socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Erich Grond: Gewalt gegen Pflegende. Altenpflegende als Opfer und Täter

Cover Erich Grond: Gewalt gegen Pflegende. Altenpflegende als Opfer und Täter. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 142 Seiten. ISBN 978-3-456-84417-6. 22,95 EUR, CH: 36,90 sFr.

Reihe: Pflegepraxis Altenpflege.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Gewalt in Pflegeberufen ist bis heute ein Tabu, wird selbst in Fachkreisen nur wenig thematisiert und dringt erst dann an die Öffentlichkeit, wenn es sich um spektakuläre Fälle handelt. Die Opfer von Gewalt erfahren gewöhnlich Anteilnahme und Mitgefühl, die Täter werden moralisch oder auch juristisch verurteilt. Gewalt wird oftmals dargestellt als Ursache-Wirkungsgefüge im Kontext von Macht, Zwang, Überforderung oder Nötigung.

Über Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen gibt es ein sich zunehmend entwickelndes Problembewusstsein, die Perspektive von Pflegenden als Opfer von Gewalt dagegen ist bislang kaum beschrieben. Mit dem vorliegenden Band wird der Versuch zu einer Zusammenführung beider Perspektiven unternommen.

Autor

Prof. Dr. Erich Grond ist emeritierter Professor für Sozialmedizin und Psychopathologie, Psychotherapeut und Internist. Er ist langjährig tätig in der Aus- und Fortbildung von Pflegeberufen, war ärztlicher Leiter eines Altenheimes. In Deutschland ist er als Autor zahlreicher Fachbücher und Publikationen zum Themenkomplex Pflege und Betreuung alter Menschen bekannt.

Wesentliche Aussagen

In seinem Vorwort beschreibt Grond sein Ziel, "Aggression…nicht nur als destruktives Handeln, sondern auch als konstruktive Energiequelle für sich selbst" zu betrachten (S. 11).

Sein erstes inhaltliches Kapitel enthält eine ethisch höchst bedenkliche Textpassage zu kultureller Gewalt. Zunächst bringt er das "Milgram-Experiment" (1963) und die Bereitschaft zum Autoritätsgehorsam trotz (vorgetäuschter)Schmerzensschreie der Probanden in Verbindung mit der Pflegesituation in Heimen. Nachfolgend stellt er die Frage nach dem Befolgen ärztlicher Anordnungen in einen Zusammenhang mit der Gehorsampflicht in der Zeit des Nationalsozialismus (S. 16).

Mit dieser Passage hat Grond im Gegensatz zu anderen Veröffentlichungen einen dunklen Schatten auf seine Expertise geworfen, weshalb auf eine detaillierte inhaltliche Besprechung der weiteren Kapitel bewusst verzichtet wird.

Zielgruppe

Der Autor richtet sein Buch an praktisch tätige Pflegende, sie werden hier direkt angesprochen und aufgefordert zu Eigenreflexion bzw. zu Interventionen. Durch den Telegramm-Stil zahlreicher Passagen (z.B. S. 23, 59ff., 88f.) ist es allerdings nur für PraktikerInnen geeignet, die über vertiefte Kenntnisse einschlägiger Begriffe und den aktuellen Diskussionsstand in der Fachliteratur (z.B. zu freiheitsentziehenden Maßnahmen) verfügen. Zum Verständnis des thematischen Anliegens ist unbedingt weiteres Material notwendig (z.B. zu Emotionsarbeit "Die Last des Mitfühlens" von Overlander oder "Entweihung und Scham" von Gröning).

Diskussion und kritische Würdigung

Das Buch weist auf eine noch wenig bearbeitete Problematik hin. Allerdings fallen im formalen Bereich zahlreiche Schreib- und Ausdrucksfehler sowie unvollständige oder auch grammatikalisch fehlerhafte Passagen auf, Quellenangaben im Text und im Literaturverzeichnis sind nicht einheitlich. In mehreren Kapiteln ist die sprachliche Setzung irritierend. In einigen Kapiteln wechselt der Autor die Perspektive, beginnt mit wissenschaftsgestützten Aussagen, geht dann zu stichwortartigen Auflistungen und anschließend zu direkter Ansprache der Pflegenden über (S. 50 ff.). Als Leserin wünscht man sich eine stringente nummerische Gliederung, auf nicht in der Gliederung genannte Teil-Nummerierungen im Text (Kapitel zwei, S. 33-35) sollte verzichtet werden. Die Summe dieser Fehler sollte bei einer sorgfältigen Lektorierung nicht vorkommen.

Fazit

Das Buch zielt ab auf einen Bewusstwerdungsprozess von Aggression und Gewalt in der Interaktion von Pflegenden mit pflegebedürftigen Menschen. Zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit der Thematik sollten interessierte LeserInnen andere Titel wählen.


Rezension von
Prof. Dr. Margret Flieder
Evangelische Hochschule Darmstadt
Fachbereich Pflege- und Gesundheitswissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 37 Rezensionen von Margret Flieder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Margret Flieder. Rezension vom 10.11.2007 zu: Erich Grond: Gewalt gegen Pflegende. Altenpflegende als Opfer und Täter. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. ISBN 978-3-456-84417-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5158.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht