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Gisela Szagun: Sprachentwicklung beim Kind

Rezensiert von Prof. Dr. Regine Morys, 01.04.2014

Cover Gisela Szagun: Sprachentwicklung beim Kind ISBN 978-3-407-85967-9

Gisela Szagun: Sprachentwicklung beim Kind. Ein Lehrbuch. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. 5., aktualisierte Auflage. 352 Seiten. ISBN 978-3-407-85967-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 44,90 sFr.

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Thema

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die fünfte und vollständig überarbeitete Auflage des Standardlehrbuchs zum Spracherwerb, das seit 32 Jahren auf dem Markt ist. Das Buch stellt sich dem Anspruch, den einsprachigen Spracherwerb der deutschen Sprache von Kindern in seiner „Systemhaftigkeit“ (S. 11) forschungsbasiert aus Sicht der Entwicklungspsycholinguistik zu beschreiben. Neben der Beschreibung der Erwerbsverläufe in den Bereichen Syntax / Morphologie und Semantik setzt sich das Buch mit der breiten Varianz von Entwicklungsverläufen, der Bedeutung und Funktion der an das Kind gerichteten Sprache, den Effekten verschiedener Formen von Feedbacks, dem Zusammenhang zwischen Denken und Sprache und den beim Spracherwerb wirksamen Lernmechanismen auseinander. Das theoretische Fundament bildet eine konstruktivistische Sichtweise, die im Laufe des Buches anhand empirischer Ergebnisse begründet wird. Als Abschluss findet eine intensive theoretische Auseinandersetzung statt.

Autorin

Gisela Szagun war von 1984-2006 Professorin für Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg, Seit 2006 ist sie emeritiert. Sie verfügt über eine eindrucksvolle Forschungsbiographie zum Spracherwerb von Kindern und eine entsprechend umfangreiche Publikations- und Vortragsliste. Insbesondere widmet sich ihre Forschung der Variabilität des kindlichen Spracherwerbs. Gisela Szagun verfügt somit über umfassende Expertise als Autorin des Lehrbuchs.

Aufbau

Das Buch ist klar gegliedert und übersichtlich aufgebaut. Einführungen in jedes Kapitel machen die Leitfragen und die Kapiteluntergliederungen deutlich. In kurzen Memos sind jeweils die wesentlichen Erkenntnisse des vorangegangenen Themas festgehalten. Durch das Layout hervorgehobene grau unterlegte Boxen präsentieren Beispiele oder veranschaulichende Zusatzinformationen. Graphiken und Tabellen tragen dazu bei, die empirische Evidenz nachvollziehbar zu machen. An jedem Kapitelende finden sich Literaturempfehlungen für grundlegende und weiterführende Literatur. Im Anschluss daran dienen Kontrollfragen der Überprüfung des Verständnisses.

Das Buch endet mit einem sehr umfangreichen Literaturverzeichnis sowie mit einem Personen – und einem Sachregister.

Inhalt

Nach einer Einleitung,in der die Autorin die Zielsetzung, ihre eigene wissenschaftliche Perspektive aus konstruktivistischer Sicht und die Gliederung des Buches erläutert, führt sie im ersten Kapitel in Linguistische Grundbegriffeein. Sie unterscheidet die Begriffe Sprache und Kommunikation, beschreibt die Merkmale einer Sprache als arbiträrem Symbolsystem und erläutert ihren wissenschaftlichen Zugriff aus Sicht der Entwicklungspsycholinguistik als deskriptiver Wissenschaft. Daran anschließend werden kurz und prägnant linguistische Grundbegriffe wie z.B. Phonem, Morphem, Prosodie, Types und Tokens sowie die wichtigsten Flexionsparadigmen und Syntaxtheorien gut verständlich erläutert. Kontrollfragen und Übungen dienen der Sicherung dieser Grundlagen.

Im folgenden Kapitel Präverbale Kommunikation und frühe Sprachwahrnehmung wird nach einer kurzen Einführung in die entsprechende Forschungsmethodik anhand von Forschungsergebnissen herausgearbeitet, wie Babys im ersten Lebensjahr aus der Prosodie, der Phonotaktik und den Intonationsmustern der an sie gerichteten Sprache sprachliche Einheiten zu segmentieren vermögen und welche sprachlichen Wahrnehmungs- und Diskriminationsleistungen ihnen dafür möglich sind. Für den muttersprachlichen Spracherwerb ist entscheidend, dass in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahrs die Fokussierung auf die Unterscheidung der Phoneme der Erstsprache erfolgt. Anhand von Beispielen aus der Forschung wird nachvollziehbar, welche Rolle die Mustererkennung in Lautsequenzen und die implizierte „Berechnung“ von Übergangswahrscheinlichkeiten für die Worterkennung aus dem Lautstrom heraus spielen.

Nach der Erarbeitung dieser Grundlagen wird im dritten Kapitel der Grammatikerwerb der deutschen Sprache durch Kinder bis zum Alter von vier Jahren beschrieben. Empirisch fundiert wird diese Darstellung in erster Linie durch Ergebnisse aus der Oldenburger Corpora, einer längsschnittlichen Untersuchung an 22 Kindern unter der Federführung der Autorin. Die wesentlichen Etappen hinsichtlich des Erwerbs von Satzlänge, Verbstellung und der Flexionsmorphologie sind in einer Tabelle auf S. 71 aufgelistet und mit Beispielen veranschaulicht. Ausführlich kategorisiert und charakterisiert werden Zweiwortäußerungen, so dass erkennbar wird, welche vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten sich Kinder bereits mit dieser basalen Form der Syntax verschaffen. Im folgenden Unterkapitel wird deutlich, dass einsprachig deutsch aufwachsende Kinder in der Regel Genus- und Personmarkierungen bis zum Alter von drei Jahren weitgehend erwerben, während der Erwerb der Plural- und Kasusmarkierungen noch weit über das Kindergartenalter hinaus dauert. Abschließend wird in diesem Kapitel die Berechnung der durch die Anzahl von Morphemen bestimmten Satzlänge mittels des Maßes MLU erklärt und es wird betont, welche individuellen Verlaufsmuster bei Kindern zu erkennen sind.

Im vierten Kapitel wird unter der Überschrift Erwerb spezieller grammatischer Bereiche zunächst anhand des Erwerbs der Pluralmarkierungen und der Bildung der Partizipien in der deutschen Sprache die konstruktivistische Sichtweise auf den Spracherwerb von Kindern begründet und das dualistische Modell, das vor allem auf Forschungsbefunden im angelsächsischen Sprachraum basiert, Schritt für Schritt widerlegt. Die konstruktivistische Theorie geht von Lernprozessen aus, bei denen sich die Kinder an zu erwartenden Häufigkeiten, die sie aus der bisherigen Erfahrung mit Sprache ableiten, orientieren und sich aufgrund von Analogiebildung die Regeln implizit erschließen. Der zweite Teil dieses Kapitels widmet sich dem Erwerb von Genus und Kasus und zeigt, wie Kinder sich auch hierbei am Prinzip der Wahrscheinlichkeit des Auftretens von bestimmten Lautmustern orientieren. Da Dativ- und Akkusativformen teilweise lautlich nahe beieinander liegen, dauert der Erwerb entsprechend länger. Voraussetzung für den Erwerb von Kasusmarkierungen ist eine deutliche Artikulation der Erwachsenen. Der letzte Teil des Kapitels arbeitet anhand des Erwerbs der syntaktischen Schemata den Spracherwerb als Konstruktionsleistung der Kinder heraus und wendet sich damit gegen das nativistische Paradigma, das von angeborenen Strukturen ausgeht.

Das fünfte Kapitel namens Wörter führt in den Erwerb des Wortschatzes ein und zeigt, dass die gängige Annahme eines „Vokabelspurts“ in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahrs nicht auf alle Kinder zutrifft, sondern nur eines von verschiedenen individuellen Erwerbsmustern darstellt. Auch im Hinblick auf die Erwerbsstile unterscheiden sich die Kinder laut der Autorin stark. Es folgt ein Unterkapitel zum Erwerb der Semantik anhand der Prototypentheorie und der Erläuterung der Funktion von Über- und Unterdehnungen. Besonders wichtig ist der Kapitelabschluss, in dem der Spracherwerb in Anlehnung an die Forschungen von Tomasello als notwendigerweise als „in einen sozial-kommunikativen Kontext“ eingebettet und als „Teil der sozial kognitiven Entwicklung des Kindes“ (S. 151) verstanden wird. Es wird herausgearbeitet, welche Rolle die kindliche Fähigkeit zum Erfassen der Absicht des Gesprächspartners oder der Gesprächspartnerin für den Erwerb der Wortbedeutungen im Dialog mit Erwachsenen spielt.

Das sechste Kapitel widmet sich dem zentralen Thema Individuelle Unterschiede beim Spracherwerb. Es wird deutlich gemacht, dass „Variabilität Normalität ist“ (S.157). Dieses Gesamtergebnis belegt die Autorin in diesem Kapitel anhand der individuell unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Spracherwerb (z.B. hinsichtlich Wortschatz, Satzkomplexität, Flexionsmorphologie) und in Bezug auf unterschiedliche Spracherwerbsstrategien. Die empirischen Belege werden nicht nur der bislang vorliegenden englischsprachigen Literatur entnommen, sondern stützen sich vor allem auf Daten, die die Autorin im Rahmen der Adaption des Elternfragebogens CDI in die deutschsprachige und auf den deutschen Erstspracherwerb hin normierte Fassung als FRAKIS gewann. Mit FRAKIS konnte der Befund der großen Variabilität des kindlichen Spracherwerbs, der aus anderen Sprachräumen schon bekannt war, für den deutschen Spracherwerb repliziert werden. Doch es werden nicht nur Unterschiede beschrieben, sondern diese werden auch im Hinblick auf erklärende Variablen wie Geschlecht, Bildungsstand der Eltern, Stellung in der Geschwisterreihe und die Rolle der an das Kind gerichteten Sprache analysiert und sowohl auf die theoretische als auch die praktische Relevanz hin diskutiert. Die Autorin setzt sich mit bislang vorliegender Literatur und mit der Funktion gängiger früher Spracherhebungsverfahren auseinander, durch die laut der Autorin unangemessene Normen gesetzt würden. Als Fazit kommt sie zu dem Schluss: „Aufgrund der enormen individuellen Variabilität des frühen Spracherwerbs ist es zurzeit nicht möglich, bei zweijährigen Kindern zwischen einer normalen und gefährdeten oder gar gestörten Sprachentwicklung mit genügender Sicherheit zu unterscheiden“ (S.193).

Im siebten Kapitel werden Zusammenhänge im Spracherwerb analysiert. Diese sind: der Zusammenhang zwischen frühem Sprachverständnis und Sprachproduktion, zwischen Wortschatzumfang und Satzlänge und zwischen Sprache und Denken. Anhand empirischer Belege wird verdeutlicht, dass im Hinblick auf die Frage nach Denken und Sprache der Zusammenhang in beide Richtungen geht: Das Denken wirkt auf die Sprache, die Sprache wiederum auf das Denken, beide sind unauflösbar miteinander verbunden. Für die Theoriebildung bedeutsam ist die Aussage, dass „von Beginn an sprachspezifische semantische Kategorien gebildet“ (S.214) werden. Durch Sprache werden somit kulturspezifische Wirklichkeiten geschaffen.

Für die Praxis relevant ist das Kapitel acht: Die Rolle der Inputsprache. Nach der Erläuterung der Spezifika der an das Kind gerichteten Sprache (KGS) werden deren Verbreitung, ihre Funktion und die bislang empirisch ermittelten Effekte dargelegt und diskutiert. Insbesondere die Rolle von verbalem Feedback wird analysiert. Die Autorin kommt dabei zu dem Fazit, dass Erweiterungen als Reaktion auf kindliche Äußerungen in Form einer „impliziten Korrektur“ dann gewinnbringend sind, wenn „sie in den Dialog eingebunden sind, nicht zu häufig vorkommen, und somit den Dialog nicht stören“ (S. 259).

Das neunte Kapitel steht unter der Überschrift Neurobiologische und entwicklungsgemäße Grundlagen und Lernmechanismen. Diskutiert wird die Frage nach allgemeinen Lernmechanismen und nach der Rolle von Erfahrung versus Anlage. Ergebnisse aus der Neurobiologie belegen demnach, dass sich die sprachspezifischen Gehirnstrukturen vor allem durch Erfahrung mit Sprache ausbilden und es somit einen „wechselseitigen Einfluss von möglichen genetischen Einflüssen und Erfahrung“ (S.272) gibt. Sehr differenziert wird auch die Frage nach möglichen sogenannten sensiblen oder gar kritischen Phasen im Spracherwerb bearbeitet. Als Lernmechanismen, auf denen der kindliche Spracherwerb beruht, dienen sowohl die Nachahmung als auch die Analogiebildung und die Nutzung von Wahrscheinlichkeiten im Auftreten von bestimmten sprachlichen Strukturen in der Inputsprache, genauer gesagt: deren Verlässlichkeit im Auftreten. Bedeutsam ist das Zusammenspiel dieser drei Mechanismen, wobei Szagun zu der Einschätzung kommt, dass die Analogiebildung am bedeutsamsten ist. Deutlich wird der kognitionspsychologische Standpunkt der Autorin: „Ein solches Lernen basiert auf der Funktionsweise unseres informationsverarbeitenden Systems“ (S.293).

Die Autorin widmet das Schlusskapitel Theoretische(n) Fragen. Es handelt sich um die in der Spracherwerbsforschung zentralen theoretischen Fragen der Auseinandersetzung zwischen Nativismus und Konstruktivismus nach angeborenen oder erworbenen grammatikalischen Strukturen, nach deren Unabhängigkeit oder Abhängigkeit von Erfahrungen und letztlich nach der Rolle von Anlage und Umwelt. Damit werden diese Fragen, die sich wie ein roter Faden bereits durch die vorangegangenen Kapitel ziehen und anhand der entsprechenden empirischen Befunden andiskutiert werden, nochmals insgesamt aufgegriffen und aus kognitionspsychologischer Perspektive unter Bezug zur Empirie diskutiert. Wenngleich die Autorin ihren Standpunkt bereits von Beginn an transparent gemacht hatte, so findet in diesem Kapitel nochmals explizit eine gut begründete und klare Positionierung statt. Die Grundannahmen der nativistischen Theorieansätze werden anhand einer Reihe empirischer Befunde widerlegt und die konstruktivistische Sicht der Autorin auf den Spracherwerb aus kognitionspsychologischer Perspektive bestätigt.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet – wie die zahlreichen vorangegangenen Auflagen dies bereits getan haben – eine umfassende und sehr differenzierte Einführung in den aktuellen Forschungsstand zum Spracherwerb in den ersten Lebensjahren. Es gelingt der Autorin, dem selbst gesetzten Anspruch „ein detailliertes und tiefes Verständnis über den Spracherwerb bei Kindern“ (S.9) zu erzielen, gerecht zu werden. Dieser Anspruch wird durch die differenzierte Darstellung von zahlreichen Forschungsbefunden und der theoretischen Rückbindung der empirischen Ergebnisse unter Verwendung der Fachbegrifflichkeit gewährleistet. Die Autorin führt zielgerichtet durch die einzelnen Kapitel, so dass die Argumentationslinie und der roten Faden immer im Blick bleiben. Angesichts der vielen Einzelaspekte und Einzelbefunde ist die Bündelung in Form der Memos zum Ende jeden Themenblocks sehr hilfreich. Sehr viel Wert wird auf die empirische Absicherung und deren Nachvollziehbarkeit gelegt, wozu Tabellen und Diagramme beitragen. Bemerkenswert ist, dass die Autorin das Buch so schreibt, dass es sprachlich präzise und differenziert, aber dennoch gut lesbar und gut verständlich ist, wenngleich das Lesen Aufmerksamkeit und Intensität verlangt. Viele Beispiele und das ansprechende Lay-Out sowie die sehr gelungene Gliederung mit den Memos, Boxen, Übersichtstabellen und Kontrollfragen machen es zu einem auch für nicht ganz so fachkundige Leser und Leserinnen zu einem gewinnbringenden Lehrbuch. So ist es gelungen, den Spagat zwischen hohem fachlich-wissenschaftlichem Anspruch und Lesbarkeit herzustellen, ohne dass das eine auf Kosten des anderen geht. Wenn man sich intensiv auf die Lektüre einlässt, kann es auch für ein nicht wissenschaftlich vorgebildetes Publikum richtig spannend werden, sich mit der Autorin auf die Suche nach den Antworten auf die zentralen Fragen der Spracherwerbsforschung zu machen.

Die Autorin bezieht in dem Buch klar Stellung. Sie führt Schritt für Schritt durch Aspekte der Spracherwerbsforschung durch und steuert dabei zielgerichtet auf die für ihre wissenschaftliche Perspektive zentralen Erkenntnisse zu, die ihre eigene theoretische Position belegen. Diese Aufbaulogik mündet schließlich in das Schlusskapitel, das die eigene theoretische Position untermauert. Beim Lesen stellt sich die Frage, ob eine solche Diskussion in ein Lehrbuch gehört oder ob hier nicht die Gefahr lauert, die Leser und Leserinnen zu überfordern, die diese Dimension noch nicht erfassen und dadurch möglicherweise einseitig beeinflusst werden könnten. Dadurch, dass die Autorin ihre Position aber von Anfang an transparent macht, ist dies aber nicht nur legitim, sondern auch von Vorteil und es gelingt ihr stets, die Argumente der Gegenseite ebenfalls deutlich zu machen, so dass man großen Gewinn gerade daraus ziehen kann, dass man nicht bei kleinteiligen empirischen Ergebnissen stehen gelassen wird, sondern dass diese immer wieder in den großen spracherwerbstheoretischen Zusammenhang eingeordnet werden.

Neben dieser insgesamt äußert positiven Einschätzung sind noch ein paar kritische Fragen aufzuwerfen.

Fraglich ist, warum der für den Spracherwerb so entscheidende Bereich des Erwerbr der Pragmatik fehlt und warum der Aspekt von Sprache als sozialem Handeln nur marginal thematisiert wird. Der Erwerb der Phonologie spielt ebenfalls eine recht untergeordnete Rolle. Zumindest einen Hinweis auf diese Eingrenzung und eine Begründung für die in dem Buch vorgenommene Schwerpunktsetzung hätte man in der Einleitung erwartet.

Unklar bleibt auch, warum im Titel von „Sprachentwicklung“ die Rede ist, obwohl im Buch meist der Begriff „Spracherwerb“ verwendet wird, was der konstruktivistischen Grundhaltung auch besser entspricht. Diese Begrifflichkeit wird nicht definiert, sondern beide Begriffe werden verwendet, ohne sie klar voneinander abzugrenzen.

Ein weiterer Punkt betrifft den ausschließlichen Fokus des vorliegenden Buchs auf den einsprachig deutschen Spracherwerb in den ersten Lebensjahren. Darin liegt einerseits eine Stärke des Buches, denn in ihm werden viele Forschungsbefunde, die sich auf den einsprachig englischsprachigen Spracherwerb beziehen, relativiert und um Forschungen zu den Spezifika des kindlichen Erwerbs der Deutschen Sprache ergänzt. Andererseits bedeutet diese Fokussierung eine Engführung und wird dem Titel „Sprachentwicklung beim Kind“ heutzutage – angesichts der Normalität zwei- und mehrsprachiger Sprachbiographien – nicht gerecht. Auch Sprachvaritäten wie z.B. Dialekte werden nicht erwähnt. Auch an dieser Stelle hätte man sich einen deutlicheren Hinweis auf diese Eingrenzung gewünscht. Da der Aspekt der Mehrsprachigkeit fast vollständig ausgeblendet bleibt, liegt die Gefahr nahe, dass die Einsprachigkeit als Norm suggeriert wird, auch wenn dies von der Autorin sicherlich nicht beabsichtigt ist.

Auf einen sinnverstellenden Fehler auf S. 213 muss noch hingewiesen werden: Das Beispiel mit der Klasseninklusion nach Inhelder und Piaget stimmt nur, wenn man bei der Frage, die den Kindern gestellt wird, das zweite Adjektiv „rote“ streicht.

Fazit

Das vorliegende Lehrbuch führt grundlegend in wesentliche Aspekte des kindlichen Spracherwerbs ein. Es präsentiert dabei bedeutsame Forschungsbefunde und leistet deren theoretische Einordnung. Es wird klar, wie unterschiedlich Kinder ihren Spracherwerb gestalten und welch erstaunlichen Konstruktionsleistungen sie dabei erbringen. Deutlich wird, wie notwendig ein sehr differenziertes und wissenschaftlich fundiertes Wissen als Grundlage für die Gestaltung der Begleitung und Unterstützung sprachlicher Bildungsprozesse von Kindern ist. Insofern wäre es äußert wünschenswert, dass dieses Buch nicht nur von Studierenden und Fachexperten und Fachexpertinnen gelesen wird, sondern ebenso auch von Fachkräften aus der Praxis. Die didaktisch hervorragende Aufbereitung machen das Buch nicht nur für Lehrsituationen in Ausbildung, Studium und Fort- und Weiterbildung gewinnbringend, sondern es eignet sich auch für die intensive Lektüre in Eigenregie. Dass sich das Buch jeglicher Ratschläge oder Tipps für die Praxis enthält, mag zwar manchen zunächst als Manko erscheinen, doch ist dies als sehr positiv zu bewerten. Angesichts der Komplexität der Thematik und der Unterschiedlichkeit der kindlichen Spracherwerbsverläufe, würden direkte Empfehlungen für die Praxis eine unzulässige Verkürzung darstellen. Dennoch erschließen sich viele Bezüge zur Praxis. Nicht zuletzt leistet das Buch einen wichtigen Beitrag für die Praxis, indem es eine große Achtung vor der Bedeutung von Sprache und vor den Leistungen der Kinder auf ihrem je individuellen Weg zur Sprache zu wecken vermag.

Zum Schluss: Ein gelungenes Buch, das man gerne in die Hand nimmt und das einen nicht wieder los lässt, da man – trotz allem Vorwissen über den kindlichen Spracherwerb – einen vertieften und erweiterten Blick auf dieses „Wunder“ (in Anlehnung an einen Buchtitel von Szagun) gewinnt.

Rezension von
Prof. Dr. Regine Morys

Es gibt 7 Rezensionen von Regine Morys.

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Zitiervorschlag
Regine Morys. Rezension vom 01.04.2014 zu: Gisela Szagun: Sprachentwicklung beim Kind. Ein Lehrbuch. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. 5., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-407-85967-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5152.php, Datum des Zugriffs 25.05.2024.


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