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Pasqualina Perrig-Chiello: Die Entdeckung der zweiten Lebenshälfte

Cover Pasqualina Perrig-Chiello: In der Lebensmitte. Die Entdeckung der zweiten Lebenshälfte. Verlag Neue Zürcher Zeitung 2007. 159 Seiten. ISBN 978-3-03-823318-3. 31,00 EUR.
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Thema

Das Buch von Pasqualina Perrig-Chiello ist einer Lebensphase gewidmet, die bisher in der Entwicklungspsychologie nur wenig beachtetet wurde: dem mittleren Erwachsenenalter. Damit füllt die Autorin im deutschsprachigen Raum eine Lücke, da bisher kein umfassendes Werk zu dieser Thematik vorliegt. Die Vernachlässigung der Lebensmitte im Vergleich zu anderen Lebensphasen erstaunt umso mehr, als es sich hierbei um eine bewegte Zeit handelt, die von den Menschen intensiv erlebt wird. Zu Recht weist die Autorin darauf hin, dass im Zuge des demographischen Wandels (Überalterung der Bevölkerung) diese Vorbereitungsphase auf das Alter an Bedeutung gewinnt, werden in dieser doch die Weichen für den individuellen Verlauf des Alterungsprozesses gestellt.

Aufbau und Inhalt

In den Vorbemerkungen erläutert die Autorin ihre Zielsetzung: ein psychologisches Porträt der Generation "in der Mitte" zu skizzieren, Herausforderungen und Chancen zu umreißen, und dabei den Leser für die Gesetzmäßigkeiten und Variationen dieser Lebensphase zu sensibilisieren. Grundlage bilden im Wesentlichen die Ergebnisse einer Längsschnittstudie der Autorin in Zusammenarbeit mit dem Soziologen Franois Höpflinger über die Lebensbedingungen von Menschen mittleren Alters in der Schweiz. Genauere Angaben zu dieser Untersuchung (Stichprobe, Instrumente) wären hier wünschenswert gewesen. Die große Resonanz auf diese Studie regte die Autorin an, die wissenschaftlichen Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. An welche Zielgruppe genau sich das Buch richtet, wird nicht spezifiziert.

Die ersten drei Kapitel charakterisieren das mittlere Erwachsenenalter unter verschiedenen Aspekten (gesellschaftliche Ordnung, Krisenzeit und biographische Übergänge). Eine eindeutige Definition der mittleren Jahre gestaltet sich schwierig, meist wird die Altersspanne zwischen 40 und 60 Jahren in der Fachliteratur angegeben. Daneben werden auch Aspekte der körperlichen Entwicklung (Menopause), der beruflichen Laufbahn (Pensionierung) oder des Familienzyklus (Auszug der Kinder, Tod der Eltern) als "marker events" zur Kennzeichnung des mittleren Erwachsenenalters herangezogen. Schon in den 70er Jahren hat die Soziologin Bernice Neugarten den Wechsel der Zeitperspektive ("time shift") als einschneidendes Lebensereignis herausgestellt: ab der Lebensmitte wird die Zeit nicht mehr ab der Geburt, sondern als noch verbleibende Zeit gerechnet. Positiv hervorzuheben ist ihre ausführliche Diskussion um die umstrittene Frage nach einer "midlife-crisis": die Autorin verdeutlicht, dass viele Faktoren Einfluss darauf nehmen, ob Menschen die mittleren Jahre als Zeit intensiver Krisenmomente oder als einen undramatischen biographischen Übergang erleben. Als theoretischer Rahmen dienen die Arbeiten von Jung, Erikson, Levinson und von Hollander. Als Ergänzung hätte sich das bis heute breit akzeptierte Konzept der Entwicklungsaufgaben von Havighurst angeboten. Für die Zielgruppe der Betroffenen fällt der Teil über die Krisenbewältigung recht kurz aus, wenn sie sich in einem solchen Buch Rat und Orientierung versprechen, zumal dieser Teil sich nur auf Trennungen bezieht.

Insgesamt wird ein breites Spektrum an Aspekten abgedeckt, die in den einzelnen Kapiteln behandelt werden:

  • körperliche Veränderungen,
  • familiäre Situation,
  • Partnerschaft und
  • beruflicher Wandel.

Kritisch anzumerken ist, dass neben der Studie der Autorin nur selten die Ergebnisse anderer Studien (z. B. die Arbeiten von Fooken) ausführlich vorgestellt werden, in denen noch andere Aspekte aufgriffen werden. Teilweise fehlen Quellenangaben für den interessierten Leser, der sich näher informieren möchte.

Auf sensible Weise geht die Autorin auf die Probleme ein, die Frauen in den mittleren Jahren oft mit dem Eintreten des Klimakteriums und der sinkenden Attraktivität haben, die zu einer geringeren gesellschaftlichen Beachtung führen. Interessant sind die Überlegungen zum Phänomen des "gender crossover", wie es bereits Jung beschrieben hat - eine Umkehr der traditionellen Geschlechterrollen in der Lebensmitte: Frauen neigen dazu, stärker ihre männlichen, Männer ihre weiblichen Seiten auszuleben.

Im Kapitel über die Familiensituation zeigt die Autorin die Herausforderungen von Frauen in der "sandwich-generation" auf, die sowohl für ihre erwachsenen Kinder als auch für die alternden, z. T. bereits pflegebedürftigen Eltern, vielfältige Unterstützungsleistungen erbringen. Die Umkehr der Verantwortung zwischen Angehörigen der mittleren Generation und ihren alten Eltern wird als potentielle Bedrohung beschrieben ("filiale Krise"), die mit dem Tod der Eltern ihren Höhepunkt erfährt. Die von den Betroffenen oft als sehr groß empfundene Belastung durch die Pflege alter Eltern wird nicht ganz deutlich.

Das Kapitel über Partnerschaft fokussiert auf der besonderen Dynamik langjähriger Ehen: wie verändern sich diese über die Jahre und wie wird dies subjektiv erlebt? Dies ist besonders aufschlussreich, da dieser Aspekt nur selten thematisiert wird. Informativ für Betroffene sind die Ausführungen darüber, welche Faktoren zum Gelingen langjähriger Beziehungen beitragen und welche das Risiko für eine späte Scheidung erhöhen.

Im Kapitel über die berufliche Lage von Menschen in den mittleren Jahren macht die Autorin auf die Problematik der begrenzten Optionen in der beruflichen Laufbahn aufmerksam. In unserer heutigen jugendzentrierten Gesellschaft ist es für ältere Menschen meist schwer, angemessene Beschäftigung zu finden. Viele sind von Frühberentung und Langzeitarbeitslosigkeit betroffen, weil ihre langjährige Berufserfahrung nicht als Qualität wertgeschätzt wird. Diejenigen wiederum, die noch voll im Berufsleben stehen, leiden nicht selten an Überlastung ("burn-out").

Das letzte Kapitel befasst sich mit der Zukunftsperspektive von Menschen im mittleren Alter. Die Autorin identifiziert drei Einstellungs- und Verhaltensmuster als Schlüsselqualifikationen für eine gelungene Anpassung an diesen Übergang:

  1. Selbstverantwortlichkeit,
  2. Proaktivität und
  3. Generativität.

Den Abschluss bildet ein Interview, das ein Journalist der Berner Zeitung mit der Autorin geführt hat. Dies ist als Zusammenfassung gedacht, greift allerdings nur einen Teil der Inhalte und in eher oberflächlicher Form auf.

Diskussion

Das Buch ist übersichtlich gegliedert und verständlich geschrieben. Abbildungen und textliche Hervorhebungen lockern den Text auf. Die individuellen Fotos von Menschen in diesem Lebensabschnitt geben dem Ganzen ein Gesicht und verdeutlichen die Bandbreite von möglichen Lebensentwürfen. Verschiedene Fallbeispiele veranschaulichen und vertiefen die Inhalte und verleihen ihnen eine persönliche Note, was die anvisierte Zielgruppe sehr ansprechen dürfte. Überwiegend handelt es sich dabei um Menschen des gehobenen Bildungsmilieus, während Angehörige der unteren sozialen Schicht kaum beachtet werden. Dadurch besteht die Gefahr einer gewissen Beschönigung.

Fazit

Insgesamt ist das Buch als sehr gelungener Ansatz zu bewerten, die Besonderheiten der Lebensmitte umfassend herauszuarbeiten und verständlich und anschaulich einem breiten Leserkreis zugänglich zu machen. Damit erhält eine bislang vernachlässigte zentrale Lebensphase die ihr gebührende Beachtung. Das Werk stellt eine wichtige Ergänzung zu bisherigen populärwissenschaftlichen Publikationen zur Lebensmitte dar, die überwiegend auf den Aspekt der "midlife-crisis" abheben und so ein sehr einseitiges verzerrtes Bild zeichnen, das den Chancen dieses Lebensabschnitts nicht gerecht wird.


Rezensentin
PD Dr. Christiane Papastefanou
Privatdozentin an der Universität Mannheim (Lehrstuhl Erziehungswissenschaften) im Bereich Entwicklung- und Familienpsychologie sowie Psychotherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in eigener Praxis in Ludwigshafen


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Zitiervorschlag
Christiane Papastefanou. Rezension vom 31.03.2008 zu: Pasqualina Perrig-Chiello: In der Lebensmitte. Die Entdeckung der zweiten Lebenshälfte. Verlag Neue Zürcher Zeitung 2007. ISBN 978-3-03-823318-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5153.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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