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Christine Swientek: ausgesetzt - verklappt - anonymisiert. Deutschlands neue Findelkinder

Cover Christine Swientek: ausgesetzt - verklappt - anonymisiert. Deutschlands neue Findelkinder. Kirchturm Verlag (Burgdorf-Ehlershausen) 2007. 288 Seiten. ISBN 978-3-934117-10-5. 22,80 EUR, CH: 37,60 sFr.
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Autorin

Frau Prof. Dr. Christine Swientek ist Expertin für Fragen der Adoption, die sich nie gescheut hat, Missstände als solche zu benennen: Schon 1982 gab sie ihrem Werk "Ich habe mein Kind fortgegeben" den Untertitel "Die dunkle Seite der Adoption" (Rowohlt 1982). Eine frühe Veröffentlichung zur "Babyklappe" titulierte sie mit "Die Wiederentdeckung der Schande" (Lambertus 2001). Zeitlich dazwischen veröffentlichte sie ihre Habilitationsschrift "Die abgebende Mutter im Adoptionsverfahren. Eine Untersuchung zu den sozioökonomischen Bedingungen der Adoptionsfreigabe, zum Vermittlungsprozess und den psychosozialen Verarbeitungsstrategien." (B.Kleine-Verlag, Bielefeld 1986). Sie war zunächst als Sozialarbeiterin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig, sodann nach einem Studium der Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie und einer Promotion in Kriminologie im Strafvollzug beschäftigt, schließlich bis zur Emeritierung Professorin in Hannover, vor allem aber viele Jahre in der pädagogisch-therapeutischen Arbeit mit "abgebenden Müttern" und mit Adoptierten auf der Suche nach ihren Eltern engagiert. Es überrascht deshalb nicht, dass sie sich den verschiedenen Angeboten und Formen anonymer Kindesabgabe und anonymer Entbindung mit großer Praxiserfahrung, sozialwissenschaftlicher Kundigkeit und moralischer Entschiedenheit zugewandt hat. Sie tritt mit ihrem Anliegen, ein sofortiges Verbot von Babyklappen und anonymer Geburt zu erreichen, vielfach in der Öffentlichkeit auf (jüngst im Magazin "Cicero", in der Ausgabe von August 2007).

Inhalt

Das vorliegende Werk ist, wie gesagt, nicht die erste Publikation der Autorin zum Thema, jedoch eine besondere: Es handelt sich im Wesentlichen um die ausgewählte Darstellung der näheren Umstände aller Babyklappen-Fälle, auf welche die Autorin gestoßen ist. Dabei hat sie Medienberichterstattung ausgewertet, polizeiliche Ermittlungsakten untersucht, Umfragen gemacht, Informationen, die ihr namentlich oder anonym zugesandt oder zugespielt wurden, bewertet etc. Diese Sammlung von Falldarstellungen ist thematisch so aufbereitet, dass ihre (und nicht nur ihre) Überzeugung deutlich wird, dass es sich bei der Babyklappe und der anonymen Geburt um zutiefst fragwürdige Angebote handelt, deren Einrichtung sozialarbeiterischer und rechtlicher Blindheit, politischem Opportunismus und einem "Rettungswahn" entspringt. Starke Worte, fürwahr, welche die Autorin findet, zitiert und selbst ausspricht. Aber die Autorin belegt auch einen Skandal: Die Argumentation der Befürworter der Babyklappe, eine Tötung oder Aussetzung ("auf dem Müll") von Kindern verhindern bzw. die Zahl derartiger Fälle verringern zu wollen, läuft der Statistik zuwider: Es ist den Fachleuten bekannt, dass sich keinerlei Beleg findet, dass die Einführung von Babyklappen und anonymen Geburten die Zahlen von ausgesetzten oder getöteten Kindern verändert hätte. Dennoch verändert sich die Argumentation nicht. Stattdessen schaffen diese "Hilfeformen" neue Opfer: Die Autorin bezeichnet sie als "künstlich gemachte Findelkinder", denen "ein Teil ihrer Identität genommen" wird.

In einzelnen Kapiteln legt sie aktuelle Erkenntnisse zu Kindstötung und -aussetzung dar und ordnet die Babyklappe als "organisierte Form der Kindesaussetzung" ein. Es wird anhand dargelegter Fälle deutlich, dass die Beteiligten in den vielen Fällen, deren Hintergrund bekannt wurde, ausgeprägte Fähigkeiten zum Konfliktmanagement (Wissen, Kompetenz, Flexibilität) und finanzielle Mittel einsetzen, um die Babyklappe zu nutzen - das oft mit den Angeboten von Babyklappe und anonymer Geburt entworfene Bild einer "Problemlösung in letzter Minute" erweist sich als Scheinwahrheit. Die Befürworterin einer Babyklappe entlarvt diese Scheinwahrheit (unfreiwillig) mit dem Hinweis: "… kamen Frauen aus ganz Deutschland und brachten ihr Kind in die Babyklappe …" Es werden von Anbietern anonymer Geburt auch Möglichkeiten zur "Übernachtung von Begleitpersonen" mitbeworben etc. Die Autorin stellt zu einzelnen Fällen Hintergründe dar:

  • Familiärer Druck, der auf der Schwangeren und Gebärenden lastet, also nur sehr bedingte Freiwilligkeit;
  • Uninformiertheit über reguläre Hilfeangebote;
  • die Nutzung der Babyklappe durch Väter (im Einverständnis mit der Mutter) etc.
In den Publikationen von Anbietern markiert sie zahllose juristische Fehlinformationen, in der Durchführung der "Hilfen" zuletzt auch Pannen und Katastrophen.

Weitere Konsequenzen werden unter den Überschriften "Der ausgesparte Kindesvater", "Der Betrug an den Müttern", "Empfehlung für Adoptiveltern", "Das geopferte Kind" dargestellt. Kurzum: Die vielgestaltigen Fallkonstellationen und die Szene der Helfer werden unter zahlreichen Aspekten lebendig dargestellt; dabei werden die zahlreichen Missstände zu einem Gesamtbild zusammengetragen, welches den Leser fragen machen soll: Wieso kann es überhaupt noch denkende Menschen geben, welch Babyklappe und anonyme Geburten befürworten?

Fazit

Das Buch verdient Aufmerksamkeit: Neben die nicht wenigen Veröffentlichungen, welche sich in Fachzeitschriften kritisch mit Babyklappe und anonymer Geburt auseinandersetzen tritt hier ein umfangreicheres Werk (285 Seiten), welches engagiert und emotional Falldarstellungen (in der Regel ohne nähere Quellenangabe, was zum Thema passt) und Kritik zusammenfügt. Unruhe wollte die Autorin mit diesem Buch stiften und hartnäckige Vorurteile ausräumen. Hierfür ist das Buch geeignet. Kritiker dieser "Hilfeformen" finden anschauliches Material zur weiteren Verwendung. Noch-immer-Befürworter sollten die dargestellten Fälle aufmerksam lesen, um ihren Blick zu weiten: das Buch ist "ein"Schadensbericht".

Man muss allerdings an anderen Stellen in der längst ausufernden Literatur zu Babyklappe und anonymer Geburt (auch dieses Werk enthält ein vierseitiges Literaturverzeichnis) nachschlagen, wenn man Konkretisierungen zu dem rechtlich gebotenen Handeln sucht, welches die Autorin durchweg nur andeutet ("bleibt nur die Hoffnung, dass ein zuständiger Jugendamtsmitarbeiter … sofort alle denkbaren Maßnahmen … ergriff"). Die präzise Subsumtion unter straf-, familien- und personenstandsrechtlichen Vorgaben unterbleibt weitgehend; auch mögliche Präventivmaßnahmen gegen die anbietenden Einrichtungen werden nicht konkret beschrieben. Auf der Basis des mit diesem Buch entworfenen Stimmungsbildes bleibt noch viel zu tun, um die staatliche Duldung eines rechtswidrigen Verhaltens von Privatpersonen und namhaften (auch christlichen) Institutionen zu beenden.


Rezension von
Prof. Dr. Stefan Schaub
Dozent für Bürgerliches Recht (incl. Familien- und Jugendrecht) Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln, Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Stefan Schaub. Rezension vom 28.11.2007 zu: Christine Swientek: ausgesetzt - verklappt - anonymisiert. Deutschlands neue Findelkinder. Kirchturm Verlag (Burgdorf-Ehlershausen) 2007. ISBN 978-3-934117-10-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5195.php, Datum des Zugriffs 22.10.2021.


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