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Gerhard Litges: Jugendhilfe in Deutschland

Cover Gerhard Litges: Jugendhilfe in Deutschland. Vorurteile und Wirklichkeit - empirische und systemische Rekonstruktionen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2007. 371 Seiten. ISBN 978-3-8300-2995-3. 78,00 EUR.

Schriftenreihe Sozialpädagogik in Forschung und Praxis - Band 18.
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Thema

Empirische Studien zur Verfassung der Jugendhilfe in Deutschland sind dringend erforderlich. Nur über solche Studien kann es gelingen, Ideen und Konzepte mit Realitäten zu konfrontieren, Annahmen und Erklärungen an der Erfahrung zu überprüfen. Wenn Befunde empirisch fundierter Studien dann auch noch Eingang finden in praktisch-politische Diskussionen, kämen wir dem Ideal einer rationalen, erfahrungsbasierten und an Kriterien wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung ausgerichteten Entwicklung bedeutsamer Struktur- und Konzeptprobleme deutscher Jugendhilfe ein Stück näher. In dem dieses Feld prägenden Kampf zwischen normativen Gewissheiten, finanziellem Korsett und ordnungspolitischen Zuständigkeitsstreitereien wäre dies also ein großer Gewinn.

Zielsetzung

Die hier vorzustellende Arbeit von Gerhard Litges will diesen großen Wurf wagen: Auf der Grundlage eines ausgewiesenen theoretischen Zugangs sollen exemplarisch und grundsätzlich zugleich „Vorurteile und Wirklichkeit“ der „Jugendhilfe in Deutschland“ empirisch und systemisch rekonstruiert werden – so der schon im Titel deutlich gemachte Anspruch. Und der Klappentext spart nicht mit weiteren anspruchvollen Ankündigungen: „Aktuelle Reformkonzepte für die Jugendhilfe (…) beruhen auf Annahmen, die plausibel klingen, bisher jedoch nirgends überprüft wurden. Hier wird daher der Wirklichkeitsgehalt (… dieser) Annahmen überprüft, (…) indem die Datenlage aufgearbeitet und im Einzelnen dargestellt wird, welche aktuellen Anforderungen an die Jugendhilfe gestellt werden, wie die diskutierten Reformkonzepte beschaffen sind und ob sich die Annahmen in der Wirklichkeit einer deutschen Großstadt wiederfinden lassen.“ – ein anspruchsvollesVorhaben!

Aufbau und Inhalt

In den ersten beiden Kapiteln werden nach Einleitung und Skizze des Vorhabens der theoretische Bezugrahmen, also systemtheoretische Grundlagen und hier insbesondere Talcott Parsons struktur-funktionalistisches agil-Schema präsentiert. In diesem Konzept werden die Subsysteme Wirtschaft (Anpassung, adaption), Politik (Zielerreichung, goal atainment), Gemeinwesen (Integration) und Kultur (grundlegende Orientierungen und Wertmuster, latency) zur Kennzeichnung und Analyse zentraler Funktionen und Funktionsweisen komplexer soziale Systeme begründet. Unklar bleibt in der vorliegenden Untersuchung allerdings, wie der Bezug von diesem anspruchsvollen theoretischen Konzept zur konkreten Untersuchung deutscher Jugendhilfe methodisch tragfähig gestaltet werden soll.

Etwas abrupt werden dann auch in Kap 2.5 „Implizite und explizite Vorannahmen“ vorgestellt, die allerdings deutlich machen, „aus welcher Ecke“ die bundesrepublikanische Jugendhilfe untersucht und bewertet werden soll: Statt „einer umfassenden Analyse der Fachliteratur der letzten Jahre“ (S. 52) werden die zentralen Thesen eines Berichtes der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt) von 12/1998 als „beispielhafter Text für die Kritik an der Praxis der Jugendhilfe“ eingeführt:

  1. Jugendhilfe ist in Fallorientierung befangen
  2. Jugendhilfe ist zersplittert, teuer und veraltet
  3. Verwaltungsreform durch klassische ökonomische Maßnahmen funktioniert in der Jugendhilfe nicht
  4. Die Hilfen zur Erziehung stehen exemplarisch für den Zustand der gesamten Jugendhilfe
  5. Frei Träger tragen durch Konkurrenz und Fixierung auf ökonomische Zielsetzungen zu fachlichem Stillstand und Kostenexplosion bei

Die „Ecke“ ist damit insoweit markiert, als vor allem Wolfgang Hinte als „spiritus rektor“ einer konstruktiv-kritischen Rezeption der Modernisierungskonzepte einer „Neuen Steuerung“ erkennbar wird. W. Hinte hat sowohl wesentlich an besagtem KGSt-Bericht zum Kontraktmanagement mitgewirkt hat als auch für den bestimmenden konzeptionelle Referenzrahmen der vorliegenden Untersuchung von Gerhard Litges. Hinte ist mit über 30 Titeln im Literaturverzeichnis vertreten. Will frau oder man also wissen, wie aus der Perspektive des Essener „Institutes für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung“ die Jugendhilfewelt aussieht, werden sie und er in diesem Buch fündig.

Im dritten Kapitel wird eine pointierte und erkenntnisreiche „Rekonstruktion der Wirklichkeit deutscher Jugendhilfe“ angeboten, die auf gerade 30 Seiten an zentralen statischen Kennzahlen wesentliche Entwicklungen vor allem der Hilfen für Kinder und Familien in Belastungslagen und Krisen, also die Hilfen zur Erziehung herausarbeitet. Belegt werden soll wiederum die Einschätzung erheblicher Modernisierungsdefizite. In einer sehr knappen „Rekonstruktion der Jugendhilfe in Deutschland mit Hilfe des AGIL-Schemas“ (S. 81-88) wird vor allem das zentrale Ordnungsschema dieser Untersuchung deutlich, wenn im Funktionssystem „Kultur“ die grundlegenden „Leitbilder“ der anstehenden Modernisierung skizziert werden: „Auf der einen Seite finden sich (vereinfacht gesagt) fachlich eher konservativ Orientierte, denen ´der einzelne Mensch im Mittelpunkt´ steht, auf der anderen Seite finden sich Veränderungswillige, die die Bedeutung des sozialen Raums in den Vordergrund rücken.“ (S. 87). So zutreffend diese Polarisierung grundlegender fachpolitischer Konzepte auch ist, so wenig tragfähig erscheint dem Rezensenten eine solche Gegenüberstellung als analytischer Bezugrahmen einer empirischen Untersuchung: Wird der „Mensch im Mittelpunkt“ zu einer in diesem Kontext eindeutig negativ konnotierten „konservativen Orientierung“ und muss positiv bewerteter Veränderungswille „die Bedeutung des sozialen Raums“ anerkennen, so drohen die unzweifelhaft großen Herausforderungen überfälliger Modernisierung der deutschen Jugendhilfe doch wieder zwischen den Mühlsteinen von Glaubensfraktionen folgenlos klein gemahlen zu werden.
Zurück zum Buch von Gerhard Litges: Nach kurzer methodologischer Begründung folgt die für den empirischen Teil zentrale Fallstudie über einen Konzept- und Organisationsentwicklungsprozess der Jugendhilfe in der Stadt Hannover zwischen 1999 und 2002. So detailliert z.T. die Darstellungen des Projektes sind, die auch die Mühen solcher Entwicklungsbegleitungen nachvollziehbar machen, so bedauerlich ist, dass trotz intimer Einblicke sich der Autor zu keiner kritischen Würdigung durchringen kann. (S. 154)

Statt dessen werden dann in Kap. 4 „Aspekte der aktuellen Modernisierung der Jugendhilfe“ vorgestellt und untersucht, jeweils für sich durchaus fundiert und in den überwiegend kritischen Befunden erhellend, aber eben doch in der Zusammenstellung beliebig. Vor allem stört, bei dem Anspruch der Arbeit (s.o.), dass sich weite Passagen lesen wie eine Verteidigungsrede sozialräumlicher Konzepte und ihrer theoretischen Begründungen.

So wundert auch nicht, dass im Fazit festgestellt wird, die eingangs mit Bezug auf den KGSt-Bericht zum Kontraktmanagement behaupteten Kritikpunkte hätten sich bestätigt. Einschränkend endet die Arbeit allerdings mit der Feststellung: „Auch wenn manche Thesen über die Mängel der deutschen Jugendhilfe nicht endgültig empirisch zu belegen und damit letztlich nicht beweisbar sind, sind die Argumente dafür doch plausibel darstellbar und theoretisch zu untermauern.“ (S. 330) Wie beruhigend, dass auch diese Arbeit keine letzten Antworten auf die großen Fragen selbst der kleinen Jugendhilfe in Deutschland gefunden hat.

Diskussion

Müsste ich dieses Buch als wissenschaftliche Prüfungsarbeit bewerten, fiele es mit deutlich leichter: Der Autor formuliert eine klare Fragestellung: er will theoretische und konzeptionelle Grundannahme aktueller Reformkonzepte deutscher Jugendhilfe auf ihre theoretische Konsistenz und empirische Fundierung untersuchen. Der theoretische Bezugsrahmen wird nachvollziehbar eingeführt: Talcott Parsons AGIL-Funktionsschema sozialer Systeme. Der Gegenstand der Untersuchung wird erkennbar abgegrenzt: Reformkonzepte deutscher Jugendhilfe - gemeint sind allerdings vor allem Konzepte kommunaler sozialer Dienste – und die Untersuchungsmethoden können begründet plausibel gemacht werde: im Kern eine Fallstudie mit Datenreports und vor allem Experteninterviews in einer westdeutschen Großstadt. Soweit so gut. Was als Ergebnis dieser Qualifikationsarbeit präsentiert wird, ist auch soweit gut – für eine wissenschaftliche Prüfungsarbeit – und als solche ist diese Studie auch 2006 an der Universität Duisburg-Essen vorgelegt worden.

Als Fachbuch allerdings ist die Arbeit von Gerhard Litges enttäuschend, denn sie verspricht mehr als sie halten kann. Entweder es sollte eine engagierte Streitschrift für eine vertretene Modernisierungsstrategie werden, wie sie Wolfgang Hinte immer wieder mit großer Leidenschaft vorgetragen hat, oder eine empirisch fundierte Studie über die meist vielfältig widersprüchlichen Realitäten deutscher Jugendhilfe. Beides aber so komplex verwoben wie in der vorliegenden Studie, kann kaum befriedigend gelingen.

Im Abstand der Rezension zwei Jahre nach Erscheinen und wohl etwa fünf Jahre nach den ersten Planungen zu dieser Untersuchung zeigt sich noch ein anderes Dilemma solcher Zeitgeistanalysen: Nicht Neue Steuerung, Sozialraumorientierung oder Case-Management bestimmten in den vergangenen drei Jahren die zentralen Antriebe, Themen und Perspektiven der Modernisierung deutscher Jugendhilfe, sondern die dramatischen Kinderschutzfälle in Hamburg, Bremen und Schwerin.

Die in dieser Untersuchung sachkundig aufgezeigten Modernisierungsdefizite deutscher Jugendhilfe haben sich damit keineswegs erledigt, dass sich die Aufmerksamkeiten, Themen und Motive verändert haben. Es ist und bleibt eben ausgesprochen mühsam, mit der Rekonstruktion von Wirklichkeiten, ob systemisch oder empirisch – und letzte Wahrheiten finden sich dabei wohl kaum.

Fazit

Als Werkstattbericht und als Streitschrift bietet das Buch von Gerhard Litges eine anregende und informative Lektüre für "insider" der Modernisierungsdebatten deutscher Jugendhilfe; den Anspruch einer empirisch fundierten Standortbestimmung "der" deutschen Jugendhilfe enttäuscht das vorliegende Buch dagegen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Schrapper
Prof. für Pädagogik, bis 2018 Universität Koblenz.
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Zitiervorschlag
Christian Schrapper. Rezension vom 24.06.2009 zu: Gerhard Litges: Jugendhilfe in Deutschland. Vorurteile und Wirklichkeit - empirische und systemische Rekonstruktionen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2007. ISBN 978-3-8300-2995-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5157.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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