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Birgitta Hogger: Gewaltfrei miteinander umgehen (Schule und Unterricht)

Cover Birgitta Hogger: Gewaltfrei miteinander umgehen. Konfliktmanagement und Mediation in Schule und Unterricht. Ein Beitrag zur Gewaltprävention. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. 154 Seiten. ISBN 978-3-8340-0195-5. 16,00 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: Basiswissen Grundschule - 23.
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Thema

Es gibt inzwischen eine Vielzahl an Konzepten zur Begegnung von Gewalt an Schulen und im Unterricht. Ob nun spezielle Sozialtrainings, Anti-Aggressivitätstrainings oder Konfliktlösungsmodelle, die den Medieneinfluss thematisieren . Mal wird das Geschehen in der Schule als Ganzes in den Mittelpunkt gestellt und in anderen Publikationen geht es mehr um das persönliche Verhältnis zwischen Schüler/-innen und Lehrer/-innen in einer Klasse. Der Bedarf an solchen Hilfestellungen für den schulischen Alltag ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Dabei ist weniger entscheidend, in welchem Maße Gewalt und Konflikte an Schulen tatsächlich zugenommen haben; vielmehr werden Konflikte und Gewalttätigkeiten eher thematisiert und öffentlich gemacht, so dass die Lehrkräfte hier konkreterer Unterstützung bedürfen.

Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) von Marshall B. Rosenberg (vgl. die Rezension)ist eine Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Gewalt und hat mittlerweile eine weite Verbreitung gefunden und wird in unterschiedlichen Berufsfeldern angewandt - angefangen von Kindergarten und Schule bis hin zu Elternseminaren.

Das vorliegende Buch erläutert die GFK und zeigt auf, wie sie konkret im Unterricht Anwendung finden kann.

Autorin

Dr. phil. M.A. Brigitta Hogger verfügt über sehr breitgefächerte Studienerfahrungen. Als Psycholinguistin und Sprachwissenschaftlerin, Hörsprachgeschädigten-Pädagogin und Kindertherapeutin kennt sie den Umgang mit jungen Menschen aus diversen Zusammenhängen heraus. Sie war jahrelang an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig und arbeitet im schulischen Kontext. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit und Forschungstätigkeit ist die pädagogische und therapeutische Kommunikation.

Aufbau

Das Buch ist in einen kürzeren Teil 1 und einen längeren zweiten Teil gegliedert.

1 Grundgedanken der Gewaltfreien Kommunikation

Im Teil 1 "Gewaltfreie Kommunikation" zeichnet Brigitta Hogger die Grundgedanken der Gewaltfreien Kommunikation nach und vergleicht das Konzept von Marshall B. Rosenberg mit demjenigen von Thomas Gordon. Hier stellt sie konkrete Unterschiede und Gemeinsamkeiten dar und sieht das Konzept von Rosenberg als eine hilfreiche Weiterentwicklung.

Wichtige Punkte der GFK werden kurz und prägnant beschrieben: GFK als Leitprinzip für Schule und Unterricht, Wahrnehmungsschulung, Gefühl- und Bedürfnisartikulation sowie der Umgang mit Ärger und die hilfreiche Anwendung von Lob und Komplimenten. Hier wird man mit den grundlegenden Gedanken der GFK bekannt gemacht und erhält so die Voraussetzung für den so praxisnahen zweiten Teil des Buches.

2 Praxis der Gewaltfreien Kommunikation

Der Teil 2 "Wie wir lernen, gewaltfrei miteinander umzugehen" beschreibt in 7 Abschnitten das "Zaubersprachprogramm für Schülerinnen und Schüler". Hiermit ist vor allen Dingen gemeint, wie die jungen Menschen vertraut damit gemacht werden können, sich bei Konflikten an die Formel "Wenn…, dann…, weil… Bitte,…!" zu halten.

Dazu hat die Autorin ein 7 Schritte-Konzept erarbeitet, welches in 16 Doppelstunden im Unterricht zur Anwendung kommen kann, ohne dass es eines großen organisatorischen Aufwandes bedarf. Denn viele Vorlagen und auf Kommunikation ausgerichtete Übungen erübrigen eine "Materialschlacht". Vielmehr möchte Frau Holler erreichen, dass sich die Mädchen und Jungen ausgiebig mit sich und den anderen Menschen auseinandersetzen. Hinführungen als Einstieg, Spiele, Impulsgeschichten, Rollenspiele, Entspannungs- bzw. Wahrnehmungsübungen, übersichtliche Arbeitsaufträge und Vorstellungsübungen wechseln immer wieder miteinander ab und wirken sehr kindgemäß.

Die einzelnen Schritte sind aufgeteilt in:

  1. Worum geht es?
  2. Die Zaubersprachformel
  3. Wir lernen wahrzunehmen ohne zu urteilen und zu bewerten
  4. Was wir fühlen, was wir brauchen
  5. …, damit Bitten erfüllt werden
  6. Zuhören wie echte Detektive
  7. Wie wir mit Ärger umgehen können

Als abschließende Krönung gibt es den Abschnitt "Wir lernen das Streitschlichten" mit einem breitgefächerten Darstellungs- und Übungsrepertoire. Zuvor wird jedoch die "dritte Seite" erklärt, welche der amerikanische Anthropologe und Konfliktmediator William Ury entdeckt hat. Dazu hat er 10 Rollen beschrieben, die man für die Bewältigung von Konflikten übernehmen kann. Frau Holler hat hierzu weitestgehend die amerikanischen Bezeichnungen, wie z.B. provider, teacher, bridge-builder, witness, peacekeeper, usw. übernommen. Diese Rollen wirken gegenüber den anderen Buchbeiträgen eher künstlich. Diese andere "dritte Seite" kann aber bei Streitfällen sehr hilfreich sein. So gibt es abschließend für die Teilnehmer/-innen an dem "Zauberprogramm" eine ansprechende Urkunde.

Zum Abschluss des Buches gibt es ein Literaturverzeichnis, das breit gefächert ist und dennoch vor allem Titel zum Bereich GFK enthält.

Zielgruppen

Dieses Buch ist vor allem für Lehrer/-innen aus dem Primarbereich, den Sonder- und Hauptschulen geeignet. Es kann in revidierter Form auch im Realschulbereich oder auf einem Gymnasium Anwendung finden. Zudem wird es hilfreiche Impulse für andere pädagogische Fachkräfte bieten können, wie zum Beispiel Schulsozialarbeiter/-innen, freie Trainer/-innen, Schulpsychologen/-innen oder Sozialpädagogen/-innen in Jugendzentren.

Diskussion

Diese Publikation ist eine gründlich erarbeitete Hilfe für die Einführung Gewaltfreier Kommunikation im schulischen Kontext. Man kann sich an den vorgegebenen Arbeitsblättern und Stundendurchführungs-Hinweise orientieren, hat aber genügend Spielraum für individuellere Arbeitsblatt- oder Spielgestaltungen. Bei den Arbeitsblättern hätte man sich mehr ansprechende Gestaltung gewünscht, die für weniger schriftinteressierte Kinder und Jugendliche noch ausreichend Motivation lässt. Ansonsten besticht das Buch durch die fundierte Auseinandersetzung mit Kommunikation und Gewalt und hält Stand gegenüber plakativen 08/15-Konzepten, die viel versprechen, aber wenig wirklich lösen. Die Vorschläge motivieren zur Umsetzung und sind variantenreich gestaltet, vor allem auch in puncto Fallbeispielen und Alltagsgeschichten.

Was das vorliegende Buch von anderen unterscheidet ist insbesondere die Betonung der ganz persönlichen Haltung. Wenn Lehrerinnen und Lehrer selber wenig respektvoll mit sich und anderen umgehen, haben sämtliche Präventionskonzepte keine Chance auf Erfolg. Daher ist es sehr lobenswert, dass Brigitta Hogger hierauf explizit in den Eingangstexten hinweist und die bekannte Gordon-Methode kritisch beleuchtet, welche immer noch sehr gefragt ist bei den Pädagogen/-innen, ohne die Schwäche dieser Methode zu bedenken.

Fazit

Im Gegensatz zu vielen anderen Publikationen, welche die GFK als das einzig wahre Konzept darstellen, versteht es Hogger, in ausreichend kritischer Distanz die GFK zu beschreiben. Denn Konzepte zur Gewaltprävention und Konfliktlösung müssen unbedingt zu den jeweiligen persönlichen und institutionellen Bedingungen passen. "Gewaltfrei miteinander umgehen" wird hier ein probates Konzept sein können, passgenaues Konfliktmanagement und Mediation in Schule und Unterricht anzuwenden.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 06.02.2008 zu: Birgitta Hogger: Gewaltfrei miteinander umgehen. Konfliktmanagement und Mediation in Schule und Unterricht. Ein Beitrag zur Gewaltprävention. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. ISBN 978-3-8340-0195-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5137.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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