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Veronika Hammer, Ronald Lutz (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung

Rezensiert von Prof. Dr. Lotte Rose, 24.06.2003

Cover Veronika Hammer, Ronald Lutz (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung ISBN 978-3-593-36924-2

Veronika Hammer, Ronald Lutz (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Campus Verlag (Frankfurt) 2002. 383 Seiten. ISBN 978-3-593-36924-2. 39,90 EUR. CH: 69,00 sFr.
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Ziel und Entstehungshintergrund des Buchs

Der Sammelband hat das erklärte Ziel, "den Blick für prekäre frauenspezifische Lebensssituationen zu schärfen" (S. 10). Deutlich spürbar ist in fast allen Beiträgen die "frauenfördernde Perspektive" (S. 17), wie dies gleich zu Beginn von den HerausgeberInnen benannt wird. Anliegen ist, die Debatte zu Entstehung und Auswirkung von Geschlechterungleichheiten zu beleben und Handlungsanregungen für Sozial- und Wirtschaftspolitik zu liefern.

Entstanden ist das Buch im Kontext des Forschungsprojektes "Alleinerziehende: Risiken und Chancen auf dem Arbeitsmarkt - Veränderung von Lebenslagen und Lebensformen", eine Repräsentativerhebung zur Situation Alleinerziehender in Thüringen, die von 1999 bis 2001 als Verbundprojekt zwischen Universität, Fachhochschule und START e. V. Erfurt durchgeführt wurde. Zwei Beiträge des Buches beschäftigen sich mit Ergebnissen dieser Studie. Die anderen Beiträge entstammen anderweitigen Forschungskontexten.

Aufbau und Inhalte

Gemeinsam ist allen Beiträgen das Thema der geschlechtspezifischen Ungleichheitsproblematik. Gemeinsam ist ihnen auch der theoretische Bezug auf das Lebenslagen-Konzept, wie es von Uta Enders-Dragässer und Brigitte Sellach aus Frauenforschungsperspektive überarbeitet wurde. Beide Autorinnen leiten den Band denn auch mit einem Beitrag ein, in dem sie ihr theoretische Konzept rekonstruieren und für die Armutsforschung und die Situation alleinerziehender Frauen anwenden. Die Lebenslage als gesellschaftlicher Rahmen, der dem einzelnen zur Entfaltung seiner wichtigsten Interessen geboten wird und der damit Ungleichheiten hinsichtlich gesellschaftlicher Teilhabechancen herstellt, wird von ihnen um drei frauenrelevante Dimensionen erweitert: der Sozialbindungsspielraum, der Geschlechtsrollenspielraum und der Schutz- und Selbstbestimmungsspielraum. Diese theoretische Basis wird im nachfolgenden von einigen Autorinnen noch einmal aufbereitet. Dies hat zwar den Vorteil, dass jeder Text für sich allein gelesen werden kann, es hat aber auch den Nachteil, dass es zu Wiederholungen - dies gilt nicht nur für diese Theoriefolie - kommt, wenn man den Band als Gesamtpaket liest.

Drei weitere Beiträge beschäftigen sich mit den Benachteiligungen Alleinerziehender (Petra Drauschke, Veronika Hammer und Dagmar Brand). Damit ist dieses Thema der eindeutige inhaltliche Schwerpunkt des Buches. Dazu kommen Texte, die viele weitere theoretische, methodologische und empirische Facetten weiblicher Lebenslagenforschung thematisieren. Katrin Schäfgen zeichnet die Schwächen der herkömmlichen, vor allem makrostrukturellen Ungleichheitsforschung nach und plädiert aus der Perspektive der Frauenforschung für einen deutlicher mikrostrukturellen Blick, wie er auch vom erweiterten Lebenslagenkonzept formuliert wird. Verena Mayr-Kleffel untersucht in Anlehnung an Bourdieu die geschlechtsspezifischen Differenzen hinsichtlich des sozialen Beziehungskapitals und arbeitetet damit eine weitere weibliche Benachteiligungsdimension heraus: der Ausschluß der Frauen aus institutionalisierten Entrepreneur-Netzwerken und ihre stärke Einbindung in verpflichtende, auf Reziprozität ausgerichtete private, familiär und nachbarschaftliche Beziehungen. Michael Klein widmet sich der männlich dominierten Stadtplanung, die frauenunwirtliche Lebensräume erzeugt. Petra Elis plädiert für den Einbezug der biografischen Perspektive in den Lebenslagenansatz, um die individuellen Leistungen angesichts struktureller Benachteiligungen adäquater fassen zu können.

Im zweiten Teil folgen dann empirische Untersuchungen weiblicher Lebenslagen aus der Nahperspektive. Hierzu gehören die zu den Alleinerziehenden. Birgit Bütow und Iris Nentwig-Gesemann referieren Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung von Jugendcliquen. Carola Kuhlmann beschäftigt sich mit der Situation von Mädchen in Jugendhilfe und wendet sich damit gegen die jüngst verstärkten Infragestellungen mädchenspezifischer Arbeitsansätze. Gudrun Cyprian und Marissa Pablo-Dürr widmen sich der mehrfachen strukturellen Benachteiligung von Migrantinnen. Anke Abraham kritisiert das Fehlen des "Körpers" in der Ungleichheitsforschung und präsentiert Fallstudien jetzt alter Frauen, die die Bedeutung des Körpers als Ressource für produktives Altern verdeutlichen. Anja Jesse referiert Ergebnisse der Frauengesundheitsforschung. Martina Kattein durchleuchtet die ambivalenten Folgen der gesetzlichen Neuregelungen zur geringfügigen Beschäftigung - auch für Frauen. Den Abschluss bildet schließlich Ronald Lutz mit einem Beitrag zur Situation wohnungsloser Frauen.

Diskussion

Das Buch richtet seinen Fokus ausschließlich auf die Lebenswelten von Frauen und Mädchen. Dies ist nachvollziehbar angesichts des eingangs formulierten Anliegens, "den Blick für prekäre frauenspezifische Lebenssituationen zu schärfen". Doch scheint dabei ein grundsätzliches Dilemma der Frauenforschung auf. Die fehlende Einbeziehung männlicher Vergleichsgruppen in die verschiedenen Untersuchungen birgt die Gefahr "künstlicher" geschlechtsspezifischer Besonderheiten. Gerade der konzentrierte und ausschließliche Blick auf die ausgewählte Sozialgruppe der Frauen und Mädchen, der immer auch seinen eigenen Sinn hat, verführt ungewollt dazu, alle zutage tretenden Phänomene als weiblichkeitsspezifisch zu deuten und damit Geschlechterdifferenzen zu dramatisieren, die möglicherweise in der Realität weit weniger dramatisch sind. So entsteht z. B. beim Lesen der feinsinnigen Körpergeschichten alter Frauen der Eindruck, als handelte es sich hierbei auf jeden Fall um frauenspezifische Selbst-Arrangements, die sich bei Männern so nicht finden lassen. Doch wie lässt sich dies klären, wenn männliche Körpergeschichten als Vergleichsfolie fehlen. Ähnliche Fragen lassen sich hinsichtlich der Befunde zu den obdachlosen Frauen, zu den allein erziehenden Müttern oder zu den jungen Mädchen formulieren. Ist es tatsächlich so, dass nur den obdachlosen Frauen das moralisch vernichtende Urteil entgegenschlägt, "ihren Rollen nicht zu entsprechen" (365)? Sind obdachlose Männer nicht ebenso damit konfrontiert, dass sie als männliche Versager gelten? Und ist es tatsächlich so, dass nur für Mädchen die Belastungen in der Adoleszenz steigen durch die "starke Bedeutung des Aussehens" und das Scheitern an herrschenden Schönheitsidealen, wie es bei Carola Kuhlmann anklingt (S. 240)? Nur einmal findet dieses Verzerrungsproblem eine Erwähnung, wenn Dagmar Brand in ihren Ausführungen zu den allein erziehenden Müttern zumindest darauf verweist, dass die Biografien männlicher Alleinerziehender nicht untersucht wurden (S. 178).

Den Blick "für prekäre frauenspezifische Lebenssituationen zu schärfen", das führt dann auch dazu, dass das Benachteiligungsparadigma alle Texte als Grundmelodie bestimmt. Von welchen Seiten sich die AutorInnen auch den Geschlechterdifferenzen nähern, diagnostiziert wird immer eine weibliche Benachteiligung. Ohne solche sozialen Fakten grundsätzlich abstreiten zu wollen, stellt sich dabei dann doch die Frage, ob diese Deutungen immer so passend sind, ob soziale Phänomene nicht doppelgesichtiger sind, als es die einfachen Benachteiligungsdiagnosen vorgeben. Z. B. ist zu fragen, ob das weibliche "private" Beziehungskapital, das dem männlichen institutionalisierten Beziehungskapital gegenüber als unterlegen etikettiert wird, nicht an anderen Stellen durchaus eine vorteilhafte Ressource darstellt. Nur ein Beitrag des Buches fällt aus diesem diskursiven Grundtenor heraus und es macht ihn von daher umso lesenswerter: die Jugendcliquenstudie von Birgit Bütow und Iris Nentwig-Gesemann. Hier wird ein ganz anderes, weniger polarisierendes Muster vorgeführt, in dem über Geschlechterdifferenzen gesprochen werden kann.

Dazu kommt ein weiteres Problem der Frauenforschung: die Spannung zwischen einererseits dem Wissen um "erhebliche Differenzierung und Variation innerhalb der Geschlechtsgruppe "Frau"" (S. 95) und andererseits dem unentwegten Vereinheitlichen und Vereindeutigen der weiblichen Lebenswelten. Immer wieder finden sich Pauschaldiagnosen zu den Frauen oder Mädchen, die die realen Vielheiten und Widersprüche glätten. Vielleicht ist dieses Dilemma auch nicht lösbar, dass Sozialwissenschaft und Sozialpolitik darauf angewiesen ist, Kategorien zu bilden, die immer Ausschlüsse produzieren. Dennoch wünschte man sich manchmal mehr Konsequenz und Mut zu Differenziertheit und Uneindeutigkeit beim Umgang mit der Kategorie Geschlecht.

Nachdenklich macht auch, dass die empirischen Datengrundlagen in verschiedenen Beiträgen doch vergleichsweise alt sind. In einer Zeit mit rasanten sozialen Wandlungsdynamiken sich auf empirische Befunde zu beziehen, die 10 Jahre und älter sind, scheint fragwürdig. Dies gilt einmal mehr dort, wo sich sogar aktuelle Studien finden lassen, die die zitierten Befunde differenzieren und korrigieren. Dies fällt besonders auf bei den Aussagen zu den Mädchenwelten, bei denen z. T. aktuelle Ergebnisse der Kindheits- und Jugendforschung und sogar Befunde, die an anderen Stellen des Buches aufbereitet werden, völlig übersehen werden. So wirkt es doch eigentümlich, wenn einerseits der Ausschluss der Mädchen aus öffentlichen Räumen zitiert wird und einige Seiten weiter eine aktuelle Jugendcliquenstudie gegenteiliges zutage fördert.

Auffällig ist zudem die deutliche Präsenz der Ost-Thematik, die deutlich macht, dass neben den Geschlechterdifferenzen auch andere soziale Differenzlinien wirksam sind. Dies hat sicherlich mit dem Entstehungsort des Buches zu tun. Die Mehrheit der AutorInnen ist im Osten tätig.

Fazit

Bei aller Kritik: Das Buch bietet einen facettenreichen Einblick in den Benachteiligungen weiblicher Lebenslagen, es sensibilisiert dafür, dass gesellschaftliche Rahmenvorgaben gesellschaftliche Teilhabechance und Handlungsspielräume für die Geschlechter verschiedenen ausfallen lassen, dass sozialpolitische Gestaltungen entscheidende Weichenstellungen zur Herstellung von Geschlechterungleichheiten sind wie auch potentiell für Gleichstellung.

Rezension von
Prof. Dr. Lotte Rose
Professorin für Kinder- und Jugendarbeit
Fachhochschule Frankfurt am Main, Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“
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Es gibt 1 Rezension von Lotte Rose.

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Zitiervorschlag
Lotte Rose. Rezension vom 24.06.2003 zu: Veronika Hammer, Ronald Lutz (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Campus Verlag (Frankfurt) 2002. ISBN 978-3-593-36924-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/517.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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