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Ralf Schnabel, Wilma Dirksen: Apfelsinen in Omas Kleiderschrank. Eine didaktische DVD zur Alzheimer-Krankheit

Cover Ralf Schnabel, Wilma Dirksen: Apfelsinen in Omas Kleiderschrank. Eine didaktische DVD zur Alzheimer-Krankheit. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2007. ISBN 978-3-935299-95-4.

160,00 Euro je DVD-Video inkl. Mehrwertsteuer mit Verleihrecht und Recht zur öffentlichen Vorführung 80,00 Euro je DVD-Video inkl. Mehrwertsteuer ohne Verleihrecht, jedoch mit dem Recht zur öffentlichen Vorführung 40,00 Euro je DVD-Video inkl. Mehrwertsteuer ohne Verleihrecht und ohne Recht zur öffentlichen Vorführung.
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Thema und Aufbau

Es handelt sich um Filme zum Thema Alzheimer-Erkrankung, ein Hauptfilm sowie zwei Unterrichtsfilme mit Begleitmaterialien.

1. Der Hauptfilm

Zum ersten Mal wird die Sicht eines Enkelkindes auf die Demenz in den Mittelpunkt gerückt. Der 16jährige Daniel ist - neben seiner kranken Großmutter - der Held des Hauptfilms. In zahlreichen Sequenzen berichtet er in erstaunlich klarer, überlegter Weise von den  Beobachtungen und Erfahrungen mit seiner Oma. Er beschreibt sein Belastungserleben in bereits durchlebten Phasen ihrer  Demenz, spricht von Zuständen der Ungeduld und der Erschöpfung am Rande des Kontrollverlustes. Mit erstaunlicher Formulierungssicherheit schildert er den - oft mühsamen - Prozess des Verstehens, der sich in ihm vollzog. Dabei gelingt es den Film-Autoren, in sehr ausgewogenen, sorgfältig gedrehten Bildfolgen auch das jugendliche Leben Daniels und seiner Freunde (Metal, Skaten, Lan-Parties, Science-Fiction) abzubilden.  Dadurch kann der Verdacht der Schönung oder unnatürlich verzichtsvollen Idealisierung gar nicht erst aufkommen.

Der 30minütige Hauptfilm besteht aus Szenen, die in den Jahren 2004 und 2005 aufgenommen wurden; die Bildfolgen aus dem Jahre 2004  sind schwarz-weiß, sodass Veränderungen sich einfacher erkennen lassen. Man meint, dass sich in  Daniels Gesicht und Gedankengängen vieles aus dem Erleben seiner Großmutter niedergeschlagen hat, gerade auch im Vergleich zu seinen Mitschülern, die in etlichen Unterrichtsszenen der Filme 2 und 3 zu  sehen sind. Er wirkt etwas reifer. Tatsächlich hat das Krankheitsgeschehen Daniel ja auch in ganz besonderer Weise gefordert, weil es sich um eine ungewöhnlich gelungene, dichte  Einbettung der Kranken in die Familie handelt. In vielen Situationen und in Daniels Schilderungen wird deutlich, wie vertraut ihm die Einschränkungen seiner Großmutter geworden sind; dabei fühlt er sich von ihr sehr geliebt.

Charakteristisch für den Film ist, dass viele demenztypische Defizite gezeigt werden, aber nie als das reine Nicht-Mehr-Können (das ja durchaus auch etwas Entblößendes haben kann), sondern immer in Verbindung mit der helfenden Handlung. Anders als bei manchen der gegenwärtig verfügbaren Bildbände zum Demenzthema bleibt  es also nicht beim Erschrecken, sondern es geht   - darüber hinausweisend und auch tröstend - darum, das Aufgehoben- und Getragensein durch die ganze  Familie (neben den Eltern von Daniel auch durch seine 8jährige Schwester) zu zeigen, selbstverständlich und ohne pathetische Nebentöne. Die einzige Ausnahme von diesem Prinzip, die Defizite zu behandeln, sind die zutiefst beeindruckenden Sequenzen vor dem Spiegel im Bad. Sie zeigen den kompletten Verlust des Vertraut-Seins mit dem eigenen Bild, wobei das ja nur das äußere Zeichen für den viel umfassenderen Verlust des Selbst-Wissens ist, den Demenzkranke meist im Laufe der Krankheit erleiden müssen. Diese Szene, ergänzt um eine weitere aus einem der Unterrichtsfilme, in der die Kranke ihr Spiegelbild - zunehmend von Angst erfüllt -  für eine in der Wand gefangene und leidende, fremde Frau hält, berührt besonders.     

Zu den großen Qualitäten des Films zählt die Sorgfalt, mit der er gedreht wurde. Das zeigt sich in der Vielfalt und im Variationsreichtum von Einstellungen bzw. Szenen, in der Vermeidung von Übertreibungen und in seinem ruhigen Tempo, auf das man sich gern einlässt und das gut zu der jeweils angestrebten Aussage passt. Wenn man so will, steckt darin eine große Wertschätzung dieser Familie und ganz besonders des Enkels Daniel.

Dieser Film stellt eine wertvolle Bereicherung der bereits vorhandenen Bildmaterialien zum Demenzthema dar. Ich empfehle ihn allen, die in Informations- und Sensibilisierungsprozesse eingebunden sind, sehr.

2. Die Unterrichtsfilme und Begleitmaterialien

Neben dem Hauptfilm gibt es den Unterrichtsfilm 2 ("Erzähl doch mal von früher, Oma"- Möglichkeiten gemeinsamen Tuns mit Demenzkranken) und 3 ( "Die Frau im Spiegel" -Tipps zum Umgang mit Demenzkranken) sowie  Begleitmaterialien.

Die Handhabung von Filmen und ROM-Teil ist einfach und bedarf nur geringer Vorkenntnisse. Der Bildschirm ist übersichtlich aufgebaut und die DVD  anschaulich und leicht verständlich. Sie kann im Lehrervortrag, im Lehrer-Schüler-Gespräch, in Gruppen-, Einzel- und in Projektarbeit eingesetzt werden.

Die Filme 2 und 3 fassen die nach heutigem Wissen wichtigsten Regeln des Umgangs mit Demenzkranken zusammen. Besonders gelungen sind dabei zwei Akzente: die Verdeutlichung der jeweils noch erhaltenen Fähigkeiten der Betroffenen  und die Suche nach Verständnis des Krankheitsgeschehens.

Unkommentierte Szenen des Hauptfilms (z.B. zur Kommunikation oder die Spiegel-Sequenz) werden in den Unterrichtsfilmen aufgegriffen und durch Lösungsvorschläge ergänzt. Dabei steht die Erlebniswelt der Jugendlichen im Vordergrund.

Der fachliche Kommentar ermöglicht auch Unterrichtenden mit wenigen Vorkenntnissen die Erarbeitung der Thematik. Die einzelnen Bildfolgen (mit und ohne Kommentar) ermöglichen die Gliederung in sinnvolle  kleine Schritte.

Die Filme 2 und 3 sind besonders gut für die Schulung von betroffenen Angehörigen sowie von ehrenamtlichen und professionellen Mitarbeitern  geeignet.

Die Begleitmaterialien sind vielfältig und gut zusammengestellt. Sie erlauben einen sehr individuellen, auch auf einzelne Adressaten eingehenden Unterricht. Das betrifft besonders die Arbeitsblätter für Jugendliche (z.B. Comics, Alzheimerquiz, Fotos mit Lückentexten). 

Hintergrundinformationen ermöglichen Lehrern, Fortbildnern und älteren Schülern, sich in die Alzheimer-Thematik gründlicher einzuarbeiten. Viel Wert wird auf die  Situation der Angehörigen gelegt.

Hilfreich ist, dass der Text "Basiswissen zur Alzheimer-Krankheit" mit den Grafiken und Folien verlinkt ist. Damit wird anschauliches und selbstständiges Arbeiten möglich. Die Folien sind für alle Adressatengruppen geeignet und ergänzen die Filme sinnvoll.

Lehrer und Fortbildner erhalten im Begleitheft zahlreiche Hinweise zum Einsatz der Filme und Begleitmaterialien im Unterricht, in der Jugendarbeit und in der Erwachsenenbildung.

Fazit

Die DVD stellt eine wertvolle Grundlage für die Erarbeitung des  Demenz-Themas in der Schule, aber auch in Teilen der Erwachsenenbildung dar. Praxisnah und didaktisch gut aufbereitet kann damit informiert und sensibilisiert  werden für eines unserer großen, täglich wachsenden Gegenwartsprobleme. Ich bin davon überzeugt, dass sie eine sehr gute Verbreitung finden wird.


Rezension von
Dr. Jens Bruder


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Zitiervorschlag
Jens Bruder. Rezension vom 19.11.2007 zu: Ralf Schnabel, Wilma Dirksen: Apfelsinen in Omas Kleiderschrank. Eine didaktische DVD zur Alzheimer-Krankheit. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2007. ISBN 978-3-935299-95-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5178.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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