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Eckhard Rohrmann: Mythen und Realitäten des Anders-Seins. Gesellschaftliche Konstruktionen seit der frühen Neuzeit

Cover Eckhard Rohrmann: Mythen und Realitäten des Anders-Seins. Gesellschaftliche Konstruktionen seit der frühen Neuzeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 256 Seiten. ISBN 978-3-531-15527-2. 29,90 EUR.
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Thema

In jeder Gesellschaft existieren mehr oder weniger feste Vorstellungen darüber, welches Verhalten als normal gilt. Unsere wie auch immer gearteten gesellschaftlich konstruierten Vorstellungen von Normalität können als Quelle von Kohärenz und Orientierung dienen. Diese gesellschaftlich konstruierten Normalitätsvorstellungen selbst, sowie die Art und Weise des Umgangs mit Personen, die diesen Erwartungen nicht entsprechen, sind Wandlungen unterworfen. Die dämonologisch-theologische Sichtweise ist einer biologisch-pathologisierenden Sichtweise gewichen.  Rohrmann beschäftigt sich im Buch, ausgehend von der frühen Neuzeit, mit den verschiedenen Konstruktionen von Andersartigkeit.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch fasst die Ergebnisse aus einem gleichnamigen Projekt zusammen, welches in den Jahren 2002-2007 am Fachbereich Sozial- und Sonderpädagogik der Philipps-Universität Marburg unter der Leitung von Eckhard Rohrmann durchgeführt wurde.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Das Buch ist - trotz Querverweisen und stellenweisen Wiederholungen - weitestgehend nach chronologischen Gesichtspunkten aufgebaut.

  1. Im ersten Kapitel stellt der Autor das Anliegen seiner Untersuchung und die damit verbundenen erkenntnistheoretischen Aspekte vor.
  2. Im zweiten Kapitel werden dämonologisch-theologische Erklärungsansätze des Anders-Seins beleuchtet. Hexen, Narren, Monstra, Besessene,  sog. Wechselbälger, aber auch die "Frau als Teufel in Menschengestalt" werden unter Rückgriff auf eine Fülle historischer Literatur und Kunst der damaligen Zeit sowohl phänomenologisch als auch ätiologisch thematisiert. Eingegangen wird außerdem auf die damalige Praxis des Umgangs mit eben diesen vermeintlich Andersartigen. Rohrmann betont an verschiedenen Stellen, dass die den Ausgrenzungen zugrunde liegenden Erklärungsansätze zwar aus heutiger Sicht verrückt oder unwissenschaftlich erscheinen, aber damals Bestandteil wissenschaftlicher Auseinandersetzung an den Universitäten waren.
  3. Das dritte Kapitel des Buches befasst sich wissenschaftstheoretisch mit dem Übergangsprozess von dämonologisch-theologischen Erklärungsansätzen hin zur Biologisierung und Pathologisierung des Andersseins. Gefragt wird danach, unter welchen Rahmenbedingungen sich die Sichtweise auf das soziale Phänomen des Andersseins schrittweise verändert hat. Als Grundlage der Beschreibung dieser Übergangsphase dient insbesondere das Buch "The Structure of Scientific Revolutions" von Thomas Kuhn sowie der darin geprägte Begriff des wissenschaftlichen Paradigmas.
    Die Veränderung der vorherrschenden Sichtweise auf das Anderssein muss im Zusammenhang gesehen werden mit den sich entwickelnden Naturwissenschaften. Die christliche Metaphysik wurde abgelöst durch die Physik und der Schöpfungsmythos durch die Evolutionsbiologie, wobei es durchaus Übergangsphasen gab, was z.B. der zunächst vorherrschende Katastrophismus (Arten sterben durch den Einfluss höherer Mächte) im Bereich der Evolutionsbiologie deutlich macht. Eine entscheidende Rolle für die Etablierung eines naturwissenschaftlichen Paradigmas spielten, so Rohrmann, die evolutionsbiologischen Arbeiten von Charles Darwin, die später durch Vereinseitigung und Verkürzung als Grundlage der im Nationalsozialismus herrschenden Ideologie dienten.
  4. Das vierte Kapitel widmet sich ganz den mechanistisch-naturwissenschaftlichen Erklärungsansätzen des Andersseins. Ausgehend von Ausführungen die Rassenfragmentierung der Menschen am Beispiel des Antijudaismus betreffend über naturwissenschaftlich begründeten Sexismus liegt der Schwerpunkt des Kapitels auf der Ätiologie und Phänomenologie seelischen Andersseins. Dabei zeichnet der Autor ausgewählte Aspekte der Entstehung und Entwicklung der (weitgehend naturwissenschaftlich dominierten)  klinischen Psychologie bzw. Psychiatrie nach und geht exemplarisch ein auf die Konstruktion verschiedenster Verhaltensweisen, die als krankhaft eingestuft wurden bzw. werden: Schizophrenie, Homosexualität, Oligophrenie und Poriomanie. Anhand der gewählten Beispiele tritt der Konstruktionscharakter bzw. die gesellschaftliche Verwobenheit psychiatrischer Diagnosen klar hervor. Homosexualität wurde im ICD-9 noch als psychische und damit behandlungsbedürftige Störung aufgefasst, ebenso die sog. "Poriomanie" (Wandertrieb/Nichtsesshaftigkeit). Die Streichung von Homosexualität im ICD-10 sei der "größte Therapieerfolg in der Geschichte der Psychiatrie" gewesen, da innerhalb kürzester Zeit gleichgeschlechtliche Liebe zum gesunden bzw. "normalen" Verhalten erklärt wurde.
    Rohrmann zufolge ist die Diagnosestellung psychiatrischer Störungen stark an die Verstehbarkeit menschlichen Verhaltens gebunden. Was den vermeintlich "normalen" Menschen nicht verständlich ist bzw. unverstehbar erscheint, wird pathologisiert und damit auch exkludiert. Fraglich ist, ob ein naturwissenschaftlich-exakter Zugang zu sozialen Phänomenen einem Verstehen der Motive vermeintlich andersartiger Menschen dienlich ist, oder ob nicht vielmehr die Gefahr besteht, die Interessen und Motive der Betroffenen zu übergehen. Gefragt werden muss außerdem - und Rohrmann tut dies in einer interessanten und hochgradig reflektierten Weise - inwiefern gerade psychiatrische Diagnosen mit für die gesellschaftliche Etikettierung von Menschen als "andersartig" verantwortlich sind, und so ihr eigenes Tätigsein erst rechtfertigen. Obwohl dieses Kapitel ohne Zweifel gekennzeichnet ist  durch eine eher kritische Haltung gegenüber psychiatrischen Diagnosen (eingegangen wird u.a. auf die Rosenhan-Studie), wird die Notwendigkeit von Psychiatrien nicht grundsätzlich angezweifelt. 
  5. Im fünften Kapitel klärt Rohrmann die Frage nach den Kontinuitäten, die sich trotz des Paradigmenwechsels von dämonologisch-theologischen zu mechanistisch-naturwissenschaftlichen Erklärungsansätzen aufzeigen lassen. Der Autor beschreibt hierbei drei Ebenen von Kontinuität: erkenntnistheoretische, praktische und institutionelle Kontinuitäten. In erkenntnistheoretischer Hinsicht hat die Verdinglichung und Fragmentierung den Paradigmenwechsel überdauert. Mit Verdinglichung ist der Glaube an eine objekthafte und damit objektivierbare Welt gemeint, der die Relativität bzw. Konstrukthaftigkeit unserer Erkenntnisse ausklammert. Fragmentierung findet damals wie heute statt, indem Menschen in Gruppen eingeteilt werden, denen unterschiedlicher Wert beigemessen wird. 
    Im Bereich praktischer Kontinuitäten stellt Rohrmann fest, dass sowohl nach dämonologischem, als auch nach naturwissenschaftlichem Paradigma Menschen kriminalisiert, marginalisiert und asyliert wurden und werden.
    Überdauert hat auch die Institutionalisierung des Andersseins. Die Etikettierung von Anderssein und die Art und Weise der Reaktion auf und des Umgangs mit vermeintlich Andersartigen ist hochgradig institutionalisiert (das Verständnis des Institutionalisierungsbegriff lehnt sich hier eng an Luckmann und Berger an).
  6. Welche Perspektiven gibt es für einen erneuten Paradigmenwechsel, der angesichts von Rohrmanns Ausführungen wünschenswert erscheint? Das sechste Kapitel soll hier Möglichkeiten aufzeigen, ohne "den Anspruch, ein neues Paradigma im Verständnis von und Umgang mit vermeintlichem Anders-Sein zu entwickeln" (227).
    Grundlage bzw. Ansatzpunkt eines erneuten Paradigmenwechsels könnte der Prozess der Dekonstruktion und De-Institutionalisierung sein. Erkannt werden muss, dass all unsere Wahrheiten nicht objektive Fakten, sondern letztendlich Konstruktionen sind, die im engen Zusammenhang mit uns selbst als Produzenten von Wirklichkeit stehen.

In einem persönlichen Schlusswort mit appellativem Charakter ruft Rohrmann dazu auf, all denjenigen, die in der Geschichte einer fremdkonstruierten Andersartigkeit zum Opfer fielen, ein bleibendes Andenken zu bewahren.

Leserkreis

Das Buch dürfte für einen heterogenen Leserkreis interessant sein. Während die Kapitel, die sich mit dämonologisch-theologischen Erklärungen des Anderseins beschäftigen, auch für den sozialhistorisch interessierten Laien eignen dürften, könnten die Abschnitte zum naturwissenschaftlich-mechanistischen Paradigma vordergründig bei Fachkräften auf Interesse stoßen, so z.B. Psychologen, Sozialarbeiter, Mediziner, Heil- und Sonderpädagogen.

Fazit

Rohrmann hat mit diesem Buch eine Untersuchung vorgelegt, die sich sowohl durch eine bewunderungswürdige Kenntnis historischer Formen des Andersseins, durch seine „erkenntnistheoretische Klugheit“, als auch durch seine gute Lesbarkeit auszeichnet. Es ist dem Autor hervorragend gelungen, seiner Untersuchung eine sachliche und argumentativ anspruchsvolle Form zu geben und zugleich an die oft drastischen Auswirkungen der Konstruktion von Andersartigkeit auf die jeweils Betroffenen zu erinnern. Das Buch lädt dazu ein, die eigenen Wahrheiten zu hinterfragen und leistet damit selbst einen Beitrag zur Dekonstruktion. Eine wichtige erkenntnistheoretische Botschaft des Buches könnte man mit einem bekannten Ausspruch von Kant zum Ausdruck bringen: "Aller Irrtum besteht darin, dass wir unsere Art, Begriffe zu bestimmen oder abzuleiten oder einzuteilen, für Bedingungen der Sache an sich halten.".


Rezension von
Dipl.-Soz.Päd. Roman Werner
Derzeit tätig im Jugendamt des Landkreises Dahme-Spreewald


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Zitiervorschlag
Roman Werner. Rezension vom 02.10.2007 zu: Eckhard Rohrmann: Mythen und Realitäten des Anders-Seins. Gesellschaftliche Konstruktionen seit der frühen Neuzeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15527-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5163.php, Datum des Zugriffs 10.05.2021.


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