allem mangelnder Kinderwunsch des Partners haben bei den interviewten Frauen dazu geführt, dass sie ihren Kinderwunsch nicht umsetzen konnten. Einige Frauen hatten ihren Kinderwunsch aufgeschoben, da sie ihre Lebensumstände als ungünstig einschätzten. Diese Frauen mussten die Erfahrung machen, dass ihre biologische Möglichkeit, Mutter zu werden, immer geringer wurde. Einige versuchten, ihren Kinderwunsch mit medizinischer Unterstützung zu realisieren, doch aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters blieben auch diese Versuche erfolglos. Viele dieser Frauen beschrieben ihr Leben in dieser Phase als ein Leben im Stillstand, denn sie fühlten sich durch den Kinderwunsch in vielen anderen Belangen wie gelähmt und manche benötigten Jahre, um diese Krise zu überwinden.
  • In Kapitel 3 werden die Erfahrungen während der Kinderwunschbehandlungen geschildert. Die Autorinnen beschreiben nicht nur anhand vieler Beispiele das emotionale Auf und Ab, welches die Frauen während der medizinischen Behandlungen erleben, sondern informieren realistisch über die Erfolgsraten. Wie in anderen Kapiteln kommen hier auch Fachkräfte zu Wort, die aufzeigen, welche Fragestellungen Frauen helfen können, um die medizinische Behandlung emotional gut zu überstehen. Deutlich wird in diesem Kapitel, mit welcher Scham die Behandlung verbunden ist; nur wenige Frauen sprachen offen darüber, dass sie versuchen, ihren Kinderwunsch mit medizinischer Unterstützung umzusetzen.
  • Für viele Frauen ist ungewollte Kinderlosigkeit mit einer Selbstwertkrise verbunden, denn Mutterschaft ist sehr eng mit Frausein verknüpft. Kapitel 4 geht auf diese Gefühle von Versagen, Ohnmacht und Selbstvorwürfe ein. Unfruchtbarkeit wird von vielen mit der Vorstellung verbunden, keine richtige Frau zu sein und innerlich brach zu liegen. Eine Interviewpartnerin drückte dies mit folgender Schilderung sehr bewegend aus: "Ich werde das Gefühl nicht los, dass Frauen zur Fortpflanzung geboren wurden. Ich fühle mich manchmal wie die Frucht an einem Baum, die vertrocknet ist, bevor sie reifen und ihr volles Potenzial erreichen konnte".
  • Das nächste Kapitel geht auf die Bedeutung der Partnerschaft für den Kinderwunsch ein. Wenn ein Partner Diagnoseträger ist, bleibt die Auseinandersetzung (offen oder verdeckt) über Schuldzuweisungen nicht aus. Wenn der männliche Partner Diagnoseträger ist, kommt darüber hinaus die Schonung des Partners zum Tragen: männliche Infertilität ist mit einem noch größeren Stigma behaftet als weibliche Infertilität. Daher sprechen viele Männer nicht über ihre Unfruchtbarkeit und nicht selten schützen Frauen ihre Partner vor möglichen negativen Reaktionen, indem sie mehr oder minder deutlich sich selbst als unfruchtbar darstellen. Viele der befragten Frauen klagten, dass sie mit ihren Partner kaum über die Kinderlosigkeit sprechen konnten. Aus Sicht der Frauen hatten die Männer eine sehr rationale, pragmatische Haltung; sie wollten vor allem eine Lösung. Die Bedürfnisse der Frauen nach Austausch und emotionaler Zuwendung konnten deren Partner nur begrenzt befriedigen. Für sie waren vor allem zwei Faktoren für die Fortsetzung der Beziehung wichtig: das Paar muss darüber übereinstimmen, dass die Beziehung Priorität vor dem Kinderwunsch hat und sie müssen sich sowohl über ihre Gefühlswelt als auch über praktische Fragen miteinander ins Gespräch kommen können. Wie sehr die Sexualität durch die Auseinandersetzung mit dem Kinderwunsch in Mitleidenschaft gezogen werden kann, schildert nicht nur eine Autorin anhand des eigenen Beispiels, sondern wird auch von den interviewten Frauen beschrieben. Hierzu haben die Autorinnen mehrere Fachkräfte befragt, die Wege aus der Lustlosigkeit aufzeigen.
  • Der Druck einer pronatalistischen Gesellschaft wird in Kapitel 6 dargestellt. Viele kinderlose Frauen vermuten, den Erwartungen ihres sozialen Umfelds nicht zu genügen. Hierzu gehören nicht nur die eigenen Eltern, sondern auch Normvorstellungen, die in den Medien oder durch religiöse oder moralische Werte transportiert werden. In diesem Kontext berichten die Interviewpartnerinnen auch, wie schmerzhaft ein Zusammentreffen mit schwangeren Frauen ist, vor allem, wenn die Schwangerschaft ungeplant war. Wie quälend betroffene Frauen oft auch Banalitäten empfinden, wird anhand mehrerer Beispiele belegt. Autoaufkleber wie "Baby an Bord", unachtsame Fragen wie "Warum haben Sie denn nur ein Kind? ... Ich muss Ihrem Mann wohl erklären, wie man's macht" oder das schlichte Gefühl, dass man nicht mehr dazu gehört, weil viele Freundinnen Kinder bekommen haben, erinnern betroffene Frauen immer wieder an die empfundene Unzulänglichkeit.
  • Das nächste Kapitel ist der Angst vor dem Alter gewidmet. Hier wird deutlich, dass diese Angst sowohl das Konkrete umspannt (Angst vor Altersarmut und Gebrechlichkeit), als auch die Angst vor der Einsamkeit und mangelndem emotionalen Austausch.
  • Bewältigungsmöglichkeiten für die Trauer werden anschließend beschrieben. Von der Chronologie her wäre dies allerdings passender als Kapitel 7, also vor der Auseinandersetzung mit dem Alter, gewesen. Hier beschreiben die Autorinnen anhand mehrerer Beispiele, dass die Trauer um den Kinderwunsch nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen ist, sondern dass lange Zeit nach dem Bemühen, ein Kind zu bekommen, scheinbar Unbedeutendes Trauergefühle reaktivieren kann. Rachel Black beschreibt für sich selbst, dass "das Ziel nicht sein konnte, über meine Kinderlosigkeit 'hinwegzukommen', ... [sondern] es ging darum, mit ihr leben zu lernen, mein Schicksal zu akzeptieren und über das Leben jenseits des Nicht-Mutter-Seins nachzudenken". Es werden Trauerrituale, auch aus anderen Kulturen, dargestellt und Betroffene beschreiben auch, dass es hilfreich war, eine professionelle Beratung aufzusuchen oder sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen zu haben. Andere Formen von Elternschaft wie Adoption oder Pflegschaften oder auch die Elternschaft mit Hilfe einer Leihmutter (was in England erlaubt und möglich ist), werden im vorletzten Kapitel beschrieben. Die Autorinnen betonen die Wichtigkeit, alle Alternativen zu bedenken, um sich später keine Vorwürfe machen zu müssen. Deutlich wird jedoch in diesem Kapitel das Problem, dass Alternativen nicht immer von beiden Partnern akzeptiert werden und dies zu einer großen Herausforderung für die Beziehung werden kann. Andere Beispiele, die Mütterlichkeit zu leben, beschreiben Frauen, die in versorgenden Berufen arbeiten, ehrenamtliche Tätigkeiten aufgenommen haben oder ihr Interesse an Haustiere, Gartenarbeit und Pflanzen entdeckt haben.
  • Das Buch endet mit der Vorstellung alternativer Lebenskonzepte. Einige Frauen beschreiben ihre inneren Prozesse, die zu großen Veränderungen in ihrem Leben geführt haben. Sie berichten über radikale Änderungen im Leben, über die Ängste, die damit verbunden waren und die Erfahrungen, die sie mit sich selbst und ihrem Umfeld machten. Dieses Kapitel habe ich mit großem Interesse gelesen, da es Mut macht, jenseits von gefestigten Strukturen zu denken und sich auf unbekanntes Terrain einzulassen.

Zielgruppen

Das Buch ist für Frauen geschrieben, die sich mit Kinderlosigkeit auseinander setzen. Sie können lesen, wie andere Frauen durch dieses Thema berührt wurden und welche Perspektiven sie entwickelt haben. Psychosoziale Fachkräfte können die vielschichtigen Ebenen von Kinderlosigkeit erfahren und sich mit Hilfe des Buches diesem Thema aus der Sicht Betroffener nähern. Das Buch beschreibt jedoch nur begrenzt theoretische Hintergründe.

Fazit

Das Buch ist vor allem aufgrund der vielen Zitate leicht und angenehm zu lesen. Die Erfahrungen der vielen Interviewpartnerinnen spiegeln ein großes Spektrum der psychosozialen Bedeutung von Kinderlosigkeit wider, in der sich Betroffene aufgehoben fühlen können. Darüber hinaus zeigt das Buch Wege auf, um Kinderlosigkeit konstruktiv in das Leben zu integrieren und scheut auch nicht davor zurück, radikale und eigenwillige Beispiele zu schildern.

Rezension von
Dr. phil. Petra Thorn
Dipl. Sozialarbeiterin,Dipl. Sozialtherapeutin.
Tätig in eigener Praxis für Paar- und Familientherapie; Arbeitsschwerpunkte: Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, Familienbildung mit Spendersamen
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Es gibt 12 Rezensionen von Petra Thorn.

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Zitiervorschlag
Petra Thorn. Rezension vom 25.11.2007 zu: Rachel Black, Louise Scull: Wenn Frauen keine Kinder haben. Gefühle, Erfahrungen, Perspektiven. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2007. ISBN 978-3-451-29264-4. Originaltitel: Beyond childlessness. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5127.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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